11. Juli 2007 von Klartext

„Der Krieg im Web“

Chefredaktoren aufgepasst: Der Staat Israel setzt auf eine aggressive PR-Kampagne. Ins Fadenkreuz geraten insbesondere kritisch-unabhängige Medien, die künftig dank einer eigens entwickelten Software mit Propaganda bombardiert werden. Von André Marty.*

Der Mann fürs Grobe hat keinen weiten Weg, wenn er seine Chefin sehen will: Amir Gissin ist der Leiter der Aufklärungsabteilung im israelischen Aussenministerium – „Israels Erklärungs-Departement“, wie er das selber nennt – und ist der israelischen Aussenministerin Tzipi Livni unterstellt. Gissin spricht von einem „Krieg im Web“ – und der Diplomat meint das auch so.

Staatlich organisierte Widerrede
Amir Gissins Waffe heisst „Internet Megaphone“ und ist eine eigens entwickelte Software. Die Software kann im Internet frei heruntergeladen werden (www.giyus.org – Give Israel Your United Support). Einmal registriert, werden die BenutzerInnen automatisch alarmiert, falls ein Israel-kritischer Bericht publiziert worden ist. Ebenso automatisch erhalten die BenutzerInnen die E-Mail-Adresse des Berichtsverfassers oder des entsprechenden Medienunternehmens – und Tausende Mails können in einer vorgefertigten Maske verschickt werden. Denn bis heute haben sich bereits über 25’000 NutzerInnen bei „giyus“ registriert. Selbst die Online-Ausgabe der grössten israelischen Tageszeitung „Yedioth Ahronoth“ präsentierte „giyus“ wochenlang an prominenter Stelle. Besonders perfide: Die EmpfängerInnen der Mail-Lawine werden in den Mails keinen Hinweis auf die Rolle von „giyus“ finden. Es sei denn, ChefredaktorInnen und sonstige Opfer der Kampagne stutzen ob der massigen elektronischen Post. Nachweisbar mit organisierten Mails eingedeckt wurden bis anhin die BBC und eine arabische Webseite.
In seiner E-Mail-Kampagne, mit der Gissin die PR-Offensive in alle Welt versandt hat, meint der Diplomat in undiplomatischen Worten: „Heutige Konflikte werden durch die öffentliche Meinung gewonnen. Es ist Zeit, aktiv zu werden und der Welt Israels Standpunkt zu sagen.“ Die Rückendeckung seiner Chefin hat der zupackende Diplomat. Denn als Israels Aussenministerin Tzipi Livni im vergangenen September in Tel Aviv mit PR-SpezialistInnen zusammensass, gab die energische Dame klare Vorgaben: „Wir wollen Israel als einen Ort präsentieren, in den man gerne investiert und den man mit Freuden besucht.“ Die PR-Leute nahmen die Frau beim Wort.

Blogs für die Imagepflege
So stellte das israelische Konsulat in New York einen Blog ins Netz: www.isrealli.org, was ein Wortspiel mit „ Is real“ – ist real – sein soll. Denn spätestens seit dem Libanon-Krieg vom vergangenen Sommer weht Israel ein eisiger Wind entgegen, insbesondere von liberalen und jungen Leuten (siehe Kasten „Israels Image-Problem“). So ist das Zielpublikum des Blogs klar definiert: die junge Bevölkerung. Gezeigt werden statt Politik das israelische Nachtleben, Mode und Kultur sowie ein Einblick in Forschung und Entwicklung. Und siehe da: Der Blog ähnelt dem Auftritt eines mittelmässigen Quartieranzeigers, ein penibler Mix aus jungen Tel Aviver Schönheiten und umwerfenden Einträgen wie etwa jenem über den Weg „vom heiligen Land nach Hollywood“.
Wer hingegen politische Botschaften im Israel-Blog platzieren will, hat Pech: Politische Texte werden nicht zugelassen. Denn um das Ziel des Blogs machen die Israeli keine Umschweife: „Die jungen Leute sollen von Israelis über Israel informiert werden“, sagt David Saranga, für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zuständiger israelischer Konsul in New York. Auch das Tourismus-Ministerium lässt sich nicht lumpen. In den nächsten fünf Jahren sollen 250 Millionen Dollar ins Marketing investiert werden – doppelt so viel wie bisher. Dass sich die Werbe-Kampagnen auf Israel beschränken und Palästina aussen vor bleiben wird, versteht sich von selbst.

Auch „YouTube“ soll als Propagandakanal genutzt werden
Der Diplomat im israelischen Aussenministerium Amir Gissin kann sich auch vorstellen, israelische Videos auf die äusserst beliebte Video-Plattform in Internet „YouTube“ zu stellen. Denn diese Site werde von jungen MeinungsmacherInnen gesehen. Eine weitere Idee hat sein Cousin Ra’anan Gissin, Sprecher des ehemaligen israelischen Premiers Ariel Sharon: „Wir müssen zuerst ein Foto machen, bevor wir sie erschiessen.“ – Sie, das sind die PalästinenserInnen.

* André Marty lebt und arbeitet als freier Journalist in Tel Aviv. Zu seinen Kunden gehört das Schweizer Fernsehen SF.

Israels Image-Problem: „Weltweit schlechtestes Image“

am./ Die Studie ist vernichtend. Im „Nation Brand Index“ des Wirtschaftsexperten Simon Anholt ist Israel „das Land mit dem weltweit schlechtesten Image“. Vierteljährlich lässt der britische Fachmann für Image-Marketing ganzer Nationen in 36 Ländern 25’900 Konsumenten und Kosumentinnen befragen. Auf die Frage: „In welchem Mass stimmen Sie der Aussage zu, dass dieses Land verantwortlich handelt im Sinne der Sicherheit und des Friedens?“ landete Israel auf Platz 36 von 36. Auf die Frage: „Würden Sie in diesem Land leben und arbeiten wollen?“ erhielt Israel den zweitletzten Platz und wird als „am wenigsten attraktives Land für Touristen“ qualifiziert. „Die Politik eines Landes kann dessen Wahrnehmung stark beeinflussen“, erklärt Anholt dieses harsche KonsumentInnen-Urteil. Um sein Image zu ändern, müsse Israel deshalb – so Anholt – „bereit sein, sein Verhalten zu ändern“. Eine „Re-branding“-Kampagne, also eine andere Darstellung des Landes durch eine reine „Schönwetterkampagne“, wie sie das israelische Aussenministerium anstrebt, bezeichnet Simon Anholt deshalb als „zwecklos“.

Israels selbst ernannte Medien-Wächter

am./ Nebst der „Medien-Begleitung“ durch das offizielle Israel gibt es ganze Heerscharen von selbst ernannten Medien-Wächtern. Die offen und nicht selten aggressiv gehaltene Kritik an der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Krieg beschränkt sich längst nicht mehr auf E-Mails oder LeserInnenbriefe. Das musste etwa Radio DRS erfahren, als ein erboster Zuhörer gleich seinen ganzen Briefwechsel mit der „Echo der Zeit“-Redaktion ins Netz stellte (www.projekt-j.ch/Jerusalem_ Yerushalaim_Zion.htm).

http://www.nicht-mit-uns.com/Index1.htm
http://www.swissmediawatch.org/
http://www.projekt-j.ch/
http://www.take-a-pen.org/deutsch/index.html
http://www.honestlyconcerned.info/
http://www.mediatenor.de/index.php
http://medienkritik.typepad.com/
http://www.kritiknetz.de/
http://www.pmw.org.il/

Diese Überblicksliste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit

11. Juli 2007 von Helen Brügger

Aufrührerischer Geist

Wiederauferstehung ist angesagt: Das traditionsreiche „Journal de Genève“ soll ab Ostern als Wochenzeitung wieder erscheinen.

Noch heute trauern die linksliberale Genfer Bourgeoisie und die kritischen, dem neoliberalen Mainstream abholden Westschweizer Intellektuellen um das „Journal de Genève“, das vor zehn Jahren in der Fusion zwischen dem Genfer Blatt und dem Lausanner „Nouveau Quotidien“ aufgegangen ist. Nicht aus ökonomischen, sondern aus politischen Gründen sei das Genfer Traditionsblatt eingestellt worden, hiess es damals. Nun soll die Zeitung wieder aufleben. Hinter dem Projekt stehen der ehemalige Rechtsprofessor Pierre Engel und der „Liberté“-Redaktor Christian Campiche.
Das „Journal de Genève“ – es stand für 200 Jahre Genfer Geschichte – war in seinen letzten Jahren immer kritischer geworden. Zu kritisch für die Liberale Partei und die Privatbanken, die in seinem Verwaltungsrat das Sagen hatten. Sie liessen die Zeitung fallen, servierten sie dem Lausanner Verlagshaus Edipresse auf einem Silbertablett, wie kritische Stimmen anmerkten. Aus der Fusion mit dem Edipresse-Produkt „Nouveau Quotidien“ entstand die Zeitung „Le Temps“.

Titel juristisch zurückerobert
Doch die Einstellung des „Journal“ bedeutete für viele einen unersetzbaren Verlust. Während Jahren prozessierte der streitbare Genfer Rechtsprofessor Pierre Engel gegen die Liquidatoren des „Journals“. Im September 2006 gelang es ihm, den Titel und seinen Eintrag im Handelsregister zu übernehmen, im November schaffte er es, dem ehemaligen Direktor des „Journal“, der heute im Verwaltungsrat von „Le Temps“ sitzt, die Berechtigung als Liquidator absprechen zu lassen (vgl. Klartext 6/06). Und nun haben Engel und die 650 Mitglieder des Vereins der „Freunde des Journal de Genève und Gazette de Lausanne“ einen Ehemaligen des „Journal“, Christian Campiche, mit der Erarbeitung eines Konzepts für ein Wiederaufleben der Zeitung beauftragt.
Noch hüllen sich die Projektmacher in Schweigen, was den Inhalt des ab Ostern wöchentlich erscheinenden Blattes betrifft. Eins ist sicher: Christian Campiche, Wirtschaftsredaktor bei der Zeitung „La Liberté“ und einer der Gründer der Journalistengruppe „Info en danger“, bereitet ein Projekt vor, das kritischer, unabhängiger und aufrührerischer zu werden verspricht als das „Journal de Genève“ zu seinen besten Zeiten war. Denn die Genfer Kreise, die das „Journal“ fallen liessen, werden nicht mehr dreinreden können.
Das wirtschaftliche Konzept stammt vom ehemaligen Marketing-Verantwortlichen des „Journal“, Dominique Flaux, und besticht durch seine leichten Strukturen: Zunächst soll es sich um einen wöchentlichen „Brief“ mit einer Verlängerung auf Internet handeln, ohne Werbung, ohne Kiosk-Vertrieb und mit einer einzigen vollen Stelle, die sich Christian Campiche und ein weiterer, noch nicht ernannter Mitarbeiter teilen werden. Dieser „Lettre des Amis du Journal de Genève et Gazette de Lausanne“, wie das Projekt vorläufig offiziell heisst, soll zu Beginn zwischen vier und acht Seiten wöchentlich zählen, in einer Auflage von ein paar tausend Exemplaren gedruckt und vom Verein bezahlt werden.

Geplant ist ein weltoffenes Wochenblatt
„Wir setzen auf den Internet-Auftritt und unsere Freundinnen und Freunde, um das Projekt in breiteren Kreisen bekannt zu machen“, sagt Campiche. „Journalistische Rigorosität, Nonkonformismus und Humor“ sollen sein Blatt auszeichnen. Er sieht eine Zusammenarbeit mit externen JournalistInnen und Intellektuellen vor, von denen viele heute kein Forum mehr haben. Als unabhängige, weltoffene Wochenzeitung für ein Lausanner und Genfer Publikum hofft der „Brief“ eine Marktlücke zu finden. Denn die Inhalte des Ringier-Newsmagazins „L’Hebdo“ sind immer häufiger Mainstream und ersticken immer mehr in Werbung, und das SP-nahe „Domaine public“ musste soeben sein wöchentliches Erscheinen einstellen und ist nur noch auf dem Web zu finden.

Mehr auf www.lebananier.blogspot.com

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