10. Juli 2007 von Hans Stutz

Geköppeltes Weltbild

Aus welchem politischen Garn wird das Magazin “Die Weltwoche” gestrickt? Hans Stutz liest sich durch die bisher erschienenen Nummern.

Wer schreibt denn da von der “Schweizer Volksseele”, von einer “mit den Genen eingeprägten Bergler-, Bauern- und Hirtenkultur”? Ist es Philipp Etter oder Gonzaque de Reynold, einst Etters Freund und Vordenker der “Geistigen Landesverteidigung”? Wer fabuliert vom “Schweizer”, der “ein pragmatisches Tier” sei? Ist es Konrad Lorenz oder sein Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeld, der immer wieder gerne von nationalistischen Fremdenfeinden zitiert wird? Oder ist es Roger Köppel, der seinen Frühlingsbonus 2000 in New York für “Kleider, kalifornischen Rotwein und Smith-&-Wollensky-Prime-Ribs zu verpulvern” versuchte und diesen Ausflug als Einstieg nimmt, um über die Spiegelungen der “Schweizer Volksseele in den Aktienmärkten” zu sinnieren? In der Tat, solch angestaubten Biologismus verbreitet der auf jugendlich und Markenartikel getrimmte “Weltwoche”-Chefredaktor. Zwar beteuert er gegenüber KLARTEXT, den “Volksseele”-Text mit einem Augenzwinkern geschrieben zu haben. Schade nur, dass der Leser nichts davon bemerkt und Köppel auch in einem weiteren “Weltwoche”-Artikel ganz ernsthaft vom “Menschen, schollengebunden wie er ist” schreibt.
Eigentlich wollte KLARTEXT für diesen Artikel einen profilierten Medienjournalisten, eine versierte Medienbeobachterin engagieren. Die Aufgabe: Das “Weltwoche”-Magazin pointiert beschreiben und einordnen, inhaltlich keine Vorgaben. Eine angefragte Person findet die Idee gut, sie arbeite aber nun bei der Konkurrenz. Eine andere winkt ab, sie sei Köppel-geschädigt, ein allfälliger Verriss würde als Rachefeldzug hingestellt und dies wolle sie nicht. Eine dritte hält sogar einen Abend Zwiesprache mit der Agenda, aber anderntags sagt sie ab, keine Zeit, unmöglich, schade. Auch eine vierte Person “hätte da einiges zu sagen”, aber ein grösseres Projekt muss bald fertig sein. Die Deutschschweizer Medienszene ist eng, die Abhängigkeiten vielfältig. Was aber weder Indiz noch Beweis für das ist, was sowohl Roger Köppel wie auch Jean-Frey-CEO Filippo Leutenegger behaupten, dass nämlich die JournalistInnen “Lemminge” seien (Leutenegger), bzw. die “selbst gesetzte Agenda” fortschrieben und unreflektiert “Wertungen und Haltungen von Kollegen” übernähmen. Die “Weltwoche” sei stets ausserhalb der Medienszene gestanden und habe sich immer gegen normiertes Denken gewandt (siehe Gespräch mit Roger Köppel, Seite 10). KLARTEXT aber fragt sich: Ist der von Köppel und Leutenegger beschworene Kampf gegen angebliche “Denkverbote” nicht eher eine Vernebelungsaktion, um die eigene politische Haltung zu kaschieren?

Fehlende optische LeserInnen-Führung
Zur Überprüfung der Frage setzt sich der Schreibende in einen Bibliotheks-Lesesaal, vor sich alle “Weltwoche”-Nummern, die in Magazin-Form erschienen sind. “Ihre Weltwoche” hatte in der ersten Magazin-Ausgabe den Anspruch verkündet, inhaltlich “einen sachlichen und inspirierenden Journalismus” betreiben zu wollen, der eigene Akzente setze. Bei der Gestaltung habe man alle Massnahmen vermieden, “die unser Blatt in den Verdacht einer hyperventilierenden Zeitgeist-Ästhetik rücken”. Der Leser in der Bibliothek merkt bald, die Titelblätter rauschen an ihm vorbei wie Wasserwellen. Es ist jedes Mal eine andere, aber sie sieht gleich aus wie die vorherige. Bei der Lektüre verliert er schnell die Übersicht (wo bin ich gerade im Heft?), eine Folge des optisch kaum strukturierten Heftes. Dazu kommt, dass der Inhalt des Kulturteils im hinteren Viertel des Magazins meist beliebig ist und den Charme eines Wurmfortsatzes verströmt.
Über Monate hinweg war das Wort “Provokation” Köppels Lieblingsvokabel, wenn er zu seinem angestrebten Kurs befragt wurde. Ist es Provokation oder einfach nur Knallfroschwerfen, wenn einige Wochen vor der Abstimmung über die Initiative für Mutter und Kind ein Artikel “Warum ich nicht abgetrieben habe” von Antje Potthoff erscheint? Der Text beginnt mit der Diskreditierung des feministischen Milieus: “Die Liste der Vorschriften für emanzipiert sein wollende Frauen, herausgegeben von emanzipiert zu sein glaubenden Frauen, ist mittlerweile um Ellen länger und doofer als die Vorschriften, von der sich die Frauen einst zu emanzipieren suchten.” Aber auch Potthoff meint, jede Frau solle “mit ihrer Leibesfrucht verfahren, wie es ihr beliebt und sie es verknusen kann”. Die AbtreibungsgegnerInnen konnten diese Geschichte nicht vereinnahmen und zur Diskussion um die Abstimmung trug sie wenig bei, ausser den Punkt, dass es auch einige Frauen gibt, die viele Kinder gebären wollen und sich dies leisten können. Ein Artikel also, der auf kurzfristigen Effekt angelegt ist, mehr nicht.
Beim Blättern in den Heften fällt dem Leser bald einmal auf: Es hat auch Geschichten, die alle anderen Deutschschweizer Wochenblätter – auch die “WochenZeitung” – wohl gerne im Blatt gehabt hätten: Daniel Ammanns Enthüllung der dilettantischen Fragen aus Samuel Schmids Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport an den südafrikanischen Geheimdienstler Wouter Basson. Ein differenziertes Interview mit dem Friedensforscher Johan Galtung über die Schwierigkeiten, Friedens- oder Versöhnungsverhandlungen zu führen. Oder auch die Erinnerungen eines Freundes an Gabriel Garcia Marques anlässlich des Erscheinens des ersten Bandes von Marques‘ Autobiografie. Der langjährige “Weltwoche”-Autor Martin Kilian beobachtet weiterhin ebenso differenziert wie sorgfältig die Vereinigten Staaten von Amerika, Martin Beglinger schreibt weiterhin virtuos und präzis. Auch Peter Bodenmann überrascht immer wieder mit gekonnten Einwürfen.

Anthropologische Konstanten
Aber diese Highlights können nicht kaschieren, was die Essenz von Köppels “Weltwoche” ausmacht, jener “Weltwoche”, in der Gene angeblich gesellschaftliches Leben vorbestimmen. Allen Ernstes behauptet Köppel in einem Kommentar, überschrieben mit “Fluten und Dämme” (Klaus Theweleit, übernehmen Sie?): Fremdenhass und Gruppenegoismus seien “uralte anthropologische Konstanten. Unausrottbar, jedem Menschen vielleicht sogar genetisch eingepflanzt”. Solches Zeug fabuliert sonst der Verhaltensforscher und Anthropologe Irenäus Eibl-Eibesfeld, als ob es weder Vernunft noch zivilisatorische Sublimierung noch Aufklärung gäbe. Von der Betonung der Gene ist es nicht weit bis zur Behauptung von Nationaleigenschaften. Auch in der “Weltwoche”: “Die Amerikaner sind unfähig, die Reichen zu hassen; sie werden sie immer den Armen vorziehen”, behauptet Michael Lewis, den die “Weltwoche” als “einer der brillantesten Wirtschaftsjournalisten der USA” ankündigt. (Haben die dort drüben wirklich keine differenzierter denkenden JournalistInnen?) Und der bekannte Historiker und Terrorismus-Forscher Walter Laqueur qualifiziert Maxim Gorkis Empörung über soziales Elend in den Vereinigten Staaten flugs als “Antiamerikanismus”. Der Begriff taucht erstmals im Frühling in Laqueurs Aufsatz auf, um dann im Herbst wiederholt hervorgeholt zu werden. Er dient – insbesondere in einem Aufsatz von Henryk Broder – zur Diskreditierung der Kritik an den Angriffsplänen der USA. Wird dies die “Weltwoche”-Generallinie für den sich abzeichnenden Krieg USA vs. Irak werden? Immerhin hat Hanspeter Born, der altgediente Bewunderer aggressiver US-Politik, bereits andere US-Attacken journalistisch wohlwollend begleitet. Nein, so US-nahe wie Born ist das Köppel-Blatt nicht. Im Gegenteil, es hat diese Auseinandersetzung über Monate hinweg ernsthaft, vielfältig und kontrovers geführt.
In der Tat, auf die Schnelle kann der Leser die neue “Weltwoche” ideologisch nicht festlegen. Auch in seinem “Fluten und Dämme”-Text zeigt der Chefredaktor einerseits – durch den Verweis auf die angebliche genetische Vorbestimmung – viel Verständnis für Fremdenfeinde, doch kritisiert er auch eine “Angst- und Abschottungsoffensive von rechts”, die “nicht wirklich weiterhelfen” würde. Er plädiert für eine Migrationspolitik, die er “urliberal” nennt und postuliert den “Zustrom energischer Arbeitskräfte”: “Erstens werden die Immigranten dereinst unsere AHV bezahlen. Zweitens sind sie attraktiv, weil sie auch tiefere Löhne für gleiche Arbeit zu akzeptieren bereit sind.” Zumindest als LohndrückerInnen sollen AusländerInnen also willkommen sein. Was aber sind “energische Arbeitskräfte”? Es sind – so Autor Johannes von Dohnanyi zum Thema “Welche Ausländer wollen wir?” – die “vorwärts strebenden, ehrgeizigen und vor allem gut ausgebildeten Immigranten”. Dohnanyi wie Köppel verweisen lobend auf die “liberale Einwanderungspolitik” der USA. Kein Wort über die rund zweitausend Kilometer lange, technisch hoch gerüstete USA-Grenzmauer gegen Mexiko. Liberal? Sogar urliberal? Und allenfalls für wen?

Nichts am Hut mit Solidarität
In der “Optimismus-Nummer” schreibt “Weltwoche”-Autor Ernst Kindhauser enthusiastisch über Chile, lobt den dort praktizierten Neoliberalismus, erwähnt zwar Pinochets einstigen politischen Terror, aber der ist ja nun vorbei. Dann der Satz: Chile gehöre heute “zu den Ländern mit den grössten sozialen Unterschieden”. Für Arme ist dies kein Grund für Optimismus. Im Gegenteil. Nur: Was kümmert die Armani-Anzug-Träger die Billiglöhne, die allenfalls bei der Herstellung des Stoffes gezahlt wurden? Solidarität? Who cares? Dazu passt eine Geschichte, die aus der “Weltwoche”-Redaktion berichtet wird: Kurz vor der Abstimmung über die Solidaritätsstiftung verändert Köppel persönlich im Satz “Weshalb ein guter Mensch gegen die Solidaritätsstiftung sein kann”, das “kann” zu “muss”. Diesen Entscheid will er KLARTEXT gegenüber allerdings nicht begründen.
Köppels “Weltwoche” lässt sich auch politisch orten, wenn der Leser sich vergegenwärtigt, wer wie beschimpft wird. In der Auseinandersetzung um den Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler beklagt Köppel vor allem, dass “das Schauspielhaus zur moralischen Bastion gegen den Neoliberalismus” geworden sei und dass dort “simpelste Gesellschaftskritik aus der Mottenkiste der Frankfurter Schule” betrieben worden sei. Der Journalist Urs Paul Engeler befürwortet zwar die SVP-Anti-Asylinitiative nicht explizit, höhnt jedoch über die “Moralisten wider die Asyl-Initiative”, wie er überhaupt jede Gelegenheit wahrnimmt, die Gegner der Neoliberalen und Nationalkonservativen vorzuführen. Die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch dürfen immer wieder Umweltbewusste oder -besorgte als “Öko-Romantiker” mit “statischem Naturbild” bezeichnen, auch nachdem ihnen Fachkompetente das Ausblenden missliebiger Sachverhalte nachweisen. Wer den räuberischen Kapitalismus kritisiert, ja gar nur – wie der wirtschaftsfreisinnige Bundesrat Pascal Couchepin – ein paar Worte gegen die “Abzocker”-Mentalität sagt, singe – so “Ihre Weltwoche” – “im vielfältig besetzten Chor der Neider”.
Lob ernten andere. Zum Beispiel Christoph Blocher und Martin Ebner. Diese seien “Revolutionäre von rechts” behauptet zumindest “Weltwoche”-Autor Markus Schneider. Und diese hätten es “in bester 68er-Manier geschafft (…), dass die Machthaber sich andauernd herausgefordert fühlen”. Nicht jeder, der im Salon wie ein Stammtisch-Bruder pöbelt, ist bereits ein Revolutionär oder auch nur ein Rebell.
Der Leser in der Bibliothek sehnt sich allmählich nach frischer Luft. Er meint auch den Kern von Köppels “Weltwoche” gefunden zu haben. Sie plädiert für eine wenig begrenzte Dominanz der Schwachen durch Starke und der Natur durch den Menschen. Oder in Anlehnung an einen Buchtitel von Richard Sennett: Sie plädiert für wenig Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. So gelingt es – um nur noch ein kleines, quasi anekdotisches, Beispiel zu nennen – der Autorin Franziska K. Müller, in einem Porträt von Emine Yakin – der Mutter von Murat und Hakan Yakin – diese fast ausschliesslich beim Vornamen zu nennen. Einige Seiten weiter vorn erlaubt man sich dies mit Micheline Calmy-Rey – inzwischen Bundesrätin – selbstverständlich nicht.
Zum Schluss will der Leser sich noch einige Seiten kopieren. Aber “Ihre Weltwoche” hat A4-Überformat. Zuerst also den Zoom feinjustieren (rund 90 Prozent sind nicht schlecht). Die “Weltwoche” im neuen Format ist gelegentlich aufregend (welchen Stuss schreiben die wieder!), seltener anregend, immer jedoch ist sie unpraktisch, zumindest beim Fotokopieren. Gelegentlich gibt es auch etwas zu lachen. “Kräht die Potthoff wieder, schmerzen alle Glieder”, dichtet ein Leserbriefschreiber. Zugegeben, ein bisschen derb, aber dem Niveau von Köppels “Weltwoche” entsprechend.

10. Juli 2007 von Zora Zensura

Heilige Einfaltigkeit

Also echt. Da fläzt man sich am Samstag nachmittag tapfer vor den Fernseher, zu einer Zeit, da sich nur Bettlägerige oder Irre SF2 antun. Man tut es, um sich endlich einmal die Heldentaten Gottes anzuschauen – einmal wöchentlich zu sehen im “Fenster zum Sonntag”, präsentiert von der schnackigen Jeannette Meier. Das ist die, die es vor einigen Jahren fast ins Final der Miss-Schweiz-Wahlen geschafft hätte. Als es dann nicht reichte, kam sie bei der Rockgruppe E-rotic unter und sang beherzt Playback. Später präsentierte sie auf Star TV Dildos und anderen Sex-Fummel. Und plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, traf sie die heilige Einfaltigkeit. Seither “ploderet” sie “taggtaggtaggtagg” (Jeannette über Jeannette) von Gott und der grossen Bekehrung.
Jeannette Meier einmal ploderen zu hören, wäre was gewesen. Aber ausgerechnet an diesem trüben Samstag überlässt sie die Moderation einem farblosen Schwätzer. Artig unterhält dieser sich mit “Glückspilz” Dieter Ammann, einem kräftigen Brocken von Mann mit Schnauz und halbseitig gelähmtem Gesicht. Er erzählt, die Gesichtslähmung habe er seit zehn Tagen … das sei wohl auch ein Zeichen Gottes … Vor vielen Jahren rief Ammann Jesus an – “Gott, wenns di git, hilf mir!” Gott gab ihm ein Zeichen. Und seither glaubt Ammann prinzipiell, was in der Bibel steht. Eine halbe Stunde lang beharrt er darauf, ein Glückspilz zu sein. Plaudert von seiner Kinderlosigkeit, dabei hätten er und seine Frau doch so gerne Kinder. Er erzählt, wie sein Arbeitgeber ihn vor zwei Jahren auf die Strasse stellte. Seither ist er selbständig Erwerbender und hat nun eben auch noch diese Lähmung. Der Glückspilz. Andere würden das Schlappe oder Masochismus nennen. Aber nicht Ammann, schliesslich tritt er im “Fenster zum Sonntag” des Evangelischen Rundfunks (Erf) auf, der sich das “Medienunternehmen mit der guten Nachricht” nennt.
Glaubt man den Erf-Grafiken, verbreitet der Sender diese “gute Nachricht” mit Erfolg. Allein dieses Jahr sammelte er schon fast 4 Millionen Franken. Als Hauptsponsor tritt Rimuss auf; der Sprudelwein wird bekanntlich vom notorischen Rechtsaussen Emil Rahm fabriziert. Des Gottes-Senders Wege sind wahrlich ergründlich – gründlich rechts.

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