Aktuell – 10.04.2013

Dissonanzen bei "The Voice”

Es sind regelrechte Knebelverträge, die Fernsehen SRF die Teilnehmer der Castingshow "The Voice of Switzerland" unterschreiben liess. Solche mögen im Showbusiness nicht unüblich sein. Doch fragt sich, ob sie bei einem Service public-Sender moralisch vertretbar sind. Das Verhalten von SRF sorgt auch innerhalb des Unternehmens für Misstöne. Von Markus Ganz

Für einmal schien es nur Gewinner zu geben. Als am 16. März die Fernsehzuschauer Nicole Bernegger zu "The Voice of Switzerland" wählten, konnten sich fast alle freuen: Die Siegerin natürlich, die zur plötzlichen Bekanntheit auch noch einen Albumvertrag und Optionen für weitere Alben erhielt. Die anderen drei Finalistinnen, deren "Sieger-Songs" (sic!) ebenfalls direkt nach dem Schluss der Sendung auf iTunes erhältlich waren und dadurch die Chance auf eine Karriere hoch hielten. Die Plattenfirma Universal Music Schweiz, die ihre Vormachtstellung im Schweizer Markt mit diesen vier Talenten verstärken kann.
Die Firma LM-Enterprises, die das Management, das Live-Booking sowie Promotion und Medienarbeit der bestens eingeführten Siegerin übernehmen kann. Die vier Coaches, die ihren Bekanntheitsgrad verstärken und den Verkauf ihrer eigenen Tonträger ankurbeln konnten. Fernsehen SRF, das damit vor allem bei den Jungen überraschend gut ankam – etwas, was man seit langem anstrebt. Und das Fernsehpublikum, das eindrückliche Stimmen und emotionale Momente erleben durfte.

Zum Scheitern verurteilt. Erfreulich an "The Voice" ist tatsächlich, dass im Vergleich zu anderen Talentshows wie "MusicStar" wieder mehr auf musikalisches Können gesetzt wurde. Es waren herausragende Stimmen zu hören, schön auch, dass sie von einer ausgezeichneten Live-Band begleitet wurden. Doch können sich wirklich alle freuen? Gerade die vier Finalistinnen landeten erschreckend bald auf dem Boden der Realität. In der Schweizer Hitparade vom 31. März erreichte die Single von Nicole Bernegger zwar Platz 4 und die der Zweitplatzierten Angie Ott Platz 12. Doch schon eine Woche später war nur noch die Gewinnerin darin vertreten und nur gerade auf Platz 50. Sehr gute Resultate erzielten hingegen die Coaches, abgesehen von Marc Sway, der keine aktuellen Tonträger hat.

Hier zeigt sich einmal mehr das grundsätzliche Problem solcher Talentshows. Wenig bekannte und unerfahrene Talente können durch sie in kürzester Zeit sehr grosse Bekanntheit erreichen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass diese meist nicht lange anhält, da ein Karriere-Fundament fehlt. Nach glamourös inszenierten Auftritten vor einem Millionenpublikum im Fernsehen folgt die Ernüchterung an Konzerten vor einigen Hundert und bald einigen Dutzend Zuschauern. Wer kennt heute noch die Gewinnerinnen der vier "MusicStar"-Staffeln? Salome Clausen oder Katharina Michel? Carmen Fenk tritt manchmal noch in einem Restaurant auf, Fabienne Louves erscheint sporadisch an Promi-Anlässen. Doch anhaltend erfolgreich ist einzig Baschi, der bei "MusicStar" lediglich Sechster wurde.

"Branchenübliche Verträge". Nach den zwölf Sendungen von "The Voice of Switzerland" haben mehrere Informanten, die anonym bleiben wollen, bedenkliche Angaben zu dieser Castingshow gemacht. So sollen einige Sängerinnen und Sänger geradezu zur Teilnahme gedrängt worden sein, um das Niveau zu heben. Tatsächlich irritierte, dass neben wirklichen Newcomern auch erfahrene und bereits bekannte Sängerinnen wie Brandy Butler an dieser Talentshow teilnahmen, zudem Künstler, die kaum einen Bezug zur Schweiz haben.

Haarsträubend sind die Verträge, die die Teilnehmer unterschreiben mussten. Sie machen den Eindruck von Knebelverträgen, wie auch aus anderen der rund 40 Länder berichtet wird, in denen das von John de Mol’s Firma Talpa entwickelte Produkt "The Voice" ebenfalls durchgeführt wurde. Wie die NZZ (in der Ausgabe vom 23. März) berichtete, umfasst der Vertrag in der Schweiz 69 Seiten mit Kleingedrucktem, das "alles en détail" regelt. Auch Edito+Klartext hatte Einblick in die sieben Teilverträge.

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Die Show-Teilnehmer, meistens Amateure, können ohne die Beratung eines Juristen, der das Musikbusiness kennt, kaum einschätzen, was dieses Juristendeutsch für sie bedeutet. Klar ist, dass dieses Regelwerk zumindest der Siegerin der Show kaum mehr persönlichen Spielraum für ihre Karriere lässt, sie langfristig gebunden ist. Die beteiligten Firmen lassen keine Möglichkeit aus, vom Ertrag möglichst viel abzuschöpfen. Besonders stossend sind die Verpflichtungen über das Ende der Vertragsdauer hinaus. So erhebt gemäss einem Vertragsauszug das Management während fünf weiterer Jahre Anspruch auf Anteile von Einnahmen, die durch vermittelte Kontakte entstanden sind.

Solche Verträge mögen im Showbusiness nicht unüblich sein. Für unbekannte Künstler bedeutet es, die Kröte zu schlucken oder auf eine Chance zu verzichten, die theoretisch in kürzester Zeit den Durchbruch bringen kann. Internationale Erfolge von Castingshow-Finalisten in anderen Ländern hätten vermutlich zu solch strikten Regelwerken geführt, meint Reto Caduff, der als Regisseur einige Musikfilme schuf und bei "MusicStar" mitwirkte.

SRF erklärte der NZZ, die Verträge seien vom hauseigenen Rechtsdienst für "branchenüblich" befunden worden. Doch fragt sich, ob sie für einen Service public-Sender moralisch vertretbar sind. Einige Mitarbeiter von SRF, die ungenannt bleiben wollen, monieren, dass sich SRF den Bedingungen der beteiligten Firmen ausgeliefert habe. Indem SRF dieses Format eingekauft habe, habe es die bequeme Ausrede erhalten, dass solche Vertragsbedingungen eben dazugehörten. Einige stören sich insbesondere an der "Verbandelung" eines Exponenten aus der Radio-SRF-Musikleitung mit der Plattenfirma Universal: "The Voice" sei eine einzige "Universal-Show".

Kein Mut für eigenes Sendeformat. Es fragt sich denn auch, wieso SRF nicht selbst eine solche Sendung entwickelt hat. Ein freischaffender Regisseur, der nicht genannt werden will, sieht den Grund dafür in einer gewissen Mutlosigkeit: Man zeige sich nicht offen für neue Ideen. Seit dem "Kassensturz" habe man bei SRF ja kein innovatives Format mehr selbst entwickelt. Es müsse eben alles reibungslos laufen, deshalb kaufe man lieber ein fertiges, erprobtes Konzept ein. Reto Caduff kann sich auch andere Gründe für die Entscheidung von SRF vorstellen. "Die Zeiten haben sich insofern geändert, als die Kids von heute solche Formate von ausländischen Sendern kennen – und erwarten. Es geht um Branding, nicht um Inhalte. Und ‚The Voice of Switzerland’ garantiert bis zu einem gewissen Grad auch, dass die Sendung angeschaut wird."

Fernsehen SRF hätte trotzdem andere Partnerschaften eingehen können, die dem Service public besser entsprochen ­hätten. Es gibt in der Schweiz mittlerweile einige Talentwettbewerbe im Bereich Musik, die Wert auf eine nachhaltige Entwicklung der Talente legen und deshalb eigene Songs und/oder Auftritte mit eigener Live-Band fordern. Hinter "MyCokeMusic" etwa oder der "Demotape Clinic" des "M4Music"-Festivals (Migros Kulturprozent) stehen zudem grosse Firmen, die ebenfalls für Breitenwirkung und damit für Einschaltquoten sorgen könnten.

Kein Thema. Mehrere frühere wie auch aktuelle Mitarbeiter von Radio SRF, die ebenfalls ungenannt bleiben wollen, haben sich "stark daran gestört", wie man auf den verschiedenen Medienkanälen von SRF mit dem Thema "The Voice" umgegangen ist. Hauptkritik: Der Hintergrund von
"The Voice" sei nicht aufgezeigt und die Bedingungen für die Künstler nicht thematisiert worden. Man habe eine solche Berichterstattung zwar nicht aktiv blockiert, aber man habe einfach viel Zeit mit Entscheiden verstreichen lassen, bis das Thema nicht mehr aktuell gewesen sei.

In solcher Kritik aus den Radio­redaktionen des Unternehmens kommt auch der anhaltende Unmut über die Zusammenlegung von Radio und Fernsehen zum Ausdruck. Jemand räumt allerdings auch ein, dass einige Kollegen aus einer gewissen Frustration, dass die Musik nicht mehr im Mittelpunkt stehe, zur Übertreibung neigten. Das ändert nichts daran, dass zumindest für Fernsehen SRF ein wirklich kontroverser "Club" allein zum Thema "The Voice" hätte Verpflichtung sein müssen.

Markus Ganz schreibt in der NZZ regelmässig über Musikthemen.

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#1

Von Mark Loosli
12.04.2013
Ist immer dieselbe Leier bei den Castingshows. Fakt ist: Wer unterschreibt, unterschreibt. Und ist selber Schuld. Dazu wird niemand gezwungen. Und das SF so ein Format selber entwickeln sollte, ist doch einfach absurd. Das wäre ein Desaster ohnegleich geworden.

#2

Von Chris
13.04.2013
nett, diese knebelverträge. gibt es in der schweiz nicht so etwas wie "sittenwidrigkeit"?

#3

Von Lelala
16.04.2013
Ich glaube eher, dass Leute, die wirklich gut sind es auch ohne derartige Shows schaffen;
welche der vormaligen Teilnehmer sind denn heute groß im Geschäft bzw. überhaupt noch bekannt? Mir fällt da keiner so recht ein...

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