11. Juli 2007 von Helen Brügger

Imageförderung auf Englisch

„Die Schweiz ist keine Insel“, sagt der Westschweizer Radiodirektor Gérard Tschopp, „deshalb braucht sie World Radio Switzerland“. Im Herbst startet die SRG mit einem englischsprachigen Sender.

Am 31. Oktober 2007 um Mitternacht geht das Licht bei World Radio Geneva (WRG) aus. Im gleichen Moment geht World Radio Switzerland (WRS) auf Sendung. Sofern das Departement Leuenberger im Juni sein Plazet gibt, selbstverständlich. Zunächst wird das Radio, das heute in Genf und Lausanne zu hören ist, in der ganzen Westschweiz zu empfangen sein, Anfang 2008 dann, dank Kabel und DAB (Digital Audio Broadcasting) auch in der übrigen Schweiz. WRS ist ein hundertprozentiger SRG-Sender.

Geordnete Verhältnisse unter SRG-Dach
WRG, vor zehn Jahren in Genf gegründet, war zunächst ein Privatradio für die englischsprachige Gemeinschaft im internationalen Genf. Es machte unter anderem durch miserable Arbeitsbedingungen von sich reden. Diese Zeit ist vorbei. Seit sich Radio Suisse Romande am Sender beteiligt, sind geordnete Verhältnisse eingekehrt. Nun übernimmt der Service public die volle Verantwortung: Die bestehende Aktiengesellschaft, an der neben RSR zu gleichen Teilen die BBC sowie mit kleineren Aktienpaketen Reuters und Genfer Wirtschaftskreise beteiligt sind, wird aufgelöst, die Aktivitäten werden von der SRG übernommen. Mit der BBC besteht ein Kooperationsvertrag. Das bestehende Team von drei JournalistInnen und vier PräsentatorInnen soll übernommen und nach und nach auf 15 bis 20 Personen ausgebaut werden.
WRS soll kein Businessradio werden. „Wir sind ein Radio mit einem vollständigen Programm“, sagt der heutige Interimsdirektor Philippe Mottaz. Die englischsprachige Gemeinschaft sei in den letzten zehn Jahren grösser geworden, es handle sich nicht nur um Leute aus England oder den USA: „Mit der Zunahme der Migration kommen immer mehr Leute aus europäischen und aussereuropäischen Ländern in die Schweiz, die unter sich englisch kommunizieren.“ Das Radio wolle ein Programm machen, das auch dieser Bevölkerungsgruppe etwas biete und ihr erlaube, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Ein weiteres Ziel sei, das Image der Schweiz als Land, das aktiv am Weltgeschehen teilnehme, zu fördern. Und nicht zuletzt gehe es darum, „die Distanz zwischen Genf und Zürich zu verkleinern“, sprich, den deutsch und französisch parlierenden HelvetierInnen eine gemeinsame Sprache anzubieten.

Angebot für eine privilegierte Schicht
Ist es wirklich die Aufgabe der SRG, ein englischsprachiges Radio zu machen? Die Frage sei erlaubt, meint Mottaz, aber für ihn gehöre es zur Aufgabe des Service public, allen Bevölkerungsgruppen etwas zu bieten. „Der Service public ist nicht eine Frage der Sprache.“ Und es handle sich immerhin um ein Zielpublikum, das er auf rund 300’000 Menschen schätzt. Auch Gérard Tschopp, RSR-Direktor und heutiger Verwaltungsratspräsident von WRG, betont den Service-public-Aspekt des Projekts: „WRS wird aktiv an der Integration der englischsprachigen Bevölkerung arbeiten. Es richtet sich auch an Einheimische, die in ihrem Alltag Englisch verwenden, und nicht zuletzt ist es ein Angebot an den Tourismus.“
Was immer die beiden Herren, die sich als US-Korrespondenten kennengelernt haben, auch sagen, ihr Radio richtet sich an eine privilegierte Gesellschaftsschicht. Das Angebot hat seinen Preis: Heute hat das Radio ein Budget in der Höhe von rund zwei Millionen. Für 2008 ist ein solches von 3,9 Millionen vorgesehen.

11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Aus weniger mach mehr

Ohne zusätzliche Gebührengelder baut das Schweizer Radio DRS das Programmangebot aus. Das sei möglich, sagt Radiodirektor Rüegg, weil „wir das Sparen ernst genommen haben“.

Alles im grünen Bereich. Auf diesen Nenner lässt sich die Bilanz von Radio DRS zum vergangenen Jahr bringen. Die höchsten HörerInnenzahlen seit 2001, einen Rechnungsüberschuss von vier Millionen Franken, etliche neue Programmangebote realisiert und weitere in der Pipeline. Den Programmausbau bewerkstelligt das Radio aus eigener Kraft. Anders als die SRG-KollegInnen vom Schweizer Fernsehen SF erhält das Radio keine neuen Mittel aus den Gebühreneinnahmen. Benachteiligt fühlt man sich deshalb aber nicht. „Wir sind nicht übergangen worden und anerkennen die nicht ganz vergleichbare Marktsituation von Radio und Fernsehen“, lautet die Einschätzung von Radiodirektor Walter Rüegg.
Während das Fernsehen trotz der in Aussicht gestellten Mehreinnahmen Sendungen aus dem Programm kippt (Live-Übertragung Formel 1), bringt SR DRS mit dem News-Radio schon bald ein zusätzliches Vollprogramm an den Start. Wie das möglich ist? „Wir haben das Sparen ernst genommen“, so Rüegg. Das will der Radiodirektor aber nicht als Kritik an den KollegInnen am Leutschenbach verstanden wissen. Die Solidarität innerhalb der SRG sei keineswegs in Gefahr. Finanziert werden könne der Ausbau dank Produktivitätssteigerung und einer Umverteilung der Mittel. Unter dem Strich würden sogar neue Stellen geschaffen, erklärt Rüegg. Allein deren zwölf sind für das neue Nonstop-Nachrichtenprogramm vorgesehen.

Sparen und Umverteilen
Eingespart wird im Gegenzug Personal bei der Technik. Insgesamt zehn Technikarbeitsplätze sollen laut Rüegg abgebaut werden. Das hat zur Folge, dass RadioredaktorInnen ihre Sendungen künftig vermehrt „selbst fahren“ müssen. Spürbar ist dies auch bereits im Studio Bern, wo in den Abendstunden RedaktorInnen die Beiträge von KorrespondentInnen ohne Unterstützung durch technisches Fachpersonal selbst überspielen müssen. Eine Zusatzbelastung, so sagen zumindest einige, die durchaus verkraftbar sei.
Ungewiss ist hingegen, wie sich der Start des neuen Infokanals im Spätherbst dieses Jahres auf die Arbeitsabläufe auswirken wird. „Das wird dann der Lackmustest, ob der Programmausbau mit den verfügbaren Mitteln erfolgreich bewerkstelligt werden kann“, sagt ein Redaktor im Studio Bern. Vorerst übersetzt man INKA, das Kürzel für den geplanten Informationskanal, mit: Immer noch keine Antworten. Eine offene Frage betrifft etwa die Dotierung des neuen Programms. Reichen die zwölf Stellen? Unklar ist weiter, welche Programmelemente wie oft wiederholt werden sollen. Doch grundsätzlich herrscht verhaltener Optimismus. „Wenn gejammert wird, dann auf hohem Niveau“, findet ein Radiomitarbeiter. Klar nehme die Arbeitsbelastung kontinuierlich zu; insbesondere von den KorrespondentInnen und den Fachredaktionen werde ein zunehmend grösserer Output erwartet.

Im Fernsehschatten
Durchaus angenehm findet man bei Radio DRS, dass man während der aktuellen Umbauphase nicht dermassen stark im Rampenlicht der (Medien-)Öffentlichkeit steht, wie die KollegInnen vom Schweizer Fernsehen. Wie der Radiodirektor halten auch die MitarbeiterInnen die Solidarität innerhalb der SRG hoch. „Wenn auf SF geschossen wird, ist dies ein Angriff auf die SRG insgesamt“, tönt es. Schliesslich profitiert das werbefreie Radio von den Werbeeinnahmen des Fernsehens. Diese Aufschlüsselung der Mittelzuteilung zwischen den verschiedenen Unternehmenseinheiten und den Sprachregionen ist innerhalb und ausserhalb der SRG immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Das vorhandene Geld möglichst effizient einzusetzen, ist nicht nur ein Gebot der ökonomischen Vernunft, sondern Voraussetzung für ein erfolgreiches Bestehen als gebührenfinanzierter Rundfunkveranstalter in einer digitalen Medienlandschaft. Die Sonderstellung von öffentlichem Radio und Fernsehen erodiert weiter. Vor diesem Hintergrund macht man sich bei der SRG und insbesondere in deren kleinster Sprachregion, dem Tessin, verstärkt Gedanken über neuartige Produktionsstrukturen.

Alles wird eins
Bei Radiotelevisione svizzera di lingua italiana RTSI sollen bis in ein paar Jahren die Redaktionen von Radio, Fernsehen und Internet zusammengelegt werden. Das erfolge nicht mit Sparabsicht, versichert RTSI-Direktor Dino Balestra, sondern um den Bedürfnissen der MediennutzerInnen besser gerecht zu werden. Dass dieser Schritt als erstes in der Südschweiz unternommen wird, überrascht nicht. Zum einen bietet sich die Organisationsstruktur von RTSI – Radio und Fernsehen befinden sich bereits unter einem Dach – besonders gut an, zum anderen ist in den vergangenen Jahren der Druck auf die Tessiner gestiegen. Selbst innerhalb der SRG wurde die Frage aufgeworfen, ob RTSI im Verhältnis zum kleinen Versorgungsgebiet nicht zu viele Mittel erhalte. Sollte der Finanzschlüssel dereinst tatsächlich zuungunsten der Tessiner umgestaltet werden, wäre man dort gerüstet.
In der Deutschschweiz beobachtet man derweil mit Interesse, was südlich des Gotthards geschieht. „Unsere Finanzmittel sind beschränkt und die Ansprüche des Publikums wachsen. Wir müssen uns mit den Fragen der Zusammenarbeit auseinandersetzen“, sagt Radio-DRS-Direktor Walter Rüegg. Ob Zusammenarbeit auch Zusammenrücken in örtlicher Hinsicht bedeute, sei völlig offen. Auch SRG-Generaldirektor Armin Walpen misst der Entwicklung im Tessin grosse Bedeutung bei. Das Projekt von RTSI habe für die SRG „zugleich Modell- als auch Testcharakter“.
Dass in der Deutschschweiz Radio und Fernsehen mittelfristig an ein und demselben Standort konzentriert werden, ist aber eher unwahrscheinlich. Gegenwärtig wird das Radiostudio Bern für einen zweistelligen Millionenbetrag umgebaut. Eine Investition, die das kostenbewusste Radio DRS kaum in den Sand setzen will.

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