Aktuell – 20.02.2013

Adieu Herr Grosse-Bley

Nun denn Adieu, Herr Grosse-Bley
(Zum Abgang des Blick-Chefredaktors)

Aus, vorbei und alle Hoffnung begraben: Seit etwa drei Jahren haben wir uns um ein Interview mit Ihnen bemüht, haben Sie angerufen und angemailt (erfolg- bzw. antwortlos), haben es über die Ringier-Medienstelle versucht (nette Antworten, keine Chance), haben neiderfüllt reagiert, wenn Sie sich anderswo interviewen liessen (einmal, im "Schweizer Journalist", offenbar auf Geheiss Ihres Chefs, ein andermal stellte bequemerweise der Ringier-Mediensprecher die Fragen an Sie) – und nun sind Sie weg. Es wird kein EDITO+KLARTEXT-Interview mit Ihnen als amtierendem "Blick"-Chefredaktor geben.

Was tun nun mit der grossen Sammlung von "Blick"-Artikeln und –Frontseiten, die für dafür bereitlagen? Mit der "Blick"-Titelgeschichte etwa über die "Vater-Killerin von Oberrieden", illustriert von "Facebook" geholten Bildern, welche die junge Frau in erotischen Model-Posen zeigten? Mit dem Bild eines blutverschmierten Bügeleisens und (vom Gericht untersagten) Bildern einer Angeklagten aus dem Gerichtssaal in einem anderen Fall – "Mit diesem Bügeleisen erschlug sie ihn"? Mit der "Blick"-Titelseite samt Schlagzeile "Nationalrat wollte sterben", auf der mit Bild und vollem Namen über den Selbstmordversuch eines CVP-Politikers berichtet wurde? Zu gerne hätten wir Sie gefragt, was Sie zur Richtlinie 7.9. des Presserats ("Journalistinnen und Journalisten üben bei Suizidfällen grösste Zurückhaltung") meinen.

Gefragt hätten wir Sie auch gerne, was Sie überhaupt vom Presserat halten. Schliesslich hat dieser den "Blick" während Ihrer Amtszeit unter anderem für die Berichterstattung über den Unfall von Paul Accola, über den Tod von Martin Suters Sohn, über die Opfer des Walliser Carunglücks und über den Petarden-Unfall eines Fussballfans ("Blick": "Petarden-Trottel") gerügt. Wenn wir richtig gezählt haben, gab es in Ihrer Amtszeit 22 Beschwerden gegen "Blick" beim Presserat, bei 12 hiess der Rat die Beschwerde gegen "Blick" ganz oder teilweise gut. Wie viele Fälle aktuell noch hängig sind, wissen wir natürlich nicht.

Wir hätten im Interview natürlich auch die beiden Fälle von dubioser Bildbeschaffung thematisiert, die "Das Magazin" aktuell aufgenommen hat (blog.dasmagazin.ch), hätten Sie auch gerne gefragt, ob Sie zufrieden waren, als auf der "Blick"-Front die die nur mässig verpixelten Bilder von Marius (14) ("Marius in der Badi getötet") und Fiona (4) ("Tot! Weil Papi einschlief") erschienen sind. Oder das unverpixelte Bild des Mannes – mit vollem Namen – der irrtümlich seinen besten Freund erschossen hatte. Was dessen Familie, die Familien von Marius und Fiona wohl dazu gemeint haben, hätten wir auch gerne mit Ihnen diskutiert.

Ja, wir hätten viel Material bereit gehabt. Hätten von Ihnen wissen wollen, was Sie gedacht haben, als die Geschichte des 53-jährigen Fabrikarbeiters – mit vollem Namen und Vollbild – ins Blatt kam: Er beschwert sich im "Blick", dass sein philippinischer "Ladyboy" nicht in die Schweiz einreisen dürfe, " … dabei habe ich die Brüste aus eigener Tasche bezahlt". Dass der Mann seinem "Ladyboy" darüber hinaus bereits 10‘000 Franken überwiesen hatte, von ihm/ihr aber mit Ausreden hingehalten wurde, berichtete "Blick" ebenfalls – wohl zum Gaudi seiner Leserschaft. Haben Sie auch darüber gelacht? Oder über den "irrsten Familienkrach der Schweiz", der dem "Blick" die Möglichkeit gab, zum Bild dreier ziemlich wohlgepolsterter Frauen den Titel "Unser Papi lässt uns verhungern" zu setzen? Natürlich auch hier mit voller Namensnennung, selbst beim Familienhündchen "Joya", das mangels Geld ins Heim gegeben wurde.

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Natürlich hätten wir im Interview auch wissen wollen, wie Sie mit Ihrer Redaktion umgesprungen sind. Und was Sie zur Schweizer Politik meinen, beziehungsweise, ob Ihr Interesse daran und Ihr Wissen darüber über Schlagzeilen wie "Asyl-Irrsinn" und "Plus 51 886! Die Zahl der Ausländer in der Schweiz steigt weiter massiv. Es sind jetzt fast 1,8 Millionen!" hinausging. Doch auch diese Fragen werden wir Ihnen nun nicht stellen können. Es ist ein Jammer.

Dennoch wandert das Grosse-Bley-Dossier nicht ins Altpapier. Schliesslich waren Sie bereits 2001/2002 bei Ringier, beim "SonntagsBlick", den Sie nach der Borer-Geschichte verlassen mussten. Ihr "Blick"-Amt war also ein Comeback – und wer weiss, wann sie das Haus Ringier zur dritten Mal zurückholt.

Darum, Herr Grosse-Bley, fragen wir Sie bereits jetzt für ein Interview nach dem Comeback an. Vielleicht klappt es ja dann.

Hoffnungsvoll grüsst, EDITO+KLARTEXT

© EDITO+KLARTEXT 2013

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