Röstigraben – 22.10.2020

Géraldine Schönenberg: Von der Aufpasserin zur Akrobatin

Géraldine Schönenberg ist Chefkorrektorin bei der Tageszeitung
Le Temps.

Es ist lange her, als der Korrektor Ansehen und Status genoss, während er eifrig den roten Stift über die Texte gleiten liess. In den 1980er Jahren noch wurde sein Dasein gefürchtet oder verehrt, aber auf jeden Fall war es legitim. Seine Macht war unbestritten, denn er glich einer Enzyklopädie und kannte keine Zweifel gegenüber Flüchtigkeits-, Rechtschreibe- und Syntaxfehlern. Ein Korrektor, der sich irrt? Fehlanzeige! Der Korrektor war für die Medien überlebenswichtig, jedenfalls vor der Einführung von Wikipedia und Korrekturprogrammen…

Heute kann sich jede «Autorin» nennen, selbst dann, wenn ihre Grammatikkenntnisse lückenhaft sind. Den Social Media, die den Inhalt gegenüber der Form bevorzugen, fehlt es nämlich nicht an Publikum. Wer aber Garantin und Inbegriff der Sprache ist, muss nicht nur wortgewandt sein, Redewendungen gezielt verwenden können und die Zeichensetzung beherr-
schen, sondern auch gut abwägen können und eine gewisse Subjektivität an den Tag legen. Der schnellen Entwicklung der Sprache muss man erst folgen können: Der Kampf gegen Anglizismen ist quasi aussichtlos geworden, für unantastbare Regeln von dazumal gibt es heute eine grosse Auswahl an Wörterbüchern, die helfen, Fehler und Probleme auszumerzen («zu vermeiden», «unpassend», «umgangssprachlich», «nicht empfohlen», aber selten «fehlerhaft») und je nach Berufsjargon werden Neologismen zu Eitelkeiten von Redakteurinnen oder zu «dichterischen Kapriolen».

Und noch gar nicht erwähnt habe ich die verschiedenen Sprachniveaus, die den Korrektor zwingen, sich ständig neu anzupassen. Damit er sich nicht in Stein gemeisselten, lächerlichen Standpunkten verliert. Der Korrektor fühlt sich in seiner Rolle als altmodischer Brandmarker kaum wohl. Die Ära vor den Smartphones ist zu Ende und mit ihr das steife Denken und die «Aufpasserrolle» des Korrektors. Dieser ist im 21. Jahrhunderts nicht mehr ein unfehlbarer Experte, schon gar nicht ein Prahler, nein: Er ist zu einem Akrobaten geworden, der eine gute Dosis Distanz walten lässt, das «Für» oder «Gegen» abwägt und gegen die geplante Obsoleszenz von neuen und schnell alternden Begriffen kämpft.

 

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