Aktuell – 03.07.2013

"Fernsehen macht blöd – aber unheimlich Spass”

 

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TV-Sommer 2013: Die Schweizer TV-Szene amüsiert sich beim Quoten-Versteckis nur mässig, dafür lässt es sich herrlich lachen über Walulis’ TV–Parodien, grinsen über "Tagesschaum" und sich freuen über "stoersender.tv" mit Altmeister Dieter Hildebrandt. Von Bettina Büsser

 

In der Schweizer TV-Szene ist aktuell Spielen angesagt. Denn 3+ veranstaltet mit gerichtlicher Hilfe ein Einschaltquoten-Versteckis, während das medieninteressierte Publikum zu einer Art "Guguus-Dadaa"-Spiel verdammt ist: Guguus, die Quoten sind weg, Dadaaa, die Quoten sind da, Guguus, die Quoten sind weg und so weiter. Der Unterhaltungswert ist allerdings gering – nicht umsonst ist "Guguus-Dadaa" ein Spiel für Kleinkinder.

Walulis und der Schleimbeutel

Weit unterhaltsamer ist da schon die echte TV-Parodie, die Philipp Walulis hervorragend beherrscht. "Walulis sieht fern" läuft seit März als monatliche Rubrik in der NDR-Satiresendung extra 3, wo etwa das typische Politmagazin, der typische Nachmittagstalk oder das typische Landmagazin ihr Fett wegkriegen. Wer die Filme nur anschaut, könnte fast glauben, die Bilder stammten aus einer richtigen TV-Sendung, doch wer auch hinhört, hört im On-Ton zugespitzt Schleimig-Seichtes, im Off-Ton aber Ätzendes.

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Walulis (Motto: "Fernsehen macht blöd – aber unheimlich Spass") parodiert schon seit einiger Zeit verschiedene TV-Genres, früher etwa für EinsPlus oder Tele5. Da diese Formate schon beinahe zeitlos sind, veralten auch die Parodien nicht, eine Rückschau auf alle früheren Ausgaben lohnt sich also. Besonders empfohlen seien dabei die "Gerichtsshow"-Parodie ("BrüllBrüllBrüll"), die "Bachelor"-Parodie ("Der Schleimbeutel" ) und die "Bauer sucht Liebe"-Folge (O-Ton: "…und man trifft Bauern, die eigentlich viel lieber familienintern geheiratet hätten…”) mit dem munteren Milchbauern Martin. "Walulis sieht fern" wurde  2012 mit dem Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung ausgezeichnet – Begründung u.a. "Philipp Walulis und seine Mitstreiter beobachten so präzise, dass ihre Form der Satire als wertvoller Beitrag zu Medienkritik und Medienpädagogik durchgehen kann". Aber keine Angst: Es ist wirklich lustig.

Satire bis zur Wahl

Seinen Grimme-Preis schon länger (seit 1991) in der Tasche hat Friedrich Küppersbusch, ältereren TV-SchauerInnen vielleicht bekannt als Moderator des Polit-Magazins ZAK  auf WDR und ARD. Küppersbusch macht nun wieder Fernsehen, genauer, er moderiert seit dem 10. Juni "Tagesschaum", laut Eigenankündigung "das WDR-Meinungsmagazin, mit dem wir Euch bis zur Bundestagswahl begleiten. Eine Viertelstunde Haltung, Erbauung und Trost. (…) Wir wollen die Leute mit sanftem Nachdruck bis an die Tür des Wahllokals begleiten." Die Sendung läuft jeweils montags, dienstags und mittwochs um 23.15 eine Viertelstunde lang auf WDR; ob sie bei der Bundestagswahl wirklich eine erhöhte Stimmbeteiligung bewirkt, muss sich weisen.

Sicher ist, dass sie meist ordentlich bissige Polit-Satire bietet. Wenn etwa "Onkel Fred" aus einer Milchpackung das gepanzerte Militärfahrzeug "Dingo" aus deutscher Produktion bastelt, macht das Spass, genauso wie wenn Küppersbusch, während die Figur "SuperVossi" (Andreas Vosskuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts) durchs Studio saust,  anhand einer Karte das politische System der Bundesrepublik Deutschland erklärt – wichtige Mitakteure: "Gott", der "Erzbischof von Herne", das "Volk", das das Parlament "sehr lieb" hat, während unglückliche Gremienmitglieder "verklappt" werden und "Bundespräsident" werden müssen.

"Irgendwas mit Hitler"

Seitenhiebe wie "die Rubrik, auf die Sie alle warten", nämlich "Irgendwas mit Hitler", amüsieren, vor allem aber sind Küppersbuschs Moderationen oft bösartig tough: Mit "Politisch Verfolgte geniessen Asylrecht – es sein denn natürlich, sie schaffen es wirklich bis hier hin. Dann fliegen sie raus. Drittstaatenregelung heisst das. Und da Deutschland – blöder Zufall – ausschliesslich an Drittstaaten grenzt, sind wir heute auf den Tag seit zwanzig Jahren fein raus", kommentierte er etwa das 20jährige Jubiläum der deutschen Asylrechtsrevision. Und die Schreibe von "Bild"-Chefkolumnist Franz Josef Wagner charakterisiert Küppersbusch mit: "Er hat das Talent, so zu schreiben, dass man sich nach jedem Wort gründlich duschen möchte."

Medien sind übrigens immer wieder Thema in "Tagesschaum" – nicht zuletzt wahrscheinlich, weil zur Redaktion auch Stefan Niggemeier gehört, Medienjournalist (früher u.a. "Süddeutsche Zeitung", kressreport, FAZ und "Spiegel") und Medienblogger (u.a. Mitbegründer "Bildblog"). Was die "Tagesschaum"-Ausgaben für Medienjournis und Medienaffine speziell interessant macht.

Altmeister Hildebrandt: Zugpferd beim Störsender

Wie man Satire macht, weiss natürlich Altmeister Dieter Hildebrandt (u.a. Münchner "Lach- und Schiessgesellschaft""Scheibenwischer") bestens. Er ist einer der Köpfe und eines der Zugpferde von Störsender.tv, einem speziellen Projekt, das seit Ende März zweiwöchentlich ausschliesslich online zu sehen ist. Speziell ist auch das Finanzierungsmodell: Das Anfangskapital für Störtsender.tv wurde auf der Crowdfunding-Plattform startnext.de gesammelt, der Sender kann abonniert werden und wer ein Abo hat, kann die neueste Folge drei Tage vor der Veröffentlichung auf youtube im Netz sehen.

Mit den Crowdfunding- und Abo-Einnahmen werden Redaktionsleiter Stefan Hanitzsch und die Kameraleute finanziert, alle übrigen arbeiten gratis – neben Hildebrandt beispielsweise die KabarettistInnen Frank-Markus Barwasser ("Erwin Pelzig") und Urban Priol, die noch bis Ende Oktober in "Neues aus der Anstalt" im ZDF zu sehen sind, Gerhard Polt, Sigi Zimmerschied und Luise Kinseher. Doch Achtung: Obwohl bekannte KabarettinstInnen dabei sind, bringt der Störsender nicht nur Politkabarett, sondern vor allem viel Information – und Anleitung, wie man sich gegen Missstände wehren soll.

Crossover-Kampagnen-Plattform

Ja, sicher, zu Beginn der bisherigen Episoden ("Finanzkasinokapitalismus", "Wasser marsch!", "Die Herren der Welt" und "Brauner Dunst") fräst Hildebrandt in gewohnt schneller und satirischer Weise durch das Thema, HG.Butzko erzählt gut recherchierte und ausserordentlich beissende Märchen, etwa über den SPD-Ökonomen Jörg Asmussen und dessen Aufstieg zum Kontrolleur seiner eigenen Bank(un)taten. Und die "Famous Mary from Bavary” (Luise Kinseher) spielt zynisch-tumb Volkes Stimme, etwa wenn es um die Privatisierung des Wassers geht (O-Ton: "Dann kann ein Afrikaner froh sein, wenn weltweit das Wasser privatisiert wird, weil dann hat er eine Chance, dass er am freien Wassermarkt ein gesundes Abwasser erhält.”) Doch Störsender.tv reicht Kabarett nicht, denn es definiert sich selbst als "Crossover-Medium, das Kabarett, Journalismus und politisches und soziales Engagement zu einer Kampagnen-Plattform" verbindet.

Störsender.tv will "eine Spielwiese für alle, die sich nicht abfinden wollen" sein. Das bedeutet: Hier kommen auch NGOs zu Wort, hier gibt es auch kritische Recherchen, hier wird auch zur Tat aufgerufen. Es gibt wohl Leute, die das als "Gutmenschen"-TV bezeichnen würden. Sollen sie doch.

 

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