9. Juli 2007 von Klartext

Ferien im voraus

Das Interesse der Journalistinnen und Journalisten an der im Herbst erscheinenden überregionalen Westschweizer Tageszeitung ist gross. Chefredaktor Jacques Pilet hat die Qual der Wahl.

Im September oder Oktober soll das neue Blatt, Gemeinschaftsprodukt der Häuser “Edipresse” und “Ringier”, erstmals für das grosse Publikum gedruckt werden. Wie bei jeder Tageszeitung, die auf sich hält, sind sechs Ausgaben pro Woche vorgesehen.
Nach dem Beispiel von “Le Monde” müssen die Leser aber nicht etwa am Sonntag, sondern am Montag verzichten. Damit erhält die Romandie ihre dritte Sonntagszeitung – und die beiden Verleger sind am Tag des Herrn am Kiosk gleich doppelt vertreten.
Obschon es bis zum eigentlichen Start noch etwas dauert, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Zu Dutzenden geben sich bestandene Journalistinnen und Journalisten, genauso wie junge Leute auf der Suche nach dem ersten Job, die Türklinke zu Jacques Pilets Büro an der Lausanner Avenue de la Gare in die Hand.
Von den rund 300 Bewerberinnen und Bewerbern werden höchstens zehn Prozent ihre Namen im neuen Impressum wiederfinden. “Ich muss viele enttäuschen”, meint Chefredaktor Pilet lakonisch. Etwas überrascht hat ihn dieses Interesse schon, aber er ist natürlich auch stolz darauf, “dass das Abenteuer so viele gute Journalisten reizt”.
Abenteuerlich scheint die Lancierung der Zeitung vor allem in der gegenwärtigen (Werbe-)Konjunktur. Um sie kümmern sich vorläufig weder Verleger noch Chefredaktor. Die 30 Millionen Franken verlegerischer Grundstock scheinen über derartige Zweifel erhaben zu sein.
Und Pilet will den Werbeeinbruch relativiert wissen: “Man kann sich nicht vorstellen, dass der Golfkrieg von Dauer sein wird. Jedenfalls wird sich unsere Entschlossenheit nicht von der Konjunktur erschüttern lassen. Und wenn die Akzeptanz beim Publikum ungünstig ausfällt, wie das bei der ,Woche’ vor rund zehn Jahren der Fall war, dann ändert auch die Konjunktur nichts daran”, beseitigt er alle Einwände.
Trotzdem wird die Redaktion sparsam mit ihren Mitteln umgehen müssen. Schon der Umfang des neuen Blattes fällt mit den geplanten 24 Seiten eher mager aus. “Alles Überflüssige muss vermieden werden”, lautet die Parole. Die Unabhängigkeit sichert sich die Redaktion erst mit 30’000 verkauften Exemplaren.
Der Chefredaktor ist sich der Schwierigkeit bewusst und will wie jeder Newcomer möglichst alle, vor allem aber seine Kolleginnen und Kollegen von der Presse, bei guter Laune halten. “Wir wenden uns gegen die Überdosis von Bildern, nicht gegen die Kollegen.” Mit der ihm eigenen Bescheidenheit bezeichnet Pilet sein künf-tiges Produkt als “Gegengift zum Fernse-hen”. Er will keinen Fotografen fest anstel-len und Illustrationen äusserst zurückhal-tend einsetzen.
Eine direkte Konkurrenz zu bestehen-den Produkten wird die neue Redaktion allein schon deshalb vermeiden müssen, weil sie sonst dem eigenen Verleger Pierre Lamunière, Herausgeber der zwei Lausanner Tageszeitungen “Le Matin” und “24 heures”, ins Gehege gerät.
Was wird also anders sein? Pilet will “mehr Eigenleistungen” und quantitativ mehr Informationen aus der deutschen Schweiz – kurz- und mittelfristig sollen je zwei Korrespondentinnen- oder Korre-spondenten-Jobs in Bern und Zürich sowie einer im Tessin geschaffen werden.
Zudem verhandelt Pilet derzeit mit ausländischen Zeitungen über Zusammenarbeitsverträge und gemeinsame Auslandkorrespondenten. Am weitesten fortgeschritten sind bisher Absprachen mit der französischen “Libération”.
Für einen kleinen Teil der neuen Redaktion beginnt die Vorbereitung der Zeitung bereits im Mai, für den grössten Teil im Juni – damit die Journalistinnen und Journalisten ihre Ferien schon vor dem Start beziehen können. Sobald das Blatt in Druck geht, gibt es – so Pilet – “wohl während einiger Monate keine Ferien mehr”.
Ob bei der geplanten Lancierung im Herbst der Zürcher “Ringier”-Verlag allerdings noch mit von der Partie ist, bezweifeln viele Branchenkenner.
Selbst Lamunière glaubt nicht so recht daran, dass sein Juniorpartner – “Ringier” hält eine Minderheitsbeteiligung am geplanten Tageszeitungsprojekt – wegen der finanziell angeschlagenen Situation des Zürcher Medienmultis das nötige Kapital einschiessen kann.
Sollte sich “Ringier” zurückziehen, kä-me das Lamunière nicht ungelegen. Ohnehin wollte er das Projekt ursprünglich alleine durchziehen. Und den Mann, auf den der Lausanner besonders scharf war, haben ihm die Zürcher bereits abgetreten: Jacques Pilet, den renommiertesten Blattmacher der Westschweiz.

9. Juli 2007 von Klartext

Freche Lippe

Schweizer Offiziere sollen lernen, differenzierter und offener zu denken. Eine Zeitschrift, die ihnen dabei helfen wollte, ist in der Westschweiz geschei-tert. Nun versucht der Lausanner Verlag “Edipresse”, die Deutschschweizer Militärs mit einem neuen Magazin zu bekehren.

Die “Waadtländer Offiziersgesellschaft” (SVO) hat im Frühjahr 1990 zu einer Glas-nost-Übung gepfiffen: Das verbandsinterne Militärbulletin “Défense” sollte einen unabhängigeren und leserfreundlicheren Kurs fahren, um bei einem breiteren Publikum eine offene Diskussion über militärische Fragen anzuregen.
Die Übung ist nun Ende Januar – mit der fünften Nummer und einer Auflage von 4000 Exemplaren – wieder abgeblasen worden. Grund: Unter der Federführung des freien Journalisten Vincent Hutter, Nichtmitglied des SVO, hat die Diskussion allmählich Formen angenommen, die die Mehrheit der Waadtländer Offiziere nicht mehr goutieren wollte.
Hutter erteilte in “Défense” nicht nur der SP-Nationalrätin Françoise Pitteloud, sondern auch einem Dienstverweigerer das Wort. Und auch Ex-“Hebdo”-Chef Jacques Pilet durfte die welschen Militär-grinde vor den Kopf stossen, indem er in ihrem Blatt feststellte, dass die Schweiz für das letzte Jahrzehnt dieses Jahrtausends dringender Diplomaten statt Offiziere brauche.
Ganz undiplomatisch hat die SVO ihrem subversiven Chefredaktor Hutter das Mandat entzogen. Sein Nachfolger, der anpassungsfähige Werber und Offizier Jean-Charles Kollros, will von der Öffnungspolitik zwar nicht ganz ablassen, aber doch um einiges “diplomatischer” vorgehen.
Die Anhänger des rührigen Gedankens, in der Schweiz las-se sich offen und vernünftig über das Militär diskutieren, brauchen nach dem “Défense”- Fiasko allerdings nicht auf ihre “Glasnost”-Lektüre zu verzichten: Im Februar lanciert das Lausanner Verlagshaus “Edipresse” ihre erste deutschsprachige Zeitschrift – “Miliz”.
Erfunden und konzipiert hat das “Magazin für Sicherheits- und Friedenspolitik” Toni Wagner, Ex-Verlagsleiter der “Ringier”-Zeitschriften. “Edipresse”-Generaldirektor Pierre Lamunière fungiert als Herausgeber und Financier des Blattes, während Wagners Zürcher Werbe- und Kommunikations-Agentur “T & T Communication AG” quasi als Generalunternehmer den redaktionellen Inhalt, den Vertrieb, die Werbung und Anzeigenakquisition besorgt.
Korporal Wagner, Chefredaktor des sechsköpfigen Redaktionsteams im Nebenamt, zu KLARTEXT: “,Miliz’ ist kein waffentechnisches Militärmagazin, wir verstehen uns als offenen Diskussionsplatz für Offiziere und Kader in Armee und Wirtschaft. Wir wollen kritische Fragen stellen, aber dazu braucht man nicht subversiv zu sein. Natürlich ist ,Miliz’ grundsätzlich staatserhaltend, doch wir werden mit unseren Geschichten schon auch anecken, aber wegen einer reisserischen Story wird bei uns niemand in die Pfanne gehauen.”
Keine Bedenken hat Wagner (“Ich bin kein Militärfan”), dass er seinen potentiellen Lesern – “60’000 Offiziere und 200’000 Unteroffiziere in der Deutschschweiz” – genügend aufregende und brisante Geschichten bieten kann: “Als Redaktionsmitarbeiter konnte ich Ex-Korpskommandant Walter Dürig gewinnen.” Der ehemalige Fliegergeneral, “bekannt für seine freche Lippe” (Wagner), soll für “Miliz” “Türen aufmachen”. Doch auch Bundesrat Kaspar Villiger, dessen Ar-meereform-Pläne Unterstützung bei den Schweizer Offizieren bitter nötig haben, zeigt sich laut Wagner von “Miliz” begeistert. “Wir werden euch helfen, damit ihr die Stories machen könnt”, versprach er Wagner.
Dass “Miliz” auch finanziell ein Erfolg wird, davon ist Wagner überzeugt. In drei Jahren, so hofft er, soll das Magazin (Budget rund 2,5 Millionen Franken) mit einer verkauften Auflage von 20’000 Exemplaren und 30 bis 35 Seiten Anzeigen in die schwarzen Zahlen kommen.
“Für ,Miliz’ wurden die umfangreichsten Marktabklärungen gemacht, die ich je erlebt habe. Pierre Lamunière hat mich denn auch gewarnt: ,Bei mir gibt es keine Flops'”, zeigt sich der Ex-“Ringier”-Direktor beeindruckt.
Bereits tüftelt Wagner (“Mein Beruf ist das Zeitschriftenmachen”) an einem weiteren Projekt, das er ähnlich wie “Miliz” an einen Verleger verkaufen will: “Es soll ein Produkt für den Kulturbereich werden, einen Interessenten habe ich schon.”

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr