10. Juli 2007 von Fredi Lerch

Palaver über Schurni-Ethik

KENNST DU SPARTACUS? Genau, den Führer im dritten römischen Sklavenkrieg. Weisst du, warum es damals zum Krieg gekommen ist? Es war so: Spartacus, desertierter und wieder eingefangener Soldat der römischen Armee, brachte es in Capua zum Fechtlehrer an einer Gladiatorenschule. Deshalb lud ihn die dortige “Initiative freier Römer für saubere Gladiatorenkämpfe” ein, bei der Formulierung einer ethischen Erklärung die Sicht der Gladiatoren einzubringen. Er machte mit und forderte, dass Gladiatoren besiegte Gegner nicht mehr töten müssten. Er erreichte: Die Nägel, mit denen man kampfunwillige Gladiatoren disziplinarisch kreuzigte, sollten von nun an “nach Möglichkeit rostfrei” sein. Nach dieser Erfahrung hatte Spartacus genug von der Ethik. Er rief den Aufstand aus und lehrte die Römer das Fürchten, bevor er 71 v. u. Z. die Entscheidungsschlacht bei Brundisium verlor und an der Strasse nach Capua mit extrafrisch geschmiedeten Nägeln gekreuzigt wurde.

DU SIEHST, ETHISCHE ERKLÄRUNGEN HABEN ES IN SICH. In den nächsten Wochen wirst du – egal, ob du Mitglied des SVJ, des SSM oder der Comedia bist – die Unterlagen für den Berufsregistereintrag 2003 erhalten. Man wird dir mitteilen, dass du dich von nun an “Medienschaffende/r BR” nennen darfst unter der Bedingung, dass du die beigelegte “Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten” des Schweizer Presserats unterschreibst.

EINE KLEINE ERPRESSUNG, KLAR: Wer nicht unterschreibt, erhält den Eintrag nicht. Darum wirst du unterschreiben. Zum Beispiel, dass die “Verantwortlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit” Vorrang habe vor jener gegenüber den “Arbeitgebern”. Aber auch, dass du “journalistische Weisungen nur von den hierfür verantwortlich bezeichneten Mitgliedern” der Redaktion entgegennimmst. Damit anerkennst du das Weisungsrecht von Leuten, die von jenen “Arbeitgebern” abhängig sind, denen du weniger verantwortlich sein sollst als der Öffentlichkeit. Ergeben sich daraus ethische Dilemmata, wirst du dich im Zweifelsfall für den Zahltag entscheiden. Denn motzen gegen Weisungsberechtigte könnte unethisch sein, und der Artikel 14 des neuen “Reglements über den Schweizer Presseausweis und das Berufsregister der journalistisch tätigen Medienschaffenden BR” sieht vor, dass “schwerwiegende” oder “wiederholte Verletzungen” der “Erklärung” zur “Löschung des Eintrags im Berufsregister” führen sollen.

ZU SO WAS ZWINGT MICH MEINE BERUFSORGANISATION, schimpfst du? Sie hatte eben andere Prioritäten. Der einheitliche BR-Ausweis ist für die Branche ein überfälliger Fortschritt. Dagegen ist der ethische Wurmfortsatz des Handels eine quantité négligeable. Die harten Diskurse in der Medienbranche sind sowieso jene des Geldes und des Rechts, wie überall. Sie werden zwischen Kapital- und Arbeitgebern, Richtern und – bestenfalls – den Berufsorganisationen geführt. Dagegen ist der Diskurs über Schurni-Ethik butterweich – sinnvollerweise zwanglos nur unter Gleichberechtigten zu führen. Dass man uns für den BR-Eintrag zur Unterzeichnung einer “Erklärung” zwingt, hat mit Berufsethik deshalb weniger zu tun als mit standespolitischer Abschottung. Bloss wogegen?

GEGEN OBEN ODER GEGEN AUSSEN ODER GEGEN UNTEN. – Gegen oben? Nein. Eher werden die Verleger die “Erklärung” in ihrem Sinne umformulieren dürfen. Dass sie das tun wollen, haben sie bereits angekündigt – als Gegenleistung dafür, dass sie den überlasteten Presserat finanziell unterstützen sollen. Gegen aussen auch nicht. Im neuen Reglement über das Berufsregister hält Artikel 7 fest, dass nicht mehr 80 Prozent des Einkommens aus journalistischer Tätigkeit, sondern nur noch “seit mindestens 2 Jahren 50 Prozent” Voraussetzung für den BR-Eintrag sein sollen. Damit öffnen sich die Schurni-Organisationen Richtung Public-Relations-Industrie. Vorstellbar, dass der “Medienschaffende BR” eines Tages zum “Medienschaffenden PR” wird.

ALSO ABSCHOTTUNG GEGEN UNTEN? Ethik als Jargon, der dazu dient, Interessengegensätze schönzureden, entfaltet ihre Wirkung zuungunsten der Abhängigen. Die elf Schurni-Pflichten, die wir notgedrungen unterschreiben werden, sind frisch geschmiedete rostfreie Nägel: Irgendwer wird sie irgendwann irgendwem reinhauen.
PS: Spartacus ist übrigens nicht gekreuzigt worden. Er fiel bei Brundisium. Lügen ist unethisch.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Reserviert für Leader

Im Januar 2003 will sich das WEF erstmals für ein paar Nichtregierungsorganisationen öffnen; aber die Bunker-Mentalität der Weltwirtschaftsmesse ist damit nicht überwunden.

hb./ “Auf der einen Seite die ‚Guten‘, die ‚Wichtigen‘, die ‚Leader‘, auf der andern die ‚Bösen‘, die ‚Kleinen‘, die ‚Lästigen‘”: So beschrieb Christian Campiche, Redaktor bei der Freiburger “Liberté”, die Situation der JournalistInnen beim Treffen des World Economic Forum (WEF) 2002 in New York. Denn die “Leader” unter den JournalistInnen hatten Zugang zum erlauchten Waldorf Astoria, wo sich die Weltwirtschaftsspitze tummelte, während die “Lästigen” vom Allerheiligsten ausgeschlossen blieben. Sie mussten im angrenzenden Intercontinental auf den Kugelschreibern herumbeissen und konnten keinen Wirtschaftsboss vor das Mikrofon kriegen, um ihm ein exklusives Zitat zu entlocken.
Der vom WEF in New York praktizierten Diskriminierung folgte eine geharnischte Protestnote des Forums der Westschweizer WirtschaftsjournalistInnen FORJEC. “Es war eine Auswahl aus Platz- und Sicherheitsgründen”, umschreibt WEF-Sprecher Alexandre Sosia die New Yorker WEF-Praxis gegenüber KLARTEXT. Zum Waldorf Astoria hätten nur “Teilnehmer” Zugang gehabt, von den Medien nur die vom WEF als “Teilnehmer” eingeladenen Chefredaktoren. Im Intercontinental hingegen seien die “berichterstattenden Journalisten” untergebracht gewesen. Stimmt gar nicht, erwidert Christian Campiche: Gewisse Medien hätten gleich zwei oder drei RedaktorInnen ins Waldorf Astoria entsenden können, andere gar keine. “Falls die Unterscheidung zwischen ChefredaktorInnen und BerichterstatterInnen die Regel gewesen ist, gab es eine Menge Ausnahmen!”
Nächstes Jahr in Davos, versichert Sosia, hätten alle akkreditierten JournalistInnen unterschiedslos Zugang zum Kongresszentrum. Allerdings, schränkt er dann ein, werde es auch in Davos gewisse Debatten geben, bei denen nur die “Teilnehmer” zugelassen seien und die “Berichterstatter” vor der Tür bleiben müssten. Sosia glaubt jedenfalls: “Die praktizierte Unterscheidung ist völlig normal.”

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