11. Juli 2007 von Helen Brügger

Die Inszenierung des Privaten

„Promi“-Themen, wie sie früher einzig in spezialisierten Magazinen angeboten wurden, dringen seit dem Ende der 1990er-Jahre immer mehr in die klassischen Tageszeitungen vor, konstatiert ein Nationalfonds-Projekt.

In der Berichterstattung zu „People“-Themen werden die Grenzen zum Privatleben immer häufiger überschritten, die Stories aus dem Intimleben wenn nötig gestohlen. Dadurch, dass immer mehr klassische Vollzeitungen das „Promi“-Genre pflegen, wird dieses nachhaltig legitimiert. Das stellt ein Nationalfonds-Projekt fest, an dem unter der Leitung von Annik Dubied an der Universität Neuenburg geforscht wird. Allerdings, so die Neuenburger Assistenzprofessorin, stammen die Themen weiterhin aus der darauf spezialisierten Presse, werden aber – meist in mehreren Wellen – von den „seriösen“ Blättern aufgegriffen. Dubied vergleicht die Bewegung mit einem „Erdbeben und mehreren Nachbeben“.
Annik Dubied findet die Entwicklung besorgniserregend. Die Verdrängung der politischen Information durch „Promi“-Stories könne zu einem demokratischen Defizit führen, besonders, wenn die Überlebensstrategien der Zeitungen darauf aufgebaut seien. Gerade auch PolitikerInnen würden dem Druck, sie zu „Promis“ zu machen, nur allzu gerne nachgeben, weil sie hofften, damit ihre Anhängerschaft zu vergrössern, stellt sie fest. Dubied geht jedoch in ihrer Fragestellung über diese Analyse hinaus: „Bedeutet die Allgegenwart solcher Themen nicht, dass soziale Veränderungen stattfinden, die das Individuum und seine private Existenz ins Zentrum des öffentlichen Lebens rücken?“ Früher sei die Frage „Wer bin ich?“ im privaten Raum von Familie und Freundeskreis verhandelt worden, heute werde sie im öffentlichen Raum gestellt: „Es ist Ausdruck einer Gesellschaft, die immer stärker individualistisch wird und die Grenzen zwischen privat und öffentlich auflöst.“ Die Inszenierung des Privatlebens im öffentlichen Raum gehorche auch dem Bedürfnis, in einer Zeit der starken Veränderung gesellschaftlicher Regeln kollektiv über Werte zu verhandeln und allenfalls auch Tabus zu brechen.

„Promis“ werden gemacht
Dubieds Arbeit kümmert sich auch um die Frage, welche Folgen die Entwicklung für die JournalistInnen habe. Im Zentrum des „People“-Themas stehe das Foto als (problematischer) Beweis für die Grenzüberschreitung. Dazu komme der journalistische Text als Erzählung, als Geschichte von Guten und Bösen, die regelmässig ihre Höhenflüge und Tiefpunkte hätten. „People-Themen zwingen die Journalisten dazu, ihre Arbeit im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Information und dem Recht auf Privatsphäre neu zu definieren.“ Und last but not least: Ein „Promi“ wird gemacht, er muss als Mensch gleichzeitig als gewöhnlich und aussergewöhnlich dargestellt werden. „Ohne diese Mischung aus Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit in Bezug auf Karriere oder Schicksal wird auch der interessanteste Mensch nicht zu einem ‚Promi‘.“ ?

Link zum Nationalfonds-Projekt „La presse people“: http://www2.unine.ch/infocom/page10563.html

11. Juli 2007 von Susan Boos

Reich und hässlich

Neue Produkte aus dem Hause NZZ: Susan Boos, Redaktorin „WOZ Die Wochenzeitung“, schaute genau hin.

Wenn Schönheit schön sein will, wandelt sie sich in Hässlichkeit. Alle Welt wisse das, hat Laotse vor langer Zeit behauptet. „Z“ ist der gedruckte Beweis dafür. Auf Seite vier glänzt eine Damenuhr von Cartier, besetzt mit 342 Diamanten und so anmutig wie eine plattgewalzte Kröte. Weiter hinten, im angeblich redaktionellen Teil, steht: „Elstern haben’s gut: Sie nehmen sich einfach, was ihnen gefällt. Alle anderen rechtschaffenen Interessenten müssen sich für diese exklusiven Juwelen mehr ins Zeug legen.“ Es hocken drei ausgestopfte Elstern im Grünzeug, umgeben von Dingen, die unsereins als Kitsch bezeichnen würde. Dass es kein Kitsch sein soll, besagt der Preis. Da hängt zum Beispiel ein riesiger, grün schimmernder Klunker mit dem Namen „Einzelgänger“ an einer feisten Weissgoldkette und ist für 21’500 Franken zu haben. Der Fingerring „Kugel und Klaue“ kostet 12’600 Franken und gleicht einer Eiterbeule. Die Kunstwerke von Joel Arthur Rosenthal – dem laut „Z“ „grössten lebenden Juwelier“ – kosten um eine Million Dollar und würden in jede Ramschecke passen.

„Z“ ist die neue Beilage der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „NZZ am Sonntag“. Das muss man wissen. Das Ding kommt aus gutem Haus, erhebt den Anspruch „Die schönen Seiten“ zu beschreiben. Nur sind die schönen Seiten so schön, dass sie Gefahr laufen, ungelesen mit den Hochglanzbroschüren von BMW und Sony ins Altpapier zu wandern.

Im Februar wurde das Blatt vorgestellt. Die Branche jubelte. Die Inserate der ersten drei Nummern waren schon ausgebucht. Das Magazin ist sechzig Seiten dick. Mehr Inserate kann man nicht reinpacken, weil es sonst keinen Platz mehr hat für die schmucken PR-Texte. Dicker können die NZZ-Leute „Z“ auch nicht machen, weil sich sonst die richtige Zeitung nicht mehr drumherum falzen lässt. Ein Dilemma.

Mit solider Berichterstattung lässt sich nicht mehr so viel Geld verdienen. Das musste die NZZ auch erfahren in den letzten Jahren. Die Abos brachen ein, man musste Leute entlassen. Das Blatt galt als staubig und altertümlich. Das Layout scherte sich keinen Deut um die LeserInnen, schnackige Titel waren genauso verpönt wie Farbbilder. Die NZZ hatte die Chuzpe, daherzukommen wie ein Blatt aus dem vorletzten Jahrhundert. Aber nicht dafür hat man sie geliebt: Es waren diese langen, ernsthaften Berichte über Orte, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gab. Schöne und kluge, sperrige Texte, die in den meisten Zeitungen ausgerottet wurden. Es herrschte die Überheblichkeit des ehemaligen Chefredaktors Willi Betschard, der die Ansicht vertrat, LeserInnen, die sein Blatt nicht verstünden, seien selber schuld, sie hätten halt in der Schule zu wenig aufgepasst. Das war unerhört arrogant, schuf aber auch geistreiche Biotope. Man leistete sich JournalistInnen, die die Welt erfahren wollten, bevor sie sie beschrieben.

Dieser Luxus schwindet. Zwar pflegt man noch immer ein exklusives KorrespondentInnen-Netz, doch für die freischwebenden AutorInnen ist es eng geworden, wie profilierte NZZ-MitarbeiterInnen klagen. Im besten Fall hat man sie ins Haus geholt, wo sie nun die meiste Zeit am Schreibtisch festgezurrt sind. Überkommt sie der Freiheitsdrang, müssen sie schon mal mit der Tourismusbranche dealen, damit diese die Flugspesen bezahlt – Politrecherchen geraten zu Nebenprodukten der Tourismus-PR. Und sind die guten Geschichten geschrieben, warten sie monatelang auf den Schreibtischen, weil der Platz im Blatt fehlt.

In der NZZ „regiert das Wort über das Geld“, wie das „Magazin“ vor zwei Jahren schrieb. Das war einmal. Hugo Bütler, über zwanzig Jahre NZZ-Chefredaktor und Chefmanager, ging im März endgültig in Pension. Markus Spillmann hat bereits im April 2006 übernommen. Eine neue Epoche ist angebrochen. War früher die NZZ das Blatt des gescheiten Bürgertums, wandelt sie sich zum Blatt der Reichen. Reich war das Bürgertum früher auch, aber es repräsentierte die altreichen Mächtigen, die ihr Geld dezent verbargen. Das neue Zielpublikum sind die neuen Reichen, die zeigen, was sie haben. Für sie druckt die NZZ die „Sonderbeilage America’s Cup“. Gelayoutet wie eine gewöhnliche Beilage, aber auf mattweissem Papier und an den Rändern so knapp beschnitten, dass es schäbig wirkt. Aber egal, es sind bunte 24 Seiten für Leute, die sein möchten wie Ernesto Bertarelli. Für Leute, die beim Begriff Syndikat weder an Gewerkschaften, noch an eine Verbrecherorganisation denken, sondern schlicht an ein Seglerteam. Für Leute, die in Luxus baden möchten.

Für solche Leute gibt es noch keine Zeitung im Land. Und damit liegt ein breites Werbefeld brach. Die Strategie scheint aufzugehen. Die NZZ-Gruppe präsentierte Ende März ein Ergebnis, das so gut war wie schon lange nicht mehr, die Dividende wurde von 300 auf 500 Franken pro Aktie angehoben. Das Geld regiert nun endlich auch das Wirtschaftsblatt.

Ein Geheimnis bleibt noch: Wofür steht das Z? Nicht für Zorro und nicht für Zureich. Vermutlich hat man einfach einen Buchstaben aus NZZ entliehen, weil sich das Z hübsch überall einkratzen lässt. Der Marketingmensch von „Z“ denkt bereits daran, Kleber zu drucken, „die sich bei einer Guerilla-Aktion wie Kratzer überall hin peppen lassen“, wie die „Werbewoche“ schrieb. Unklar, ob die Reichen das selber tun werden oder ob sie dafür einige Arme anheuern – denen ein Trost bleibt: Sie müssen nicht so viele hässliche Dinge kaufen.

Der Chefredaktor, der die NZZ von 1933 bis 1967 leitete, hiess natürlich nicht Willi Betschard, sondern Willy Bretscher. Wie konnte uns dies nur entfallen?

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Ausgabe: 5 | 2018

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