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Aktuell – 12.12.2019

«In meiner Liga ist Gegenlesen vulgär»

Das Absegnen von Zitaten wird in den hiesigen Redaktionen ganz unterschiedlich gehandhabt und ist immer wieder ein Zankapfel. Schadet die Gegenlese-Kultur dem Journalismus?

Von Nina Fargahi

Lassen Medienschaffende Zitate oder Interviews von ihren Gesprächspartnern vor der Publikation autorisieren, kommt es nicht selten zum Streit darüber, was im Gespräch tatsächlich gesagt worden ist und was die jeweiligen Medienschaffenden daraus gemacht haben. Oftmals erkennen sich die Interviewpartner im Text nicht wieder, empfinden das Geschriebene womöglich als Übertreibung oder Falschdarstellung und sehen sich im schlimmsten Fall verunglimpft.

Viele Medienschaffende wiederum fordern, die Autorisierung gehöre abgeschafft, weil Interviewpartner sie häufig dazu benutzten, ihre Antworten im Nachhinein schönzufärben, gemachte Aussagen zu glätten oder aus Image-Gründen gar ganz zu streichen.

Seit einigen Jahren ist es Usus geworden, Zitate, manchmal auch ganze Texte, den Gesprächspartnern zur Autorisierung vorzulegen. Anders als im angelsächsischen Raum werden in der Schweiz Frage-und-Antwort-Interviews dem Befragten vorab gezeigt.

Der Presserat schreibt: «Beim formellen Interview ist die Autorisierung die Regel, während sie beim Recherchegespräch der Befragte verlangen muss. Medienunerfahrene sind darauf hinzuweisen, dass sie auf der Autorisierung bestehen können.»

Weil ein bedeutender Teil der journalistischen Arbeit darin besteht, mit Menschen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu sprechen und deren direkte Rede wiederzugeben, erspart ein guter Umgang mit der Autorisierungspraxis oftmals viel Ärger.

Bei Umfragen in der Branche zeigt sich: Medien­schaffende machen beim Gegenlesen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Während die einen kaum Probleme haben, verbringen andere viele Stunden damit, Zitate autorisieren zu lassen. Barbara Achermann von der ZEIT rät, in heiklen Fällen zum Telefonhörer zu greifen und den eigenen Standpunkt freundlich, aber bestimmt zu erklären.

Andere Journalistinnen und Journalisten plädieren dafür, der Gegenlese-Kultur entgegenzuhalten. Einzig das gesprochene Wort solle gelten, fordert zum Beispiel Bluewin-Inlandredaktorin Anna Kappeler. Das würde den Druck auch auf die Journalisten erhöhen, redlich zu arbeiten. Und tatsächlich gibt es auch hierzulande Parlamentarier, die auf das Gegenlesen verzichten. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass die Journalistinnen dann exakter arbeiten, als wenn Medienschaffende sich darauf verlassen, dass die Zitate im Nachhinein sowieso «zurechtgebogen» werden.

Es erinnert an Harald Schmidt, der auf die Frage von zwei Stern-Journalisten, an welche Adresse sie das Interview zum Gegenlesen schicken könnten, lediglich antwortete: «In meiner Liga ist Gegenlesen vulgär.»

Ausgabe 4/2019
Fokusthema: Ausradiert.
Schadet die Gegenlese-Kultur dem Journalismus?

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Nina Fargahi

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Chefredaktorin EDITO (de)

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