9. Juli 2007 von Klartext

Klinisch rein

Den “sauberen Krieg”, den die Medien derzeit vorführen, proklamierte die “Nato” schon 1982. Und geprobt wurde das, was sich heute “Berichterstattung” nennt, seinerzeit während des Falkland-Kriegs.

Und plötzlich war da CNN. Aus dem scheinbaren Nichts aufgetaucht, verdiente sich der US-News-Sender mit seiner Berichterstattung über den Golfkrieg blitzgeschwind internationale Lorbeeren, Einschaltquoten und Werbebatzen.
Und auch einige Unkenrufe. Selbst der in Bern lehrende Medienprofessor Roger Blum stimmte ins laute Chörlein der Empörten ein, welches intonierte, dass das Fernsehen den Krieg wie ein Computerspiel präsentiere. Ein Vorwurf, der von den Printmedien mehr und mehr zum gestrengen Fingerzeig gegen CNN transformiert wurde: “So nicht!” Schliesslich ist Krieg schmutzig, blutig, zum Kotzen und Speien und hat, bitteschön, auch so dargestellt zu werden.
Medien-Blum aber forderte auch, dass die Presse sich ein wenig mehr von den zensierten Meldungen distanzieren solle. Dieses Postulat kann getrost weiter gefasst werden: Die Printmedien sollten, bevor sie gegen die TV-Berichterstattung keifen, erst mal die eigenen Versäumnisse nachholen.
Denn es ist keineswegs CNN-Boss Ted Turners Wunsch nach einem möglichst telegenen Abschlachten, welcher die US-Streitkräfte die Maxime des klinisch sauberen Krieges praktizieren lässt. Vielmehr erlebt die Welt im Moment die Erfüllung eines Postulates, welches die “Nato” schon 1982 ausformuliert hatte. In der unter dem Motto “Lehren aus Vietnam” verfassten Studie “AirLand Battle 2000” lautet eine verbindliche Doktrin für die US-Army und das Heer der Bundesrepublik, dass Kriege bis im Jahr 2000 so abstrakt und klinisch rein auszuschauen hätten wie ein Spiel am Computer.
Der Hintergrund dieser Forderung ist aus dem Strategiepapier klar festzumachen. Denn die Militärführung prognostizierte 1982 für zukünftige Kriege nebst “mehr und schlimmer körperlich Verwundeten auch immer mehr psychi-sche Stressopfer”. Daraus folgerten die Strategen, dass es “erforderlich werden könnte, Kommandeure auszuwechseln oder Doppelbefehlsstellen einzurichten”. Und: “Möglicherweise werden wir human engineering brauchen, um unsere Soldaten gegen Stress zu immunisieren, so wie wir sie heute gegen Krankheiten impfen.”
Eine Voraussetzung dieses “human engineering”: “Die militärische Ausrüstung wird diesen Aspekt der Humantechnologie und -konditionierung in Betracht zu ziehen haben. Insbesondere der jüngere Teil unserer Bevölkerung gewöhnt sich zusehends an eine Video-Display- und Computerspiele-Umwelt. Die Waffensysteme der Zukunft müssen diesen Trend ausnützen.”
Bereits 1984 konnten Waffentechniker den Vollzug solcher Forderungen melden. Damals hatten die US-amerikanischen Ingenieure die Armaturen der Flugzeuge jenen der Videogames angepasst.
Weitere Probleme ergäben sich jedoch daraus, dass die “Massenmedien und Interessenverbände abweichenden Meinungen stärkeres Gewicht verschafft haben”, klagten die Strategen in ihrer 82er Studie. Da gelte es, Lösungswege zu suchen.
Mittlerweile sind die Lösungen gefunden. Scott Armstrong, Präsident der US-amerikanischen Journalisten-Vereinigung “Investigative Journalists and Editors”, zu KLARTEXT: “Journalisten am Golf sehen im Moment vor Ort ein Videogame im Format eins zu eins. Ein paar Blimps auf Radarschirmen, einige Lichtpunkte auf Monitoren – das ist alles. Und verstehen tun sie davon gleich gar nichts.”
Sollen sie auch nicht. Sie sollen den “sauberen Krieg” mitbekommen. Getreu der 82er Doktrin. Und das gefälligst dem Publikum zuhause rapportieren.
Britische Journalisten erlebten bereits 1982, wie eine volle Durchsetzung der “AirLand Battle 2000”-Entwürfe aussieht und wie leicht es den Militärs fällt, den Deckel auf die Wahrheit zu pressen.
Damals, während der Schlacht um die Falkland-Inseln, sassen die Journalisten auf einem Schiff und durften nur rapportieren, was ihnen die Militärs erzählten. Zensurbeamte retuschierten Fotos, Journalisten konnten höchstens 1600 zensierte Worte pro Tag an die heimischen Redaktionen übermitteln, Radioleute mussten sich mit täglich fünf Minuten Sendezeit begnügen. Der Erfolg war durchschlagend: Neben dümmlichem Hurra-Patriotismus gab’s fast keine kritischen Stimmen – Bilder von Toten tauchten erst nach dem Krieg auf.
Wobei sich schon heute eine Fortsetzung des “Videokrieges” ankündigt. Immer häufiger berichten Zeitschriften von Bemühungen der Militärs, den Infanterie-soldaten computerisierte Helme zu verpassen. Durch die sollen die Krieger ihre Umwelt nur noch per Bildschirmdisplay wahrnehmen.
Dass diese Vision nicht mehr fernab jeglicher Möglichkeiten liegt, zeigt ein Blick in Spielzeugläden der USA. Dort lassen sich heute “Action Gloves” kaufen, über welche die lieben Kleinen das Geschehen auf dem Bildschirm steuern kön-nen – auf dass sie dereinst als Soldaten bereits genug Übung haben werden.
Ähnlich sieht es bei den computerisierten Helmen aus: Selbst für Homecomputer lassen sich heute einfache Anlagen kaufen, welche den Besitzern per Brille und “Action Gloves” eine künstliche Umwelt vorgaukeln sollen.
Zurück zum Krieg: “Wenn wir Falkland und die heutige Situation mit Vietnam vergleichen”, so Scott Armstrong, “ist es fatal.” In Vietnam durfte, wer wollte. Heu-te wollen viele, kaum jemand darf. Armstrong: “Die USA entscheiden, welche Journalisten – auch aus der Schweiz – in Saudiarabien arbeiten dürfen.”
Wer sich dabei nicht an die Zensurregeln hält, muss mit Sanktionen rechnen. “Beispielsweise”, beschreibt Scott Armstrong das Verhalten der US-Army als Me-dienhüterin, “werden unbotmässige Medienleute nach Dhahran zurückbeordert und irgendwann aus dem Land geschmissen.” Oder aber “aus Versehen” von den US-Streitkräften unter Beschuss genommen.
Viel Aufwand für einen “sauberen Krieg”. Doch nicht alles klappt wie vorgesehen. Scott Armstrong: “Ich hab’ mal nachgeschaut, was da an Meldungen mit Newswert in die amerikanischen Stuben flimmert. Die meisten Meldungen kommen aus dem Irak, an der amerikanischen Zensur vorbei.”
Und die irakischen Zensoren haben offensichtlich nie eine Kopie der “AirLand Battle 2000” bekommen, um zu erfahren, wie ein Krieg dem Publikum sauber und appetitlich fürs Abendessen vorgesetzt werden kann.

9. Juli 2007 von Klartext

“Der Gestank des Appeasement ist in der Luft”

Peter Keller über “Weltwoche”-Redaktor Hanspeter Born und sein Krieger-Vokabular

Hanspeter Born kämpft den Kampf des Gerechten, sowohl an der Seite des kleinen Bürgers Bruno Zwahlen (“Mord in Kehrsatz”), wie auch an der Seite des grossen Staatsmannes George Bush. Diesen Kampf gegen “den Triumph der Barbarei, das Gesetz des Dschungels” und jeglichen Kompromiss mit dem Irak führt Born in der “Weltwoche”: Dort sind seit der Annexion Kuwaits elf ganzseitige Schlachten, oder umgerechnet etwa 136’000 Anschläge Borns auf den “Attila”, “Dschingis Khan”, “Adolf Hitler”, “Schlächter aus dem Zwei-stromland” und “Hai” namens Saddam Hussein, den “unappetitlichsten aller Dik-tatoren” zu verzeichnen.
Und Born weiss genauso gut wie der von ihm wohlwollend zitierte “Marines”-Wüstenkommandant Boomer, dass es Dinge gibt, “wofür es sich zu kämpfen und zu sterben lohnt”, sei es auch nur – wie im Falle des Schreibtischtäters Born – im übertragenen Sinne.
Genug der Wortspiele. Diktatoren wie Saddam Hussein – so teilte uns Born acht Tage nach der Annexion mit – “verstehen nur eine Sprache; Gewalt muss man mit Gewalt begegnen … Es ist ein gefährlicher Irrtum, anzunehmen, dass versöhnliche Worte und freundlicher Dialog dem Frieden förderlicher sind als eine ungeschminkte … Darstellung.”
Die Lage ist für Born von Anfang an klar: Entweder Saddam Hussein lässt sich politisch und physisch “eliminieren”, oder er wird politisch und physisch eliminiert. Borns Option liegt auf letzterer Variante. Zumal es auch für Syriens Assad und Ägyptens Mubarak – wie die beiden Born bei einem geheimen Treffen an der Strassenkreuzung Kairo/Damaskus versicherten – “inzwischen (16. August 1990) keine andere Lösung mehr gibt, als Saddam zu beseitigen”.
Um die Kuwait-Krise zu lösen, muss Saddam “auf dem Schlachtfeld vernich-tend geschlagen” werden. “Ohne grösseres Blutvergiessen … wird der Kuwait-Konflikt von 1990 nicht zu beenden sein.” Dies verkündete Born nicht einmal zwei Wochen nach Beginn des Wirtschaftsboykotts, dem er keine Chance gab – nicht geben wollte.

Was die US-amerikanische Regierung bis zum Zeitpunkt, als sie den Krieg begann, tunlichst zu verschweigen suchte, das sprach Reagan-Verehrer Born bereits am 16. August klar aus: Das Ziel der Bestre-bungen ist nicht die Befreiung Kuwaits, sondern die Vernichtung des irakischen Militär- und Wirtschaftspotentials. “Hält sich nämlich Saddam Hussein an der Macht, so wird er – und zwar selbst für den Fall, dass er pro forma aus Kuwait abziehen sollte – seine Nachbarn derart einschüchtern, dass sie ihm gefügig sein müssten. Er hätte de facto die Hegemonie in der arabischen Welt …” Selbst ein Rückzug Iraks aus Kuwait im Gegenzug zu kuwaitischen Geldzahlungen – die bereits vor der Annexion zugesagt waren – , ja zwei Wochen nach Kriegsausbruch sogar ein Waffenstillstand, wäre für Born ein “fauler Kompromiss” mit “verheerenden Folgen”. Denn Saddam würde in der arabischen Welt als “psychologischer Sieger mit der politischen Statur eines neuen Nassers” dastehen.

Born ist Moralist. Darum ist der Ruf nach “Eliminierung des Tyrannen” (und einiger hunderttausend Irakerinnen und Iraker, wie sich jetzt abzeichnet) ein prinzipieller. Denn Hussein gefährdet “alle Hoffnungen auf ein zivilisiertes Zusammenleben der Völkergemeinschaft”.
Auch für Mr. Bush und Mrs. Thatcher spielt nach Born die Moral eine wichtige Rolle. Er vollbringt das Kunststück, die Frage nach der Kontrolle der Ölressourcen am Golf nicht als machtpolitische, sondern als rein moralische zu verkaufen: “Das Öl ist nur insofern ein Faktor, als dass nicht zugelassen werden darf, dass ein rücksichtsloser Tyrann sich … der Kontrolle über die Hälfte der Erdölvorkommen der Erde bemächtigt …”.
Tyrann plus Kontrolle gleich Erpressung gleich unmoralisch gleich Krieg. So lautet die Bornsche Gleichung. Darum ist der Mehrzahl der Amis auch klar, dass die “Boys und Girls … nicht an den Golf geschickt wurden, um dem Land einen niedrigen Benzinpreis zu sichern und die Fortführung seines energieverschwende-rischen Lebensstils zu ermöglichen”. Aber nein, Herr Born! Wer würde solch rüde Gedanken hegen und behaupten, dass nicht nur Realpolitik etwas mit Moral, sondern Moral sehr viel mit Realpolitik zu tun hat? Doch wohl nur einige “zynische Kontinentaleuropäer, denen es immer wieder schwer fällt, an die moralische Komponente in der Aussenpolitik von Engländern und Amerikanern zu glauben”.

Und genau diese Zyniker sind es, die da ihren “lamentierenden Warnchor” der “eu-ropäischen Kassandrarufe” anstimmen, die im “Tages-Anzeiger” das Vorpreschen des US-Rambos “bejammern”, die da behaupten, beim Völkerrecht gäbe es eine Doppelmoral, und damit “die Geister trefflich verwirren”, die zu den Friedenskräften gehören (jenen, die Herr Born in Anführungszeichen setzt), die den “Sirenenklängen einer Kompromisslösung” die Ohren öffnen, die im US-Kongress “immer schriller Mitbestimmung fordern”, bei denen man sich fragen muss, ob sie “mit verstaubten Begriffen wie ,Ehre’, ,Anstand’ und ,Würde’ überhaupt noch etwas anfangen können”, ja, die so zynisch sind, dass sie die “idealistische Politik, wie beispielsweise in Vietnam” (die der USA!) nicht am Golf wiederholt sehen wollen.
Jawoll! “Die Welt ist voll von skrupellosen Dritte-Welt-Diktatoren, die nach dem Territorium ihrer Nachbarn gelüstet.” Und darum ist “ein Krieg gegen Saddam nicht nur gerecht, sondern auch notwendig”.
Aber Born schnüffelt: “Der Gestank des Appeasement ist in der Luft!” Appease-ment wittert er überall: sei es im Fall der Krisen am Golf, in Litauen, in Rumänien oder in der Haltung gegenüber Iran. Born schiesst aus der Hüfte, und er schiesst schnell. Hätte Mrs. Thatcher auf ihn gehört, hätte sie nun auch mit Iran Krieg. Denn zum Mordaufruf Ayatollah Khomeinys gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie zerbrach sich Born in einem Frontseitenartikel den Kopf darüber, wie die “zivilisierte Welt” darauf reagieren könne. Empfehlung: “Khomeinys Spruch ist ein Kriegsakt. Die britische Regierung wäre im Recht, wenn sie ihm den Krieg erklären würde.”

Born ist ein Moralist. Born ist ein abendländischer Moralist. Born schreibt: “Die Welt, das heisst die von den USA geführte Koalition …” Born sieht durch Saddam “das wirtschaftliche Wohlergehen des gesamten Erdballs” gefährdet.
Born sinniert über die “Weltmeinung”. Und darum kann Borns Welt nicht rund sein. Er schreibt nichts über die arabische Welt, erwähnt keine historischen Hintergründe über Nahost, lässt keine arabischen Stimmen zu Worte kommen, schreibt nichts darüber, was Arabern das “Völkerrecht” (Borns moralisches Schwert) nach 1918 und 1932 bedeutet. Arabische Staaten besucht er kaum. Denn sein Ziel ist ein prinzipielles, kein journalistisches. Darum ist seine Ausgangslage auch so klar, dass “man sich über die Berichterstattung in unseren Medien wundert”. Hintergrund und Analyse überlässt er – der Auslandredaktor der “Weltwoche” – der Korrespondentin Birgit Cerha, von der jedes Jahr über 20 ganzseitige Artikel zum Nahen Osten in der “Weltwoche” zu lesen sind. Sie schreibt fundiert, kritisch, ohne den westlichen Dünkel eines Born.
Born ist der Mann fürs Grobe. Wo man kriegt oder revoluzzt, da fährt er ganzseitig und an prominenter Stelle ein, schwadronierend, agitierend, belehrend und aggressiv: Iran, DDR, Rumänien, Litauen, Golf.
Und während in Bagdad bereits Computer-Satelliten-gesteuerte “Cruise Missiles” durch die Gassen wedeln, macht Hanspeter Born einen Rückgriff ins 13. Jahrhundert, sinniert über den “gerechten, humanen” Krieg, dessen Bedingungen durch Thomas von Aquin kodifiziert wurden. Mit dem hat Born wenigstens die Ver-achtung für die Araber gemeinsam.

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