11. Juli 2007 von Klartext

Tote abhaken

KT./ Wo spiegelt sich das Qualitätsverständnis eines Unternehmens gültiger als in seiner Hauszeitung? Was wäre ein verlässlicherer Indikator für die Kultur einer Firma als das hauseigene Kommunikationsorgan? Und wo liesse sich die Wertschätzung der MitarbeiterInnen schlüssiger ablesen als in der Betriebspostille?
Der immer unregelmässiger erscheinende „doppel:punkt“ der Tamedia AG wird, wie andere Produkte des Hauses, immer dünner und wechselt laufend den Redaktor, Pardon: den Chefredaktor. Nach Lukas Handschin übernahm vor knapp einem Jahr Robert Höpoltseder; seit der März-Nummer ist neu Andres C. Nitsch zuständig. Schön, dass der zuvor bei der Swissair tätig war; so ist er im neuen Job auf alles gefasst, auf Höhenflüge wie auch auf ein Grounding.
Obwohl im Haus ein eisiger Wind weht, was in einer Hauszeitung durchaus thematisiert werden könnte, flüchtet sich der längste Beitrag in der neuesten Nummer des „doppel:punkts“ in die Metaphorik und beschreibt eine Reise ins real existierende Eis: „Faszination Antarktis“. Der Aufsatz, von einer Qualität, die wohl bei keinem anderen Tamedia-Produkt für einen Abdruck ausgereicht hätte, hat zwar nichts weiter mit dem Unternehmen zu tun, breitet sich dafür aber über acht Seiten aus. Die „Neuen Gesichter“ belegen derweil zwar „nur“ sechs Seiten; immerhin lässt der wachsende Raum, den die Vorstellung neuer KollegInnen beansprucht, auf ungebremste Personalfluktuation schliessen, deren Hintergründe auch kein schlechtes Thema für eine Hauszeitung abgäben.
Wo aber wird Platz eingespart? Während bis vor kurzem verstorbene Ehemalige mit einigen persönlichen Worten bestattet wurden, liest man diesmal sieben wörtlich identische Drei-Sätze-Meldungen. Es variieren lediglich Name, Geschlecht und Abteilung, in der sie/er beschäftigt war. „Im Gedenken“, steht grossspurig als Titel über der Spalte. „Abgehakt“ wäre ehrlicher.

11. Juli 2007 von Klartext

Liebesinterview

bbü./ Der Direktor des Zürcher Opernhauses, Alexander Pereira (59), hat eine neue Freundin, die Brasilianerin Daniela Weisser (20). So weit, so Boulevard: „Blick“ und „SonntagsBlick“ schrieben selbstverständlich über die junge Liebe, auch der „Tages-Anzeiger“ würdigte sie in einem kurzen Artikel – doch das war offenbar nicht genug. Kurz vor dem Opernball konnten die Tagi-LeserInnen im Bund „Zürich und Region“ in einem halbseitigen Interview verfolgen, was die junge Geliebte so über ihre Beziehung plaudert. Denn der Interviewer stellte ihr tiefgründige Fragen wie: „Haben Sie bereits ein passendes Ballkleid?“, „Wie sieht das Kleid aus?“, „War es Liebe auf den ersten Blick?“, „Was sagt Ihre Mutter zu dieser Beziehung?“ und „Läuten bald die Hochzeitsglocken?“
KLARTEXT fragte, leicht schockiert, bei „Zürich und Region“-Ressortleiter Edgar Schuler nach, wie so ein Text ins Blatt gelangen konnte. „Wir haben die Geschichte im ‚Blick‘ und im ‚SonntagsBlick‘ wahrgenommen“, sagt Schuler. „Es war für uns ein Thema, das viele Leute bewegt. Deshalb überlegten wir uns, wie wir die Geschichte auf eine gute Art aufnehmen können. Schliesslich hat einer unserer Journalisten, der selber Portugiesisch spricht und schon mit Frau Weisser zu tun hatte, das Interview geführt.“ Dass das Interview im Bund „Zürich und Region“ erschienen ist – und nicht etwa auf der Unterhaltungsseite „Bellevue“ oder im Regionalsplit „Stadt Zürich“ – war laut Schuler ein bewusster Entscheid: „Es ist ein Thema, das weit über die Grenzen der Stadt hinaus für Gesprächsstoff sorgt. Schliesslich sind das Opernhaus und sein Direktor weltbekannt.“ Immerhin: Laut Schuler war die Geschichte „hausintern sehr umstritten“. Man habe auch über den Stil des Interviews diskutiert, aber dabei handle es sich um den persönlichen Stil des Journalisten, was ganz in Ordnung sei. „Als Ressortleiter stehe ich voll und ganz hinter diesem Interview. Ich finde, es ist gut, dass wir es gemacht haben und wie wir es gemacht haben.“
Deshalb möchte es KLARTEXT nicht unterlassen, den Nicht-Tagi-LeserInnen zwei besondere Highlights des Interviews mit der Geliebten des weltbekannten Direktors zu servieren:

Können Sie etwas auf Deutsch sagen?
Ich liebe dich, mein Schatz. Ich heisse Daniela. Guten Tag.
Geben Sie sich Kosenamen?
Er nennt mich „my darling“ und ich ihn „amor“.

Und wie sollen wir in Zukunft den „Tages-Anzeiger“ nennen? „Tages-Illustrierte“? „Glücksanzeiger“?

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr