11. Juli 2007 von Helen Brügger

Symbiose von Web und Print

Anfangs März startet Edipresse mit dem Projekt „Les Régionaux online“. Von Helen Brügger.
Eine 22-köpfige Redaktion unter David Moginier kümmert sich um die neuen Internet-Auftritte der beiden Edipresse-Regionalzeitungen „Tribune de Genève“ und „24 heures“. Nun sind auch die Online-Inhalte bekannt geworden: Die originellste Idee ist eine von Journalistinnen gestaltete Rubrik mit Frauenthemen respektive Aktualitäten aus frauenspezifischer Sicht, genannt „Les Quotidiennes“. Ansonsten unterscheiden sich die „Régionaux online“ wenig von anderen Webseiten grosser Tageszeitungen: Kontinuierlich aktualisierte Tagesnews, ein englischsprachiges Fenster, Infos zu Freizeit und Kultur sowie eine Plattform mit Blogs von aussenstehenden ExpertInnen zu Politik, Wirtschaft und Kultur. AbonnentInnen können jeden Nachmittag einen aktualisierten Newsletter per E-Mail, Handy-Fans die neusten Infos per SMS erhalten.
Der Start der „Régionaux online“ bedeutet auch eine Umgestaltung und einen grafischen Relaunch der beiden Tageszeitungen: Auf dem Web sind die News zu finden, in den Zeitungen die vertiefenden Artikel, Analysen und Kommentare. An der Erstellung der Online-News beteiligen sich auch die Printredaktionen, und umgekehrt finden Inhalte aus den „Quotidiennes“ oder den Blogs ihren Weg in die Meinungs- und Kommentar-Rubriken des Print.
Im Moment finanzieren die Zeitungen die Internet-Publikation; die umstrittenen Sparprogramme der letzten Monate – so vor allem die Zusammenlegung der redaktionellen Kräfte in den überregionalen Rubriken – machten die dazu notwendigen Mittel frei. Chefredaktor David Moginier rechnet damit, dass die Online-Redaktion dank Werbung und Sponsoring bereits in wenigen Jahren kostendeckend oder gar gewinnbringend sein werde.
Moginier unterstreicht jedoch, dass alle Mitglieder der Online-Redaktion BR-JournalistInnen seien, die den gleichen strengen Richtlinien zur Trennung zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten verpflichtet seien wie ihre KollegInnen im Print. Die Redaktion der „Régionaux online“ ist auch an der Weiterentwicklung der Radio- und Fernsehprojekte von Edipresse beteiligt.

11. Juli 2007 von Hans Stutz

Megafonjournalismus

Schweizer Medien begnügen sich häufig damit, die Unterlagen zusammenzufassen, die ihnen an Medienkonferenzen abgegeben werden. Ein Zustand, der dem Selbstbild der Medienschaffenden widerspricht und geändert gehört.

Bereits vor über zwanzig Jahren hat René Grossenbacher, Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und Mehrheitsaktionär des Medienforschungs- und -beratungsinstituts Publicom, den JournalistInnen genauer in die Texte geschaut und festgestellt: „Was als journalistische Leistung in den Medien erscheint, ist meistens kaum mehr als das, was PR-Schaffende vorgefertigt haben.“ Grossenbacher stellte damals den tagesaktuellen Medien folgende Diagnose: „Themen- und Aktualitätsdiktat durch PR, geringe Kommentierungsleistung der Medien, Übernahme von Interpretationsmustern bei gleichzeitiger Neutralisierung der positiven Wertungen.“

Vernachlässigbare Informationsleistung
So war es 1986 und so ist es noch heute. Ja, die Situation habe sich vielleicht sogar noch zugespitzt, meint Grossenbacher in seiner unlängst veröffentlichten neuen Untersuchung „Öffentlichkeitsarbeit in regionalen Medien“: „Korrekte Quellenangaben finden sich heute noch wesentlich seltener als vor 20 Jahren.“ Es scheine sogar die Tendenz zu bestehen, „den Entstehungszusammenhang der Berichterstattung (…) bewusst zu verschleiern“, indem die Medien nämlich nicht klar machten, dass die Informationen ganz einfach von einer Medienkonferenz stammten. Rund ein Viertel der von Grossenbacher untersuchten veröffentlichten Beiträge verzichteten sogar auf genaue Quellenangaben.
Grossenbacher beobachtete während zweier Monate die Medienkonferenzen der St. Galler und der Zürcher Kantonsregierungen und untersuchte anschliessend die Berichterstattung in den lokalen Medien, genauer: in den lokal empfangbaren Radios und Fernsehen und den Online-Redaktionen.* Die beiden Tageszeitungen „Tages-Anzeiger“ und „St. Galler Tagblatt“ wurden nur als „Referenzmedien“ beigezogen.
Die Medienwirklichkeit sieht gemäss Grossenbacher folgendermassen aus: „Den Anspruch, das politische Geschehen kommentierend zu begleiten, lösen die elektronischen Medien (inklusive Online) zumindest im Bereich der kantonalen Belange sicher nicht ein.“ Und weiter: Medienkonferenzen seien „ein Ritual, dessen Nutzen für die Informationsleistung der Medien vernachlässigbar ist“. Dies, weil die Medienschaffenden zwar nachfragten, es aber beim Abschreiben der erhaltenen Unterlagen bewenden liessen. Die inhaltliche Leistung der lokalen Radio- und Fernsehstationen bestehe „primär darin, Öffentlichkeit für die Anliegen der beiden Kantonsregierungen herzustellen“.

Diskrepanz von Selbstbild und Realität
Was für Schlüsse lassen sich aus Grossenbachers Untersuchungsergebnisse ziehen? Als erstes drängt sich die Annahme auf, dass die Medienschaffenden auch bei Medienkonferenzen von Unternehmen und Parteien ähnlich handeln, wie bei jenen der Kantonsregierungen. Und: Die Gatekeeper-Funktion der Medien besteht hauptsächlich in der Auswahl jener Medienkonferenzen, die einer Berichterstattung für würdig befunden werden.
Grossenbachers Befund lässt sich in eine einfache Formel fassen: Medienschaffende sind Megafone; sie verstärken die Meldungen jener Person oder Institution, die sich hinter das Mikrofon stellen darf. Mit dem schönen Selbstbild der Medienschaffenden (neugierig, kritisch, unabhängig) hat eine solche Feststellung nur wenig zu tun. Sie entspricht auch nicht dem Berufsbild, das in den vielen Ausbildungsstätten für Medienschaffende, die in den letzten Jahren entstanden, vermittelt wird.
Man kann einwenden, dass Medienschaffende eine Chronistenpflicht haben. Aber das heisst noch nicht, dass sie die verteilten Unterlagen gleich abschreiben müssen. Man kann auch einwenden, es sei nicht automatisch schlecht, wenn Medienberichte aus PR-Quellen stammen, vor allem dann nicht, wenn fähige PR-LohnschreiberInnen professionell verfasste Texte zur Verfügung stellen. Nur: Selbst gute PR-Produkte schildern und werten Sachverhalte im Interesse ihrer AuftraggeberInnen. Unabhängige und kritische Medienschaffende haben folglich die Pflicht, entweder weitere Recherchen zu tätigen oder andere Stellungnahmen einzuholen.

Journalisten schaffen sich selbst ab
Was kann man gegen den von Grossenbacher festgestellten Missstand unternehmen? Zuerst einmal sollten all jene Verleger und ChefredaktorInnen, die immer wieder die Qualität des Schweizer Mediensystems in höchsten Tönen loben, in ihren eigenen Häusern auf die Einhaltung eben dieser Qualität achten. Naheliegend ist dabei die Forderung nach mehr Stellen in Redaktionen. Damit es nicht bei allgemeinen Absichtserklärungen bleibt, müssen die Redaktionen selbst Richtlinien entwickeln und insbesondere umsetzen, dass Informationen von Medienkonferenzen inhaltlich überprüft und durch weitere Einschätzungen ergänzt werden. Wenn – zumindest bei den bezahlten Medien – die Diskrepanz zwischen dem Anspruch nach kritischer, unabhängiger und kommentierender Berichterstattung und der Realität als Megafon für Regierungen, Unternehmen und Einflussreiche zu gross wird, dann können die LeserInnen ja gleich selber im Internet die Medienmitteilungen nachlesen.

René Grossenbacher. „Öffentlichkeitsarbeit in regionalen Medien. Eine Untersuchung der Publicom mit Unterstützung des Bakom.“ Zu bestellen über www.publicom.ch. Die Studie kostet 120 Franken.

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