11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Praxis gegen Theorie

Im Zeitalter globaler Datennetze verheissen sie die Verwirklichung alter emanzipatorischer Postulate: Weblogs, Podcasting und Videojournalismus. Doch tun sie das wirklich? Eine Veranstaltung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie ging im Herbst 2005 dieser Frage nach. Jetzt liegt der Tagungsband mit den aktualisierten Beiträgen der ReferentInnen vor.
Am erhellendsten – und auch am unterhaltsamsten – ist der Aufsatzband dort, wo Praktiker und Theoretiker direkt aufeinander Bezug nehmen und einander widersprechen. Etwa dann, wenn der Medienwissenschaftler den Blogger darauf hinweist, dass nicht vom Einzelfall auf das Gesamte geschlossen werden dürfe. Nur weil sich unter den Abermillionen Weblogs ein paar wenige finden, deren Beiträge nach allen Regeln der journalistischen Kunst verfasst werden, geht die Gleichung „Weblogs = Journalismus“ noch lange nicht auf, schreibt Christoph Neuberger. Vielmehr fungierten Weblogs als „Resonanzraum der Massenmedien“; hier finde die „Anschlusskommunikation des Publikums“ statt. Was früher im kleinen Kreis diskutiert wurde, erreicht nun eine potenziell globale Öffentlichkeit.
Der Journalismusprofessor aus Münster widerlegt eine ganze Reihe solcher Argumentationsweisen, beispielsweise die oft gepriesene Resistenz gegen PR- und Werbeinteressen. Immer stärker würden Weblogs in der Unternehmenskommunikation eingesetzt. Damit seien sie selbst Teil der Public Relations geworden. Neuberger zerpflückt insbesondere die Thesen des bekannten und viel zitierten Autors und Aktivisten Don Alphonso, im deutschsprachigen Raum eine Instanz in Sachen Weblogs. Don Alphonso zeigt sich allerdings unbeeindruckt von wissenschaftlichen Befunden, wie er in seinem Beitrag darlegt. Für ihn entziehen sich die populären, tagebuchartigen Webseiten jeglichen Regeln; allerdings nur jenen, die er nicht selbst aufgestellt hat.
Die Unvereinbarkeit von Positionen aus (Medien)theorie und (Weblog)praxis ist symptomatisch und hat damit zu tun, dass die beiden Seiten oft gar nicht vom selben sprechen. Meinen die einen das technische Medium Weblog, das sich für nahezu beliebige Zwecke einsetzen lässt, sprechen die anderen von bestimmten Nutzungsformen – und umgekehrt. Kommt dazu, dass manche der „Alphatiere“ unter den Weblog-Autoren die absolute Definitionsmacht über ihr Tun beanspruchen. Wer das Medienphänomen von aussen betrachtet und untersucht, wird als „Kowi-Frosch“ (Kowi für Kommunikationswissenschaftler) verlacht.
Ganz anders sieht die Situation bei den im Tagungsband ebenfalls behandelten Podcasts aus. Rund um diese Möglichkeit zur Verbreitung von Tondokumenten im Internet tobt kein Definitionsstreit wie bei den Weblogs. Für Thomas Pleil, Dozent an der Hochschule Darmstadt, handelt es sich bei Podcasts denn auch weniger um eine Wiederbelebung des „Offenen Kanals“ und anderer Bürgerradioformate, als um einen zusätzlichen „Distributionskanal für Massenmedien“. Wer sich Podcast-Verzeichnisse anschaut, stellt unschwer fest, dass hauptsächlich Rundfunkveranstalter so einen Teil ihres Programms zum zeitversetzten Konsum anbieten. So gehören in der Schweiz Sendungen von Radio und Fernsehen DRS zu den beliebtesten Podcast-Angeboten.
Ein wesentlicher Unterschied zu den textbasierten Weblogs ist der viel grössere technische Aufwand, um eine Tondatei zu erstellen und als Podcast anzubieten. Spontan einen Gedanken festhalten und im Internet veröffentlichen geschieht weiterhin am einfachsten in Textform. Auch eigneten sich Podcasts schlecht für netzwerkartige Kommunikation, findet Thomas Pleil. „Dies dürfte (…) daran liegen, dass das Bilden von Kommunikationsnetzwerken im Podcasting-Umfeld einen Medienwechsel erfordert.“ Nichtsdestotrotz sieht der Autor emanzipatorisches Potenzial in der neuen Audio-Medienform. Es sei jedoch erst noch zu untersuchen, „unter welchen Umständen in einem freiheitlichen massenmedialen System individuelle Akteure die Möglichkeit der öffentlichen Artikulation tatsächlich nutzen und wirklichen Bürgerjournalismus proben“.
Die Beiträge zum Videojournalismus sind erstaunlich unergiebig, auch deshalb, weil sie sich kaum auf das Gesagte zu Weblogs und Podcasts beziehen. Eine verpasste Chance, ist doch Video das elektronische Alternativmedium, das ab den 1960er Jahren sowohl neue Kunst-, als auch Medienkonzepte hervorgebracht hat.

Vanessa Diemand et. al. (Hrsg.): „Weblogs, Podcasting und Videojournalismus – Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potentialen“. Heise, Hannover 2006.

11. Juli 2007 von Klartext

Gutes Klima

Einen Designpreis für schicke Studiobauten wird „WebTV“ von „Cash daily“ kaum je gewinnen. Keine kühn geschwungenen Moderationstheken, kein ausgeklügeltes Farbkonzept – und auch keine versteckte Hebebühne für kleingewachsene Moderatoren. Stattdessen an der Rückwand eine schitter beleuchtete Blache mit dem „Cash daily“-Logo und eineinhalb Kollegen, die im Hintergrund zurückhaltend redaktionelle Geschäftigkeit markieren. Aber immerhin, das Klima scheint in Ordnung zu sein. Moderatorin Murièle Bolay im bequemen, schwarz-grau gestreiften Pullover, der Kollege am Arbeitsplatz im Hintergrund leger im weissen Tischört und der halbe Kollege am rechten Bildrand im schlichten schwarzen Leibchen. Eine Wasserflasche auf dem einen Tisch, eine Orange auf dem andern, Papierstapel auf beiden. Lockeres Arbeitsklima also.
Ums Klima draussen allerdings steht es nicht gut. Das, so hören wir in einem ersten Beitrag, sei eine „Tatsache, die die Welt erkannt hat“ – spät genug, könnte man anfügen, und auch erst, seit Industrie, Dienstleister und die Hochfinanz die Klimakatastrophe als Zukunftsmarkt entdeckt haben. Aber für solche Bemerkungen ist „Cash daily WebTV“ nicht der Ort. Viel wichtiger ist, dass der ehemalige McKinsey-Mann Christoph Sutter von den rosigen Aussichten seines Start-ups schwärmen kann. South Pole heisst sinnigerweise die Firma, die mit CO2-Zertifikaten handelt und dank dem Schmelzen der Polkappen wächst und wächst und bald an die Börse muss.
Nach einem Hinweis darauf, dass jetzt auch die UBS den Klimawandel als Anlageprodukt verkauft, darf im nächsten Beitrag Helsana-CEO Manfred Manser in Aussicht stellen, dass dank Rekordgewinn die Helsana-Prämien im nächsten Jahr möglicherweise und vielleicht moderater ansteigen werden. Zum Abschluss ein Beitrag über so genannte REITs, neue steuersparende Immobilienanlagen. Spätestens jetzt ist das redaktionelle Konzept klar: Gewinn machen oder Gewinn versprechen, das ist interessant. Alles andere ist überflüssig – so überflüssig wie eine kühn geschwungene Moderationstheke oder eine Hebebühne für kleingewachsene Moderatoren von fast ebenso überflüssigen Infosendungen.

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