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Aktuell – 02.05.2021

Corona-Pandemie: «Die Nerven liegen blank»

Anfeindungen gegen Medienschaffende nehmen zu – vor allem während der Corona-Pandemie. Das Thema ist bekannt, doch unterschätzt wird, dass Hass-Kampagnen häufig gut organisiert und orchestriert sind.


Von Nina Fargahi

Murder the Media», kritzelten die Anhänger Donald Trumps beim Sturm auf das Kapitol in Washington auf die Türen im Kongress. Ein anwesender US-Journalist sagte später dem Nachrichtensender NBC: «Noch nie habe ich einen solchen Hass gegenüber den Medien gesehen.»

Die Situation hierzulande ist nicht vergleichbar mit den USA, doch auch hier ist der Ton gegenüber Medienschaffenden rauer geworden – in den Social Media, aber auch in Mails, Briefen und direkten Begegnungen. Journalisten, die zum Beispiel über Corona oder Rechts­extremismus berichten, werden häufig beschimpft oder erhalten Drohungen. Pascal Scheiber, Reporter bei Blick TV, fragte unlängst auf Twitter: «Wie geht ihr draus­­sen mit Hass und Wut gegenüber euch als Journalistinnen um? Wenns persönlich wird? Ist mir nur grad heute mehrmals passiert.»

Auf Nachfrage erzählt er, dass er am Tag der Absage des Lauberhorn-Rennens in Wengen draussen vor einem Kulturlokal gewartet habe, als mehrere Leute rausgekommen und ihn angepöbelt hätten. Davor passierte Ähnliches in Bern und Schwanden, drei Mal am gleichen Tag. «Weil ich täglich draussen bin und mit vielen ­Leuten spreche, bekomme ich den Hass der Leute gegenüber Medienschaffenden immer wieder zu spüren», so ­Scheiber. Das sei schon anders als auf der Redaktion, da spüre man den Hass weniger direkt als draussen. Übel sei aber beides.

Was ihm vorgeworfen wird? «Die klassischen Beschimpfungen, Fake News und dass alle Medien gesteuert seien. Dass wir Hetze betreiben, ein Schmuddelblatt seien. Und so weiter.» Seit Ausbruch der Pandemie habe der Hass zugenommen, so der Eindruck von Scheiber. «Die Arbeit der Medienschaffenden steht vermehrt im Fokus und wegen der hohen Zahlen liegen die Nerven blank.» Der Austausch im Team und die Solidarität von Kolleginnen seien hilfreich gewesen.

Wichtige Rückendeckung der Chefs. Auch Fabian Eberhard, Rechercheur und Reporter beim SonntagsBlick, kennt den Hass gegen Medienschaffende. In gewissen Szenen stehe er seit längerem im Fokus, zum Beispiel bei Erdogan-Anhängern, bei Corona-Skeptikerinnen, Impfgegnern oder bei Neonazis. «In vielen ­Medienhäusern unterschätzt man, wie organisiert und orchestriert gewisse Szenen bei Hasskampagnen vor­gehen», sagt er. Sie seien fähig, mit Kampagnen den Anschein einer breiten Volksmeinung zu erwecken, obwohl es sich nur um eine kleine Gruppe handle.
Es sei wichtig, dass die Verlage und Chefredaktionen in solchen Fällen nicht einknickten, womöglich Artikel zurückziehen oder sich entschuldigen würden. «Sie müssen unbedingt hinter den Journalisten stehen, standhaft bleiben und Haltung bewahren.» Er selbst ­erhalte bei Ringier viel Unterstützung, habe Ansprechpartner – darunter die Chefredaktion – und einen Haus-Anwalt, an die er sich direkt wenden könne. Auch bei der Polizei stehe ihm jemand zur Verfügung, den er direkt kontaktieren könne in einer Notsituation. «Natürlich macht der Hass etwas mit einem», so Fabian Eberhard. Er sei vorsichtiger geworden, teile wenig Privates mehr im Netz.

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Beleidigungen und Anfeindungen. Bei einer Studie von Mediendienst Integration, einer deutschen Informationsplattform für Medienschaffende, gaben letztes Jahr rund 60 Prozent der 322 befragten Journalistinnen an, mindestens einmal im Jahr 2020 angegriffen worden ­zu sein. Unter Angriffen fasst die Studie alle Arten von hasserfüllten Reaktionen zusammen, welche Medien­schaffende in ihrem Berufsalltag erleben – Beleidigungen, Anfeindungen und Aufrufe zu Gewalt.

«Wir müssen in unserer Branche mehr darüber ­sprechen, was unsere Arbeit draussen auslöst», sagt Pascal Scheiber. Er kritisiert auch das Medien-Bashing von ­Politikern von links bis rechts. «Wenn Parlamentarier den Begriff Fake News verwenden, müssen sie die ­Wirkung mitdenken, die solche Aussagen bei ihrer Wählerschaft haben», so Scheiber. Auch Fabian Eberhard ­kritisiert Pauschalurteile und sagt: «Die Kritik an ­einzelnen Berichten ist richtig und gut, aber wenn ver­all­­­ge­meinernd gegen Medien Stimmung gemacht wird, ­fördert dies den Vertrauensverlust gegenüber Jour­­nalistinnen und Journalisten.» Und dies wiederum ­sei ­problematisch für die demokratischen Prozesse eines Landes.

 

Wie schützen Verlage ihre Journalistinnen und Journalisten vor persönlichen An­­griffen, Hassmails und Hasskommentaren? EDITO hat nachgefragt. Weiterlesen

 

Quelle: EDITO 1/21

 

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