10. Juli 2007 von Hans Stutz

Erneuerter Auftritt in Bern und St. Gallen

“Der Bund” und das “St.Galler Tagblatt” erhalten ein ähnliches Layout, damit die Zusammenarbeit erleichtert wird.

Das “St. Galler Tagblatt” setzte es bereits Ende September um, der Berner “Bund” folgte am 21. Oktober: Die beiden Blätter, die zur NZZ-Gruppe gehören, erschienen erstmals im neuen Layout. Beide Auftritte wurden von der Appenzeller Zeitungsdesignerin Katja Hösli erarbeitet, die auch bereits die “Financial Times Deutschland” konzipiert hat. Beide Zeitungen haben nun die gleiche Grundschrift, Utopia, beide haben ähnliche Titelköpfe und ähnlich gestaltete Frontseiten. Ein Unterschied bleibt: “Der ‚Bund‘ soll nicht bunt werden, aber farbiger”, sagt Bund-Projektleiter Dani Landolf und meint, dass das Berner Traditionsblatt Farben nur zurückhaltend einsetzen will. Anders das “St. Galler Tagblatt”. Es erscheint weitgehend farbig. Ermöglicht wird dies durch die Inbetriebnahme des neuen Druckzentrums in St. Gallen-Winkeln. Die Kapazität ist gross, ein durchgängiger 4-Farben-Druck ist möglich. Ab Mitte Dezember wird hier auch die “NZZ am Sonntag” gedruckt werden.
Das neue Layout soll für die beiden Regionalzeitungen der NZZ-Gruppe Synergien ermöglichen. “Kompatibilität” sei der Anspruch gewesen, erklärt Bund-Chefredaktor Hanspeter Spörri. Erreicht wurde ein erleichterter Austausch von Artikeln. Die Redaktionen streben eine verstärkte Zusammenarbeit an, zumindest in einigen Ressorts, wie zum Beispiel bei der Medienseite, die jeweils am Donnerstag erscheinen soll. Allerdings sollen die zwei Medienseiten nicht identisch sein.
Bei beiden Zeitungen geht das neue Layout mit weiteren Änderungen einher. Beide rüsten auf für den Kampf gegen die Konkurrenz. Aus einer Position der Stärke agiert das “St. Galler Tagblatt”. Es verstärkt seine Präsenz im Kanton Thurgau und damit den wirtschaftlichen Druck auf die “Thurgauer Zeitung”. Das Ostschweizer NZZ-Blatt legt die beiden im Thurgau erscheinenden Regionalausgaben (“Mittelthurgauer Tagblatt” bzw. “Bodensee Tagblatt”) zusammen und strebt eine verstärkte Berichterstattung aus dem Kantonshauptort Frauenfeld an.
Aus einer Position der Schwäche handelt der Berner “Bund”, obwohl er im vergangenen Jahr mehr LeserInnen erreichte. Doch das Berner Traditionsblatt schrieb auch 2001 rote Zahlen. Seine Strategie, sich ausserhalb der Berner Ballungszentren als Alternative zur Konkurrenz (“Berner Zeitung”, “Bieler Tagblatt”) aufzubauen, ist gescheitert. Der “Bund” wird sich wieder auf Stadt und Region Bern und auf die urbanen Zentren Biel, Thun und Burgdorf konzentrieren. Das Bieler Büro ist allerdings verkleinert worden. Der seit mehreren Jahren defizitäre “Bund” will “möglichst rasch zurück zum wirtschaftlichen Erfolg”. Mindestens in Bern soll, so “Bund”-Chefredaktor Hanspeter Spörri, “Karl Marx nicht Recht bekommen”. Der habe gesagt: “Der Kapitalismus führt unweigerlich zu Monopolen.” Für den Moment hat der Verwaltungsrat – und damit auch die Hauptaktionärinnen NZZ-Gruppe und Publicitas – zugesichert, am Blatt festzuhalten.
Eine Frage bleibt: Wann wird Zeitungsdesignerin Katja Hösli der “Neuen Luzerner Zeitung” ein neues Layout verpassen können? Halten sich doch in der Verlagsbranche hartnäckig die Gerüchte, dass die NZZ-Gruppe ihren im Frühling 2002 erworbenen 33-Prozent-Anteil an der Neuen Luzerner Zeitung Holding bereits merklich ausgebaut habe; Ziel sei die absolute Mehrheit.

10. Juli 2007 von Bettina Büsser

Eine WG diskutiert

Drei Sonntagszeitungen, acht Erwachsene, ein Kind:Welches Blatt kommt ins Haus? Ein Erfahrungsbericht.

WOCHENTAGS IST DAS PROBLEM GELÖST: Wir haben zwei “Tages-Anzeiger”-Abos. Ein kurzes Zwischenspiel – ein Tagi-Abo, ein NZZ-Abo – hat klar ergeben, dass eine Wohngemeinschaft von acht Erwachsenen und einem Kind a) zwei Tageszeitungs-Exemplare braucht und b) zwei Exemplare der Tageszeitung, welche eine Mehrheit der BewohnerInnen vorzieht. Sonst kriegt man den ersten Bund ja nie!
Getröstet wurde die unterlegene NZZ-Fraktion sonntags. Da es seit dem Start der “NZZ am Sonntag” quasi an jeder Strassenecke Gutscheine für ein Acht-Wochen-Gratis-Abo gibt, und da acht Namen zur Verfügung stehen, um diese Bons abwechslungsweise einzulösen, war die “NZZ am Sonntag” meist da. Bloss: Eine starke Minderheit holte sich jeweils an der Tankstelle noch “SonntagsZeitung” und “Sonntags-Blick” an den WG-Tisch. Manchmal auch noch die “NZZ am Sonntag”. Denn wer denkt schon immer daran, wieder ein “Gratis”-Kärtli einzuschicken.
Der Weg zur Tankstelle ist nicht weit. Doch manchmal regnet es sonntags. Und das zu schleppende Gewicht ist auch nicht ohne – am Sonntag, 29. September beispielsweise wogen die drei Zeitungen zusammen fast 1,4 Kilo, das knappe Pfund beigelegte Werbung und Prospekte nicht eingerechnet. Kommt dazu, dass die “NZZ am Sonntag” am Ende ihrer Gratis-Periode steht (und bald in die Billig-Periode eintreten wird).

WIE ALSO VORGEHEN? Die WG beschliesst: Wir abonnieren – aber nur eine Zeitung. Also wird (natürlich am Sonntag) diskutiert. Quasi sofort vom Tisch ist der “SonntagsBlick”. Zu stark ist hier die “Sicher nicht”-Fraktion, eine Konsequenz des schlechten Rufs von Boulevard an und für sich, wie auch eine Konsequenz der Rolle des früheren Schweizer Boulevard bei Themen wie Umwelt, Asyl, AusländerInnen etc. pp. Eventuell hätte sich der eine oder die andere der “Sicher nicht ‚SonntagsBlick‘”-Fraktion Anfang Jahr noch überzeugen lassen, dass “Blick” und “SonntagsBlick” so schlimm nicht mehr sind, manchmal sogar antirassistisch und wirtschaftskritisch – heute, nach dem “Fall Borer”, ist nichts mehr zu wollen. Da nützen weder die Argumente der Sport-Fraktion noch der Hinweis auf hie und da vorkommende “Primeurs”. Was nebenbei einmal mehr beweist: Für Primeurs interessieren sich ausschliesslich JournalistInnen, der restlichen Welt ist es wurscht, wer eine Geschichte als Erster herausbringt.
Nicht, dass Primeurs in der folgenden Diskussion eine wichtige Rolle hätten spielen können – als nächstes wird nämlich die “NZZ am Sonntag” behandelt. Das Blatt wird gehoben (“zu dick, zu schwer”, “Warum machen die bloss so viele Bünde, wenn ich pro Bund höchstens eine Geschichte wirklich lesen will?”), betrachtet (“Wenn sie wenigstens beim trockenen NZZ-Layout geblieben wären”, “Sie könnten doch so frivol sein und das Blatt mit dem Inland beginnen lassen”) und gewendet (“Ich erkenne keine Linie, auch bei den seltsamen Kommentaren im Bund ‚Hintergrund‘ nicht”). Selbst die NZZ-Fraktion – die übrigens fast deckungsgleich mit der “Sicher nicht ‚SonntagsBlick‘”-Fraktion ist – muss einen Hauch von Enttäuschung über die “NZZ am Sonntag” eingestehen: physisch zu dick, inhaltlich zu mager. “Es hat schon gute Geschichten”, versucht sich da einer, räumt aber ein, dass er, wenn beide Zeitungen da sind, auch die “SonntagsZeitung” liest. Und wenn man nun mal beschlossen hat, nur eine zu abonnieren …

SO MACHT DIE “SONNTAGSZEITUNG” DAS RENNEN. Nicht, dass jemand am Tisch sich mit Feuer für sie eingesetzt hätte. Fragen nach der Linie, nach Boulevard und nach Primeurs erübrigen sich: Es ist eine Faute-de-mieux-Entscheidung. Die “SonntagsZeitung”, so scheint es, ist quasi der Kompromiss zwischen NZZ und “Blick”. Und Kompromisse sind gut-helvetische Tradition – daran halten sich auch WGs.

P.S.: Die “SonntagsZeitung” wird gleich am nächsten Tag abonniert – online. Ein Online-Textli verdankt den Abo-Wunsch und verspricht, man werde sich melden.
Nichts.
Am Sonntag: keine “SonntagsZeitung” im Briefkasten (dafür nach wie vor eine Gratis-“NZZ am Sonntag”).
Am Montag: Online-Reklamation: Ich habe doch letzte Woche … Ein Online-Textli verdankt die Äusserung und verspricht, man werde sich melden.
Nichts.
Am Sonntag: keine “SonntagsZeitung” im Briefkasten (dafür nach wie vor eine Gratis-“NZZ am Sonntag”).
Man wird wohl telefonieren müssen. Oder sollen wir nochmals neu diskutieren?

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