Aktuell – 04.09.2015

Die Journalisten-Show von Locarno

Wo Journalismus im Film drin steckt.

Von Philipp Cueni

962 akkreditierte Medienschaffende besuchten dieses Jahr das Filmfestival von Locarno. Da finden viele Begegnungen und Gespräche statt, da wird viel gearbeitet. Aber der Journalismus findet auch auf der Leinwand statt.

Im Dokumentarfilm "Contre-pouvoirs” hat ein französisch-algerisches Team über längere Zeit die Arbeit der Zeitungsredaktion von "El Watan” in Algerien verfolgt. Das tönt langweilig und wenig attraktiv- wer würde sich schon für einen Dok zum Alltag des Tagi oder der NZZ begeistern lassen? Falsch vermutet, denn die 97 Minuten über die Redaktion in Algier sind spannend. Das Publikum kann kontroverse Diskussionen innerhalb der Redaktion mitverfolgen, lernt den Arbeitsalltag des Teams kennen und staunt vielleicht, wie unendlich genau und hartnäckig alles diskutiert und hinterfragt wird: fast jede Zeile, einzelne Begriffe, die Bildauswahl und ganz speziell der tägliche Cartoon. Gerade weil bei "El Watan” relativ traditionell gearbeitet wird, bietet der Film viel Anschauungsmaterial über Redaktionsarbeit. Auffallend ist die starke Präsenz des Chefredaktors im Alltag. Speziell ist die Situation der Zeitung, die sich als kritische Gegenstimme zur autoritären Regierung versteht. Kenner der Mediensituation im Maghreb schätzen die Qualität des Blattes übrigens als hoch ein.

In anderen Filmen steckt der Journalismus mehr hinter der Leinwand als in der eigentlichen Geschichte. Viele Dokumentarfilme basieren auf umfassenden journalistischen Recherchen. Das ist gut zu beobachten in der Reihe "Semaine de la critique”, deren Auswahl vom Verband der Filmjournalisten verantwortet wird. Da geht es um Zeitzeugen aus Hiroshima, mit welchen der Abwurf der Atombombe 1945 in neuen Zusammenhängen thematisiert wird ("Als die Sonne vom Himmel fiel”). Oder um eine Stadt am Michigansee, mit welcher ein Stück der US-amerikanischen Geschichte dargestellt wird: boomende Stahlstadt, massive Rassentrennung, dennoch erster gewählter schwarzer Bürgermeister, Verfall der Stadt und schliesslich Entwicklung zur schwarzen, armen Stadt ("My Name is Gary”).

In "Lampedusa im Winter” geht es um jene Gemeinde und BewohnerInnen der kleinen Insel südlich von Sizilien, welche schon seit Jahren sehr direkt mit den Flüchtlingen oder deren Tod bei ihrem Weg übers Meer richtung Europa konfrontiert sind. Der Dok belegt einmal mehr, wie Bilder und Langzeitbeobachtungen differenziertere Informationen vermitteln können als die oft ähnlich sich wiederholenden Kurznews.

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Journalismus auch im Spielfilm. "Der Staat gegen Fritz Bauer” erzählt die Geschichte des Deutschen Generalstaatsanwaltes, welcher Ende der 50er Jahre versucht hatte, den früheren SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann zu verhaften und vor Gericht zu stellen. Das wurde aus einer Koalition von führenden politishen Kreisen inklusive Geheimdienst in Deutschland, Israel und USA verhindert, weil man Angst hatte, führende Deutsche Politiker könnten dabei ebenfalls als frühere Nazi-Täter entlarvt werden. Tolle Schauspieler, grossartig gefilmt, eine packende Story. Und Kenner der Materie bestätigen: die Geschichte entspricht bis in kleine Details den realen Ereignissen, sie wurde offenbar genau recherchiert.

Das ist die Show von Locarno: Journalistische Leistungen finden sich nicht nur in Radio, TV, Zeitungen oder auf Onlineportalen, sondern auch auf der Leinwand.

 

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