Aktuell – 13.12.2018

Eine Liebeserklärung

«Soso. Im Lokalen arbeiten Sie», wiederholte der ältere Herr beim Leserwandern. «Wollen Sie denn später noch etwas … ja, halt, etwas Richtiges machen?» Er war der Erste, der mir das so unverblümt ins Gesicht sagte. Aber nicht der letzte. Sie kennen es: Das Gegenüber reagiert interessiert, wenn man sich als ­Journalistin zu erkennen gibt. Klingt nach Wallraff und Pulitzer. «Wo denn, öppe beim «Blick»? Nein, im Lokalen. Aha, sagt das Gegenüber, und sein Gesicht meint: LANGWEILIG.

Fünf Jahre mache ich das jetzt. Lange genug, damit mich, wann immer im Kantons- oder Inlandressort etwas frei wird, einer fragt: «Bewirbst du dich?» Dabei liebe ich diesen Job. Wirklich. Wir verdienen weniger als in den Mantelressorts. Dafür sind wir nicht so ­einfach zu ersetzen. Über den Geschäftsgang der UBS oder den FC Basel wissen viele gut Bescheid, über das Budget der Stadt Baden dagegen kaum einer. Prompt bibbern jetzt, wo im Unternehmen 200 Stellen abgebaut werden sollen, die Lokaljournalisten am ­wenigsten.

Wir kennen keine thematischen Schranken, nur geografische. Ich habe am selben Tag eine Band porträtiert, ein Globibuch rezensiert und die lettische Premierministerin auf Aarau-Besuch interviewt. Dieser Text entsteht zwischen dem Kommentar über desaströse Gemeindefinanzpolitik und der «Bestatter»-Vorpremiere. Wir finden im September noch Konfetti von der Fasnacht im Rucksack und wir haben Gummistiefel unter dem Pult stehen, weil man nur einmal in Highheels an einen Spatenstich geht und sich zwei Stunden lang blöd vorkommt.

Wir können es gut mit Menschen; unsere Protagonisten sind unerfahren mit Medien. Der Stadtpräsidentin müssen wir beibringen, dass sie die Berichterstattung über eine Pressekonferenz nicht zum Gegenlesen kriegt, und das Oberhaupt der Kleingemeinde kann erst übermorgen Stellung nehmen zum Raumplanungsgesetz, weil heute das Wetter optimal ist zum Heuen und morgen der Viehhändler kommt.

Passiert im Nachbardorf ein Vierfachmord, belagert die ganze Medienmeute Gemeindehaus und Stammtisch. Zwei Monate später sitzen wir alleine an der Gemeindeversammlung und ermöglichen Lokaldemokratie, selbst wenn die Schlagzeilen nicht mehr so gross sind. Dabei sind wir extrem nahe dran. Es kommt vor, dass ich nach der Urteils­verkündung in die Migros gehe und bei den Joghurts den Angeklagten wiedertreffe, vor der Kasse die Gerichtspräsidentin. Den Kommentar-Zweihänder bei jeder Gelegenheit auspacken? Ist nicht drin. Hell hath no fury like a… beleidigter Gemeindepräsident.

Etwas nicht genau recherchiert? Dann steht garantiert ein pensionierter Sekundarlehrer beim Empfang und schimpft. Aber es ist genau diese Nähe, diese Unmittelbarkeit, die uns «Lokale» fasziniert. Das ­Schreiben über das Leben, das wir selber leben. Auch für weniger Geld und ein kleineres Publikum.

Autorin:
Nadja Rohner

Lokalredaktorin bei der «Aargauer Zeitung»

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#1

Von John Wolf Brennan
15.12.2018
Super Artikel - gratuliere! Lokaljournalismus ist wie ein Echo auf
den Geist der Provinz, und auch dieses Wort (vor allem in der Ableitung "provinziell") ist meist despektierlich gemeint. Dabei gibts nirgends soviel provinziellen Kleinkrämergeist wie in der Anonymität der Grossstadt (siehe Brexit-Debatte, oder im Gezänk um ein neues Kongresshaus in Zürich); und umgekehrt kann man auf Wildpirsch mit dem einheimischen Förster oder beim Kafi fertig mit dem Alpsenn auf ganz universelle Erkenntnisse stossen, die weit über die vermeintliche Enge der Heimat hinausweisen. Es sind die kleinen Wunder des Alltags, die betrachtet, beschrieben und bewertet werden wollen, und dafür brauchts den GWUNDER und den unbestechlichen Blick des Lokalreporters, nahe am Mensch und nahe an der Sache – Nahlauschen statt fernsehen!

John Wolf Brennan, Weggis am Klavierwaldstättersee

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