10. Juli 2007 von Bettina Büsser

“Nichts läge mir ferner als ein Ideologieblatt”

Roger Köppel, Chefredaktor der “Weltwoche”, zu Statussymbolen, ersten erfreulichen Zahlen, zum Stolz auf seine Redaktion und zum Antiamerikanismus.

Klartext: Roger Köppel, haben Sie inzwischen eine Frau gefunden?
ROGER KÖPPEL: Seit der Borer-Affäre wissen wir, dass Recherchen in der Privatsphäre schlimm enden können. Deshalb: No comment.
Klartext: Auf dem “Weltwoche”-Werbeplakat mit dem Spruch: “Ich wünsche der neuen Weltwoche, dass sie mich nie mehr für ihre Werbung braucht. Und dem Roger Köppel wünsche ich eine Frau” bezog sich Pipilotti Rist ja auf eine Aussage von Ihnen: Sie hatten als neuer “Weltwoche”-Chef erklärt, früher habe man an der Uni die “Weltwoche” unter dem Arm getragen, um Frauen zu beeindrucken.
KÖPPEL: Der Satz wurde von einem Redaktionskollegen beim “Tages-Anzeiger-Magazin” geprägt. Er bezog sich auf seine Erfahrungen im Studium, als die “Weltwoche” nicht nur gelesen wurde, sondern geradezu als Statussymbol galt.
Klartext: Wie ist es heute, ein halbes Jahr nach Einführung der Magazin-Form? Haben Sie Feedbacks erhalten von Studenten oder Studentinnen, dass die neue “Weltwoche” wieder ein Statussymbol geworden ist?
KÖPPEL: Ich bitte die Ernsthaftigkeit der zitierten Formel nicht zu überschätzen. Wir wollen nicht primär ein Statussymbol herstellen, sondern eine gute Zeitung machen. Die “Weltwoche” ist sicherlich eine der grossen Marken, die diese Ausstrahlung haben können, wenn man es gut macht und wenn man es schafft rüberzubringen, was in diesem Titel angelegt ist. Darin besteht die Faszination des Blattes.
Klartext: Aber hat sich dieser Statuswert – seit die “Weltwoche” als Magazin erscheint – verändert?
KÖPPEL: Das müssen andere beurteilen. Als ich zur “Weltwoche” kam, hat mir ein langjähriger Redaktor gesagt: Willkommen auf der Kommandobrücke der Titanic; du übernimmst sie im Moment, in dem sie bereits unter Wasser steht. Heute haben wir eine Phase erfreulicher Fortschritte hinter uns. Die Leserzahl ist seit dem Relaunch gestiegen, die Werbewirtschaft zeigt wieder Vertrauen in den Titel. Das sind schöne Anfänge, und ich bin überzeugt, dass wir noch zulegen können.
Klartext: Wir haben Vorbehalte zu den veröffentlichten Abozahlen: Die “Weltwoche” macht grosse Aktionen mit Gratisausgaben. An der Uni beispielsweise werden Gratisnummern aufgelegt, mit dem Schnupperabo-Angebot: 10 Nummern für 20 Franken. Wie viele der neuen Abos sind Schnupperabos?
KÖPPEL: Da wir in unserem Haus Geld und Geist trennen, müssen Sie das mit dem Verlag besprechen. Ich sage nur: 34 Prozent mehr Leser ist eine positive, verbriefte Basis. Darauf müssen wir aufbauen.
Klartext: Heute spricht der Verlag von einer durchschnittlichen Auflage von 90’000. 1999 lag die Auflage in ähnlicher Höhe. Dann hat der Verlag entschieden, Schnupper- und Gratisabos rauszuwerfen, um klare Zahlen zu erhalten. Die Auflage sank daraufhin auf rund 84’000 Exemplare. Heute spricht man wieder von 90’000. Wir fragen uns, wie diese Erhöhung zustande kommt. Man kann ja verschiedene Strategien anwenden, um die Auflage zu erhöhen.
KÖPPEL: Die Vergangenheit möchte ich nicht kommentieren, Ihre Mutmassungen auch nicht. Nur so viel: Jahrelang sind Leser- und Abozahlen bei der “Weltwoche” gesunken, jetzt steigen sie fürs erste wieder. Bei den Festabos stellen wir seit Mai einen Aufwärtstrend fest. Ich bin davon überzeugt, dass sich Qualität und kommerzieller Erfolg nicht ausschliessen – im Gegenteil. Aber ich gebe Ihnen Recht: Wir dürfen nach den ersten Erfolgen ja nicht überheblich werden. Es gibt keinerlei Grund dazu. Der Titel muss langfristig aufgebaut werden.
Klartext: Es gibt ja noch eine andere harte Währung, die Inserate. Es fällt auf, dass der Verlag nicht vom Umsatz spricht, sondern vom Volumen. Es ist auch bekannt, dass bei Neulancierungen mit Rabatten gearbeitet wird.
KÖPPEL: Als Chefredaktor sortiere ich Buchstaben, nicht Zahlen. Aber um auf die Frage zu kommen: Man hat uns prognostiziert, dass wir nach dem schwierigen Start im Mai, als alle Mediapläne gemacht waren, auf dem Inseratenmarkt verdursten werden. Bis jetzt sind diese Voraussagen nicht eingetroffen. Wir hatten eine durchaus erfreuliche Inserateentwicklung in diesem Herbst.

Klartext: Die “Weltwoche” hat neue Besitzer. Hauptaktionär Tito Tettamanti hat sich über Sie höchst positiv geäussert. Tun Sie dasselbe auch über ihn?
KÖPPEL: Auf Grund unserer ersten Kontakte schätze ich Herrn Tettamanti sehr als sensiblen, intelligenten und interessanten Gesprächspartner. Wir teilen ein Flair für historische Themen. Sein Engagement für die Unabhängigkeit unserer Verlagsgruppe halte ich für ein grosses Venture. Niemand wusste, wie es herauskommen würde. Ich hoffe, er freut sich auch ein bisschen über die ersten Fortschritte.
Klartext: Tito Tettamanti hat in einem Interview gesagt, die “Weltwoche” fürchte sich nicht, gewisse Themen “politically incorrect” anzugehen. Political Correctness sei eine der Sachen, die er am meisten hasse, sei eine Dummheit und erst noch gefährlich.
KÖPPEL: Ich glaube, Tito Tettamanti hat Recht. Political Correctness ist zwar eine etwas abgegriffene Formel geworden, aber es stimmt schon. Die “Weltwoche” hat sich in den besten Zeiten ihrer Geschichte immer um Unabhängigkeit und Unerschrockenheit bemüht. Vor allem: Sie war nie langweilig. Sie stand stets ausserhalb des grossen Medienkuchens, hat Denk- und Sprachregelungen in Frage gestellt durch intelligent geschriebene und gut recherchierte Artikel. Diese Tradition, die immer Vorbildcharakter hatte für mich, gehört zum Markenkern des Titels.
Klartext: Einer der grössten Lobbyisten in diesem Land, Peter Weigelt (Lobbyagentur Mediapolis), ist ebenfalls Aktionär. Sehen Sie da keine Schwierigkeiten?
KÖPPEL: Wo soll das Problem liegen? Wir haben eine strenge Trennung zwischen Geld und Geist. Im Übrigen sind die Aktionäre daran interessiert, dass wir ein gutes und spannendes Blatt machen, das die Leser lieben. Dann verdienen sie Geld, haben Freude und sind, wie wir alle, stolz auf die “Weltwoche”.
Klartext: Es geht um das Image und die publizistische Unabhängigkeit.
KÖPPEL: Darüber mache ich mir keine Sorgen. Eine Gefahr für die publizistische Unabhängigkeit von Journalisten sehe ich im allgemeinen höchstens darin, dass sie ihrem eigenen Milieu gegenüber manchmal zu wenig kritisch eingestellt sind. Man inspiriert sich gegenseitig, schreibt die selbst gesetzte Agenda fort, übernimmt unreflektiert Wertungen und Haltungen von den Kollegen. Nehmen Sie den Fall Bellasi: Was wurden da für Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt und auch noch mit dem Journalistenpreis geahndet. Nehmen Sie den Fall Rey: Da wurde ein gescheiterter Unternehmer zum Kriminellen erklärt, bevor die Gerichte tagten. Diesen Herdentrieb halte ich für problematisch. Da muss man sehr selbstkritisch sein.
Klartext: Mit ihrem regelmässigen Rätsel, das sie wie ein Inserat bezahlt, tritt die Ems Chemie von Christoph Blocher quasi als Sponsor der “Weltwoche” auf. Man sponsert ja nur Dinge, deren Inhalte man gut findet. Ist Ihnen das nicht ein bisschen unheimlich?
KÖPPEL: Alle Menschen, die deutsch lesen können, sind herzlich eingeladen, uns gut zu finden. Im Ernst: Genauso wenig wie die WoZ ihre Seele verkauft, wenn sie die NZZ inserieren lässt, fühle ich mich durch das Ems-Kreuzworträtselinserat in unflätiger Weise behelligt. Aber die Insertionspolitik der Emser Werke müssten Sie mit den entsprechenden Stellen bereden.

Klartext: Gegen Ende 2001 gab es eine Reihe von Entlassungen bei der “Weltwoche”. Damals hiess es: Roger Köppel will diejenigen Leute nicht mehr, die nicht in sein politisches Konzept passen.
KÖPPEL: Das war eine Verschwörungstheorie, die in Konkurrenzzeitungen verbreitet wurde. Ich habe journalistisches Können immer höher gewichtet als politische Einstellungen. Ich habe Res Strehle als Stellvertreter zum “Magazin” geholt, weil ich ihn für einen hervorragenden Journalisten halte, auch wenn er eine andere politische Schule durchlaufen hat als ich. Wer gut schreiben, also gut denken kann, ist auch auf der “Weltwoche” herzlich willkommen. Entscheidend ist, dass am Schluss ein interessantes Blatt entsteht, das von möglichst vielen Menschen gelesen wird.
Klartext: Ist die jetzige Redaktion diejenige, die Sie wollen?
KÖPPEL: Ich bin stolz auf diese Equipe. Sie hatte keine leichte Zeit. Zuerst der jahrelange Leser- und Inserateschwund. Nachher wurde ich der Redaktion zugemutet, dann ein neues Konzept, schliesslich zwei neue Besitzer. Manchmal habe ich mich durchaus gefragt, wo das Ganze noch hinführen kann. Aber es war für alle ein verrücktes Jahr. Ein Redaktionsteam freilich ist kein Beamtenapparat, da kann es auf Grund von Meinungsverschiedenheiten oder Leistungsanforderungen immer zu Veränderungen kommen. Das ist normal.
Klartext: Aus der Redaktion ist zu hören, die Leute seien eher unruhig und fühlten sich wenig sicher.
KÖPPEL: Ich führe keine Mitarbeitergespräche über Drittmedien. Aber glauben Sie mir: Ich schätze mein Team. Wir haben eine hochkarätige Truppe. Mag sein, dass meine Ankunft im letzten Jahr verunsichernd, für einige auch kränkend wirkte. Ich habe damals ziemlich deutlich gesagt, was mir an der “Weltwoche” nicht gefällt. Ich bin mit dem Auftrag und mit der Idee angetreten, Veränderungen durchzuführen. Um so erfreuter bin ich heute: Trotz schwierigen Umständen haben wir einen ersten erfolgreichen Prozess hinter uns.
Klartext: Aus der Redaktion ist auch zu hören, Ihre Pläne und Ziele seien zu wenig bekannt, die Kommunikation funktioniere nicht sehr gut. Zum Beispiel fand Mitte November eine Retraite von Chefredaktion und Ressortleitern statt, über die Sie nicht informiert haben.
KÖPPEL: Das sind Interna, aus dem Zusammenhang gegriffen. Dazu möchte ich nichts sagen. Aber grundsätzlich haben Sie recht: Jeder Chef könnte besser kommunizieren und delegieren. Da habe ich sicher auch schon Fehler gemacht.
Klartext: Die Leute fragen sich, ob hinter der schlechten Kommunikation eine Strategie Ihrerseits steckt?
KÖPPEL: Ich habe keine versteckte Agenda.
Klartext: Wo sehen Sie sich als Führungsperson – Basisdemokratie oder Elite?
KÖPPEL: Von Basisdemokratie halte ich nichts. Wochentitel müssen mit klaren Verantwortlichkeiten geführt und geprägt werden. Durch gute, inspirierte Redaktorinnen und Redaktoren, durch hervorragende Schreiber.
Klartext: Offenbar herrscht aber ein starker Leistungsdruck bei der “Weltwoche” und ein brutaler Kampf darum, wer ins Blatt kommt.
KÖPPEL: Ich habe nichts gegen Leistungsdruck. Es war mein Ziel, den Ideenwettbewerb auf diesem Blatt wieder zu verstärken. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen beim “Tages-Anzeiger-Magazin” gemacht. Man kann es brutal oder anstrengend oder faszinierend nennen. Aber wir sind nun mal eher ein Kür- als ein Pflichtprogramm. Da die “Weltwoche” in den achtziger Jahren Standards setzte, die weithin kopiert wurden, müssen wir heute sehr gut sein, um die Konkurrenz zu schlagen. Das ist für mich der Reiz an der ganzen Sache, diese Freiheit im Umgang mit den Themen, die unbegrenzten Möglichkeiten, die die “Weltwoche” einem Journalisten bietet.

Klartext: Haben Sie sich darüber gefreut, dass die SVP-Asylinitiative so knapp abgelehnt worden ist? Sie haben ja Ihren Teil dazu beigetragen: Eine Schlagzeile wie diejenige der “Weltwoche” – “Eine Million Franken pro Flüchtling” – haben wir vorher nur in Ulrich Schlüers “Schweizerzeit” gesehen.
KÖPPEL: Ich habe in der “Weltwoche” schon verschiedentlich darüber geschrieben, dass ich von der Abschottungsmentalität europäischer Länder in Fragen der Ausländermigration nicht viel halte. Als liberal denkender Mensch ist mir die amerikanische Immigrationspolitik mit ihrem wettbewerbsorientierten Leistungsansatz, ihrer Offenheit für Leute, die sich bewähren wollen, sympathischer. Der von Ihnen angesprochene Artikel behandelte ein ganz anderes Thema: Markus Schär hat mit Fakten belegt, dass unsere Asylpolitik mehr Geld verschlingt als angenommen, dass sie zum Teil unbefriedigende Resultate erzeugt und vor allem: Dass in der Schweiz keine offene Diskussion darüber geführt werden kann, weil jeder Kritiker sofort zum Rassisten oder zum Rechtsextremen gestempelt wird. Früher hiess es: “Moskau einfach”. Heute heisst es “Rechtspopulist”. Dieser pathologische Anti-SVP-Reflex trägt nichts zu einer sachlichen Debatte bei.
Klartext: Im Asyl-Artikel von Markus Schär wurden Themen ausgeblendet. Und dann ist die Wahl der Worte auch immer eine Wertung: Der verwendete Begriff “Asylindustrie” beispielsweise lässt sich eindeutig orten.
KÖPPEL: Natürlich wurden Wertungen vorgenommen. Jeder Artikel nimmt Wertungen, Akzentsetzungen vor. Hier lautete das für mich plausible Argument: Die Asylbürokratie funktioniert wie alle Bürokratien dieser Welt. Sie folgt dem Gesetz des inneren Wachstums. Zudem wurden ein paar kritische Noten zu bestimmten Exponenten des Asylwesens gesetzt. Wir haben dann aber auch diese Stimmen im Blatt an prominenter Stelle zu Wort kommen lassen.
Klartext: Einer Stellungnahme gleich kam der Zeitpunkt, an dem die “Weltwoche” Schärs Artikel brachte – kurz vor der Abstimmung über die Asylinitiative.
KÖPPEL: Ich bin anderer Meinung. Wir haben das Thema Asylinitiative im Fortgang der Debatte ebenfalls, übrigens kritisch, behandelt. Grundsätzlich: Eine Zeitung muss schreiben, was sie nach bestem Wissen und Gewissen schreiben und belegen kann. Sie ist der Wahrheit, nicht der Politik verpflichtet. Im Übrigen sind die Leser und Stimmbürger oft mündiger, als Journalisten und Politiker glauben: Als uns die grossen Zeitungen der Schweiz seinerzeit in den EWR schreiben wollten, stimmte das Volk dagegen ab. Leser können sich auf Grund von präsentierten Fakten ein eigenes Urteil bilden. Welche Wirkung ein Artikel auslöst – das kann niemand sagen. Wichtiger ist, dass alles stimmt.
Klartext: Der Artikel geht von einem sehr engen Flüchtlingsbegriff aus, der nicht mit der heutigen Realität übereinstimmt: Die Gewaltflüchtlinge werden zu den unechten Flüchtlingen gezählt. Andererseits hätte der Artikel sich mit dem Arbeitsverbot für Asylbewerber befassen können. Doch so lautet die Schlussfolgerung des Artikels einfach: Jeder Flüchtling kostet viel!
KÖPPEL: Nach Schärs Informationen ist der Wirkungsgrad der eingesetzten Mittel im Schweizer Asylwesen geringer als erwünscht. Zudem belegt der Text mit Fakten die Dimension der Aufwendungen. Das war das Thema. Ist es unsachlich, im Asylwesen die Kostenfrage zu stellen? Ich finde nicht.

Klartext: Vorher beschwerten Sie sich darüber, zum Rechtspopulisten gestempelt zu werden. Wenn Sie Themen von allen Seiten her aufgreifen, müssten Sie logischerweise hie und da auch als Kommunist beschimpft werden …
KÖPPEL: Ich funktioniere nicht nach dem Giesskannenprinzip des Politproporz. Die englischen Moralphilosophen Adam Smith und David Hume sind mir näher als Marx oder Lenin. Während des Studiums hat mich neben den Filmen von Martin Scorsese der angelsächsische Liberalismus beeindruckt. Aufs Politische gemünzt: Eigenverantwortung, checks and balances, Wettbewerb der Systeme, Marktwirtschaft, Skepsis gegenüber politischen Machtballungen, eher tiefe Steuern und …
Klartext: … grosse soziale Ungerechtigkeit …
KÖPPEL: Ein alter Mythos der Linken. Ich glaube, dass technologische Entwicklungen und liberale Marktwirtschaft mehr für die Herstellung von Wohlstand und die Besserstellung der Menschen bewirkt haben als grosse staatliche Umverteilungsprogramme und ideologische Grundsatzdebatten. Wenn Sie mich nach meinen Werten fragen: Zwischen Freiheit und Gleichheit stehe ich momentan eher auf der Seite der Freiheit, aber das sind keine religiösen Glaubensbekenntnisse. Mit Blick auf Europa frage ich mich manchmal, wer die gewaltigen Wohlfahrtsstaaten in Zukunft bezahlen soll bzw. wie sich die steigenden Steuern auf das unternehmerische Klima in der EU auswirken. Das sind spannende Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.
Klartext: Sie haben ja angekündigt, linke und rechte Denkverbote angreifen zu wollen. Wir vermissen in der “Weltwoche” den kritischen Umgang mit rechten Denkverboten.
KÖPPEL: Wir betreiben keinen Konkordanzjournalismus, wenn Sie das meinen. Mal in diese, mal in jene Richtung, damit sich immer alle einig werden. Ausserdem ist die “Weltwoche” kein weltanschaulicher Debattierklub oder ein Lehrerzimmer. Wenn wir politische Milieus kritisieren, dann bemühen wir uns um gleichbleibende Kritierien, um eine liberale Perspektive: Wo sind checks and balances ausser Kraft? Wo wird Macht missbraucht? Wo ereignen sich fragwürdige Verquickungen zwischen Politik und Wirtschaft? Als wir mal die SVP lobten, weil sie bei der Swissair auf die Problematik der Staatsbeteiligung hingewiesen hat, kassierten wir Prügel. Who cares? Parteipräsident Maurer hatte Recht. Umgekehrt kritisierten wir die SVP beim Swiss-Dairy-Food-Debakel. In der Sache Marthaler haben wir auf mangelnde checks and balances hingewiesen. Die “Weltwoche” funktioniert nach einem plausiblen Raster.

Klartext: Es fällt auf, dass in der “Weltwoche” soziale Unterschiede nicht mehr dargestellt werden, ausser vielleicht in Gerichtsreportagen.
KÖPPEL: Wir schreiben über viele Themen nicht. Es gibt Tausende davon.
Klartext: Es ist unbestritten, dass die Kluft in dieser Gesellschaft grösser wird. Und es gibt, ähnlich wie im Asylwesen, Zahlen, die man kommentieren kann.
KÖPPEL: So betrachtet, haben wir sehr viele Artikel zu diesem Thema gebracht: die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz etwa, wächst unsere Wirtschaft schnell genug, wie gut ist unser Forschungsstandort, was taugen die Schulen …
Klartext: Aber die “Weltwoche” behandelt diese Themen nicht unter dem Aspekt der sozialen Unterschiede.
KÖPPEL: Ihre Deutungen des “Weltwoche”-Inhalts finde ich sehr einseitig. Wir sind nicht daran interessiert, den Leuten ein Evangelium zu verkünden. Wir haben hervorragende Reporter, die zunächst mal beschreiben, bevor sie etwas bewerten. Ich bin an authentischen, glaubwürdigen und interessanten Artikeln interessiert. Ich liebe gute Geschichten und nichts läge mir ferner als ein hermetisches Ideologieblatt. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich beschäftigt sich die “Weltwoche” mit sozialen Fragen. Natürlich interessiert dieses Thema, in seinen guten wie in seinen problematischen Aspekten.

Klartext: Zu anderen “Weltwoche”-Themen: In Ihrem Blatt werden Umweltschützer beispielsweise als “Öko-Stalinisten” diskreditiert.
KÖPPEL: Das Zitat stammte von einem renommierten Schweizer Biologen. Da wir keine Meinungs-Zensur betreiben, durfte es im Interview stehen bleiben. Niemand bestreitet die Verdienste der Umweltschutzbewegungen, von Greenpeace und anderen. Aber auch diese Gruppen müssen kritisiert werden, wenn sie sich irren. Gewisse NGOs verraten bisweilen einen gesinnungsethischen Zug. Die Fundamentalopposition gegen die Gentechnologie geht in diese Richtung. Das sind spannende Themen und Kontroversen, die in der “Weltwoche” kontradiktorisch ausgetragen werden.
Klartext: Sie haben offensichtlich eine gefestigte ideologische Haltung.
KÖPPEL: Nein, ich würde mich als durchaus offenes System erachten.
Klartext: In der Irakberichterstattung kamen anfänglich beide Seiten zu Wort. In letzter Zeit tauchte vermehrt das Schlagwort “Antiamerikanismus” auf. Was steckt dahinter?
KÖPPEL: Nichts. Es ist eine Debatte, die in weiten Teilen Europas stattfindet. Dass wir hier einen Schritt zur Vereinseitigung gemacht haben, sehe ich nicht. Es gibt ja genügend Ansatzpunkte für eine sachliche Kritik an der US-Aussenpolitik. Keine Frage. Aber die Exzesse des Antiamerikanismus, wo man Bush mit Hitler verglich und so weiter, sind abstrus. Da konnte ich Henryk Broders Argumentation in der “Weltwoche” gut nachvollziehen.

Klartext: Aus Ihrer Redaktion kann man hören: Roger Köppel arbeitet das ganze Jahr sieben Tage die Woche – wie lange machen Sie diesen Job noch?
KÖPPEL: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es gibt noch viel zu tun. Wir hatten eine schöne erste Halbzeit. Jetzt kommt die spannende Phase der Bestätigung.

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Hans Stutz am 26. November 2002 in Zürich. Roger Köppel hat die schriftliche Version stark überarbeitet.

Gesprächspartner

Roger Köppel, 37, begann seine journalistische Laufbahn 1986 bei “Zürcher Unterländer” und “Tages-Anzeiger”. Von 1987 bis 1994 war er NZZ-Redaktor. Gleichzeitig studierte er ab 1990 Philosophie, Geschichte der Neuzeit und Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Zürich und Stuttgart. Von 1994 bis 1997 arbeitete er als Kulturredaktor beim “Tages-Anzeiger”, wechselte dann als Chefredaktor zu “Das Magazin”. Seit dem 20. August 2001 ist er Chefredaktor der “Weltwoche”.

10. Juli 2007 von Barbara Heuberger

Manchmal ist Schweigen tatsächlich besser

Bis anhin hat sich der Bundesrat nicht öffentlich über Radioprogramme ausgelassen. Nun kritisierte er das Programm von DRS 3. Ein Kommentar von Barbara Heuberger.

DRS 3 bewegt seit einiger Zeit die Gemüter im Lande: diejenigen der HörerInnen, der Musik- und Programmschaffenden, von Bundesbern und Bundesbiel. In der Tat fällt auf, dass die Musik auf DRS 3 in der Tagesschiene oft redundant, gefällig und fast langweilig geworden ist und sich kaum mehr von einem privaten Lokalradio unterscheidet. Auch die Nachrichten fallen häufig in flockigem Singsang, locker und kurz aus, so dass es manchmal schwer fällt, schwer wiegende Nachrichten ernst zu nehmen. Einer der wenigen Unterschiede ist noch, dass es auf DRS 3 keine Werbung gibt.
Selbst Bakom-Direktor Marc Furrer bestätigte in seinem Referat am Radioday 2002 in Zürich, DRS 3 sei – zumindest von der Musik her – auf Mainstream eingeschwenkt und längst kein Stör- oder Jugendsender mehr. Auch hier habe man die einstigen Ansprüche dem Grundsatz geopfert, dass man eben kein “Service sans Public” sein wolle. Doch sei es nicht die Aufgabe der Radios, dem Musikgeschmack des Bakom-Direktors zu entsprechen. Denn natürlich solle Programmfreiheit herrschen.
Auch der Bundesrat musste sich mit DRS 3 befassen, nachdem der Luzerner SP-Nationalrat Hans Widmer, Präsident der Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) in der Juni-Session eine Interpellation eingereicht hatte. Dieser wollte vom Bundesrat wissen, ob er der Ansicht sei, die SRG erfülle mit der geplanten Programmneugestaltung den gesetzlich verankerten Beitrag zur kulturellen Entfaltung des Publikums.
Neu an dieser Interpellation ist, dass sie von linker Seite kommt. Früher kamen Anfragen zur Programmgestaltung von rechts. Zum Beispiel von Walter Frey (SVP), der 1995 die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen über die Zürcher “Chaoten und Krawallanten” kritisierte. Damals pochte der Bundesrat auf die in der Verfassung gewährleistete Unabhängigkeit und Autonomie der elektronischen Medien in der Gestaltung der Programme. Ebenfalls 1995 forderte der damalige WBK-Präsident Andreas Iten (FDP) im Ständerat in einer Motion eine Ergänzung des Radio- und Fernsehgesetzes, wonach Musik, Literatur und die bildenden Künste der Schweiz genauso speziell gefördert werden sollten wie die einheimische audiovisuelle Produktion. Der Bundesrat befand in seiner Antwort, das Gesetz genüge, weil es bereits verlange, die schweizerischen Eigenleistungen seien möglichst breit zu berücksichtigen.
Hat der Bundesrat nun seine Zurückhaltung gegenüber einer Einmischung ins Programm geändert? Fast scheint es so. In der Entgegnung auf die Widmer-Interpellation zeigte sich der Bundesrat besorgt; er nähme die angekündigten Programmänderungen bei DRS 3 “mit einiger Skepsis zur Kenntnis”. Gleichzeitig musste er jedoch eingestehen, dass die Überprüfung des kulturellen Leistungsauftrages durch die Verwaltung schwierig und vor dem Hintergrund der Unabhängigkeit der Medien nicht unproblematisch sei. In der Tat: Der Bundessrat mag ja inhaltlich recht haben, nur ist es nicht seine Aufgabe, sich offiziell zum Programm und zur Programmgestaltung vernehmen zu lassen.
Wer DRS 3 hört, stellt schnell fest: Jedes einzelne Stück ist geläufig – wurde es heute einmal gespielt, zweimal oder gestern schon? Jedenfalls zahlreiche Déjà-entendus: Am Tag ist die Musikwelt bei DRS 3 klein geworden – “Service avec Mainstream”. Es ist dieser mit MTV-Hits abgefüllte Musikgenerator, der die alten MusikredaktorInnen verdrängt hat, die mit viel Erfahrung und Know-how tagtäglich Musik zusammenstellten – von Hand, mit Kopf und Herzblut.
Und wer könnte das abstellen? Der Staat kann es jedenfalls nicht sein. Die Entwicklungen in Berlusconi-Italien oder Putin-Russland, aber auch in den USA mit Bushs alles niederwalzender Propaganda-Maschine sind negative Beispiele, die hellhörig machen sollten.
Auch ein Leistungsauftrag kann nur Stossrichtung und Grundsätze formulieren. Ein brauchbarer Vorschlag ist der unabhängige Medienrat, der unter anderem die Universität Zürich (Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ) oder die Mediennutzungsvereinigung ARBUS vorschlägt. Das IPMZ empfiehlt, die Medienregulierung in der Schweiz um neue “wissensbasierte und diskursive Akteure” zu ergänzen. Es braucht Gremien, die unabhängig von Staat und Wirtschaft mit Fachleuten und Laien die Entwicklungen und Auswirkungen aller Medien diskutieren, mit den Medienschaffenden, den Verlagen und der Politik debattieren, nach Wegen suchen und weiterführende Gedanken entwickeln.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr