Aktuell – 07.03.2013

Herausgefordert. Die Geschichte der Basler Zeitung.

Thema BASLER ZEITUNG

Gut, dass man sich mit den Hintergründen zu den Wirren um die Basler Zeitung beschäftigt. Da ist auch ein zweites Buch zum Thema nach "Enteignete Zeitung" von Christian Mensch nicht zuviel. Walter Rüegg, früher Jopurnalist, Radiodirektor und langjähriger Verleger, hat es herausgegeben und zusammen mit verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst.

Der historische Teil über 220 Seiten ist eher erzählend – und deshalb spannend zum Lesen – als analytisch. Und er zeigt, dass die aktuelle Situation der BaZ auch aus der längeren Geschichte heraus zu erklären ist. Das ist nicht neu, aber erhellend dargestellt. Und manche Episode, auch Bilder und Dokumente sind für viele Leser vermutlich neu. Nicht neu, aber wichtig ist die Beschreibung, wie die damaligen Besitzer aus dem Basler Bürgertum 1976 "ihre" Basler Nachrichten "verraten" (der damalige Chefredaktor Oskar Reck) und verkauft haben, auch weil ihr der publizistisch Kurs nicht passte.

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Herausgefordert – die Geschichte der Basler Zeitung

Das Buch beschreibt vor allem, vertritt keine These, und verwirrt dann doch in jenen Passagen, wenn es Stellung bezieht: "Wie steht es in diesen Wirren um den redaktionellen Kurs und die Leistungen der BaZ? Sie ist entgegen den Befürchtungen vieler und trotz bürgerlich-konservativem Chefredaktor nicht zu einer "SVP-Zeitung" oder einem Hoforgan Blochers verkommen. Trotz eigenwilliger und manchmal verstörender Kommentare aus der Feder des Chefredaktors hat die BaZ an Qualität zugelegt. Sie diskutiert wichtige Themen kontrovers, ….". Das haben einige (ehemalige) Redaktoren der BaZ und auch Leser allerdings deutlich anders wahrgenommen.

Gut ist die Idee, die noch lebenden Chefredaktoren seit der Fusion zu Wort kommen zu lassen. Erhellend wie zum Beispiel Matthias Geering beschreibt, wie die Besitzer und die SVP unverblümt versucht hatten, direkt in die Redaktion einzugreifen. Damals machte Geering das nicht publik. Und heute sagen ehemalige Mitarbeiter der BaZ, auch diese Darstellung Geerings und dessen Rolle müsste kritisch ergänzt werden.

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Das ist die Schwäche bei der guten Idee: Die Aussagen der (ehemaligen) Chefredaktoren bleiben einfach so stehen – ohne Einordnung oder kritische Widerrede. Das gilt auch für weitere sechs Gastautoren, deren Auswahl teilweise erklärungsbedürftig ist. Vor allem fehlen Stimmen, die interessiert hätten: Etwa von Redaktoren, welche wegen dem Somm-Kurs die Redaktion verlassen hatten. So passen diese Gastbeiträge über ganze 98 Seiten nicht zusammen und letztlich nicht alle richtig ins Buch – und der Herausgeber hat dabei auch die eine oder andere Peinlichkeit zugelassen. Was externe Stimmen betrifft, ist auch überraschend, dass dieses Buch bei derart vielen zitierten Quellen nirgends auf den Autor des anderen BaZ-Buches, des früheren Medienjournalisten und ehemaligen BaZ-Redaktors Christian Mensch, Bezug nimmt.

Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, der Autor habe sich allzu stark vor einer klaren Einschätzung gescheut. Im Schlusswort lesen wir: "Ratlosigkeit herrscht über die Ziele der neuen Besitzer und des Geldgebers im Hintergrund." Tatsächlich? Und dort, wo der Herausgeber ein Fazit zieht, erstaunt er zuweilen: Als mögliche Zukunftsentwicklung wird beschrieben, dass die AZ via "Basellandschaftliche Zeitung" schrittweise den Markt in Basel erobern könnte. "Damit wäre der weitere Niedergang der BaZ wohl programmiert. So etwas wollen wir Basel nicht wünschen." Warum man Basel besser eine Blocher-BaZ statt eine Basler Zeitung aus dem Aargau wünscht, wird aber nicht klar (und wird kaum die Meinung des Autors sein).

Trotz aller kritischen Anmerkungen: Das Buch ist interessant zu lesen und stellt einzelne Mosaiksteine dar, welche für die kritische Einschätzung der "Enteignung" der BaZ wichtig sind. Wer an einem Beispiel einen konkreten Einblick erhalten will, wie Journalismus und Publizistik zum Spielball von politischen und wirtschaftlichen Interessen werden können, soll das Buch unbedingt lesen. (phc)

Herausgefordert. Die Geschichte der Basler Zeitung. Walter Rüegg (Hrsg.), Christoph Merian Verlag 2012, 350 Seiten.

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