Aktuell – 10.08.2017

Die «Tadam»-Hilfe in den Redaktionen

Ein neues Recherche-Mittel für die Tamedia-Redaktionen.
Eine Vorführung.

Von Alain Maillard

Redaktor Titus Plattner erzählt mit Begeisterung, die Vorführung des neuen Werkzeugs an einem Beispiel ist beeindruckend: Soeben hat eine kantonale Polizei eine Mitteilung zum Cannabis-Handel veröffentlicht. Wir wollen zum Themenkomplex mehr wissen. Die Plattform bietet sofort einen direkten Zugang zu verschiedenen ­Dokumenten. Die Auswahl ist besser als bei einer Google-Suche. Man kann Auswahlkriterien bestimmen – wir wählen «geographisch»: Eine Karte zeigt, wo kürzlich Fälle stattgefunden haben, welche in anderen Polizeimitteilungen erwähnt worden sind. Und innert weniger Minuten wird man eine Zusammenstellung von Dokumenten vor sich haben, zu welchen man vielleicht nicht einmal auf die Idee gekommen wäre, zu suchen.

Grosse Dokumentmengen analysieren. Die Software wurde «TADAM» getauft – das heisst «Tamedia Data Mining». Sie kann, wie im Fall der Panama-Papiere, grosse Mengen von Dokumenten analysieren. In erster Linie ist sie aber ein Sammler (Crawler) von Daten im Internet – und das zu jeder Zeit. Das Programm erkennt verschiedene Dokumentformate (.pdf, .doc, .ppt, .xls, .zip), es sucht sie im Netz, in sozialen Netzwerken, in SMS, in E-Mails und in Anhängen. Und schliesslich kann TADAM als Archivsystem dienen.

«Offenbar gibt es nirgends auf der Welt ein ähnliches Recherche-Tool.»

Titus Plattner war am Start des Projektes dabei, das war vor zwei Jahren: «Die Idee ist, die Digitalisierung als Chance zu betrachten, statt wegen ihr zu leiden. Für mich geht es nicht darum, Produktivitätsgewinne zu realisieren, aber besseren Journalismus zu bieten.» TADAM wurde mit Hilfe eines externen Partners (Expert System – ein Italienischer Anbieter von Software) entwickelt. «Unser Ziel ist es, dass die Hälfte der Redaktionsmitglieder im September damit ausgerüstet sind», sagt Plattner.

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In der Zwischenzeit experimentieren damit bereits einige Journalisten. Hans-Ulrich Schaad von der «Berner Zeitung» erhält jeden Tag um die Mittagszeit eine sofortige Sortierung der aktuellen Bundesgerichtsurteile. Er braucht sie nicht mehr eins nach dem anderen durchzulesen. Seine Aufmerksamkeit kann er jetzt auf die Urteile richten, welche er anders vielleicht nicht bemerkt hätte.

Ist TADAM als Live-Monitoring-Tool eingesetzt, greift es direkt und schnell auf Informationen zu, ohne warten zu müssen, bis sie von Suchmaschinen oder der Agentur angeboten werden. «Man kann zum Beispiel den Auftrag erteilen, alle zehn Minuten alle Mitteilungen aus den Polizeistellen der Kantone zusammenzusuchen.» Die Zeitersparnis ist für diesen speziellen Fall analysiert: Im Durchschnitt erhalten die Nutzer von TADAM die Information 45 Minuten früher, als sie auf der schnellsten News-Site erscheinen.

Keine Sprachbarrieren mehr. Ein weiterer spektakulärer Effekt ist die Überwindung der Sprachbarriere. Die Schnittstelle kann auf Deutsch, Englisch und Französisch genutzt werden, und sie sorgt für die
automatische Übersetzung von Dokumenten aus 60 Sprachen. Die Übersetzung ist ein wenig grob, aber verständlich. Die Nachricht von der Verhaftung des mutmasslichen Bombers in Stockholm zum Beispiel wurde automatisch aus offiziellen schwedischen Quellen übersetzt und stand so auf TADAM zweieinhalb Stunden vor der Verbreitung durch die Agenturen zur Verfügung.

Um Zugriff zu erhalten, muss der Benutzer eine doppelte Sicherheitsbarriere überwinden. Die Plattform ist dann aufgeteilt in einen privaten Bereich, in einen, der reserviert ist für Gruppen von Benutzern (Ressort, Zeitung Netzwerk usw.), und in einen gemeinsamen Raum für alle Journalisten des Unternehmens.

TADAM wurde durch den Innovationsfonds von Tamedia finanziert, der im Februar 2014 eingerichtet worden war. Das Projekt wird in drei Jahren 1,5 Millionen Franken kosten; die Gehälter sind dabei eingerechnet.

Offenbar gibt es nirgendwo auf der Welt etwas Ähnliches. Titus Plattner hatte im Oktober auf einer Fachkonferenz an der Stanford University das Projekt präsentiert und ist bei den Teilnehmern auf viel Interesse gestossen. Tamedia ist bereit, das Werkzeug auch anderen Medienhäusern zu verkaufen, aber nicht an solche in der Schweiz.

Wie wird die Plattform in den Redaktionen aufgenommen werden? Titus Plattner erwartet gemischte Reaktionen. «Der Wechsel von der Gewohnheit, eher alleine zu recherchieren, hin zu einer offenen Zusammenarbeit mit den Kollegen – das ist für einige Journalisten eine Revolution. Das Tool erfordert ein wenig Know-how, aber vor allem verändert es die Art und Weise, wie wir unseren Beruf praktizieren: keine Papierstapel mehr auf den Schreibtischen, keine exklusiven Experten mehr.»

Im Jahresbericht 2016 von Tamedia nennt Pietro Supino TADAM als Beispiel für die Notwendigkeit eines Wechsels: «Dieses Technologie-Know-how muss zu einem Bestandteil des Journalismus-Berufs werden.»