11. Juli 2007 von Edzard Schade

Die SRG nach der RTVG-Revision

Als der Bundesrat zur Jahrtausendwende die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) einleitete, strotzte die SRG vor Selbstbewusstsein. Finanzen und Einschaltquoten gaben wenig Anlass zu Besorgnis, ebenso wenig die Konkurrenz und die Politik. Der Wirtschaftsabschwung und die Werbeflaute brachten jedoch auch der SRG nach 2001 mehrere Sparrunden, auch wenn es die übrige Medienbranche vergleichsweise härter traf.
Der Ende 2000 präsentierte und später überarbeitete Gesetzesentwurf enthielt aus der Sicht der SRG zwar ein paar Ärgernisse (ein neues Aufsichtsgremium, Werbebeschränkungen, Ausweitung des Gebührensplittings u. a.), insgesamt zeigte sich der Gesetzgeber aber bestrebt, die Position der SRG bzw. des Service public zu festigen. Für die SRG verlief erst der Schlussspurt der Gesetzesdebatte hektisch. Zuerst attackierten Printmedien Generaldirektor Armin Walpen als obersten Lobbyisten der SRG. Sie konnten die Position des bis anhin kaum angreifbar scheinenden SRG-Generaldirektors durch die sogenannte Porsche-Affäre just in der Entscheidungsrunde im Bundesparlament schwächen.
Heftige Kritik übten im vergangenen Jahr die Verleger an der offensiv propagierten Online-Strategie der SRG bzw. von SF. Diesmal geriet insbesondere die SF-Direktorin Ingrid Deltenre wegen ihrer ambitiösen Online-Projekte zur Zielscheibe zahlreicher Pressepolemiken. Die SRG präsentierte sich in dieser Situation nach aussen wenig koordiniert und zerstritten.
Für das bisher letzte grosse Gewitter sorgte im Sommer 2006 die Bekanntgabe des SRG-Finanzbedarfes, der auf eine Erhöhung der Empfangsgebühren um 6,5 Prozent hinauslief. Die SRG, die schon wiederholt Gebührenerhöhungen im zweistelligen Bereich von der Politik zugestanden erhalten hatte, war diesmal mit ihrem Begehren chancenlos. Nach dem Entscheid des Bundesrats (8. 12. 2006), die Gebühren lediglich um 2,5 Prozent zu erhöhen, und dem Ende der Gesetzesdebatte scheint sich die ganze Rundfunkpolitik etwas zu beruhigen. Die SRG-Ankündigung, SF werde ab Saison 2008 die Formel-1-Rennen nicht mehr live übertragen, sorgte zwar für eine heftige, doch nur kurzzeitige Empörung.
Nach rund sieben Jahren ist das revidierte RTVG Anfang 2007 in Kraft getreten, womit der Übergang zu einer dualen Rundfunkordnung auch auf rechtlicher Ebene nachvollzogen wird: Die Position der SRG bzw. des Service public (SRG plus weitere konzessionierte Veranstalter, die Gebührengelder erhalten) ist durch das RTVG weiterhin gesichert, der rein kommerzielle Rundfunksektor hingegen wird weitgehend aus dem Regulierungsregime entlassen. Welche Marktdynamiken der kommerzielle Sektor in Zukunft auslösen und ob er die Position der SRG schwächen kann, ist noch nicht absehbar.
Deutlich sichtbar wird nun aber, wie unterschiedlich sich die Situation von Radio und Fernsehen bei der SRG präsentiert. Nach dem Entscheid, nur die Fernsehgebühren zu erhöhen, die Radiogebühren jedoch auf dem bisherigen Niveau zu belassen, stellt sich eine Reihe von Fragen: Ist es tatsächlich nur das Fernsehen, das mehr Gebühreneinnahmen zu seiner Zukunftssicherung benötigt? SR-DRS-Direktor Walter Rüegg liess ja im Vorfeld des bundesrätlichen Gebührenentscheides verlauten, sein Radio sei für die strategische Weiterentwicklung nicht auf eine Gebührenerhöhung angewiesen, da entsprechende Investitionen bereits durch eigene Sparanstrengungen quasi vorfinanziert seien. Heisst das, SR DRS hat seine Aufgaben, sprich: die strategische Zukunftsplanung, besser im Griff als SF?
Da sich der zusätzliche Finanzbedarf der SRG offenbar auf den Fernsehbereich konzentriert, fragt sich, ob mit der jetzigen Erhöhung die Entwicklungsfähigkeit von SF gewährleistet ist. Wie will und kann sich SF einen finanziellen Spielraum für dringend nötige Innovationen und zukunftsgerichtete Projekte erhalten? Innerhalb der SRG scheint hier keine Einigkeit zu herrschen. Tatsächlich wurde die Gebührenforderung nicht von allen Unternehmenseinheiten nach aussen geschlossen mitgetragen – neben SR DRS äusserte sich auch der italienischsprachige Teil (RTSI) kritisch. Das dürfte ein Novum sein.
Angesichts der beschränkten Möglichkeiten, die Einnahmen in näherer Zukunft deutlich zu steigern, wächst der Bedarf der SRG an klaren Entwicklungsstrategien. Neue Projekte lassen sich nicht mehr wie früher mit zusätzlichen Mitteln finanzieren. Heute und in Zukunft bedarf es vermehrt der Umlagerungen und Rationalisierungsgewinne, um einen finanziellen Spielraum für Investitionen zu erreichen. Da stehen zuerst wieder einmal die Produktionsstrukturen zur Debatte. Bei RTSI geht man hier einen radikalen Weg und legt Redaktionen medienübergreifend zusammen. Könnte das auch in der Deutschschweiz Schule machen?

11. Juli 2007 von GastautorIn

Unterhaltung im Ersten, Information im Zweiten

Auch ausserhalb der Schweiz suchen öffentlich-rechtliche Sender im Kampf um ZuschauerInnen- und Werbeanteile nach neuen Ansätzen: Mitte April setzte der ORF eine grosse Programmreform um. Das Ziel: „Mehr öffentlich-rechtliches Programm“. Von Harald Fidler.*

SchweizerInnen haben einen eigenwilligen Zugang zu Bildung, kultureller Entfaltung und freier Meinungsbildung. Oder besser: ihr Bundesrat. Denn damit begründet die Regierung, warum sie Kabelnetzbetreibern per Verordnung vorschreibt, neben anspruchsvollen Kanälen wie Arte, 3sat oder Euronews auch ORF 1 einzuspeisen. Eine amtliche Form von Österreicherwitz?
ORF 1 ist seit 1995 eine Best-of-Variante des kommerziellen Funkens im deutschsprachigen Raum: Gerhard Zeiler, inzwischen Chef des europäischen Privatfernsehriesen RTL Group, platzierte dort US-Serien und -Blockbuster, dazu Fussball, Skirennen und Formel 1 und bis auf kurzatmige „Newsflashes“ im Telegrammstil nur eine grosse Nachrichtensendung. Bildung mit den „Gilmour Girls“? Kulturelle Entfaltung mit „Spiderman II“? Freie Meinungsbildung mit dem Grand Prix von Malaysia?

ORF 1: Fast wie ein Privatsender
Tage vor der grossen Programmreform des neuen Anstaltsleiters Alexander Wrabetz veröffentlichte die österreichische Medienbehörde die erste international vergleichbare Programmanalyse des ORF. Befund: ORF 2 reiht sich zwar noch klar in den Kanon öffentlich-rechtlicher Sender wie ARD, ZDF oder SF 1 ein und bietet ein differenziertes Gesamtprogramm, das den Sender vom österreichischen Privatsender ATV, aber auch von den deutschen privaten Anbietern unterscheidbar macht, schreibt Kommunikationswissenschafter Jens Woelke von der Universität Salzburg: „ORF 1 jedoch ähnelt vom Gesamtlayout eher einem privaten Programm.“ Und: „Kein anderes Programm in der Analyse hat einen so geringen Informationsanteil.“
Das hört man auch in Brüssel ungern: Der ORF gilt als nächster Kandidat für eine Prüfung durch die EU-Generaldirektion Wettbewerb, sobald sie ARD und ZDF in Deutschland klargemacht hat, dass sie mit Gebühren des Publikums transparent und nachvollziehbar umzugehen haben – und damit den Wettbewerb im Fernsehmarkt besser nicht zu grob verzerren.
Nicht alleine die EU schafft dem Sozialdemokraten Alexander Wrabetz, seit 1. Januar 2007 Generaldirektor des ORF, Handlungsbedarf: Die Marktanteile der öffentlich-rechtlich organisierten Anstalt schwinden trotz bescheidener Inlandskonkurrenz im Fernsehen dramatisch. Seine Vorgängerin Monika Lindner begann anno 2000 mit eindrucksvollen 48,4 Prozent in zwei Kanälen in Kabel- und Satellitenhaushalten und verabschiedete sich mit 43,0. Noch dramatischer sank in ihrer Zeit der Anteil des ORF an Österreichs Fernsehwerbung: von 81 auf 63 Prozent. Werbefenster deutscher Privatsender über Kabel und Digitalsatellit schöpfen – meist ohne grösseren Aufwand für eigene Programmfenster – ordentlich Geld ab.

Keine Hauptnachrichten mehr im Ersten
Wrabetz setzt mit seiner Programmreform vom April 2007 zum Spagat an: Er verspricht mehr öffentlich-rechtliches Programm, will die Tagesmarktanteile aber mit kleinen Abstrichen stabilisieren und behilft sich mit neuen Massstäben: Statt den Tagesmarktanteil heranzuziehen, verspricht er mehr ZuschauerInnen in der „Kernzone“ des – praktischerweise auch werbeträchtigen – Vorabends.
Sein Erfolg steht und fällt mit dem Herzstück der Reform, das auf den ersten Blick seinem Credo zum „öffentlich-rechtlicheren“ ORF – und vor allem ORF 1 – widerspricht: Er bricht mit der österreichischen Fernsehtradition schlechthin und schaltet die „Zeit im Bild 1“, die Hauptnachrichten seiner Anstalt, nicht mehr durch in beide Fernsehprogramme. Nachteil für die jeweils Regierenden: Die Chance auf ein wirklich nationales Verkündigungsprogramm im politisch kontrollierten ORF ist damit Geschichte.
Während das ältere Publikum von ORF 2 weiterhin um 19.30 Uhr über Kanzler Alfred Gusenbauer und den Rest der Welt informiert wird, unterhält ORF 1 die Jüngeren mit „Mitten im Achten“. Schauplätze der ersten täglichen, selbst produzierten Sitcom des Ösifunks: eine Wohngemeinschaft, ein Lokal und eine Lehrerfamilie im achten Wiener Gemeindebezirk, alles kostengünstig in einem Aussenbezirk der Donaumetropole im Studio produziert. Bei der Ausstrahlung der ersten Folge zappte in zwanzig Minuten ein Drittel der ZuschauerInnen davon.
Das Konzept stammt vom Fernsehsender des Endemol-Gründers John de Mol und floppte in den Niederlanden: Es wurde nach 115 Folgen eingestellt. Um das trotz Billigproduktion kostspielige Projekt zu finanzieren, setzt der ORF neben zielgruppengenaueren Werbeblöcken auf massives Product Placement. Das Gesetz erlaubte die Platzierungen in TV-Filmen und -Serien – allerdings ursprünglich, damit die Anstalt auch problemlos internationale Produktionen mit Placements zeigen kann.

Mehr eigenproduzierte Fiction
Was ist daran öffentlich-rechtlich? In der Definition des ORF-Generals und seines Programmdirektors ganz einfach: „Mitten im Achten“ erhöht den Anteil eigenproduzierter Fiction in ihrem ersten Fernsehprogramm drastisch. Bisher hatte ORF 1 laut Programmanalyse „ähnlich geringe Quoten“ von Eigenproduktionen wie der winzige österreichische Privatsender ATV und die deutschen Kommerzprogramme der zweiten Generation Kabel 1, Vox und RTL 2.
Weniger Infoanteil durch den Wegfall der „Zeit im Bild 1“ gleicht Generaldirektor Wrabetz aus, indem er die Spätnachrichten um Mitternacht von ORF 2 auf ORF 1 verlegt. Dazu kommen sechs Minuten zusätzliche Kurznachrichten für jüngere Zielgruppen und zwanzig Minuten neues Vorabendmagazin für jüngere Zielgruppen um 18 Uhr, das gesellschafts(politische) Themen aus ungewöhnlichen Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert. Das verleiht auch der Schweizer Verordnung ein bisschen mehr Berechtigung.

Seriöses zweites Programm
Der ohnehin „öffentlich-rechtlichere“
ORF 2 zieht Magazine für Reportagen und Religion sowie Dokumentationen aus dem Spätabend auf 21 Uhr vor, richtet dafür spätnachts fixe Sendeleisten für europäischen Film, für Artfilm und Dokus ein. Und er versucht eine neue Art von „Club 2“, dem Vorbild des Schweizer „Club“, vormals „Zischtigs-Klub“ – in Stammtischform. Mit all dem nimmt Wrabetz nach eigenem Bekunden sogar ein Prozent weniger Tagesmarktanteil in Kauf. Womöglich überzeugt das den Bundesrat, auch ORF 2 in seinen Kabel-Kanon aufzunehmen.

* Harald Fidler arbeitet als Redaktor bei der Tageszeitung „Der Standard“.

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