10. Juli 2007 von Klartext

Fotoreportagen

Die Fotoreportage hat in den vergangenen Jahrzehnten, zusammen mit den grossen Illustrierten, an Bedeutung und Beachtung verloren. Einige FotografInnen haben sich den veränderten Medienverhältnissen angepasst und sich auf Langzeit-Projekte spezialisiert, die sie entweder als Buch oder als Ausstellung der Öffentlichkeit vorstellen. Seit Ende November zeigt das Lausanner Museum Elysée nun die aktuellen Arbeiten von drei Fotografen, die sich seit vielen Jahren mit ihren Themen beschäftigen. Gleichzeitig veröffentlichen die drei Ausstellenden ihre Arbeiten auch in Buchform.
Seit 1984 erkundet der heute 56-jährige Westschweizer Jean-Claude Wicky die Welt der Bergleute (Mineros) in Bolivien. Inzwischen hat er rund dreissig Bergminen besichtigt, ebenso die dazu gehörigen Dörfer. Er sieht sich vor der Schwierigkeit: “Wie kann man die Feuchtigkeit, die Hitze, den Mangel an Luft, den scharfen Geruch des Erzes, das einem durch den ganzen Körper geht, fotografieren?”
Er hege “den tiefen Wunsch, die Augen derer, die nichts gesehen haben, zu öffnen”, erklärt der 38-jährige Ahad Zalmai, der 1980 aus Afghanistan in die Schweiz floh und heute in New York lebt. Er fotografiert in den Krisen- und Kriegsgebieten in Indien, Indonesien, den Philippinen, Ägypten, Mali, Zentralafrika oder Kuba.
Seit acht Jahren bewegt sich der 40-jährige Lausanner Yves Leresche bei den rumänischen Romas und berichtet von deren Alltag. Seine Fotos zeigen neben der Armut auch die Lebenslust.
Alle drei Fotografen stehen, so schreiben die Ausstellungsmacher, “in der grossartigen Tradition der humanistischen Fotoreportage”.

Die Ausstellung: Bis 26. Januar 2003. Musée de l’Elysée, 18, avenue de l’Elysée, 1014 Lausanne. Täglich geöffnet von 11 bis 18 Uhr. Siehe auch www.elysee.ch.

Die Bücher: Ahad Zalmai: “Eclipse”. Textes de Daniel Girardin. Benteli Verlag, Bern 2002.
Jean-Claude Wicky: “Mineros”. Actes Sud, Arles 2002. Yves Leresche: “Rrom. Les roms de Roumanie”. Textes de Blaise Willa. Infolio, Glion 2002.

10. Juli 2007 von Klartext

Täglich nur das Beste!

kb./ “Am besten wäre es, wir würden mit den sprachlichen Mitteln des Dichters immer nur die Wahrheit schreiben”, meint Herbert Riehl-Heyse, leitender Redaktor der “Süddeutschen Zeitung”, in seinem neuen Buch* – um diesen allzu hohen Anspruch gleich selber etwas zu relativieren: “Wenn das nicht immer möglich sein sollte, wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns vornehmen würden, wenigstens nicht zu lügen und dabei in unseren besten Momenten zu versuchen, die Welt mit künstlerischem Gestaltungswillen so eindringlich zu beschreiben, dass der Leser sie wieder erkennen kann oder erst neu entdeckt.”
Riehl-Heyse, Verfasser von kurzen Streiflichtern und langen Reportagen, von Essays und Feuilletons, will uns JournalistInnen Mut machen – Mut zur Qualität, Mut auch zur Ironie und zur Fantasie. In einer Zeit, da – wie gerade eine Schweizer Nationalfonds-Studie aufgezeigt hat – immer mehr Zeitungstexte sich lesen wie in den Konjunktiv gesetzte PR-Communiqués und Pressemitteilungen, wäre es schön, man befolgte etwas öfter den Ratschlag des Autors: “Man kann von Schriftstellern lernen, wie man beschreibt, statt zu behaupten; wie man erzählt, statt zu verlautbaren.”
Natürlich hat niemand von uns jemals genügend Zeit, um nach der noch treffenderen Formulierung zu suchen, noch einen weiteren Recherche-Anruf zu tätigen oder noch einen zusätzlichen Fachartikel zu lesen, um dann mit den sprachlichen Mitteln des Dichters die Wahrheit schreiben zu können. Riehl-Heyses Buch ist denn auch ein Appell an alle Beteiligten, vom Verleger bis zur Leserin, die Bedingungen zu schaffen, unter denen Qualität gedeihen kann.
Qualitätsjournalismus – das ist für Riehl-Heyse nicht ein gelegentlicher Primeur oder eine gute Reportage pro Woche, sondern “ein Gesamtkonzept, ein erkennbarer verlegerischer Gesamtwille: Es muss der Versuch erkennbar sein, jeden Tag, jede Woche mit Hilfe des Journalismus nichts Geringeres als die Welt zu beschreiben, sie sich als journalistisches Team zu erarbeiten, sich über Prioritäten bei der Beschreibung zu verständigen und die Ergebnisse dann seinen Lesern, Hörern und Zusehern so zu unterbreiten, dass möglichst viele von ihnen nicht sofort das Blatt aus der Hand legen oder zur nächsten Quizshow zappen.”
Ein journalistisches Qualitätsprodukt in diesem Sinne müsste durchaus nicht trocken und elitär daherkommen, schreibt Riehl-Heyse – “schliesslich braucht der Mensch genauso die Lebenshilfe, den Service, den Klatsch (…) Aber das alles muss, in jedem Sektor, von hervorragenden Journalisten gemacht werden, die auch ein wenig Zeit zum Nachdenken, zur eigenen Weiterbildung, zum Einsatz ihrer Fantasie haben.”
Das Buch basiert auf einer Vorlesungsreihe, die Riehl-Heyse im Sommer 2001 in Wien gehalten hat. Damals war wohl noch nicht absehbar, dass die ökonomische Krise auch Qualitätszeitungen wie die “Süddeutsche Zeitung” derart hart treffen würde – bis Ende 2004 muss der Süddeutsche Verlag 950 von 5000 Stellen abbauen und 130 Millionen Euro einsparen; im laufenden Jahr wird ein Verlust im “hohen zweistelligen Mio-Euro-Bereich” erwartet. Im Gespräch mit KLARTEXT zeigt sich Riehl-Heyse denn auch äusserst besorgt über die jüngste Entwicklung: “Da kann einem wirklich angst und bange werden. Das Kulturgut Qualitätspresse ist bedroht.” Und Abhilfe sei nicht in Sicht: “Dies ist keine konjunkturelle, sondern eine strukturelle Krise; die Stellenanzeigen und andere Rubrikeninserate wandern ins Internet ab und kehren nicht zurück. Und es ist zumindest fraglich, ob die Leser eine Abopreiserhöhung schlucken, wenn gleichzeitig beim redaktionellen Inhalt gespart wird.”
Immerhin konnte die “Süddeutsche” mittlerweile als neuen 18,75-%-Aktionär die Südwestdeutsche Medien Holding ins Boot holen; diese Gruppe, die mehrere Regionalzeitungen mit einer Gesamtauflage von 1,2 Millionen herausgibt, verfügt noch über gut gefüllte Kassen. Und auch die LeserInnen seien der “Süddeutschen” treu geblieben, hält Verlagssprecher Sebastian Lehmann gegenüber KLARTEXT fest: Die Auflage des Blattes steige sogar leicht weiter, dies im Gegensatz zum Branchentrend. Der Abwanderung von Inseraten begegne der Verlag mit dem Angebot eigener Rubrikenmärkte im Internet, so Lehmann weiter. “Wir sind uns der Verantwortung bewusst, dass man mit einem Qualitätsmedium wie der ‚Süddeutschen Zeitung‘ sehr vorsichtig umgehen muss”, beruhigt der Verlagssprecher. “Trotz der unumgänglichen Kostensenkungen darf die Qualität der Zeitung keinen Schaden nehmen.”

* Herbert Riehl-Heyse: “Arbeiten in vermintem Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus”. Wien, Picus Verlag, 2002.

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