Briefe, Fundstücke u.a.m. – 30.11.2016, 15:14

«Brief an …» Markus Somm

Sehr geehrter Herr Somm

Das muss hart gewesen sein. Bereits im Titel Ihres Kommentars zu den baselstädtischen Regierungswahlen sind Ihre Gefühle spürbar: «In den Ruinen des bürgerlichen Basel» lautet er, und beim Lesen hört man buchstäblich das Knacken im Gebälk des Basler Rathauses, sieht das Rieseln des Verputzes am Roche-Turm, riecht das Modern des Joggeli-Rasens – und fast vermeint man, in der Ferne Wolfsgeheul zu vernehmen.

Untergangsstimmung. Rot-Grün hat gewonnen. «In diesen Stunden der Niederlage muss man ehrlich sein: Die Bürgerlichen, und zu denen zähle ich mich, haben sämtliche Wahlziele, die sie sich gegeben hatten, nicht erreicht», stellen Sie fest. Weshalb? Sie, geehrter Herr Somm, haben diese Wahlen nicht nur verloren, sondern auch analysiert, den ersten wie den zweiten Wahlgang.

Erstens, so ein Fazit nach dem zweiten Durchgang: Die Bürgerlichen haben versagt und sind Weicheier. «Von bürger­lichen Akzenten, von bürgerlichem Widerstand, von liberalen Prinzipien, die man bis zum letzten Blutstropfen verteidigt hätte, um dann ehrenvoll massakriert zu werden: Davon war wenig zu sehen und zu spüren», schreiben Sie.

Blut, Massaker – sieht so der ideale Wahlkampf von Bürgerlich-Liberalen aus, geehrter Herr Somm? Oder ist da mit Ihnen durchgegangen, dass Sie vor rund einem Jahr ein Buch über die fürchterliche Schlacht bei Marignano und ihre Konsequenzen veröffentlicht haben, das den Titel «Die Geschichte einer Niederlage» trägt? Ist Basel-Stadt 2016 für Sie gleich Marignano 1515? Und, wenn ja: Wie geht es nun weiter? Kann es weitergehen?

Denn – und das ist ein zweites Fazit, das Sie bereits nach dem ersten Wahlgang gezogen hatten – im Argen liegt es in Basel mit dem Volk. «Es gibt einen grossen Grundstock an Stimmberechtigten, die vom Staat leben: Beamte, Lehrer, Sozialhilfeempfänger, Rentner, Studenten. Leute, die wissen, dass die SP dafür sorgt, dass der Staat nicht kleiner wird», haben Sie in einem Interview analysiert. Und obwohl Sie gleichzeitig – Bei Spaziergängen am Rhein? Beim Einkaufen in Kleinbasel? Am Stammtisch im Gundeli? – festgestellt haben, dass es «von der Stimmung her» in Basel für eine «bürgerliche Wende gereicht» hätte, ist es nicht so weit gekommen. Offenbar hat das Volk einfach nicht gut getan.

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Besser hat es das Volk anderswo gemacht, das haben Sie, geehrter Herr Somm, unter dem Titel «Friede den Hütten, Krieg den Palästen» beschrieben: Die «einfachen, normalen Leute», «die Coiffeusen, die Stahlarbeiter, die Lastwagenfahrer und die Hausfrauen, die Buchhalter und Metzger, der Malermeister und die Unternehmerin, die Arbeits­losen und die Sparkassen­verwalter, die Kellner und die Kindergärtnerinnen» hätten eine «Wende», eine «Revolution» vollbracht. Und Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt, denn: «Das Volk entscheidet, nicht die Elite.»

Bloss: Laut den Befragungen nach der Wahl in den USA, den «Exit Polls», haben diejenigen, die jährlich weniger als 50‘000 Dollar verdienen, und somit eher in Hütten also in Palästen wohnen, mehrheitlich nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton gewählt. Und da die amerikanische Bevölkerung im Schnitt rund 55‘000 Dollar im Jahr verdient, darf wahrscheinlich angenommen werden, dass die Coiffeusen, die Metzger, die Kindergärtnerinnen und die Kellner eher zur Einkommensklasse «bis zu 50‘000 Dollar jährlich» gehören. Insofern hätte auch dieses «Volk» also falsch gewählt. Wie die Basler.

Es ist, geehrter Herr Somm, eine Crux mit dem Volk. Denn in den USA zeichnet sich darüber hinaus auch ab, dass Clinton mehr Stimmen als Trump erhalten hat. Sehr viel mehr Stimmen. Die Rede ist bisher von mehr als zwei Millionen.

Wäre das, geehrter Herr Somm, dann ein «Volksmehr» für Clinton? Oder wie würden Sie es nennen? Fragt, freundlich grüssend

EDITO

PS: Die Bilder der Basler Ruinen gehen uns nach. Noch mehr aber gehen uns die Bilder nach, die «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel nach der Trump-Wahl in seinem Editorial beschrieb: «Bei jeder Wasserstandsmeldung, die Trump vorne zeigte, tanzte ich mit geballter Faust durchs Büro, so als ob mein geliebter Dorfklub EHC Kloten soeben den finanziell und personell weit höher dotierten ZSC im Eishockey-­Play-off-Finalderby nach einem aussichts­losen Rückstand doch noch gebodigt hätte.» Ein tanzender, fäusteballender Köppel – fürwahr ein sehr spezieller Film, der sich beim Lesen dieser Zeilen im Kopf abspielt. Und sich fast nicht mehr vertreiben lässt.

PS2: Ein Lesehinweis zum Thema Volk und Populismus: «Wie die Populisten ticken», von Jan-Werner Müller, erschienen im «NZZ Folio» (Achtung: Paywall)

 

 

Bettina Büsser

Redaktorin EDITO