10. Juli 2007 von Esther Hürlimann

Grosses Interesse an einer Frequenz

Braucht Zürich ein Jugendradio? Eine Vernehmlassung des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) löste viele und widersprüchliche Stellungnahmen aus.

“Radiohören ist wahrlich kein Vergnügen”, stellen die JungsozialistInnen (JUSO) der Stadt Zürich fest: “Von kultureller Vielfalt nicht die Bohne. Hitparade rauf und runter.” Damit blasen sie ins selbe Horn wie viele, die an der Bakom-Vernehmlassung teilgenommen haben (siehe KLARTEXT 4/2002): Man hat vom musikalischen Mainstream genug. Vor allem die Radiobedürfnisse der Jugend kommen bei der gegenwärtigen UKW-Landschaft zu kurz. Die Erwägung des Bakom, eine frei werdende Frequenz in Zürich für ein Jugendradio bereitzustellen, ohne die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) abzuwarten, wird daher begrüsst.

Enormes Echo
Selbst für das Bakom kam die grosse Zahl an Rückmeldungen überraschend: “Vor allem die Zahl jener, die sich unaufgefordert bei uns meldeten, war enorm hoch. Neben den 30 offiziell Angefragten, wie zum Beispiel die Verwaltung der Stadt Zürich oder die für das Sendegebiet zuständigen Medienhäuser, haben sich 500 nicht geladene Interessierte gemeldet”, berichtet Bernhard Bürki, Bakom-Mediensprecher. So wurde die Vernehmlassungsfrist – unter anderem auch wegen des grossen Ansturms – um einen Monat bis Ende August verlängert.
Die Rückmeldungen sind inzwischen provisorisch ausgewertet worden.DieStellungnahmen sind sehr breit, von ganz negativ bis ganz positiv. Und die BefürworterInnen eines Zürcher Jugendradios haben dazu noch unterschiedliche Vorstellungen, von einer speziell lokalen Informationsleistung bis zu einem jugendlichen Mehrheitenprogramm.
Klar gegen eine Frequenz für ein Zürcher Jugendradio äusserte sich beispielsweise Günter Heuberger, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios, der seine Stellungnahme nicht nur dem Bakom, sondern auch den Medien zukommen liess: “Wir sind nicht generell gegen ein Jugendradio. Doch das UKW-Frequenzband ist bereits übernutzt und mit einem weiteren Anbieter wird die Sendequalität der Privatradios leiden. Daher empfinden wir das Vorgehen des Bakom als Schnellschuss!”
Begrüssen würde Heuberger eine breit angelegte Diskussion über eine gerechte Nutzung des UKW-Frequenzbandes. Ein interessanter Vorschlag wäre beispiels-weise die Halbierung des UKW-Frequenzbandes: die erste Hälfte für die SRG und die zweite für die Privatradios. “Das würde den bestehenden Privatradios mehr Raum für weitere Formate geben, wie beispielsweise ein Jugendradio”, meint Günter Heuberger.
Vorbehaltlos positiv stellen sich hingegen politische Jugendverbände und Parteien zu einem Zürcher Jugendradio. Auffallend hier die konkrete Nennung bestimmter Sender, die sie für die frei werdende Frequenz vorsehen, was auf eine effiziente Lobbyarbeit einzelner Radiomacher, die auf den Sendeplatz spekulieren, schliessen lässt. So unterstützt die junge CVP des Kantons Zürich Swiss Music Radio, die FDP Schweiz tritt für das Begehren von Giuseppe Scagliones Radio 105 ein, die SVP nennt gleich eine ganze Palette von privaten Anwärtern, die anstelle der SRG-Sender DRS 3 und Musigwälle 531 treten sollen, “weil das übermächtige SRG-Monopol den Wettbewerb” verzerre.

Nur bedingt für einen Jugendsender
Die SP der Stadt Zürich hingegen verzichtet auf die konkrete Nennung eines Senders. Sie fordert, dass der Sendeinhalt nicht nach rein ökonomischen Überlegungen gestaltet wird und dass die Vergabe der Konzession an kontrollier- und durchsetzbare Bedingungen geknüpft ist. Ähnlich kritisch zu einem Zürcher Jugendradio stellt sich auch Arbus, die Vereinigung für kritische Mediennutzung: “Das Vorhaben macht aus Sicht des Arbus nur dann wirklich Sinn, wenn gewährleistet ist, dass der neue Jugendsender mittel- und langfristig nicht zu einem weiteren kommerziellen Anbieter wird, der sich wiederum an einem Mehrheitspublikum orientiert.”
Die JUSOder Stadt Zürich fordern ein Jugendradio mit Ausbildungscharakter: “Indem man das Jugendradio dazu benutzt, neue RadiojournalistInnen auszubilden, wäre es möglich, einen hohen Professionalisierungsgrad bei gleichzeitig tiefen Kosten zu realisieren.”
Die Bakom-Vernehmlassung hat nicht nur zu Stellungnahmen über die Rahmenbedingungen eines Radiosenders für Jugendliche geführt, sondern auch über dessen inhaltliche Ausrichtung: Welches Radio braucht die Zürcher Jugend? “Es kann nicht das Ziel eines Jugendsenders sein, bloss zu unterhalten. Auch politische Beiträge sind wichtig. Aber nicht zu viel, denn sonst löscht es den Jugendlichen ab. Denn Jugendliche und Erwachsene haben klar unterschiedliche Radiokonsumbedürfnisse”, meint beispielsweise Toni Stadelmann vom Forum Jugendsession.

Identifikation über Musik
Dass sich Jugendliche bei ihrem Radiokonsum anders verhalten als Erwachsene, bestätigt auch die Wissenschaft: “Jugendliche hören weniger Radio als Erwachsene. Ein Auslaufmodell ist das Radio bei der jüngeren Generation jedoch trotzdem nicht”, meint Professor Heinz Bonfadelli, der am Institut für Publizistik und Medienwissenschaften an der Universität Zürich (IPMZ) Forschungsprojekte zum Thema Jugend und Medien leitet. “Ein Jugendsender soll sich ganz klar an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren. Und Jugendlichen ist am Radioprogramm vor allem die Musik wichtig. Für Information, Kultur und Unterhaltung sind eher Fernsehen und Internet das Leitmedium der Jugendlichen”, bestätigt Medienwissenschaftler Bonfadelli. Dieser Sachverhalt komme vor allem auch aus ökonomischen Überlegungen zum Tragen: “Wenn das Bakom auch auf die Wettbewerbschancen und die wirtschaftliche Realisierbarkeit achtet, wird es ein Konzept berücksichtigen, das für die Musikindustrie und Werbewirtschaft attraktiv ist.” Ein solcher Sender müsste laut Bonfadelli jene Stilrichtungen abdecken, die in den Mainstream-Programmen, die nur Pop-Klassiker spielen, nicht vorkommen. Denn Untersuchungen würden belegen, dass vor allem im Bereich Pop die Geschmäcker stark altersspezifisch segmentiert seien.

Nicht Jugend-, sondern Kulturradio
Gegen eine solche altersspezifische Segmentierung des Radiokonsums ist eine spontan zusammengekommene Gruppe Zürcher Kultur- und Medienschaffender, die sich im letzten Moment ebenfalls in die Bakom-Vernehmlassung eingeschaltet haben. “Zürich fehlt nicht einfach ein Jugendradio, sondern ein junges Kulturradio mit zeitgemässem Format. Ein Qualitätsradio mit urbanem Profil, in dem die Musik und die Wortbeiträge mehr bieten als akustische Berieselung”, steht in der Stellungnahme, die unter anderem auch von Regisseur Christoph Marthaler, Sängerin Dodo Hug, Schriftsteller Peter Weber und TV-Moderator Röbi Koller unterzeichnet ist. Mitinitiant und Sprecher für die Gruppe ist Musiker und Drehbuchautor Micha Lewinsky: “Wir finden die Bakom-Frage zu eng gesteckt. Es ist ein Irrtum zu meinen, die Jugend sei ausschliesslich an einem Medium interessiert, das sich explizit an Jugendliche richtet. Zürich braucht ein kulturell anspruchsvolles Radio mit einem breiten Programm, das verschiedene Bedürfnisse abdeckt. Denn nicht nur die Jugend ist heimatlos geblieben, seit alle anderen auf Mainstream machen.” Lewinsky ist auch überzeugt, dass sich ein solches Programm auch wirtschaftlich realisieren liesse: “Radiomachen ist nicht mehr so teuer. Es ist ein Marktpotenzial vorhanden. Zürich hat eine starke Subkulturszene, die auch für die Werbewirtschaft attraktiv ist.”
Und wie geht es weiter? Verschiedene Projekte stehen in den Startlöchern und werden sich um eine Frequenz bewerben, sobald der Antrag des Bakom beim Bundesrat gestellt und durchgekommen ist. Auf die Ausschreibung der Frequenz werden eine Anmelde- und Auswahlfrist folgen. Frühestens Ende nächstes Jahr wird der erwählte Sender erstmals über den Äther gehen, meint Bakom-Mediensprecher Bernhard Bürki.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Nachhaltige Entwicklung

Wird sie dauern, die “Revue durable”? Ein mutiges Projekt sucht Unterstützung.

“Wir haben bis jetzt zusammen etwa 20 Monate ohne Lohn gearbeitet”, gesteht Jacques Mirenowicz. Er ist zusammen mit Susana Jourdan Herausgeber von “La Revue Durable”, einer neu lancierten, alle zwei Monate erscheinenden Westschweizer Publikation. Das Magazin will Fragen einer nachhaltigen, ökologischen Entwicklung allgemein verständlich darstellen und konkrete Lösungsvorschläge entwickeln. “Ein Abenteuer”, gibt Mirenowicz zu. Er ist Naturwissenschaftler und Journalist, seine Kollegin Susana Jourdan hat ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Beide sind gelegentliche MitarbeiterInnen bei den Tageszeitungen “La Liberté” und “Le Courrier”.
Ausser Engagement und Überzeugungen haben die beiden Romands auch Mut: Mit einem zusammengesparten Startkapital von 50’000 Franken und einer Subvention des Bundesamts für Raumentwicklung in der Höhe von 25’000 Franken haben sie im September eine erste Nummer zum Schwerpunkt Elektrizität herausgegeben. Anfangs November soll die Nummer 2 folgen, mit einem Schwerpunkt zur Frage, wie die Fruchtbarkeit des Bodens erhalten und die Zubetonierung der Landschaft gestoppt werden kann.
Für eine dauerhafte Entwicklung des von Wirtschaft, Universitäten und öffentlichen Institutionen unabhängigen Magazins setzen die HerausgeberInnen nicht auf Werbung, sondern auf Abonnements: “Wenn wir bis in einem Jahr 3000 Abonnenten haben, können wir weitermachen, sonst ist es aus”, sagt Mirenowicz. Zurzeit hat die “Revue Durable” 460 AbonnentInnen, die meisten in der Westschweiz. Die Nummer 1 ist am Kiosk erhältlich, sie wurde in einer Auflage von 7000 Exemplaren in der Westschweiz, in Frankreich und in Belgien verteilt. Inserate sind rar. Und die Suche nach Sponsoren und Subventionen sei schwierig, berichtet Mirenowicz. Dafür sei die Revue bei einem überraschend gemischten Publikum gut angekommen. Das Heft ist professionell gemacht. Es ist übersichtlich gestaltet, dürfte sich aber trotz der Absicht, eine komplizierte Materie leicht verständlich darzustellen, eher an anspruchsvolle LeserInnen richten. LeserInnen, die auch bereit sind, den Schritt “von der Kritik zum konkreten Lösungsvorschlag, von der Gleichgültigkeit zum Engagement” zu machen, wie es im Editorial der Nullnummer heisst.

Kontakt: Cerin SARL, Rue de Lausanne 91, 1700 Fribourg. Tel. 026 321 37 10;;
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