10. Juli 2007 von Heiko Böttcher

Kommen sie zusammen?

Leo Kirch hat bei Springer ausgespielt, Ringier will sich am deutschen Springer-Verlag beteiligen. Die Hefte und Zeitungen des Schweizer Verlages sind in Deutschland jedoch weitgehend unbekannt.

In Deutschland sorgte das Haus Ringier in letzter Zeit nur durch die Affäre um das Sexleben des Schweizer Ex-Botschafters Thomas Borer für Schlagzeilen. Der vermeintliche Seitensprung Borers, der mit seiner schillernden Gattin Shawne Fielding Borer vor allem die Berliner Partyszene bereicherte, wurde von den deutschen Medien dankbar aufgenommen. Doch die weitgehend erfundene Geschichte platzte und Ringier blamierte sich. Dies hat dem Image des Verlags in deutschen Journalistenkreisen geschadet, in der Öffentlichkeit ist die Sache aber wegen ihrer politischen Bedeutungslosigkeit bereits weitgehend vergessen. Ansonsten spielen die Produkte des Ringier-Verlags wie die “Schweizer Illustrierte” oder die “Glückspost” in Deutschland keine Rolle. “Objekte von Ringier sind in Deutschland nicht im Bewusstsein. Der Verlag wird weniger publizistisch, eher kommerziell wahrgenommen”, sagt Adolf Theobald, der lange Jahre in den Geschäftsleitungen von Gruner & Jahr, dem Spiegel-Verlag und auch Ringier gearbeitet hat.

Langjährige Kontakte
In der Verlagswelt war Ringier früher vor allem als Drucker bekannt. Der Gründer des Verlags hatte vor allem im Farb- und Tiefdruck etliche Neuerungen entwickelt und galt als sehr phantasievoll. Heute wird der Schweizer Verlag als sehr solide und ordentlich eingeschätzt. Peter Lanz, PR-Berater in München, fallen zu Ringier die Attribute “sehr schweizerisch, zuverlässig, konservativ und zurückhaltend” ein. Lanz war von 1996 bis 1998 Chefredaktor des Reisemagazins “Globo” und in der Entwicklungsredaktion von Ringier in Deutschland tätig. Den Verleger Michael Ringier schätzt er als “einen sehr zurückhaltenden, fast scheuen Menschen, der sich nicht in der Vordergrund drängt” ein. Und als politisch liberal.
Ein Zusammenschluss von Ringier und Springer käme für Insider allerdings nicht unerwartet. Seit Jahrzehnten bestehen Verbindungen zwischen den beiden Verlagen. Bereits in den 1960er und 70er Jahren leisteten viele deutsche Journalisten Aufbauhilfe in Zürich, die meisten von Springer. “Der ‚Blick‘ ist eine Adaption der deutschen ‚Bild-Zeitung‘. Da wurde viel Entwicklungshilfe geleistet”, sagt Adolf Theobald. Die personellen Überschneidungen gehen bis in die Führungsspitzen der Verlage. Der Vorgänger des derzeitigen Vorstandschefs Mathias Döpfner bei Springer, August “Gus” A. Fischer, war Mitte der 90er Jahre Mitglied des Verwaltungsrats bei Ringier.
Die Bande zwischen den Verlagen sind schon alt und Gespräche über eine gemeinsame Zukunft auch nichts Neues. Bereits Mitte der 1980er Jahre wollte Ringier in Deutschland kräftig einsteigen, doch die Pläne wurden wieder fallen gelassen. Lediglich am hochwertigen Reisemagazin “Globo” hat man festgehalten. “Ich hatte selbst in den 80er Jahren für Ringier mit Springer verhandelt”, erinnert sich Adolf Theobald.
Inhaltlich wird es nach Meinung von Branchenkennern keine Fusion geben, zumindest bei den Boulevard-Blättern. Redaktionelle Synergien sind dünn gesät. Sowohl “Bild” als auch “Blick” sind national ausgerichtet und das werden sie wohl auch bleiben. Viele Boulevard-Stoffe werden ohnehin seit langem international gehandelt und sind allen Verlagen zugänglich. “Wenn man Erfolg haben will, muss man wissen, dass der ‚Blick‘ nicht die ‚Bild‘ ist. Die Schweiz ist ein höchst sensibler Markt, den man nicht mit Deutschland über einen Kamm scheren kann. Ein Fein-Tuning bei einzelnen Objekten ist möglich, aber kein grosser Rundumschlag”, so Peter Lanz.
Auf den deutschen oder schweizerischen Print-Markt wird sich eine Fusion kaum auswirken. Möglich wäre, “Cash” in Deutschland zu launchen, Überlegungen dazu gab es schon vor einigen Jahren. Doch der Markt für Wirtschaftsmagazine ist derzeit konjunkturbedingt sehr eng. Auch im Jugendsegment, wo Springer mit den Magazinen “Rolling Stone”, “Music Express” oder “Sound” bestens aufgestellt ist, sehen Insider kaum Möglichkeiten. Die Musik in der Schweiz ist teilweise sehr speziell, das Objekt könnte an der zu engen Zielgruppe scheitern. Sichtbare Auswirkungen wird eine Fusion jedoch für den Zeitschriftenmarkt in Osteuropa haben, wo beide Verlage seit Jahren investieren. In Rumänien, Tschechien oder Ungarn werden sich mit grosser Wahrscheinlichkeit Potenziale für eine inhaltliche Zusammenarbeit finden lassen. Die Konkurrenzsituation und der Verdrängungswettbewerb auf dem osteuropäischen Markt werden zunehmen und deutsche Verlage wie Burda könnten sich schon einmal warm anziehen. Bei Burda verweigert man dazu jede Stellungnahme.

Kirchs Anteil soll veräussert werden
Die Sorge des Schweizer Bundesrates Moritz Leuenberger, Springer statt Ringier wäre ein “Kulturschock”, wird von deutschen Experten nicht geteilt. “Die Angst in der Schweiz, jetzt bestimmen die Deutschen, was die Schweizer lesen, sehe ich nicht. Ich kann die Furcht nicht teilen, das ist Unfug”, sagt Adolf Theobald. Gehen Springer und Ringier zusammen, wird dies ein reines Zweckbündnis. Beide könnten möglicherweise auch alleine ihre Verlage weiterführen, aber die Springer-Anteile von Kirch müssen irgendwo untergebracht werden. Doch statt dem politisch sehr engagierten Medienmogul Rupert Murdoch, der sich ebenfalls für das Paket interessieren dürfte, wird Friede Springer eher Michael Ringier an ihrer Seite haben wollen. Der im Vergleich zu Kirch oder Murdoch völlig unpolitische Ringier könnte nach Einschätzung von Branchenkennern sogar für eine liberalere Atmosphäre bei Springer sorgen.
Gehen zwei grosse Unternehmen einer Branche zusammen, kostet das meist eine Menge Jobs. “Im Augenblick ist nicht abzusehen, wie weit das Konsequenzen für die Arbeitsplätze in Deutschland hätte”, sagt Heinrich Bleicher-Nagelsheim, Medien-Fachbereichsvorstand der Gewerkschaft ver.di. In Osteuropa könne eine Fusion allerdings unmittelbare Folgen haben.
Nachdem Friede Springer aus dem Kirch-Paket weitere 10 Prozent der Springer-Aktien übernommen hat, besitzt die Deutsche Bank nun einen 30-Prozent-Anteil. Wie auch immer das Geschäft weiterlaufen wird, auch zur Deutschen Bank hat der Ringier-Verlag alte Kontakte. Mit Vorstandschef Josef Ackermann hat Michael Ringier zusammen in St. Gallen studiert.

Heiko Böttcher ist freier Journalist und lebt in Berlin.

10. Juli 2007 von Klartext

Medienethik mit Praxisanspruch

nl./ Man scheint einander manchmal nicht zu verstehen. Während Medien- und KommunikationswissenschaftlerInnen berufsethische Spielregeln für das JournalistInnenhandwerk formulieren, wird auf der freien Wildbahn der Medienwelt drauflos fabuliert, spekuliert und fantasiert, was das Zeug hält. Mid-Risk-Journalism, Kampagnen-Journalismus und in Selbstzensur gipfelnder vorauseilender Gehorsam sind immer noch der Alltag vieler Medienschaffender.
Einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis von Wissenschaft und Praxis in Sachen Medienethik liefert ein aktuelles Reclam-Bändchen. Herausgeber Matthias Karmasin, Dozent an der Universität Klagenfurt, ist um praktizierbare Ansätze bemüht, die den Umständen der global vernetzten Medienwirtschaft Rechnung tragen; ja, er will sogar ethische und ökonomische Realität miteinander vereinbaren. Als untauglich beurteilen Karmasin und sein Mitautor Carsten Winter eine liberale Theorie der Medien, derzufolge der Medienkonsument mündig und über sein „Nachfrageverhalten die bestmögliche und entsprechend nutzbringendste mediale Leistung zu generieren“ in der Lage sei. Sie favorisieren ein sozialdemokratisches Modell, das auf einen Ausgleich zwischen Ökonomie und Ethik setzt. In die Praxis umsetzen lassen soll sich dieser Ansatz über ein Stakeholder-Modell. Im Gegensatz zum neoliberalen Bruder, der akustisch zum Verwechseln ähnlich klingt, will das Stakeholder-Modell sämtliche AkteurInnen, „die ein Interesse an einer Unternehmung haben, oder aber von ihrer Wirkung betroffen werden“ – nicht nur die AktienbesitzerInnen –, in den Ethik-Diskurs mit einbeziehen. Allerdings, und genau da ist der Haken an den bis hierhin überzeugenden Ausführungen von Karmasin und Winter: die Anwendung der Stakeholder-Theorie bleibt „immer auch an Voraussetzungen gebunden, deren Schaffung nicht ohne die Unternehmen möglich ist“. Im Klartext: Ohne das Einverständnis der Shareholder geht nichts. Noch ist bei den grossen, börsenkotierten Medienhäusern nicht viel von einer Abkehr vom Shareholder-Denken zu spüren, obwohl die aktuelle Branchen-Rezession ein idealer Moment wäre, nicht nur die Wunden zu lecken, sondern auch Unternehmensstrategien zu überdenken.
Doch eher das Gegenteil ist der Fall. Die Schlampereien in der Führungsetage finden oft ein Ebenbild auf den Redaktionen. Eine Gegendarstellung veröffentlichen zu müssen, wird heute eher als Bestätigung für die Richtigkeit der eigenen These angesehen, denn als medienethische Verurteilung. Während Verbraucherschützer und Promi-Anwälte juristisch gegen Redaktionen vorgehen, zeigen die Medienethiker einen Weg auf, der einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen der involvierten Akteure sucht.
Der Sammelband erhebt zwar nicht den Anspruch auf einen vollständigen Überblick, will aber doch die aktuelle medienethische Diskussion möglichst breit abdecken. Neben den eher wissenschaftlich orientierten Beiträgen – bei denen doch eine gewisse Praxisferne durchschimmert – sind für Medienschaffende insbesondere jene Aufsätze von Interesse, die sich mit der Berufsrealität von JournalistInnen beschäftigen. Anhand von unterschiedlichen beruflichen Sozialisationsmustern in verschiedenen Ländern wird die Herausbildung von Wertvorstellungen verglichen. Das Ethikdefizit, das die Autorin Barbara Thomas in Europa ausmacht, erfordere eine grundlegende Neubestimmung der Rolle von JournalistInnen in der Gesellschaft. Dabei kann sich Thomas auf aktuelles Zahlenmaterial stützen, das die Situation in verschiedenen Ländern realistisch abzubilden vermag.
Weniger aktuell ist hingegen der Beitrag zur Internetethik, obwohl gerade dieses Medium in den wenigen Jahren seiner Existenz atemberaubende Kapriolen geschlagen hat. In diesem Zusammenhang einen drei Jahre alten Aufsatz zu rezyklieren, ist entweder Nachlässigkeit oder Ignoranz. Wenn ein Text in der Konklusion gipfelt, wonach Internetethik „nicht nur ein theoretisches Unternehmen, sondern eine praktische Aufgabe“ sein müsse, würde man den Text gerne an den Autor zur vollständigen Überarbeitung zurückweisen. Immerhin, und da schliesst sich wenigstens inhaltlich der Bogen zum Anspruch des Herausgebers, plädiert auch der Autor des Internet-Kapitels für ein Wechselspiel zwischen Internetethik und Wirtschaftsethik.

Matthias Karmasin (Hrsg.), Medien und Ethik, Reclam 2002.

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