Medienfrauen am Frauenstreik am 14.Juni 2019. (Bild: Kollektiv Medienfrauen)

Aktuell – 17.06.2020

Braucht es bald einen «Quotenmann»?

Der Journalismus wird weiblicher. Das zeigen die Zahlen der Ausbildungsstätten sowie die Erfahrungen von Ausbildnern. Diese Tendenz könnte jedoch einen bitteren Beigeschmack haben.

Von Bettina Büsser

Der Frauenanteil im Journalismus steigt und bewegt sich in Richtung 50 Prozent. Diese gute Nachricht lässt sich auf alle Fälle aus den Zahlen der Volkszählung/Strukturerhebung* herauslesen: In der Berufsgattung Nr. 2642, «Journalisten», betrug der Frauenanteil 1990 genau 32,5 Prozent. Im Jahr 2000 erreichte er 39,2 Prozent, 2010 waren es 41,2 Prozent und 2018 sogar 48,5 Prozent. Natürlich gab es immer wieder Schwankungen, aber der Trend ist eindeutig. Doch: Wo sind denn all diese Journalistinnen? Die von EDITO zusammengetragenen Zahlen aus den verschiedenen Redaktionen erzählen jedenfalls keine «Fast die Hälfte Frauen»-Geschichte. Ebenso wenig wie die Zahlen, die sich in den beiden Schweizer Zusatzberichten zum «Global Media Monitoring Projekt» (GMMP) von 2010 und 2015 finden. Bei diesem Projekt werden jeweils an einem Stichtag eine Reihe von tagesaktuellen Medien aus Geschlechterperspektive ausgewertet; es wird etwa erhoben, wie viele Frauen und Männer in der Berichterstattung erscheinen – aber auch, wie viele der erfassten Berichte von Journalistinnen beziehungsweise von Journalisten stammen. Laut dem ersten Schweizer GMMP-Zusatzbericht kamen bei der Stichprobe von 2010 nur gerade 34 Prozent aller gezeichneten Nachrichten von Frauen. Fünf Jahre später, beim zweiten Zusatzbericht, war die Zahl nicht etwa gestiegen, sondern auf 30 Prozent gesunken.

Elektronische Medien stehen besser da

Am ehesten finden sich die Journalistinnen offenbar bei den elektronischen Medien. Laut den beiden GMMP-Stichproben liegt nämlich der Anteil der von Frauen stammenden Nachrichten bei Radio und Fernsehen** bei über 40 Prozent, im Print hingegen sind es unter 30 Prozent. Einen ähnlichen Trend zeigt die EDITO-Umfrage: Bei elektronischen und rein digitalen Medien liegt der Frauenanteil höher. Aber eigentlich müsste er in allen Medien noch höher liegen – oder zumindest dauernd wachsen. Denn in der Ausbildung sind beide Geschlechter gut vertreten, die Frauen sogar tendenziell zahlreicher. Beim Bachelorstudiengang «Kommunikation» an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) etwa finden sich seit der ersten Durchführung des Studiengangs im Jahr 2000 nur gerade zwei Jahrgänge, 2004 und 2005, in denen der Frauenanteil beim Start des Studiums unter 50 Prozent lag – beide Male sehr knapp. In 13 der 20 Studiengänge lag der Frauenanteil am Anfang des Studiums bei 58 und mehr Prozent, zuletzt, 2019, sogar bei 67 Prozent.

Studierende mit hohem Frauenanteil

Bei der ZHAW-Ausbildung entscheiden sich die Studierenden später zwischen den Vertiefungen Journalismus und Organisationskommunikation. Doch auch in der reinen Journalismus-Ausbildung ist der Anteil an Frauen hoch. Bei der Schweizer Journalistenschule MAZ sind 49,8 Prozent derjenigen, die seit 2008 die Diplomausbildung Journalismus absolviert haben, Frauen. In den Jahrgängen zwischen 2008 und 2012 gab es noch mehr Studenten als Studentinnen, seit 2013 ist die Mehrheit der Absolvierenden weiblich. Mit einer Ausnahme: Im Studiengang 2017 waren es «nur» 49 Prozent. Bei der Ringier Journalistenschule schliesslich betrug der durchschnittliche Frauenanteil der letzten zehn Lehrgänge, also seit 1997, knapp 54 Prozent. Mit Ausnahme eines 50:50 Geschlechterverhältnisses im Jahr 2016 machen dabei seit 2009 die Frauen jeweils klar die Mehrheit in den Kursen aus. Nach den Zahlen der Ausbildungsgänge wird der Journalismus also weiblicher – falls denn die Frauen auch im Beruf bleiben. Wie aber sieht es bei den Volontariaten und Praktika aus? EDITO hat bei einigen Medien nachgefragt, die unlängst solche Stellen ausgeschrieben hatten. So beispielsweise bei Tele Bielingue. Dort bewerben sich laut Programmleiterin Sophie Hostettler sowohl auf die zwei Jahre dauernden Volontariate wie auch auf die sechsmonatigen Praktika «in etwa gleich viele Frauen wie Männer». Manchmal, so Hostettler, gebe es Schwankungen, doch «im Schnitt gleicht sich das aus».

Anders beim Tagblatt-Verbund in St. Gallen: Laut Jürg Ackermann, der dort seit drei Monaten Ausbildungs-Verantwortlicher ist, sind von den zwölf Volontärsstellen acht mit Frauen besetzt. «Auch bei den Praktikantinnen und Praktikanten, die jeweils für drei Monate bei uns sind, sieht das Geschlechterverhältnis mit 60 bis 70 Prozent Frauen ähnlich aus», so Ackermann. Bei den Bewerbungen sind die Frauen in klarer Überzahl – ausser im Sport.

«Es bewerben sich eindeutig mehr Frauen als Männer für ein Volontariat oder ein Praktikum», sagt auch Pieder Caminada, Projektleiter Ausbildung, Redaktor und Mitglied der erweiterten Chefredaktion bei Somedia: «Und es kommen auch deutlich mehr Frauen zum Zuge.» Bei den Bewerbungen für das zwölf Monate dauernde Redaktionspraktikum sei der Männeranteil etwas niedriger als bei denjenigen für das Redaktionsvolontariat, das 20 Monate dauert und unter anderem den Besuch des gesamten IMK-Lehrgangs Medien der Fachhochschule Graubünden in Chur vorsieht.

Teilzeit und Home Office

Zurzeit absolvieren laut Caminada acht Frauen und zwei Männer ein Redaktionspraktikum bei Somedia, sechs Personen haben bisher das Redaktionsvolontariat absolviert – vier Frauen und zwei Männer. Dass sich signifikant mehr Frauen als Männer für den Journalismus interessieren, stellt Caminada auch in seiner langjährigen Funktion als Leiter des IMK-Lehrgangs Medien fest: «Der Frauenanteil im IMK-Lehrgang beträgt meist um die 70 Prozent, teilweise bis zu 80 Prozent. Früher war es eher umgekehrt. Aber seit rund 15 Jahren hat sich das kontinuierlich und unübersehbar zugunsten der Frauen verändert.» Der Journalismus sei definitiv weiblicher geworden, bilanziert er. Mögliche Gründe dafür sieht er einerseits in der grösseren Sprachaffinität der Frauen, andererseits darin, dass heute auch im Journalismus, sogar im Tagesjournalismus, Teilzeitarbeit und Home Office möglich sind.

Zukunftsperspektiven nicht rosig

Düsterer klingt die Begründung von Christian Mensch, Redaktor CH Media und bei den AZ Medien für die Ausbildung von Stagiaires zuständig: «Journalismus ist als Beruf nicht mehr attraktiv, er bietet zu wenig Zukunftsperspektiven.» Deshalb interessierten sich weit weniger junge Leute für ein Volontariat oder Praktikum als früher. «Diejenigen, die sich interessieren, sind vermehrt Frauen», so Mensch. Diese Tendenz stelle er seit einigen Jahren fest, in den vergangenen zwei Jahren sei sie ganz offensichtlich geworden: «Wir haben schon gewitzelt, dass wir einen Quotenmann brauchen.»

*Quelle: Bundesamt für Statistik
**Digitale Medien wurden in den Stichproben von 2010 und 2015 nicht/nur teilweise erfasst.

 

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