10. Juli 2007 von Zora Zensura

Schöne und Mächtige

Editorials sind wie gebratene Engerlinge – verkannte Leckerbissen. Besonders köstliche finden sich in der “Schweizer Illustrierten”. Zum Beispiel zu den “100 wichtigsten Schweizern”, geschrieben von Chefredaktor Marc Walder: “Zum 1. August stellt sich die Frage: Wo steht unser Land?” Des Chefredaktors Antwort auf diese gewichtige Frage: “In den letzten Jahren, ja Jahrzehnten malten wir uns ein falsches Bild der Schweiz: Die Schweiz ist überlegen, hiess es. Bei uns ist alles besser, hiess es. Wir brauchen die anderen nicht, hiess es.” Dann donnert er: “Wir haben uns getäuscht! Auch wir machen Fehler. Auch wir haben Probleme. Auch wir müssen Krisen meistern. Auch wir müssen uns für Vergangenes entschuldigen.” In der Tat. Walder endet mit der Erkenntnis: “Wir sind wie alle anderen Länder. Wir sind ein normales Land. Mit grossen Stärken und einigen Schwächen.”
Um diese Erkenntnis zu belegen, lässt die SI die “100 wichtigsten Schweizer” antreten, ohne allerdings zu definieren, was sie zu einem der “wichtigsten” macht. Bei den Frauen sind die Kriterien relativ einfach zu eruieren: Sie müssen Medaillengewinnerin, Model, Ex-Miss-Schweiz oder sonst jung und schön sein. Bei den Männern läuft das Auswahlverfahren auch andersherum: Über fünfzig, schütteres Haar, wirtschaftlich erfolgreich, vermögend – oder jung, herzig, Medaillengewinner.
Sie alle dürfen “Meine Schweiz” und “Meine SchweizerInnen” präsentieren. Zur Schweiz sagen sie: “Einfach schön” (Andreas Rihs, Verwaltungsratspräsident Phonak) oder “sooo schön” (Angela Rosengart, Luzerner Kunsthändlerin). Und zu ihren SchweizerInnen: “Bundesrat Samuel Schmid, weil er sehr kooperativ ist” (Philipp Schoch, Snowboard-Olympiasieger) oder “Alle, die ich immer wieder im Ausland treffe und stolz sind, Schweizer zu sein” (Joseph Blatter, Fifa-Präsident) .
Ein wirklich stolzes Volk, das da auf über vierzig Seiten posiert. Aber das Tolle an diesen Wichtigsten: Man wird sie leicht los. Nächstes Jahr wartet eine neue Garnitur. Die alten Schönen und Mächtigen sind vergessen, weil sie nicht mehr Miss sind oder weil sie ihr Unternehmen in den Boden gerammt haben. – Nur Marc Walder wird immer noch über die Fehler der Schweiz grübeln.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Chefredaktor im Gegenwind

Bei der Ringier-Sonntagszeitung “dimanche.ch” wurden Anfang Juli zehn Personen entlassen. Die Stellenkürzung gleicht einer Aufräumaktion.

“Wir sind mit einem kleineren Kostenrahmen gestartet, wir müssen also wieder dahin zurück, sonst hat dieses Projekt wirtschaftlich keine Zukunft”, sagte Verleger Michael Ringier im KLARTEXT-Interview vom Juni. Kaum ein Monat später fiel der Entscheid: Von den rund 35 Personen, die bei “dimanche.ch” arbeiten, werden acht entlassen, dazu kommt die Auflösung des Arbeitsverhältnisses für zwei regelmässige freie MitarbeiterInnen; fast ein Drittel des Personals der vor drei Jahren lancierten Sonntagszeitung muss gehen. Die Entlassungen hinterlassen einen seltsamen Eindruck. Hat Chefredaktor Daniel Pillard auch einfach JournalistInnen gekündigt, die ihm nicht in den Kram passten?

Keine Verhandlungen mit Personal
Claude Ansermoz, Sprecher der Redaktion, zeigt sich “überrascht über das Ausmass der Kürzungen”. Obwohl bei zehn Entlassungen laut geltendem Gesamtarbeitsvertrag eigentlich vorher Diskussionen über alternative Lösungen stattfinden müssten, habe Ringier nicht mit der Personalvertretung verhandelt. Ebenso überrascht sei man in der Redaktion über die Auswahl der Betroffenen. Man habe den Eindruck, sie seien “sehr gezielt” ausgewählt worden. Die gleiche Erklärung kursiert auch in der Redaktion: Pillard habe die Gelegenheit für eine Flurbereinigung genutzt. Betroffen seien KollegInnen, die ihren eigenen Kopf hätten und sich von Pillard nicht dreinreden liessen, wird vermutet. Pillard habe angekündigt, dass er trotz Entlassungen neue MitarbeiterInnen suche, weil er profilierte Köpfe brauche, entlassen würden aber gerade die profilierten Köpfe. Auf der Redaktion verspürt man Bitterkeit über die “skrupellosen Methoden”.
Chefredaktoren haben ein schweres Leben. Bei “Le Matin” hätte Pillard im Auftrag von Verleger Pierre Lamunière ein ungeliebtes Boulevard-Konzept durchdrücken sollen. Er brachte die Redaktion so sehr gegen sich auf, dass er gehen musste. Bei “dimanche.ch” (Auflage rund 45’000 Exemplare) standen die JournalistInnen hinter ihm, bis er Michael Ringiers “kleineren Kostenrahmen” durchsetzen sollte. Nun steht auch die junge Redaktion des Sonntagsblatts mit Pillard im Konflikt. Die KollegInnen solidarisierten sich mit den Entlassenen und wandten sich nach vier Verhandlungsrunden um einen Sozialplan an die kantonale Schlichtungsinstanz. Verhandlungstermin ist der 22. August.
Pillard selbst gibt zu, dass er seine Auswahl nach Kriterien getroffen habe, die nicht nur ökonomischer Natur seien: “Wenn wir schon das Unglück haben, Leute entlassen zu müssen, weshalb dann nicht die Gelegenheit nützen, es nachher besser zu machen?” Zu den entlassenen RedaktorInnen gehörten zwei erfahrene Journalisten, dies habe die junge Redaktion natürlich verunsichert, erklärt er. Doch die Entlassenen hätten nicht dem journalistischen Profil entsprochen, das er sich als Chefredaktor wünsche. Insbesondere die Tatsache, dass sie Teilzeit arbeiteten, entspreche nicht den Bedürfnissen einer kleinen Redaktion, die eine Sonntagszeitung herausgebe: “Wir brauchen disponible, flexible und polyvalente JournalistInnen.” Die Entlassenen seien “relativ teuer und wenig disponibel” gewesen. Einer der Genannten, der 61-jährige Gérard Delaloye, ein ehemaliger “Le Temps”-Mitarbeiter, reagiert: “Ich nehme mit Erstaunen zur Kenntnis, dass ich zu teuer gewesen sein soll, obwohl ich nur 60 Prozent arbeite!” Delaloye ist einer der bekannten Namen unter den “dimanche.ch”-JournalistInnen: Er wurde von Ringier-Berater Jacques Pilet beim Start von “dimanche.ch” als Auslandredaktor und Berater der Chefredaktion engagiert und schreibt regelmässig eine Kolumne auf Seite 2. Mangelnde Vielseitigkeit oder zu grosse Eigenständigkeit?

“Mehr politischen Journalismus”
Derweil betont Pillard, dass er nicht nur beim Personal spare. Er habe dem Verleger einen alle Bereiche umfassenden Sparplan vorgelegt. Dazu gehört auch das Zurückfahren der Seitenzahl und das Zusammenfassen der Ressorts Gesellschaft und Kultur in einen Bund, der “La vie et ses plaisirs” heissen soll. Pillard gibt auch zu, dass die geschrumpfte Redaktion Verstärkung brauchen werde. Ob diese Verstärkung von freien MitarbeiterInnen oder von neuen Festangestellten kommen soll, sei vorderhand noch nicht entschieden. Er will weiter das journalistische Profil verbessern, um der Konkurrenz von “Le Matin Dimanche” (215’000 Exemplare) entgegentreten zu können: “Wir brauchen mehr Brisanz, mehr politischen Journalismus!” Denn mit dem neuen Boulevard-Konzept von Peter Rothenbühler würden die politischen Themen bei “Le Matin” und “Le Matin Dimanche” in den Hintergrund geraten. Hier will Pillard mit seinem neuen Konzept ansetzen. Mit diesem Argument habe er auch den Verleger überzeugen können, der Zeitung nochmals eine Chance zu geben.

Entlassungen auch bei der Wirtschaftszeitung “L’Agefi”

hb./ Die Westschweizer Wirtschafts- und Finanzzeitung “L’Agefi” leidet unter dem Rückgang des Inseratevolumens. Sie entliess vier Personen, zwei im Redaktionssekretariat, zwei in der Verwaltung. Ausserdem wurde bei den freien MitarbeiterInnen reduziert und der für den 15. September angekündigte Relaunch auf das nächste Jahr verschoben. Dies teilte die Agefi Groupe in einer Medienmitteilung mit. Angesichts der schwierigen Lage gründeten die MitarbeiterInnen eine Personalorganisation mit dem Ziel, die Interessen der Angestellten zu verteidigen. Sie zeigte sich “traurig und überrascht” über das Ausmass der Entlassungen, insbesondere, da die Agefi-Gruppe Gewinne erwirtschafte. Pascal Vermot, einer der Vertreter der Personalorganisation, fürchtet weitere Entlassungen, falls sich die wirtschaftliche Lage nach der Sommerpause nicht bessere. Die Mitte Juli gegründete Personalvertretung werde als Gesprächspartnerin akzeptiert, sagt Vermot. Falls es zu einer zweiten Entlassungswelle komme, sei es wichtig, bereits jetzt einen guten Sozialplan durchzusetzen. Laut Auskunft von “Agefi”-Besitzer Alain Fabarez sind in der zweiten Jahreshälfte keine Entlassungen mehr geplant, falls die Konjunktur auf dem heutigen Niveau bleibe. Bei neuen Verschlechterungen könnten Massnahmen ergriffen werden, die nicht unbedingt Entlassungen bedeuten müssten.

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