10. Juli 2007 von Klartext

Frauen: Dienstwege und Sackgassen

Um glaubhaft zu machen, dass sie es mit der Frauenförderung ernst meine, schuf die Generaldirektion der “Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft” die 50-Prozent-Stelle einer “Nationalen Beauftragten für Frauenfragen”. Doch engagierte SRG-Frauen sind nach wie vor unzufrieden und kritisieren die “Alibi-Frau” im SRG-Hochhaus zu Bern.

Was die gnädigen Herren im SRG-Turmbau zu Bern unter Frauenförderung verstehen, demonstrierten sie mit einer Damenwahl am 28. September 1990: Die Ernennung einer “Nationalen Beauftragten für Frauenfragen” in mickriger 50-Prozent-Teilzeitarbeit fand unter Ausschluss der Medienfrauen statt.
Drei Jahre vor dieser patriarchalen Amtshandlung zum Thema Frauen hatten sich die Gewerkschaft SSM (“Schweizer Syndikat Medienschaffender”) und der “Verband Schweizerischer Radio- und Televisions-Angestellter” (VSRTA) mit der “Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft” auf einen wohlklingenden Passus im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) geeinigt: “Die Stellung der Frau im Unternehmen soll gestärkt werden. Dazu wird eine Kommission gebildet, die ein Frauenförderungsprogramm entwickelt und dessen Durchsetzung überwacht.”
Eine engagierte Gruppe von Radiofrauen mochte den hehren Grundsatz zur eigenen Entwicklung nicht bloss als schönen Gedanken auf dem Papier stehen lassen und forderte die Anstellung einer Expertin für Frauenfragen bei “Radio DRS”. Darauf trat Radiodirektor Andreas Blum zwar nicht vollumfänglich und umgehend ein, immerhin aber bewirkten die entschlossen auftretenden Radiofrauen der Region DRS, dass die in der Abteilung “Personal und Ausbildung” tätige Sachbearbeiterin Doris Stöckli seit Anfang vergangenen Jahres 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ausdrücklich für die Kolleginnen einsetzen kann.
Und siehe da: Ihr allseits gelobtes Engagement und die kräftig mitziehende “überparteiliche” Frauengruppe brachten nicht nur weitere Worte, sondern Taten. So sind inzwischen elf Frauen (gegenüber 30 Männern) als Produzentinnen in die mittlere Kaderposition gehoben worden, Manu Wüst trat die Nachfolge Peter Bühlers als “DRS 3”-Programmleiterin an, im männerdominierten Technik-Bereich wurden Frauen zu Fachspezialistinnen ernannt und neu zur Ausbildung für den Aussendienst zugelassen. Und: Unter Frauendruck fand eine Arbeitsplatz-Neubewertung von Sekretärinnen statt, was Beförderungen zu Sachbearbeiterinnen in einer höheren Gehaltsklasse zur Folge hatte.
Nach anfänglicher Abwehr war Radiodirektor Blum gar bereit zu regelmässigen Sitzungen seiner “Primärgruppe” (die ihm direkt unterstellten Kader) unter Einbezug von Frauendelegierten. “Blum hat”, so “DRS 2”-Produzentin Eva Wyss in Basel, “mittlerweile Freude am Frauenpower.”
Was sich von der SRG-Männerriege in der Generaldirektion in Bern nicht sagen lässt. Was sie, nach gescheiterten Verhandlungen mit SSM und VSRTA, für das Gesamtunternehmen an Unverbindlichkeiten in einem sogenannten Frauenförderungsprogramm zuliess, hat nichts mehr mit den griffigen Massnahmen zu tun, die von der Basis gefordert wurden: Weder kommt eine Quotenregelung zur Erhöhung des Frauenanteils in von Frauen unterbesetzten Sparten in Frage noch werden die nationalen und regionalen Frauenbeauftragten mit Kompetenzen ausgestattet; Teilzeitarbeit mit GAV-Sicherheiten auf Kaderstufe ist nirgends festgeschrieben, und die ursprünglich verlangten 700 Stellen-Prozente für die Frauenbeauftragten schmolzen auf klägliche 150 zusammen.
Dafür “verpflichtet sich die SRG, jede Art von Diskriminierung der Mitarbeiterinnen am Arbeitsplatz zu bekämpfen”, wie These 5 des Frauenförderungspro-gramms männertreuherzig lautet. Die Diskussion über sexistische Frauenbilder in den eigenen Medien allerdings verweigerte dieselbe SRG. Aber: Die Anstalt tut etwas für den hauseigenen Nachwuchs. Letzter Programmpunkt: “Kinder der Mitarbeiter/innen können sich in allen Betriebsrestaurants zum ermässigten Preis verpflegen.” Das ist wohl als Ersatz für die abgelehnte Beteiligung der SRG an einem Kinderhort gedacht.
Die zu dieser Art von Frauenförderung passende Frau auf SRG-Ebene ist inzwi-schen gefunden worden: Eva-Maria Zbinden, 46 (siehe “Gespräch im KLARTEXT”, Seite 7). Boshafte SRG-Beschäftigte reden in diesem Zusammenhang allerdings nicht von einer Wahl, sondern von einer “Umplazierung” der vorher bei der Stabsstelle des SRG-Kurzwellensenders “Schweizer Radio International” zu 50 Prozent angestellten Ex-Journalistin. Jedenfalls hat das Wahlprozedere bei den engagierten Frauen in den Regionen Befremden ausgelöst: Sie sprachen von “Skandal”, “Überrumpelung”, “Katastrophe”.
Kaum hatten sich die düpierten Frauen von diesem herrschaftlichen Wahlakt erholt, folgte Frust Nummer zwei. Seit einem halben Jahr im Amt, fand die nationale Frauenbeauftragte noch keine Zeit, sich den Frauen einmal persönlich vorzustellen. Die Frauengruppen fanden es merkwürdig, dass sie die distanzierte Frauenförderungs-Chefin bitten mussten, sich doch einmal bei ihnen zu zeigen. “Sie kennt doch den Betrieb”, wundert sich eine Berner Radiofrau, “sie hätte sich doch mal vorstellen dürfen, statt Grundlagen zu erarbeiten, die längst vorhanden sind.”
Besonders enttäuscht von der “nicht präsenten” Beauftragten sind die Frauen aus der welschen Schweiz. “Wir stehen punkto Frauenförderung, verglichen mit der Region DRS, sowieso erst ganz am Anfang”, sagt Elisabeth Jobin, Dokumentalistin bei Radio Lausanne. Dass Zbinden nach ihrem Stellenantritt nicht einmal mit der SRG-offiziellen Frauenkommission Kontakt aufnehmen mochte, ist der Radiomitarbeiterin vollends “unverständlich”. Und die Kommunikationsschwierigkeiten gehen weiter: Die Radio- und TV-Frauen aus der Westschweiz wussten noch am 25. März nichts über die Anfang März erfolgten Wahlen der regionalen Frauendelegierten.
Beim “Schweizer Fernsehen DRS” gibt es, nach Einschätzung von “Rundschau”-Redaktorin Barbara Bosshard, “zwei Stimmungen” zur Zbinden-Wahl. Die einen Frauen haben aufgrund einer früheren Begegnung “gar keinen so schlechten Eindruck”, während andere – wie Bosshard selbst – “misstrauisch” sind: “Sie hat doch viel zu wenig Kapazität, um die ganze Riesenaufgabe zu bewältigen, zudem sind die SRG-Strukturen äusserst harzig – und Frau Zbindens Motto lautet vor allem: ,Miteinander reden’.” Doch nicht einmal das hat bisher geklappt.
Mit dem Reden tut sich auch DRS-Fernsehdirektor Peter Schellenberg schwer – schwerer jedenfalls als sein Amtskollege beim DRS-Radio. Ein einziges Mal fand zwischen ihm und den Fernsehfrauen ein Gespräch statt. Eine TV-Redaktorin: “Für die Fernsehspitze sind die engagierten Frauen halt nie repräsentativ – dabei sind es bei uns gerade Frauen in höheren Positionen, die sich exponieren, wie Ellen Steiner, Regula Beck oder Helen Issler.”
Ellen Steiner, Redaktionsleiterin “Kultur” beim DRS-Fernsehen, zählt sich nach eigener Aussage ausdrücklich nicht zu den “Fundis” in der TV-Frauengruppe, sie ist “zum Dialog bereit” – auch mit SRG-Patriarchen. Und sie möchte auch noch kein Urteil über die nationale Frauenbeauftragte Zbinden abgeben, sondern erst einmal ein Jahr abwarten. Dass die “gut gemischte Frauengruppe”, die sich seit einem Jahr einmal im Monat über Mittag trifft, bei Männern und teilweise auch bei Frauen “relativ heftige Reaktionen” auslöst, findet Steiner “ganz natürlich”.
Mehr als Angst und Spott macht ihr das Misstrauen zu schaffen, das Frauen Kolleginnen in leitenden Funktionen entgegenbringen. Den oft gehörten Vorwurf von Frauen, nun zur “andern Seite” zu gehören, sich der Männer-Hierarchie unterworfen zu haben, findet die “Kultur”-Leiterin ungerecht. Sie ist froh, dass “Frauen beim Fernsehen überhaupt etwas miteinander anfangen”, und sie stellt mit Genugtuung fest, dass die TV-Frauengruppe sehr grosse Aufmerksamkeit im Hause findet. Aus der 20-Prozent-Frauenstelle müsse halt alles herausgeholt werden, was möglich sei. Frauenkontakt über den eigenen Bereich und die Region hinaus hält Ellen Steiner für gut und hilfreich: “Frauen müssen sich vernetzen, sich auf keinen Fall in die Einsamkeit des Jobs zurückziehen!”
Die nationale Frauenbeauftragte freilich wagte sich bislang nicht ins Frauennetz, sondern hält sich – mittlerweile seit einem halben Jahr – ängstlich auf SRG-Dienstwegen und in Sackgassen auf. Doch wen sollte es wundern? Wer je durch die Etagen der SRG-Hochburg in Bern streifte, kann sich kaum vorstellen, dass dort eine engagierte, unternehmungslustige und phantasiebegabte Person ein Büro bezieht und glaubt, in den verkrusteten Strukturen etwas in Bewegung bringen zu können – und das erst noch zugunsten der Frauen im Betrieb.
Wollen Frauen in der SRG etwas für sich erreichen, verlassen sie sich lieber auf die Möglichkeiten ihrer weitgehend autonomen Regionen als auf die nationale Frauenbeauftragte, die im Auftrag der hohen Herren ein bisschen Luft produzieren darf, statt kräftig Wind zu machen. SRG-Personaldirektor Marcel Küttel ist jedenfalls sehr zufrieden mit der Tätigkeit von Eva-Maria Zbinden. Das umstrittene Wahlprozedere findet er auch im nachhinein “absolut normal” und betont alsogleich, was ohnehin klar ist: “Bei der SRG gibt es keine Basisdemokratie.”
Natürlich, erläutert Küttel, hat es auch im Vorfeld der Zbinden-Ernennung keine Diskussion über ein allfälliges Vernehmlassungsverfahren gegeben: “Damit hätten wir uns ja lächerlich gemacht.” Und bei welchen Frauen, bitteschön, hätte man sich denn erkundigen sollen, ob die Wahl genehm sei? Etwa “bei diesen Fernsehfrauen in Zürich?” Zu den insgesamt sechs Bewerbungen fällt dem Personaldirektor noch ein Herrenwitzchen ein: Die anfragende KLARTEXT-Journalistin könne sich ja noch danach erkundigen, ob sich auch Männer für den Job gemeldet hätten – “es haben sich nicht, haha.”
Selbstverständlich aber ist Marcel Küttel für Frauenförderung, wenn auch der gemächlichen Gangart: “Wir müssen uns doch an der Wirtschaft orientieren und nicht glauben, ein schnelleres Tempo anschlagen zu müssen.” Nur wenn es ums Wahlverfahren geht, wird er zackiger: “Für mich ist das kein Gesprächsthema.” Möglicherweise werden die SRG-Frauen dafür sorgen, dass es eins wird.

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