Aktuell – 29.01.2021

Fotojournalist Klaus Petrus: «Die Obdachlosen sind ein Teil von uns»

Das Coronavirus macht die ärmeren Menschen in der Schweiz sichtbar. Denn nicht alle können während dem Lockdown Zuhause bleiben, weil nicht alle ein Zuhause haben. Der Fotojournalist Klaus Petrus ist mit Obdachlosen in Bern durch die Strassen gezogen und durfte einige von ihnen fotografieren. Einblicke in seine Arbeit.

Herr Petrus, Sie haben Menschen am Rand der Gesellschaft porträtiert. Warum?

Weil wir glauben, dass diese Menschen am Rand der Gesellschaft stünden, dabei befinden sie sich in der Mitte. Sie sind ein Teil von uns, den wir zwar gerne an den Rand drängen, aber verdrängen können und dürfen wir sie nicht. Die Pandemie hat sie sichtbarer gemacht, und ich wollte mehr über sie erfahren.

Wie kam es, dass diese Menschen Ihnen vertraut haben und sich fotografieren liessen?

Ich habe ihnen von Anfang an gesagt, was mein Vorhaben ist, aber es brauchte einige Zeit, bis ich dann meine Kamera ausgepackt habe. Zuerst habe ich mich einfach zu ihnen hingesetzt, wir haben über alles Mögliche gesprochen, über Fussball und Tattoos und über Gott und die Welt. Nächtelang zog ich mit ihnen um die Häuser. Irgendwann ergab es sich, dass ich sie fotografieren durfte.

Ihre Bilder sind sehr eindringlich. Wie war das für die Porträtierten, bei Ihrem Fotoprojekt mitzumachen?

Es war ungewöhnlich für sie. Einer sagte nach der Publikation, er bereue es, mitgemacht zu haben, obwohl er eingewilligt hatte. Das Thema ist ja noch immer mit Scham und vielen Tabus behaftet, daher macht man diese Menschen auch verwundbar, wenn man sie sichtbar macht. Das war mir immer bewusst. Ich wollte aber möglichst nahe rangehen, und nicht einfach Bilder machen von der anderen Strassenseite aus.

Was begeistert Sie an der Fotografie?

Ich finde es faszinierend, dass wir das, was wir sehen –Licht, Schatten, Farben und Formen – in Geschichten verwandeln können. Mich interessiert das Dokumentarische, meine Fotografie ist keine Kunst. Obwohl Ästhetik und Komposition natürlich auch eine grosse Rolle spielen beim Fotografieren.

Interview: Nina Fargahi

 

Eine Bilder-Auswahl aus der Foto-Reportage

«Ich habe mein Leben gelebt, ich war mal oben, mal unten.» C., 46 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, obdachlos.

 

«Es gibt Zeiten, da hoffe ich auf ein Wunder, auf ein kleines wenigstens. Doch auch Wunder sind am andern Tag wieder verflogen.» L., 35 Jahre alt, Vater eines Kindes, obdachlos.

 

«Ich komme aus Rumänien, doch frag nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, ich bin müde, und ich habe Schmerzen.» M., 49 Jahre alt, obdachlos.

 

Gabenzaun auf der Schützenmatte in Bern: Seit Ausbruch der Pandemie kann man Plastiksäcke mit Gaben füllen, die dann von Obdachlosen mitgenommen werden können.

 

«Vor einigen Tagen musste ich meinen Hund weggeben, das war schlimm. Doch noch schlimmer war für ihn dieses Leben auf der Strasse. Eigentlich bin ich zuversichtlich: Ich bin erst Mitte Dreissig, habe mein Leben noch vor mir. Oder?» N., 36 Jahre alt, obdachlos.

 

«Früher, da hatte ich viele Pläne. So richtig viele Pläne. Sagte mir: Sobald ich clean bin, mache ich dies und das. Glaub mir, ich habe mir viel eingeredet, war ziemlich gut darin.» L., 53 Jahre alt, Vater eines Kindes, obdachlos.

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