Safaa, die dem IS entkommen ist, spricht mit Pascal Weber.

Aktuell – 28.09.2017

Ein langer Tag in Mossul

Vom Krieg im Irak zu berichten, ist nicht schwierig. Denn die Menschen wollen gehört werden. Schwierig ist vor allem, die notwendige Distanz zu halten.

Der Teekocher zischt. Langsam wird es hell draussen. Das Licht ist goldenfarbig, die Hitze noch erträglich. Tagsüber wird es in Mossul zu diesem Zeitpunkt Anfang Sommer bereits 44 Grad heiss. Unter Helm und schusssicherer Weste ist das fast nicht auszuhalten. Aber jetzt, am frühen Morgen, geht es noch.

Geweckt worden waren wir vom Helikopter, der mit seinem Tak-Tak-Tak-Tak Stellungen des IS beschoss. Wir haben mit einer Gruppe von Soldaten in einem Haus übernachtet, das offensichtlich einmal einer wohlhabenden Familie gehört hatte. Beziehungsweise immer noch gehörte. Aber die einstigen Bewohner mussten flüchten, jetzt wohnen hier Soldaten der 9. Division der irakischen Armee. Und wir.

Messi oder Ronaldo? Die Stimmung an diesem Morgen ist heiter. Was sich seltsam anfühlt an einem Ort wie diesem. Die Soldaten kochen Tee für uns. Sie wollen wissen, was wir von diesem Krieg halten, und scherzen mit uns. Es sind Sanitätssoldaten aus dem Feldlazarett nebenan. Eines der Lieblingsthemen, das jedes Mal aufkommt, wenn ich mit meinem Schweizer Kameramann Diego Wettstein und unserem kurdischen Übersetzer Ahmad Qaradaqi im Irak unterwegs bin: Wer ist besser, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo? Barcelona oder Real Madrid? Zwei, drei Teerunden lang lenken wir uns mit Fussball ab, bis einer der Soldaten sagt: «In der Nacht hatten wir wieder viele Tote. Eines war noch ein Baby. Ich glaube, es war höchstens drei, vier Monate alt.»

Jeder einzelne Mensch hier hat eine existenzielle Geschichte zu erzählen.

Das Schlimmste sind die Schreie. Das Feldlazarett ist der Ort, an dem sich auf engstem Raum verdichtet, welch hohen Blutzoll irakische Soldaten und die Zivilbevölkerung für die «Befreiung» von Westmossul bezahlen. Und was schiefläuft in diesem Krieg. So wie vermutlich in jedem Krieg. «Am ersten Tag des Angriffs auf dieses Quartier starben alleine in meiner ersten Notaufnahmestelle 70 Menschen. Kinder, Frauen, alte Männer. Und Soldaten.» Major Mohammed ist der Chefarzt der 9. Division der irakischen Armee. Er befehligt eine Handvoll Feldlazarette und ein gutes Dutzend Sanitäter entlang der Frontlinie. Wir sind seine Gäste, denn nach Westmossul zu gelangen ist nicht schwer, aber wer dort am Leben bleiben will, braucht einen guten Gastgeber.

Die Frontlinie ist einen knappen Kilometer entfernt. Direkt neben dem Feldlazarett steht eine Mörserbatterie der irakischen Armee, die in unregelmässigen Abständen auf IS-Stellungen schiesst. Oder auf Ziele, bei denen sie den IS vermutet. Wie viele Zivilisten bei diesen Angriffen getötet werden, weiss niemand. Es sind viele.

Plötzlich Hektik. Gepanzerte Krankenwagen rasen auf den staubigen Vorplatz. Sanitäter und freiwillige Helfer tragen Verwundete ins Lazarett. Drei Kinder. Zwei Frauen. Und einen schwer verwundeten Soldaten. Seine Füsse sind nur noch blutige Klumpen. Die Schreie dringen durch Mark und Bein. Daneben steht sein Bruder und ruft unablässig seinen Namen. «Hussein, Hussein, Hussein!»

Die Ärzte arbeiten, als hätten sie schon Tausende solcher Fälle erlebt. Uniform aufschneiden. Beine abbinden. Die Blutklumpen säubern. Keine fünf Minuten später wird der Soldat Hussein in eine Ambulanz verladen und ins nächste Spital gefahren. Schwer verwundet. Aber am Leben.

Zwei Mädchen in West-Mossul vor dem Feldlazarett.

 

Aus Mossul berichten ist nicht schwer. Jeder einzelne Mensch hier hat eine existenzielle Geschichte zu erzählen. Und die Menschen wollen erzählen, selbst von den schrecklichsten Erlebnissen. «Danke, dass ihr mir zugehört habt», sagte uns einmal eine ältere Frau, die uns gerade erzählt hatte, wie ihre Töchter entführt und vergewaltigt worden waren. «Dadurch wird die Welt uns nicht vergessen.» Wir schämten uns und hatten noch Tage später Albträume ob der Geschichte.

Im Unterschied zu Aleppo. Aus Mossul zu berichten ist deshalb nicht schwierig. Schwieriger ist es, an einem Ort wie diesem Distanz zu halten. Denn immerhin sind wir im Nordirak immer auf der Seite derjenigen unterwegs, die das absolut Böse bekämpfen. Ob kurdische Peschmerga oder irakische Soldaten, sie alle kämpfen gegen den IS.

Das unterscheidet die gesamte Berichterstattung grundlegend von derjenigen beispielsweise aus Syrien. Wenn wir nach Aleppo fahren, dann sind wir immer mit einem offiziellen Visum der syrischen Regierung und einem Aufpasser Assads unterwegs. Also auf derjenigen Seite, die hauptverantwortlich ist für die katastrophale Entwicklung dieses Krieges in Syrien. Da wir gleichzeitig mit keiner der vielen Gegenseiten in diesem syrischen Vielfrontenkrieg drehen können, ist es schwierig, einigermassen eine Balance zu halten.

Im Irak können wir filmen, was wir wollen, reden, mit wem wir wollen, Fragen stellen, wie wir wollen. Das macht es aber seltsamerweise nicht einfacher, ausgewogen zu berichten. Jeder dieser Menschen, die uns ihre Geschichte erzählen, hat das Schrecklichste erlebt. Gleichzeitig tappen fast alle hier in die Falle der Extremisten. Denn der Schmerz und die Wunden und die Erniedrigung führen zu einem Kreislauf von Racheakten, welcher heute die Saat legt für den IS von morgen.

Die Generation der Verwundeten. Im Feldlazarett wirft sich ein ausgemergelter Mann auf seinen Jungen. «Wir sind frei! Wir sind frei, mein Sohn!» Der Sohn liegt auf einer Feldbahre und weiss nicht, was er sagen soll. Sein linkes Bein fehlt zur Hälfte. «Vor vier Tagen wurde mir der Unterschenkel amputiert. Eine Mörsergranate hatte uns getroffen.» Omar ist elf Jahre alt. Er ist eines von Hunderten von Kindern, die in diesem Krieg ein Bein, einen Arm oder beides verloren haben. Die künftige Generation von Mossul wird eine Generation von Verwundeten sein. Körperlich und seelisch.

«…und dann haben sie mit dem Maschinengewehr auf die Menschen geschossen, tak-tak-tak-tak… – sie kannten keine Gnade, für niemanden.» Safaa sitzt mit ihrer Mutter und ihrem Vater auf einem klapprigen Lastwagen der irakischen Armee und wartet darauf, in ein Flüchtlingslager ausserhalb von Westmossul gefahren zu werden. Vor drei Stunden erst ist sie dem IS entkommen, konnte sie sich auf die sichere Seite der Armee retten. «Vor einer Woche hat der IS ein Massaker verübt, bei der ehemaligen Pepsi-Fabrik. Sie waren wütend, weil zuvor mehrere Menschen geflüchtet waren. Sie haben die Leute aufgereiht und erschossen. Gott nehme Rache an ihnen.»

Es ist dieser Ruf nach Rache, der uns verfolgt, als wir am Abend in den sternenbehangenen Nachthimmel von Mossul schauen. Der Teekocher zischt schon lange nicht mehr.

Autor: Pascal Weber
SRF-Korrespondent

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