Eine Frau darf in einer Lounge an der SXSW eine VR-Brille ausprobieren. © PS 2016

Journalismus aus der Zukunft – 16.03.2016

Die Stories in einem 360-Grad Video

Der journalistisch/technische Hype in Austin an der SXSW war 2016 eindeutig VR. Die Abkürzung steht für «Virtuelle Realität», und niemand hier weiss so genau, was damit gemeint ist. Die einen definieren 360-Grad-Video erst als VR, wenn es noch dazu stereoskopisch aufgenommen wurde, andere gehen noch weiter und verlangen künstlich erschaffene Elemente, um etwas als VR zu bezeichnen. Aber dass alle diese Techniken ein bisher nicht bekanntes Mass an Eintauchen in andere Umgebungen ermöglichen, ist unbestritten.

Jedenfalls verkauft hier nicht nur Samsung ihr neustes Smartphone zusammen mit der VR-Brille mittels einer technischen Installation, welche die gezeigte Achterbahnfahrt auch noch spürbar umsetzt. Auch eine ganze Reihe anderer Marken, vom fast-Food-Restaurant bis hin zum Rasierklingen-Produzenten, machen am Rande der SXSW mit irgendwelchen aufsehenerregenden VR-Shows auf sich aufmerksam.

Aber das neue Medium ist keineswegs nur Spiel und Spass, sondern wird seit der Lancierung der Billig-VR-Brille «Cardboard» durch Google und Youtube auch von grossen journalistischen Institutionen wie der New York Times und der Washington Post eingesetzt. Letztere hat eine Trump-Rally als Kugel gefilmt. Eine ganze Bibliothek an 360-Grad-Videos hat die New York Times.

Das Publikum steht dem neuen Medium nur ganz am Anfang skeptisch gegenüber. Und dann nutzt es die 360-Grad-Sicht, ob mit Brille oder nur am Bildschirm in der Youtube-Version, intensiv: Die durchschnittliche Nutzungszeit der journalistischen 360-Videos beträgt laut Sarah Hill von Story-Up volle acht Minuten – mehr als die meisten Websites pro Besuch erhalten. Hill hat bereits mehrere Geschichten, etwa über den Mangel an Rollstühlen für Behinderte in Sambia, als 360-Grad-Video realisiert.

Hill kann erklären, warum es für journalistische Zwecke geeignet ist: «Paradoxerweise lohnt es sich, nicht auf den ersten Blick video-affine Themen damit zu erzählen.» Denn nicht nur das Bild, das den Betrachter wie eine Kugel umgibt, enthält die Geschichte, sondern der räumliche Klang schafft ein hochimmersives Erlebnis. Damit liessen sich Stoffe intensiver erzählen, die optisch gar nicht soviel hergäben.

Eines der etlichen Panels zum Thema 360Grad-Video an der SXSW hiess denn auch «Die ultimative Empathie-Maschine». Googles VR-Produktmanager Andrey Doronichev beschrieb die typische Erst-Erfahrung neuer Zuschauer mit der VR-Brille: «Zuerst blicken sie mit starrem Kopf gradeaus, dann bewegen ihn sie langsam, vorsichtig zur einen, dann zur andern Seite, und dann kommt mit einem begeisterten ‚WOW!`der wilde Drang, in alle Richtungen gleichzeitig zu schauen.»

Doronichev sieht einen der Vorteile des Mediums darin, dass man damit Geschichten erzählen kann, die mehrmals anzuschauen sich lohnt, weil jede Zuschauerin bei jedem Ablauf je nach Blickrichtung, nach Aufmerksamkeit und nach eigener Gewichtung etwas anderes entdeckt. Statt einer stecke in jedem solchen Video eine Vielzahl an Geschichten.

Hill, befragt nach den Unterschieden der Produktionsart, macht klar, dass in der journalistischen Narrative viel dem Zufall überlassen werden muss und dass das Erzählen einer Geschichte in Video ohne den extensiven Schnitt der Bilder und der Perspektiven etwas ganz anderes ist als das, was Dokumentarfilmer normalerweise tun.

Martin Baron, Chefredaktor der Washington Post, legt deshalb grossen Wert auf die Feststellung, dass die WaPo eben nicht klassische Journalisten, sondern moderne Filmer mit solchen Aufträgen betraut.

Und alle beschreiben den Aufwand, solche Videos zu erstellen, als noch zu gross. Aber in nächster Zukunft wird eine Armada an 360-Kameras und Software zur Verarbeitung der Bilder all diese Hindernisse wegräumen. Und im Journalismus wird man immer mehr und immer neue Umsetzungen antreffen – daran gibt es wenig Zweifel.

 

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