11. Juli 2007 von Klartext

Exodus bei der BZ

kt./ Die „Berner Zeitung“ (BZ) muss einige prominente Abgänge verkraften. Mindestens sechs Redaktorinnen und Redaktoren haben seit Mitte Oktober das Blatt verlassen oder werden es in nächster Zeit noch tun. In chronologischer Reihenfolge sind das: Reporter Fredy Gasser (neu: Reporter „SonntagsBlick“), Nachrichtenchef Bernhard Giger (eigene Projekte), Ressortleiter Kultur Konrad Tobler (offen für Neues), Lokalredaktor Bernhard Ott (Lokalchef „Der Bund“), Wirtschaftsredaktor Hans Peter Arnold (stv. Chefredaktor „Stocks“), Ressortleiterin Leben/Geniessen Elsbeth Hobmeier (Chefredaktorin „Hotel & Tourismus Revue“). Dass es offenbar wenig Gründe gibt, der BZ die Treue zu halten, hat nicht zuletzt mit dem Kurs der Zeitung zu tun. Insbesondere die Einführung der Sammelsurium-Rubrik „Heute“ anstelle der klassischen Mantelressorts stiess und stösst bei Teilen der Redaktion weiterhin auf wenig Verständnis. Doch es gibt Hoffnung, dass es sich dabei nur um ein vorübergehendes Experiment handelt. Co-Chefredaktor Michael Hug sagte unlängst an einer Podiumsdiskussion: „Wir wissen nicht, ob es funktioniert.“ Und erklärte weiter, eine Rückkehr zur früheren Gliederung sei durchaus vorstellbar.

11. Juli 2007 von Hans Stutz

Dauerempörung

Die deutsche „Bild-Zeitung“ zu kritisieren haben schon viele versucht, einigen ist es auch gelungen. Der Schriftsteller Heinrich Böll beispielsweise hat in seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die ruchlosen Methoden der Boulevardzeitung literarisch eindrücklich dargestellt. Günther Wallraff alias Hans Eser sah den „Bild“-Redaktoren beim Produzieren der täglichen Diffamierungen und Lügen zu und dokumentierte dies in mehreren Büchern.
Seit einigen Jahren versucht sich nun auch der ehemalige Redaktor der satirischen Zeitschrift „Titanic“ Gerhard Henschel in der „Bild“-Kritik. Der Dreh an Henschels Texten: Er nimmt eine besonders widerliche „Bild“-Geschichte, persifliert sie und setzt den „Bild“-Chefredaktor – gelegentlich auch die Springer-Witwe und Verlegerin Friede Springer – als fiktive Hauptperson ein. Einen ersten Erfolg heftet sich der Hamburger bereits gerne an seine Fahne: Henschel ist von Kai Diekmann, Herausgeber und Chefredaktor der „Bild-Zeitung“, erfolglos auf 30’000 Euro Schmerzensgeld verklagt worden, da er in einer Satire geschrieben hatte, Diekmann habe nach einer missglückten Penisverlängerung seine Potenz verloren.
Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Henschel in der Zeitschrift „Merkur“ eine Suada über „Bild“ und sein Personal. Das Blatt nannte er „Sauladen“ und „Zentralorgan der Unterhosenspionage“, den Chefredaktor „Sittenverderber“ und „Anzeigenzuhälter“. Henschel agierte offensichtlich im Zustand höchster Empörung. Diesen Wortschwall hat er nun zu einem Buch ausgebaut: „Gossenreport – Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“.
Erster Befund: Wie andere vor ihm, wirft Henschel „Bild“ eine Verletzung des deutschen Grundgesetzes (die Unantastbarkeit der Würde des Menschen) vor. Eine neue Erkenntnis ist dies nicht. Zweiter Befund: Der Autor hat seine Dauerempörung halten können. Mit auffälliger Vorliebe enerviert er sich über Sex-Geschichten und Kontaktinserate. Dutzende Male hält er im Buch Friede Springer und Kai Diekmann für jeden in „Bild“ erschienenen Text, für jedes abgedruckte Sex-Inserat moralisch verantwortlich. Auch PolitikerInnen, die sich in „Bild“ vernehmen liessen, hält er diese Verantwortung vor. Selbstverständlich zitiert Henschel ebenso ausführlich wie empört die kritisierten Inserate-Hässlichkeiten. Quintessenz seiner Auslassungen: Mit „Bild“ darf sich ein ehrbarer Mensch überhaupt nicht einlassen.
Henschels Buch wird aber dort lesenswert, wo er „Bild“-GegnerInnen erwähnt. Zwar ist unbestritten: „Bild“ ist eine gesellschaftliche Macht. Insbesondere PolitikerInnen in Deutschland wissen, dass es beruflicher Suizid wäre, sich mit der Boulevardzeitung anzulegen. Henschel beschreibt nun die Ausnahmen, unter denen sich viele Sportstars und andere Prominente, aber keine PolitikerInnen finden: Der Fussballer Michael Ballack z.B. hat sich mehrmals gegen diffamierende Berichterstattung juristisch erfolgreich gewehrt. Und Jürgen Klinsmann, kurzzeitiger Trainer der deutschen Fussballnationalmannschaft, hat seinen „Bild“-Boykott nur für die Dauer der Fussball-WM aufgegeben. Henschel erwähnt auch die einstige Jet-Set-Grösse Gunter Sachs, der – nach dem von „Bild“ rücksichtslos ausgeschlachteten Unfalltod seines Bruders – dem Verleger Axel Springer schrieb: „Herr Springer, wir sind uns selten begegnet; ich möchte Sie nie mehr wieder sehen.“
Henschels Buch nährt sich von der unermüdlichen Empörung des Autors, insbesondere seiner Abneigung gegen die Sex-Kontaktanzeigen. Nichts erfährt der Leser hingegen über den politischen Kurs, den das Springerblatt in den vergangenen Jahren verfolgt hat. Trotz aller Schwächen dokumentiert das Buch, welch hirnerweichenden Mumpitz, welch wirre Geschichten die deutsche Boulevardzeitung in der Beobachtungszeit aufs Papier gebracht hat. Die Wälder können einem leidtun!

Gerhard Henschel. „Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“. Edition Tiamat, Berlin 2006.

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