10. Juli 2007 von Delf Bucher

Studierende machen Radio oft mit Hintergedanken

An immer mehr deutschen Hochschulen geht der Campusfunk auf Sendung. Der Programm-Mix 2002: Statt den Aufstand gegen das Establishment gibts Berichterstattung mit Uni-Bezug. Viele der Radiopioniere bereiten zielgerichtet ihre zukünftige Medienkarriere vor.

“Endlich einmal etwas Praxisbezogenes und Kreatives im Uni-Angebot”, sagt die Philologin Susanne Gatermann. Zwei Kurse hat sie beim Uniradio Freiburg (Breisgau) belegt, hantiert schon geübt am digitalen Schnittpult, kennt die Regeln, um einen Bericht mit O-Ton zu gestalten. Das neu erworbene Stück Medienerfahrung ist für sie am Ende des Studiums ein Rettungsanker: “Ich habe bemerkt, dass ich nicht als Romanistin arbeiten will.” Stattdessen sucht sie eine Stelle als Pressesprecherin.
Für den Historiker Jochen Kern ist dies schon zur beruflichen Wirklichkeit geworden. Statt “333 bei Isos Keilerei” in SchülerInnenhirne einzupauken, sitzt er nun in der Öffentlichkeitsabteilung eines Babynahrungsherstellers. Der Radioredaktion ist er auch nach dem Ende des Studiums treu geblieben. “Das schafft Abwechslung zum Berufsalltag.” Vielleicht öffnet sich einmal die Türe in eine der Radiostationen. Immerhin schon zwei Dutzend der Freiburger Uniradio-Macherinnen und -Aktivisten haben den Sprung in die Radiostationen vollzogen. “Aber momentan sieht es da ganz schlecht aus”, erklärt Jochen Kern. Im Zeichen des schwachen Werbemarktes entlassen deutsche Privatsender Redaktorinnen und Journalisten massenhaft. Sparkurs ist angesagt.
Vielleicht finden deshalb auch die Gratisangebote der Freiburger Jung-RadiomacherInnen besonders guten Absatz. Denn einmal in der Woche gilt es ernst. Ein Zweiminuten-Beitrag wird 168 privaten Radiostationen in allen Winkeln der deutschen Republik als Hörkonserve angeboten. Neun CDs wurden beim letzten Beitrag angefordert und zehn Downloads im Internet registriert. “Mit dem Thema Rente waren wir ganz nahe dran an der deutschen Befindlichkeit”, sagt Wolfgang Krause, Redaktor des Radio Regenbogen und als Medienpädagoge für die Ausbildung der akademischen Radio-NovizInnen zuständig.

Durchlauferhitzer für Medienkarrieren
Im Gegensatz zu vielen KollegInnen in der BRD haben die Freiburger Uniradio-Leute keine Antenne auf dem Dach. Statt mit UKW-Frequenz ihr Publikum zu erreichen, sind sie auf die Ausstrahlung ihrer Beiträge bei den verschiedenen Privatradios angewiesen. “Professionalität ist unumgängliche Vorgabe, und auch der journalistisch richtige Riecher”, wie Wolfgang Krause das Prinzip der akademischen Audio-Agentur erklärt. Der Radiomann hat sich vor zehn Jahren unmittelbar im Anschluss an sein Pädagogikstudium dem Radiojournalismus zugewandt. Ein Privatradiomacher, der den KollegInnen von den öffentlich-rechtlichen Anstalten gerne einen Hang zu bürokratischer Betulichkeit vorwirft. Die pragmatische Einstellung der Studierenden-Generation von heute gefällt ihm. Nichts erinnert mehr an die klandestinen Zeiten, als Studierenden zusammen mit Anti-AKW-AktivistInnen beim Kampf gegen das AKW Wyhl das Radio Dreieckland (heute lizenziertes Alternativradio) betrieben. Das Uniradio ist nicht Verstärker einer Bewegung, sondern ein Durchlauferhitzer für Medienkarrieren, finanziert von der Universität Freiburg oder genauer gesagt: von der Pressestelle der Universität. “Inhaltlich gibt es für uns nur eine Vorgabe: ein Bezug zur Uni muss in jedem Beitrag hergestellt werde”, sagt Krause. Das fällt nicht schwer. Denn die Themen sind nach einem ähnlichen Muster gestrickt: Aufgreifen eines aktuellen Themas, zu dem sich wiederum akademische SpezialistInnen an der Uni Freiburg äussern.

Türöffner für Wissenschaftssendungen
Lob für die Freiburger FunkerInnen gibt es von der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) aus Stuttgart. “Wissenschaftsberichterstattung fristete bis anhin bei den privaten Radios ein Mauerblümchen-Dasein. Mit den weit gestreuten Beiträgen von Uniradio Freiburg haben wir hier einen Türöffner gefunden”, sagt Albrecht Kutteroff, LfK-Verantwortlicher für die Bürger- und Hochschulradios. Im neuen Entwurf des baden-württembergischen Mediengesetzes wird das Land explizit zur Förderung der Hochschul-Lernradios verpflichtet und ihnen ein erleichterter Zugang zu Frequenzen zugesprochen. Die Gema-Gebühren, vergleichbar mit der urheberrechtlichen Abgeltung der Suisa, werden bereits heute von der LfK übernommen und damit Kongresse sowie Workshops für die universitären Nonprofit-Sender organisiert. Auch hat die LfK eine gemeinsame Internet-Plattform (IHR-Radio) angeregt, in der die neun Campusradios von Baden-Württemberg ihre Radiobeiträge on demand ins Netz stellen können. In der Schweiz stehen beim Bundesamt für Kommunikation solche Aufgaben nicht im Pflichtenheft. Warum nicht? “Bei uns fallen Hochschulen und damit auch deren Radios unter die kantonale Hoheit”, rechtfertigt Marcel Regnotto, Bakom-Verantwortlicher für regionale Radio- und Fernseh-Konzessionäre, die helvetische Passivität.
Dabei ist klar: Die seit Jahrzehnten dominierende konservative CDU-Regierung in Baden-Württemberg beabsichtigt keineswegs, aufmüpfige, emanzipatorische Störsender zu etablieren, die die Hochschulpolitik im “Ländle” kritisch begleiten. Hingegen hat man im Stuttgarter Wissenschaftsministerium die Radiostationen als wichtiges Scharnier für die Verbindung von Theorie und Praxis erkannt.
Besonders ein Projekt brilliert im Äther der CampusfunkerInnen: das Hochschulradio Stuttgart. Als die beiden Hochschulen Druck und Medientechnik sowie Bibliotheks- und Informationswesen vor zwei Jahren zur Hochschule der Medien (HdM) verschmolzen wurden, entstand der HdM-Sender. Spezialität der HdM-FunkerInnen: Hier wird nicht nur Radio gemacht, sondern von vornherein der multimediale Mix der Zukunft eingeübt. “Als der Hype im Internet seinen Höhepunkt erreichte, da streamten alle Radiostationen ins Netz. Wir wussten sofort: Das ist es nicht”, sagt HdM-Professor Wolfgang von Keitz.
Nun experimentieren die Studierenden an neuen Formen im professionellen Umfeld des Hochschulstudios. Statt wie das klassische Radio-Medium nur auf den Ton zu setzen, sollen nun beim Internetradio Text, Bild und Ton zusammengebracht werden. Obwohl das Internetfieber längst abgekühlt ist, kommen die HdM-Absolventinnen und -Abgänger auf dem Arbeitsmarkt gut unter. “Für uns ist dies ein Beweis, dass wir uns im richtigen Segment positioniert haben”, berichtet Wolfgang von Keitz. Die ambitionierten Internetradio-MacherInnen können auf einen besonderen eindrücklichen Erfolg hinweisen: Auf der akademischen Spielwiese ist das Jazzradio entstanden, das sich mittlerweile verselbständigt hat und als Special-Interest-Sender mit täglich 30’000 Zugriffen international beachtet wird.
Zwei Multimedia-Stationen stehen auch beim Lernradio der Musikhochschule Karlsruhe für die Produktion trimedialer Magazine bereit. Was die angehenden Radiojournalistinnen und -Moderatoren von den Stuttgarter Studierenden unterscheidet: Wie die Campussender in Nordrhein-Westfalen, der Hochburg der deutschen Uniradios, verfügen sie über eine eigene Frequenz. Auch ihr Schwerpunkt ist einzigartig: Musikjournalismus. Werden aber die MusikjournalistInnen nicht durch computergestützte Programmierung der immer mehr formatierten Sender überflüssig? Jürgen Christ, Leiter des Karlsruher Lernradios, der selbst als Pionier für Klassikradios die Computer gefüttert hat, sieht dies weniger skeptisch: “Die Maschinen müssen von Fachleuten programmiert werden.” Überhaupt sieht er für die Radiolandschaft der Zukunft eine Trendwende: “Die Spasskultur hat ihren Zenith überschritten. Die Hörerinnen und Hörer wollen wieder mehr Substanz.”

Uniradios in der Schweiz: St. Gallen und Lausanne mit Vollprogrammen

db./ In Helvetiens Äther hat das Campusradio nicht viel zu melden. Dank alternativer Radiostrukturen finden immerhin Unimix in Fribourg, Unibox in Bern oder Sirup der Universität Zürich monatlich oder wöchentlich eine Nische. Mit Vollprogramm ist neben dem Lausanner Campuspionier Fréquence Banane nur Toxic.fm in St. Gallen auf Sendung. Der Sender hat sich vom HSG-Radio zum “alternativen Mainstream-Radio” für Junge zwischen 15 und 29 Jahren entwickelt.
“Bei unserem Versuch, ein Uniradio aufzubauen, sind wir erst gegen Wände gelaufen”, erinnert sich Michael Rohmeder. Der heute 22-Jährige ist vor drei Jahren eigentlich zum Studieren an die HSG gelangt. Er hat sich sofort unheilbar vom Radiovirus anstecken lassen mit der Folge: Vorlesungen stehen nur noch selten auf dem Stundenplan. Seine Zeit widmet er hauptsächlich der Realisierung des Campusradios, was eben heisst: bürokratische, finanzielle oder technische Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Mittlerweile ist er Geschäftsführer von Radio Toxic.fm, das auf Welle 107.1 täglich mehr als 28’000 HörerInnen in der städtischen Agglo St. Gallen mit einem Musikteppich eindeckt, den die Macher als “anspruchsvollen Mainstream mit progressivem Einschlag” charakterisieren. Dazwischen gibts Info-Beiträge und Interviews zum regionalen und globalen Geschehen und es kann auch einmal experimentelles Radio sein: wenn zwei Stunden lang Peter Handkes “Publikumsbeschimpfung” auf die HörerInnenschaft niederprasselt.
Am Anfang war die fixe Idee: Uniradio machen wie in den USA. Die sonst für US-Campus-Modelle offene HSG wollte davon nichts wissen. Aber die Radiopioniere liessen sich nicht entmutigen und meldeten für das Radio HerzSchlaG beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) für Mai 2000 eine Kurz-Konzession für vier Wochen an. Schnell wurde eine Antenne abenteuerlich zwischen Giebel und Balkon montiert und 17 Stunden täglich gesendet. Der Erfolg spornte zum Weitermachen an. Das Bakom indes sendete auf das Konzessionsgesuch hin negative Signale aus. Keine Frequenzen für die Radionovizen bis zum Jahr 2005, lautete der Bescheid aus Biel. Hartnäckig wollten die HSG-Funkaktivisten den HerzSchlaG weiter pulsieren lassen und machten eine Entdeckung: In der Ostschweizer Sendenetzplanung des Bakom war in den 90er Jahren eine Alternativfrequenz beantragt und genehmigt, aber nicht genutzt worden. Das Bakom wollte von der Rochade des nichtkommerziellen Alternativfunks zum Akademikerradio nichts wissen. Die Campusfunker beantragten deshalb fürs erste eine weitere Kurz-Konzession und im Mai 2001 war HerzSchlaG wieder für St. Gallens Teens und Twens zu empfangen. Schliesslich kam im Spätsommer 2001 der Bakom-Brief mit der Konzession und am 3. Dezember ging der Sender unter dem wohlklingenden Namen Toxic.fm an den Start.
Mittlerweile hatte sich auch die HSG mit anderen Beteiligten in der Stiftung Herzschlag zusammengefunden. Immerhin hat die Fondation zur Förderung des studentischen Schaffens 290’000 Franken Stiftungskapital zusammengebracht. Im Oktober aber schrillten die Alarmglocken. Die Giftmischer aus dem Toxic.fm-Studio hätten beinahe die gallenbittere Nachricht von der Pleite des Senders an ihre HörerInnen verkünden müssen. Denn die HSG, die noch im Februar mit dem Abkauf von Technik über 140’000 Franken eingesprungen war, wollte aufgrund angespannter Haushaltslage nicht noch einmal finanziell aushelfen. Denn für die HSG-Leitung war von vornherein klar: Das Prinzip “Learning by doing” sollte sich nicht nur auf Mikrofone und Schnittpulte beziehen, sondern auch auf die betriebswirtschaftliche Rentabilität. Sprich: Der Sender sollte sich mit Werbung finanzieren. Natürlich will Geschäftsführer Michael Rohmeder nicht den Geldgeber HSG vergrätzen und formuliert deshalb: “Es ist ganz spannend, dass wir keine pädagogische Alibi-Übung sind, sondern uns über Werbung finanzieren müssen.” Aber zwischen den Zeilen ist kaum zu überhören: Rohmeder und die Toxic.fm-Leute könnten sich eine engere finanzielle Einbettung in die Unistrukturen vorstellen. Schliesslich gibt es auf St. Gallens Rosenberg-Hügel auch das Institut für Medienwirtschaft.
Als Retter in der Not sprang das “St. Galler Tagblatt” mit 150’000 Franken ein. “Die Beweggründe für die Unterstützung sind rein karitativ”, sagt Hans Peter Klauser, Geschäftsleiter der St. Galler Tagblatt AG, im eigenen Blatt. Ganz interesselos ist die Zollikofer-Gruppe nicht. Schliesslich war Toxic.fm ursprünglich die Konkurrenz zu Radio aktuell, mehrheitlich im Besitz der Zollikofer-Gruppe. Nun soll auch bei der Werbeakquisition die Zusammenarbeit gestärkt werden.
Die Gehälter der fünf Festangestellten von Toxic.fm haben kaum die Löcher in die Kassen gerissen. Denn waren im Businessplan ursprünglich 6000 Franken monatlich für den Geschäftsführer vorgesehen, muss sich Michael Rohmeder mit 3000 Franken begnügen. Die freien MitarbeiterInnen hingegen arbeiten gratis. Trotzdem erfordert das Vollprogramm von den fest verplanten MitarbeiterInnen je 12 Stunden wöchentlich Einsatz. Statt Bezahlung gibts “Medienkompetenz ohne Lehrbücher”. Stimmtraining, Moderation, Radiofeatures und vieles mehr steht 16 Mal jährlich auf dem Kursprogramm. Dozenten sind Medienprofis wie Hansjörg Enz, Felix Mätzler oder Iso Rechsteiner.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Dank Lohnverzicht zur Mitsprache?

Bei “Le Temps” verzichten die Angestellten auf einen Lohnanteil, um Arbeitsplätze zu retten. Dafür möchten sie mehr Mitsprache.

In gut drei Monaten wird “Le Temps” fünf Jahre alt und noch immer schreibt die überregionale Qualitätszeitung der Romandie keine schwarzen Zahlen. Im November 2001 wurden 16 Leute entlassen, drei weitere mussten Stellenkürzungen akzeptieren. Damals erklärte man den MitarbeiterInnen, ein einmaliger drastischer Sparplan sei besser als mehrmalige ungenügende Massnahmen. Nun folgt der zweite Sparplan, der neben dem Wechsel zu einer günstigeren Druckerei und weiteren Massnahmen auch Entlassungen vorsieht. Wie Ende November bekannt wurde, waren rund acht Stellen bedroht. Dank den Verhandlungen mit dem Personal konnten Entlassungen vermieden werden. Hingegen werden zwei Stagiaires am Ende ihres Stage nicht angestellt.
“Das Budget 2002 war hart”, erklärt Chefredaktor Jean-Jacques Roth. “Le Temps” habe ein ausgeglichenes Budget angestrebt, doch das Ziel sei wegen dem Einbruch der Inserateeinnahmen nicht erreicht worden. “Ohne die Werbeflaute wären rote Zahlen zu vermeiden gewesen”, unterstreicht Roth. “Die Zeitung steht auf einer gesunden Basis und auf der Leserseite gibt es keine Krise.” “Le Temps” beschäftigt 169 Personen (148,4 Stellen), davon 104 (93,5 Stellen) in der Redaktion, die Auflage beträgt 53’500 Exemplare.

Getrübte Stimmung
Die Stimmung ist düster. “Es herrscht ein Klima der Unsicherheit”, berichtet Olivier Perrin, Sprecher der Redaktion. Die kollektive Dynamik, die das Projekt ausgezeichnet habe, sei verloren gegangen, auch wenn sich das Personal noch immer mit der Zeitung identifiziere. Kritik wird laut: Die Direktion habe überreagiert, als mit der Ringier-Sonntagszeitung “Dimanche.ch” eine Konkurrenz auf dem Markt aufzutauchen schien. Damals waren mehrere Beilagen lanciert worden, einige mussten seither wieder eingestellt werden. “‚Dimanche.ch‘ wurde nicht zu einer ernsthaften Konkurrenz, doch die vergangenen Entscheide belasten uns noch heute”, sagt Perrin.
Trotz Kritik bemühten sich die Angestellten, die Zahl der Entlassungen mit eigenen Sparvorschlägen möglichst tief zu halten. So wurden etwa freiwillige Arbeitszeitreduktionen und die Nichtbesetzung von frei werdenden Stellen diskutiert. Auf Vorschlag des Personals zeigte sich eine Mehrheit gar bereit, auf einen Teil des 13. Monatslohns zu verzichten, falls damit Arbeitsplätze gerettet werden könnten. Die Direktion, so kann man vernehmen, habe sich bereit erklärt, die “aussergewöhnliche Geste” zu belohnen und “die Schuld abzutragen”, die sie gegenüber den Angestellten nun habe. Wie Olivier Perrin erklärt, verlangen die Angestellten nun vermehrt Einblick in die Bücher. Wie eine Mitsprache allenfalls aussehen soll, muss noch ausgehandelt werden. Weil die RedaktorInnen es verpasst haben, klare Abmachungen über eine solche Mitsprache zu treffen, sind sie nun vom guten Willen der Direktion abhängig.

“Bauarbeiter würden es nicht tun”
Das Vorgehen beim Lohnverzicht stiess nicht auf einhellige Begeisterung der Lohnabhängigen, die mit sechs Prozent am Aktienkapital der Zeitung beteiligt sind. Redaktorin Joëlle Kuntz beispielsweise ist skeptisch: “Aus gewerkschaftlicher Sicht finde ich es problematisch, legitimerweise die Anpassung der Löhne an die Teuerung zu verlangen und im gleichen Atemzug auf unsere Ansprüche zu verzichten, um Arbeitsplätze zu retten. Die Bauarbeiter würden sich nicht in eine solch widersprüchliche Lage versetzen! Weshalb tun wir es?” Es sei problematisch, die Dinge zu vermischen: “Entweder wir verhalten uns als Angestellte und wehren uns kollektiv gegen einen Abbauplan, oder wir verhalten uns als Mitbesitzer und erklären uns bereit, aus unserem Lohn eine zusätzliche Investition zu finanzieren.” Sie sei aus Prinzip gegen Lohnverzicht im Namen einer Solidarität, die nicht politisch investiert werde. Vorstellbar ist beispielsweise, dass der Lohnverzicht sich in einem grösseren Aktienanteil niederschlägt.
Zwar sind die Angestellten zurzeit nicht in der Lage, im Gegenzug zu weniger Lohn mehr Macht zu verlangen. “Die aktuellen Besitzverhältnisse sind von den Umständen geprägt, unter denen die Zeitung entstanden ist”, meint Joëlle Kuntz. “Ich denke nicht, dass die Besitzverhältnisse noch jahrelang so bleiben werden.” Die Wettbewerbskommission hatte die Fusion von zwei Zeitungen nur unter der Bedingung erlaubt, dass der marktbeherrschende Verlag Edipresse nicht Mehrheitsaktionär werde. Heute gehört die Zeitung zu 47 Prozent Edipresse, zu 20 Prozent “Le Monde”, zu 27 Prozent den Genfer Privatbanken und zu sechs Prozent den MitarbeiterInnen. Kuntz meint deshalb: “Als MitbesitzerInnen eines wenn auch minimalen Kapitalanteils sollten wir uns als gut informierte und solide Gesprächspartner Respekt verschaffen. Vor allem, wenn wesentliche Veränderungen eintreten sollten, wie sie bei der heutigen Unsicherheit in der Presselandschaft nicht ausgeschlossen sind.”
Tatsächlich könnte der eine oder andere Besitzer früher oder später den Rückzug erwägen. Doch Jean-Jacques Roth versichert, die Beziehungen zu Edipresse und zu “Le Monde” seien solide, und auch die Spannungen mit den Genfer Privatbanken gehörten der Vergangenheit an. Auf das Modell “Le Monde” – das heisst, eine wesentliche Kapitalbeteiligung der MitarbeiterInnen und LeserInnen – wolle man sich nicht einlassen: “Wir brauchen ein starkes und zusammengeschweisstes Aktionariat”, meint Roth. Hingegen sei man “völlig offen” dafür, dass sich die Angestellten vermehrt in den Geschäftsgang einmischen wollten.

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