9. Juli 2007 von Klartext

“Schreien! Streiten! Schreiben!”

Erst als die ersten Kündigungsbriefe bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SRG eingetroffen waren, begannen sich die Gewerkschaft SSM und der Angestelltenverband VSRTA richtig zu regen. Doch zunächst bleibt ungewiss, ob der Protest- und Aktionstag im November bereits der Höhe-punkt der Auflehnung gegen das SRG-Missmanagement war.

Der Schlaf dauerte lang. Weder die seit Anfang 1990 häppchenweise verabreichten Sparbeschlüsse, die aus der “Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft” (SRG) inzwischen ein mediales Abbruchunternehmen machten, noch die generaldirektoriale Ankündigung, sechs Prozent des Personals abzubauen, vermochten die Organisationen der SRG-Beschäftigten wirklich aufzurütteln.
Zwar formulierten das “Schweizer Syndikat Medienschaffender” (SSM) und der “Verband Schweizerischer Radio- und Televisions-Angestellter (VSRTA) – die Gesamtarbeitsvertrags-Partner der SRG – immer mal wieder ein mildes Protest-Communiqué oder ein zaghaftes Schreiben an die Generaldirektion. Doch erwacht sind Vordenkerinnen und Funktionäre der beiden Verbände erst, als die ersten SRG-Beschäftigten bereits den eingeschriebenen Kündigungsbrief in Händen hielten: “Mindestens ein halbes Jahr zu spät”, wie eine Redaktorin aus dem Zürcher TV-Studio kritisiert.
Auf den 23. November, den Tag der SRG-Delegiertenversammlung, rafften sich die Verbandsoberen schliesslich zu einem “Aktionstag” auf, an dem sich Frauen und Männer aus den Radio- und Fernsehstudios wenigstens teilweise auf die Strasse begaben, um ihre Sorgen und Forderungen öffentlich zu machen. “Wir sind sauer – die Zitrone ist ausgepresst”, malten Macherinnen und Macher auf Transparente und verteilten – in Bern beispielsweise bei wüstem Schneegestöber – die saure gelbe Südfrucht gleich kiloweise ans vorwiegend verständnisvoll reagierende Publikum.
Zahlreiche Radio- und TV-Konsumentinnen und -Konsumenten lernten bei dieser Gelegenheit zum direkten Kontakt mit Programmschaffenden erstmals die Forderungen kennen, für die sich das SRG-Personal schon längst hätte öffentlich stark machen müssen:
● “Für die Erhaltung der SRG als ,service public’, für die Erhaltung des Kulturauftrages; weil wir eine Demontage der SRG befürchten.”
● “Für die Erhaltung der Arbeitsplätze, keine Entlassungen; weil wir uns gegen die Sparpolitik der SRG auf dem Buckel des Personals wehren.”
● “Für die Erhaltung der Programm-Qualität; weil wir uns gegen Programmabbau und -verdünnung wehren und einen Qua-litätsabbau beobachten.”
Gleichzeitig wandten sich die Zentralpräsidentinnen von SSM und VSRTA, Tiziana Mona und Ellinor von Kauffungen, in einem “offenen Brief an die Delegierten der SRG”. Darin wurden die “sehr geehrten Damen und Herren” der SRG-Trägerschaft nicht nur auf den Aktionstag aufmerksam gemacht, an welchem das Personal zeigen wolle, “dass es bereit ist, sich für eine starke SRG einzusetzen und für ein Programm zu kämpfen, das den Wünschen und Anliegen des Publikums und des Personals gerecht wird”. Mona und Kauffungen äusserten in dem Brief zudem – bezüglich SRG-Finanzkrise – “Zweifel am Ernst der Lage” und verlangten “eine unabhängige Finanzanalyse und eine Offenlegung aller Zahlen”.
Mit diesem Ansinnen waren die Verbände freilich schon zuvor bei der SRG-Generaldirektion abgeblitzt. Und auch die SRG-Delegierten machten am 23. November keinerlei Anstalten, anlässlich der Genehmigung von Rechnung und Voranschlag “diesen Überlegungen Nachdruck zu verleihen”, wie ihnen das von SSM-Mona und VSRTA-Kauffungen ans Herz gelegt worden war. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil bislang weder die Chefs der professionellen Organisation SRG noch die Mitglieder der verschiedenen SRG-Trägerschafts-Gremien Anlass hatten, hinter den Wünschen der Belegschaft tatsächlich auch den Willen zu ihrer Durchsetzung zu vermuten.
So konnte etwa der neue SRG-Finanzdirektor François Landgraf noch Ende September an einer Sitzung der “Paritätischen Kommission” – in der SRG und Personalverbände vertreten sind – staatsmännisch dozieren, dass in der SRG-Führung “Fehler und Nachlässigkeiten vorgekommen sind”, dass es aber “nicht fair” wäre, “personelle Verantwortlichkeiten festzulegen”. Mit ernstzunehmendem Widerspruch von gewerkschaftlicher Seite muss-te er nicht rechnen – obgleich für die oben begangenen “Fehler und Nachlässigkeiten” einzig unten gebüsst werden soll.
Ob der Schritt an die Öffentlichkeit jetzt eine Trendwende bei SSM und VSRTA signalisiert – weg von der verbalen Defensive, hin zur aktiven Offensive – , steht vorläufig dahin. Jedenfalls sind nach der generell als positiv eingeschätzten Erfahrung mit dem Aktionstag in fast allen SRG-Stu-dios Stimmen laut geworden, die von den Verbänden mehr Selbstbewusstsein gegenüber den SRG-Bossen verlangen. Dass in der Tat “die Zitrone ausgepresst” ist, zeigt allein schon ein internationaler Vergleich der für die Produktion von Radio- und Fernsehprogrammen aufgewendeten Kosten (siehe Kasten).
Bereits allerdings glauben die SRG-Hierarchen, einen allenfalls drohenden Arbeitskonflikt entschärfen und die erwachten Verbände beschwichtigen zu können: mit dem Hinweis auf die eben aufgelegte 60-Millionen-Franken-Anleihe, die beim Anleger-Publikum gut ankam, in kürzester Zeit überzeichnet war und erste Finanzlöcher stopfen hilft.
Aufs Publikum zählen aber auch die unterdessen ungeduldig gewordenen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. “Wollen Sie, dass ,Radio DRS’ langweilig, dünn, simpel, kulturarm und unpersönlich wird?” fragten Berner Radioleute per Flugblatt. Ihr Rat an Hörerinnen und Hörer, die das nicht wollen: “Helfen Sie mit: Schreien Sie! Streiten Sie! Schreiben Sie!”

SRG: Am billigsten

Die SRG-Angestellten produzieren bedeutend kostengünstiger als ihre ausländischen Kolleginnen und Kollegen: Eine Stunde Radio kostet in Grossbritannien sechsmal, in Italien fünfmal, in Österreich viermal und in den skandinavischen Ländern doppelt so viel wie in der Schweiz.
Für den gleichen Preis, für den das ZDF eine Stunde Fernsehen sendet, produzieren die SRG-Leute acht Stunden Fernsehen. Frankreich, Grossbritannien und Italien produzieren über viermal teurer.

9. Juli 2007 von Klartext

Inzwischen ist alles, alles anders

Die fünfte Kolonne der vierten Gewalt”, titelte KLARTEXT auf Seite 1 seiner Ausgabe 2/90. Die Einleitung zur dazugehörige Geschichte (“Bierteller übern Tisch geschoben”) lautete: “Was der Journalist Andreas Kohlschütter nach dem Willen seines militärischen Kommandanten hätte tun sollen, ist schon längst gang und gäbe: Die Medienszene wird von Medienleuten systematisch ausgeschnüffelt – gegen monatliches Fixum aus der Bundeskasse.” Und zwei Kernsätze des damaligen KLARTEXT-Artikels: “Das war schon Anfang der achtziger Jahre so. Schon damals existierte bei der ,Eidgenössischen Finanzkontrolle’ (EFK) im ,Eidgenössischen Finanzdepartement’ eine Honorarliste, auf der – neben Berufsleuten anderer Sparten – Journalisten verzeichnet waren, die gegen fixe monatliche Entschädigungen von 400 bis 700 Franken helvetische Zeitungs-, Radio- und TV-Redaktionen ausschnüffelten – im Auftrag des militärischen Geheimdienstes UNA.”
Die hauptsächliche Reaktion auf die KLARTEXT-Story war im vergangenen April eine Mischung aus Erstaunen und Ungläubigkeit. Inzwischen ist alles, alles anders. Denn inzwischen hat die von Carlo Schmid präsidierte “Parlamentarische Untersuchungskommission für das Eidgenössische Militärdepartement” (“PUK EMD”) ihren Bericht abgeliefert. Und darin ist nicht nur nachzulesen, dass ein UNA-Offizier dem Kollegen Kohlschütter – den Rüstungsminister Kaspar Villiger im Parlament meinte verhöhnen zu müssen – in der Tat Schnüffel-Avancen machte.
Die “PUK EMD” ging auch dem KLARTEXT-Bericht nach – und wurde prompt fündig! Eine Honorarliste, wie sie KLARTEXT-Informant Christian Fehr 1980 mit eigenen Augen gesehen hatte, war – selbstverständlich – nicht auffindbar. Aussagen von Fehr vor einem “PUK EMD”-Ausschuss führten die Untersuchungskommission aber immerhin auf die Fährte des mittlerweile 70jährigen Rechtsaussen-Publizisten Jürg Meister, der jahrelang für die militärische Abwehr gespitzelt hat – gegen eine Monatspauschale von 500 Franken. Dass die “PUK EMD” einzig den “Seefahrtsspezialisten” Meister einwandfrei als EMD-Spitzel aus der Journaille identifizierte, liegt nicht etwa daran, dass er der einzige wäre. Sondern allein daran, dass sich Zeuge Fehr zehn Jahre, nachdem ihm der damalige EFK-Direktor Eduard Lehmann die ominöse Honorarliste ein paar Sekunden lang unter die Nase gehalten hat, nurmehr an einen einzigen der zahlreichen Namen auf dem DIN-A4-Formular erinnern kann.

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