10. Juli 2007 von Helen Brügger

“Neue Identität” gesucht

Ariane Dayer verliess den Ringier-Titel “Hebdo” abrupt und wurde durch Alain Jeannet ersetzt. Er soll das Magazin neu ausrichten.

hb./ Ariane Dayer, seit 1997 Chefredaktorin von “L’Hebdo”, wurde am 18. November 2002 zum Verleger Michael Ringier zitiert. Seither ist sie offen für Neues. Was hat Dayer zum sofortigen Abgang veranlasst, bei dem sie nicht nur die Tür zum Westschweizer Newsmagazin hinter sich zugeschlagen, sondern auch jede Weiterbeschäftigung im Verlag verweigert hat? Wie ist die zukünftige Ausrichtung des Titels? Dayer ist unerreichbar und die trockene Verlagsmitteilung hilft nicht weiter: “Nach gemeinsamer Prüfung der strategischen Zukunft des Titels reichte Ariane Dayer ihre Kündigung ein.”
Der einzige konkrete Hinweis ist in einem blumigen “Hebdo”-Editorial vom 21. November zu finden, das zwei RedaktionskollegInnen verfasst haben. Dayer kenne “weder Kompromiss noch Halbheiten”, sie glaube an einen engagierten Journalismus, “der sich nicht hinter den Fakten verstecke, um nicht urteilen zu müssen”. Sie habe ein verlegerisches Ansinnen ablehnen müssen, sei sie doch wie “ein Fels, ein heftiger Ausbruch der Walliser Natur”, “ein dauerndes Feuer, eine unauslöschliche Glut”.

Gerüchte um Motive und Hintergründe
Nicht geklärt ist aber damit, welche Vorstellungen Michael Ringier vorgebracht hat. Wollte er mehr “Fun” und “People” im Blatt? Oder kritisierte er die sinkenden Verkaufszahlen am Kiosk oder die Schwierigkeiten der Chefredaktorin im Umgang mit kritischen MitarbeiterInnen? Ist Dayers Abgang Zeichen eines antifeministischen Backlashs oder geht es gar um die Fusion mit der Ringier-Sonntagszeitung “Dimanche.ch”? Ringier-Kader Gérard Geiger dementiert sämtliche Gerüchte: “Absurd!, surrealistisch!, völlig daneben!” Dann wagt auch er sich auf das mit Stolpersteinen übersäte Feld der Metaphorik: “Ariane Dayer hat ihr Bestes gegeben, sie ist während fünf Jahren Marathon gelaufen. Nach einem Marathon ist es schwierig, einen Hundertmeterlauf zu gewinnen.”
So bleibt nur, die neue Ausrichtung abzuwarten, die der designierte Nachfolger dem Magazin im kommenden Jahr geben wird. Er heisst Alain Jeannet und war bisher Chefredaktor des Edipresse-Wirtschaftsmagazins “Bilan”, hat seine journalistische Laufbahn jedoch bei “L’Hebdo” begonnen. In der Pressemitteilung kündigt Ringier an, “L’Hebdo” wolle “in sich gehen und eine neue Identität suchen”. Die neue Ausrichtung werde im ersten Halbjahr erwartet. Derweil bereitet Ringier einen gesamtschweizerischen Sparplan in der Höhe von 30 Millionen vor. Der Lauf des Nachfolgers dürfte zum Hürdenlauf werden.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Zweiter Anlauf

Edipresse appelliert an den Erfindergeist. Zwei Zeitungen sollen sich annähern und dabei den Journalismus neu erfinden. Ein früherer Versuch lässt die Redaktionen mit Skepsis reagieren.

“Ein monumentaler Blödsinn” sei es, ereifert sich ein Mitglied der “Tribune”-Redaktion. Grund der Aufregung: Die “Tribune de Genève” und die Lausanner Tageszeitung “24heures” sollen ab 2004 eng zusammenarbeiten. Das Projekt nennt sich “blaurot” – blau für die “Tribune”, rot für “24heures” – und will eine Annäherung, die keine Fusion sein soll. Die Redaktionen sind geheissen, gemeinsam so genannte Synergien zwischen den Zeitungen zu finden und die damit gewonnenen Mittel in die Verbesserung der redaktionellen Qualität zu investieren. Form und Inhalt der Zusammenarbeit sind in einem mehrmonatigen Diskussionsprozess von den RedaktorInnen zu definieren.
Schon einmal, zu Beginn der neunziger Jahre, mussten die beiden Blätter zusammenarbeiten. Die Angleichung des Layouts und die Zusammenfassung von Rubriken unter eine gemeinsame Leitung, die je nach Ressort entweder in Lausanne oder in Genf domiziliert war, endete in einem menschlichen und wirtschaftlichen Fiasko. Menschlich, weil die Zusammenarbeit von oben verordnet war: Sie führte zu Entlassungen und weckte bei beiden Redaktionen den Eindruck, unter Vormundschaft der andern zu stehen. Wirtschaftlich, weil die LeserInnen nicht folgten: Das Publikum der beiden Kantone hat sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen gegenüber der jeweils dominierenden Regionalzeitung. Für Genf, die internationale Uno-Stadt in engen Grenzen, ist eine ausführliche Berichterstattung über wirtschaftliche, nationale und internationale Themen ein “must”, während sich “24heures”, ebenso stark am industrialisierten Genferseebogen wie im bäuerlichen Hinterland verankert, mit einer umfassenden Lokalberichterstattung, seit kurzem sogar mit zwei verschiedenen Lokalausgaben stark macht. Der Misserfolg des früheren Zusammengehens wird heute auch von Verlagsseite eingestanden. Die Gründe seien im Mangel an klaren Zielen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnissen zu suchen, heisst es in einem vertraulichen Aktionsplan, der KLARTEXT vorliegt.

Die Zeitung “des 21. Jahrhunderts”
Jetzt kommt die Annäherung erneut auf den Tisch. In einem ersten Schritt bis Ende Jahr wird der formlose Austausch von Artikeln intensiviert. In einem zweiten Schritt, von Januar bis März 2003, sollen gemischte Arbeitsgruppen der beiden Zeitungen “die ideale Regionalzeitung”, die Zeitung “des 21. Jahrhunderts” erfinden und gleichzeitig die “zur Verfügung stehenden Ressourcen optimieren”. So heisst es im Aktionsplan, der von den beiden Chefredaktoren Dominique von Burg (“Tribune”) und Jacques Poget (“24heures”) sowie vom strategischen Berater der Verlagsleitung, Claude Monnier, unterzeichnet ist. Das Papier skizziert das Vorgehen und die grossen Linien der Annäherung. Welchem Vollblutjournalisten würde nicht das Herz vor Freude hüpfen, wenn man ihn auffordert, “originelle und vertiefte Analysen” zu machen, den LeserInnen “die wahre Bedeutung der Informationen” zu enthüllen, “weniger institutionell” zu sein, sich “die Agenda nicht allein von Behörden und Unternehmen” diktieren zu lassen und eine “umfassende, freundschaftliche, verständnisvolle und dennoch kritische” Lokalinfo zu entwickeln, wie es in dem von Claude Monnier redigierten Papier heisst? Voll Enthusiasmus sollen die RedaktorInnen in den Umgestaltungsprozess einsteigen und am besten den letzten Satz übersehen, der da heisst: Die redaktionellen Mittel sollen nicht reduziert werden, “ausser wenn die Werbeeinnahmen der beiden Titel zusammengenommen im Jahr 2003 im Vergleich zu 2002 weiterhin abnehmen” …
Doch die JournalistInnen haben den letzten Satz genau gelesen. Ob hinter dem schönen Projekt nicht ein Restrukturierungsplan stecke? Ob das Ziel nicht einfach ein Kopfblatt sei, in dem die Rubriken Schweiz, Sport, Wirtschaft und Welt in einem fusionierten ersten Bund zusammengefasst würden? Die misstrauischen RedaktionsverteterInnen stellten diese Fragen der Geschäftsleitung. Die Antwort war formell: Es gebe weder einen geheimen Abbau- und Entlassungsplan noch eine geheimgehaltene Zielvorgabe, erklärte Tibère Adler laut Sitzungsprotokoll. Es handle sich nicht um eine versteckte Restrukturierung, sondern um ein echtes Projekt, das allerdings ohne zusätzliche finanzielle Ressourcen verwirklicht werden müsse. Gegenüber KLARTEXT präzisiert Dominique von Burg: “Es gibt eine globale Garantie für die Arbeitsplätze, auch wenn sich die Arbeitsinhalte im Einzelnen verändern können.”
“Wir sind weiterhin skeptisch”, kommentiert “Tribune”-Redaktorin Laurence Bezaguet, Sprecherin der Redaktion: “Aber wir wissen zu schätzen, dass Edipresse den Prozess transparent macht und dass wir mitreden können.” Die “Tribune” will im Vertrauen auf die eigene Kraft auf das Projekt einsteigen: “Gegen unseren Willen kann sowieso nichts durchgesetzt werden.” Ähnlich tönt es aus der Redaktion von “24heures”: Die Sache sei ziemlich unklar und mit Vorsicht zu geniessen, doch man sei bereit, bei den Diskussionen mitzumachen – schon um zu verhindern, dass die beiden Redaktionen gegeneinander ausgespielt würden. Neben diesen offiziellen Reaktionen sind aber auch radikal zweifelnde Stimmen zu vernehmen. Sie sprechen von “Pseudoreflexionen”, die auf die Mehrung gemeinsamer Rubriken und die Wiederholung vergangener Fehler hinausliefen: “Die Wunden der vergangenen ‚Synergien‘ sind noch nicht geheilt.”

Optimismus von oben
Dieses Misstrauen betrübt Claude Monnier. Der ehemalige Chefredaktor der aus Spargründen eingestellten Prestige-Revue “Le Temps stratégique” ist heute als Berater der Edipresse-Leitung tätig: “Natürlich ist das Projekt vage, aber das ist es per Definition. Es ist der Beweis dafür, dass wir es ernst meinen mit unserem Willen, die Redaktionen einzubeziehen.” Er glaube an die kreative Dimension des Prozesses, bei dem die vertiefte Reflexion über die neuen Herausforderungen für den Regionaljournalismus im Vordergrund stünden. Und er sei überzeugt, dass die JournalistInnen es früher oder später ebenso verstehen würden: “Alles ist offen – vielleicht beginnen plötzlich die Augen zu leuchten!”
Für Jacques Poget von “24heures” sind Sparmöglichkeiten etwa bei der Arbeitsorganisation, einem bessern Fluss der Informationen, der gemeinsamen Erarbeitung der Basisinformation und der Dienstleistungen zu suchen. Er habe keine Angst vor einem gemeinsamen ersten Bund, glaube aber kaum, dass ein solcher das Resultat sein werde: “Es gibt keine Blaupause, die vorgibt, was herauskommen soll.”
“Tribune”-Chefredaktor von Burg versteht die Skepsis seiner Angestellten, sieht aber auch positive Seiten: “Wir sind im Alltag vor allem mit zwei Sorgen beschäftigt: keine wichtige Aktualität zu verpassen und die Seiten zu füllen.” Nun bestünde die Chance, anders zu arbeiten: “Im Idealfall wird uns die Zusammenarbeit erlauben, weniger Zeit und Mittel für die Pflicht und mehr für die Kür aufzuwenden.” Wie aber sieht von Burgs “ideale Regionalzeitung des 21. Jahrhunderts” aus? Sie werde den Pflichtstoff kurz und bündig aufarbeiten – in diesem Bereich seien wohl auch die meisten Synergieeffekte zwischen Lausanne und Genf möglich, meint er. Die Überlegung, wie der Pflichtstoff über weitere Vektoren wie Internet oder SMS vermittelt werden könne, gehöre mit zum Mandat. Die Kür hingegen solle erlauben, weniger repetitiv zu sein, eine mutigere Auswahl zu treffen, die News in eine langfristige Perspektive einzubetten und mehr Sorgfalt gegenüber den Bedürfnissen der LeserInnen walten zu lassen. – Im Klartext: Auf dem gemeinsamen “Teppich”, der im Prinzip über verschiedene Informationsträger verbreitet werden kann, dürfen die JournalistInnen ihre Kür tanzen – und damit in der Tageszeitung mehr bieten als Fernsehen oder Internet, die in den letzten Jahren zu einer bedrohlichen Konkurrenz für die traditionelle Presse geworden sind. Die Frage ist nur, wie lange der Tanz im kalten Wind der Pressekrise möglich ist.
Und wenn die Redaktionen zum Schluss kommen sollten, dass es keine interessanten Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gibt? “Wir sind überzeugt, dass es sie gibt”, sagt Jacques Poget. “Die Vorschläge, die zum Schluss auf dem Tisch liegen, müssen so interessant sein, dass sie im direkten Interesse der Redaktionen liegen”, lautet die Antwort aus der Genfer Chefredaktion. Denn in einer dritten Phase, die bis in den Sommer hineingeht, kann jede Zeitung für sich überlegen, wie die gemeinsam entwickelten Ideen in die Praxis umgesetzt werden können. Dann ist es aus mit der schönen Mitbestimmung: Am Schluss der dritten Phase gibt der Verlag sein Plazet – oder auch nicht. Ab 2004 wird die Sache budgetrelevant.
Schon in wenigen Wochen wird übrigens die “Tribune” die Druckerei wechseln. Sie wird nicht mehr in Genf, sondern auf der gleichen Druckmaschine wie “24heures” und “Le Matin” in Lausanne gedruckt. Synergien bis hin zum Druck von gemeinsamen Bünden werden materiell möglich. “Sie wissen ja, dass es theoretisch auch möglich ist, die gleiche Zeitung in zwei Druckereien zu drucken. Der gemeinsame Druckstandort nimmt da nichts vorweg, bringt aber qualitative Vorteile für die ‚Tribune‘”, beruhigt Dominique von Burg hartnäckige ZweiflerInnen.

Edipresse spart, die MitarbeiterInnen gehen auf die Strasse

hb./ Unruhe im Haus Lamunière: Nicht nur die “Tribune de Genève” und “24heures” sollen sich einander annähern. Auch bezüglich der Fernsehbeilagen sind entsprechende Abklärungen im Gang. Ins Auge gefasst wird, dass die Produktion von “TV
Guide” und “Télé Top Matin” zusammengelegt werden soll. “TV Guide” liegt den beiden Regionalzeitungen bei, “Télé Top Matin” dem Boulevardblatt “Le Matin”. Die Fusion würde erlauben, einen “Fernsehpool” zu schaffen. Edipresse könnte dann die entsprechenden Dienstleistungen auch andern Zeitungen anbieten und damit die geplante Fernsehbeilage des französischen Konkurrenten Hersant austricksen.
Die Annäherung zwischen “blau” und “rot”, der Transfer des Drucks der “Tribune de Genève” nach Lausanne, eine eventuelle Fusion der Fernsehbeilagen, dazu noch die Verlegung des “Tribune”-Abonnement-Dienstes nach Lausanne: “Was kommt wohl als Nächstes?”, fragt man sich in Genf. Anfangs Dezember verlangten die “Tribune”-RedaktorInnen “Erklärungen über die wahren Absichten” der Generaldirektion und solidarisierten sich mit den Angestellten des Genfer Edipresse-Druckzentrums. Bei KLARTEXT-Redaktionsschluss war eine einstündige Arbeitsniederlegung der Redaktion und eine gemeinsame Demonstration der JournalistInnen und der Druckerei-Angestellten angekündigt.
In Genf interpretiert man den Drucktransfer als “Strategie der langsamen Aushöhlung” der Druckerei und letztlich als “Todesurteil” für den Genfer Druckstandort von Edipresse.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr