11. Juli 2007 von Klartext

MediendokumentalistInnen

1/2007 · MediendokumentalistInnen:
Der Letzte macht das Licht aus

Eigentlich habe ich mich als Dokumentalist und Berufsbildner von angehenden Informations- und Dokumentations-Assistentinnen sehr darüber gefreut, dass der „Klartext“ das Thema Dokumentationen aufgreift. Doch mit dem Artikel „Der Letzte macht das Licht aus“ hat das Blatt nicht nur den jungen Berufsleuten, sondern allen engagierten, qualifizierten DokumentalistInnen einen wahren Bärendienst erwiesen. Ärgerlich sind nicht die unreflektierten Formulierungen wie „die MediendokumentalistInnen waren einst hoch qualifizierte Fachleute“, die mehr von Vergangenheitsverklärung denn von Sachkenntnis zeugen. Auch nicht das einfallslose Klagelied über die ach so schlimmen Veränderungen der Berufswelt. Dass die grosse Gruppe von MediendokumentalistInnen, die für Radio und Fernsehen Eigenproduktionen erschliessen, archivieren und recherchieren, schlicht ausgeblendet wird, weil sie die These des Artikels nicht stützt, ist unschön, aber nicht Anlass für Ärger. Nein, was wirklich ärgert, ist die Perspektivelosigkeit, die der Artikel mit jeder Zeile, mit jedem Satz, vom Frontseitenanriss bis zum Quote, suggeriert.
In einer Zeit, in der das Schlagwort „Informationsflut“ in aller Munde ist, in der jede Universität und jede Fachhochschule einen Studiengang im Bereich Informationswissenschaften anbietet, in der „medienaffine Fachleute für Informationsarbeit“ gesucht werden, in der die Berufslehre des Informations- und Dokumentations-Assistenten neu konzipiert und lanciert wird, ergeht sich der „Klartext“ in einer larmoyanten Retrospektive, trauert einem Berufsbild nach, das längst nicht mehr aktuell ist.
Dokumentation, respektive das, was der „Klartext“ darunter versteht, war gestern. Aufschlussreicher und ergiebiger wäre ein Blick in die Aufgaben und Tätigkeitsgebiete der DokumentalistInnen von heute und morgen gewesen. Die in Berufslehre und Fachhochschule spezifisch ausgebildeten Berufsleute werden sicher keine Zeitungsartikel mehr ausschneiden. Vielmehr recherchieren diese qualifizierten InformationsarbeiterInnen medienrelevante Daten und Dokumente, trennen Fakten von Fiktion, verdichten Informationen und bereiten sie auf, pflegen Expertendatenbanken, erstellen Ereignisvorschauen und klären Nutzungsrechte. Sie kümmern sich um Unternehmensarchive, kontrollieren das Records Management, konzipieren Informationssysteme und Datenbanken, strukturieren Kommunikationswege und migrieren digitale Informationen. Kurz: Für gut ausgebildete innovative DokumentalistInnen und I&D-AssistentInnen bleibt das Licht noch lange brennen.

Herbert Staub,
Schweizer Fernsehen,
Leiter Dokumentation BildTextTon

Ich bin einer von denen, die damals das Licht mitanknipsten. In all den Jahren haben wir uns an die staunenden Journalistinnen und Journalisten gewöhnen können, wenn wir „aus Unmengen von Mappen oder Couverts mit einigen wenigen Griffen diejenigen herausholten, welche Zeitungsausschnitte zu den gesuchten Themen enthielten“, dabei war es keine Hexerei, nur das Resultat von regelmässiger Zeitungslektüre und Interesse am Zeitgeschehen, verbunden mit einem verlässlichen Gedächtnis, umgesetzt in Ordnung und Disziplin. Vielleicht noch eine Prise Intuition und Logik.
JA, DIE LOGIK.
Ich zitiere: „‚Weil alle Mediendokumentationen so um die Mitte der siebziger Jahre entstanden sind, sind viele Mitarbeitende heute um die sechzig. Manche von ihnen mögen sich nicht mehr auf neue Technologien einlassen.‘ Dieser Umstand hat beim Fernsehen Entlassungen verhindert.“ Meint die Autorin wirklich, dass Arbeitsplätze sichert, wer sich gegen neue Entwicklungen sträubt? Zementiert wird hier das schon lange tot geglaubte Klischee vom vergilbten Papiermuffel, der als ausrangierter Journalist im Archiv sein Gnadenbrot frisst.
Die Schliessung der Dokumentation bei der Tamedia ist das eine und mag ich (hier) nicht kommentieren. Ärgerlich finde ich, deswegen einen Abgesang auf den Dokumentalistenberuf anzustimmen. Der Aufmacher ist schlicht falsch. Die Verlagerung vom Lektorat zur Recherche findet statt und ist eine Herausforderung für uns, für mich.
Neben dem pensionierten Otto Dudle (den ich sehr schätze) hätten sicher auch aktive Dokumentalisten und Dokumentalistinnen mehr Zitierfähiges zu sagen gehabt als ein abgegriffenes Witzchen, welches auch noch als Titel herhalten muss.
Beispielsweise zur Schweizer Medien-Datenbank (SMD) gäbe es einiges mehr zu sagen als nur die saloppen Sprüche des Geschäftsleiters J. Mumprecht. So sagt „Mmuprecht“ (gemäss SMD-OCR) dem „Klartext“: „Die automati sehe inhaltliche Besehlagwor— tung, so habe sieh dabei gezeigt, sei ‚viel konsistenter‘ als die manuell durch Dokumentalistlrinen durchgeführte.“ Ein Argument, das natürlich verfängt bei den Buchhalterseelen auf den Teppichetagen. Trotzdem wurde „ … auf ersten Januar die Zahl der festangestellten Dokumentalisten von 100 auf 250 Stellenprozente erhöht“. Nachdem sechs Stellen gestrichen wurden (sogenannte Delegierte aus den beteiligten Häusern)! Das kann nur die SMD: Stellenkapazität von 600 Prozent auf 250 Prozent erhöhen.
Die Geschichte der SMD ist auch eine zehnjährige Geschichte der Ignoranz, der Unterstellungen und des steten Misstrauens der SMD-Verantwortlichen gegenüber den delegierten Dokumentalisten von Tamedia, Ringier und SF. Nie wurde verhehlt, dass man am liebsten ohne Dokumentalisten auskommen möchte – nur die Technik war noch nicht so weit. Das war sehr motivierend.
KEINER MERKTS.
Andrerseits wurde der OCR-Software (Texterkennung) nie die nötige Aufmerksamkeit gewidmet, um sie up-to-date zu halten. Es ist die schlauste Retrieval-Software immer noch überfordert bei Buchstabenketten wie Dateobanken, olltextsu— ehe, gelernter Bibliothekai, Entssick-Jung, Kriow-ho\, F’acliwissen, 1-lerhert Staub, Koniepte, Muuipreclit? (Beispiele aus dem „Klartext“-Artikel). Und die Firma Ringier hat viele Namen: Eingier Riogier Hin gier Ringicr Bingier. Keinen interessierts.
FAZIT: Wenn Behauptungen, wie: die Maschine verstünde den Inhalt von Texten besser als ich – arbeite somit konsistenter – unhinterfragt wiedergegeben werden, und das in einer gewerkschaftsnahen Publikation, fühle ich mich gleich zweimal ver… ach, was solls.
Das Licht sollen andere ausmachen.

Bruno Gut,
Zürich

11. Juli 2007 von Helen Brügger

Master und Master

Zwischen den Universitäten von Neuenburg und Genf geht es heiss zu und her: Wer wird in Zukunft die JournalistInnen in der Westschweiz ausbilden?

Angehende JournalistInnen haben es schwer: Das private und staatliche Bildungsangebot ist unübersichtlich, es gibt keinen einheitlichen, allseits anerkannten und europakompatiblen Abschluss. Universitäten boten bisher ausschliesslich Ausbildungen des Typs Publizistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften an, allerdings ohne praktische Ausbildung. Nun wagt sich die Universität Neuenburg auf Neuland vor: Sie will ab 2008 – in Zusammenarbeit mit der Westschweizer JournalistInnenschule CRFJ – einen „professional Master“ in Journalismus anbieten, bei dem das journalistische Handwerk rund 50 Prozent der Ausbildung ausmacht. Doch die Konkurrenz schläft nicht. An der Universität Genf möchte Soziologieprofessor Uli Windisch ebenfalls mit einem Masterabschluss in die Ausbildung von JournalistInnen einsteigen.

Kampf mit harten Bandagen
Beide Projekte liegen nun bei der Schweizerischen Universitätskonferenz. Diese wird Anfang Mai über die Vergabe von Subventionen entscheiden. Doch seit Wochen verschärft sich der Ton zwischen den beiden Konkurrenten. Genf kritisiert Neuenburg, man habe dort keine Ahnung von Medien und Journalismus und vor allem keine Professoren, Neuenburg wirft Genf vor, dem bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Ansatz einfach etwas journalistische „Praxis“ hinzufügen zu wollen.
Wie auch immer: Die beiden Projekte verfügen über unterschiedliche Joker. Auf der einen Seite steht das Projekt von Uli Windisch: Schon ab Herbst 2007 soll eine Genfer Masterausbildung in Journalismus starten, ab 2008 begleitet von einer neu gegründeten, mehrsprachigen „Ecole de Journalisme“ und einem Medienobservatorium. Die Masterausbildung soll zusätzlich zu den theoretischen Kursen auch praktische Ateliers und Volontariate in den Medien beinhalten. Als Trumpfkarte spielt Windisch die in Genf bereits existierende Masterausbildung in Kommunikations- und Medienwissenschaften, die in diesem Bereich arbeitenden Professoren und deren internationale Kontakte aus. Das Projekt sehe eine Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten, aber auch der Universität Freiburg und der Fachhochschule Winterthur vor. Tatsächlich sind die Brücke in die deutsche Schweiz und der Praxisbezug der Fachhochschule interessante Ansätze.
Auf der anderen Seite steht das Projekt der Universität Neuenburg, für die der gesamtschweizerisch aktive Koordinator Vincent Kaufmann – er unterrichtet Mediengeschichte an der Uni Sankt Gallen – das Konzept für einen „professional Master“ entwickelt hat. „Unser Projekt ist im Vergleich zu allen bisherigen Ausbildungen des Typs Medienwissenschaften absolut neu und innovativ“, erkärt Vizerektor Daniel Schulthess stolz. Vergleichbar ist nur das eben angelaufene Pilotprojekt der JournalistInnenschule MAZ in Luzern, die sich mit der Hamburg Media School und der Universität Hamburg zusammengetan hat, um einen „Master of Arts in Journalism“ anzubieten. Eckpunkte des Neuenburger Projekts sind laut Vincent Kaufmann die theoretische und praktische Ausbildung von JournalistInnen und Medienkadern, eine Zusammenarbeit mit dem Europäischen Journalismus Observatorium (EJO) von Stephan Russ-Mohl und die Zusammenarbeit mit dem Smit-Institut der Universität Brüssel, das auf neue Informationstechnologien spezialisiert ist.

Die Branche unterstützt Neuenburg
Doch die eigentliche Trumpfkarte des Neuenburger Projekts, das im Herbst 2008 starten soll, ist die enge Zusammenarbeit mit der JournalistInnenschule CRFJ, in deren Stiftungsrat der Verlegerverband Presse Suisse, die SRG und der Berufsverband Impressum sitzen. Der Stiftungsrat des CRFJ hatte mit beiden Interessenten Hearings veranstaltet, bis sich die Schule und damit die Branche schliesslich für die Zusammenarbeit mit Neuenburg entschied. „Das Neuenburger Projekt hatte den grossen Vorteil, dass von Anfang an klar war, dass das Rektorat hinter dem Projekt steht“, erklärt Direktorin Eliane Ballif die Wahl des CRFJ. Für das CRFJ, so kann man von Seiten des Berufsverbands Impressum hören, war die Wahl des Partners Neuenburg gerade darum von Interesse, weil dort das Projekt praktisch von null an aufgebaut wird und damit von den Partnern mitgestaltet werden kann. Zwischen der Universität Neuenburg und dem CRFJ-Stiftungsrat wurde Ende März eine Übereinkunft abgeschlossen, die die Zusammenarbeit der beiden Parteien festschreibt. So anerkennt die Universität die heutige Journalismus-Ausbildung am CRFJ als Bestandteil des akademischen Abschlusses, während sich die Branche verpflichtet, den künftigen StudentInnen die notwendigen Volontariatsplätze in den Redaktionen zur Verfügung zu stellen. Das Projekt soll Ende April an einer Medienkonferenz vorgestellt werden.
Bis Klartext-Redaktionsschluss war hingegen nicht bekannt, ob das Projekt von Uli Windisch die Unterstützung der Genfer Universitätskonferenz erhalten werde. Nachdem das Rektorat die Sache abgesegnet hatte, wurde das Projekt Ende März an einer Sitzung der dem Rektorat übergeordneten Universitätskonferenz „blockiert“, so Mediensprecher Didier Raboud. Was nicht heisse, dass Windisch nicht darauf zurückkommen könne. Windisch selbst ist nicht bereit, sein Projekt aufzugeben: „Wir waren immer bereit, eine solche Ausbildung gemeinsam mit Neuenburg auf die Beine zu stellen. Doch wenn es nicht sein soll, weshalb nicht eine etwas anders geartete, weitere Ausbildungsmöglichkeit anbieten?“ Dem hält Vincent Kaufmann entgegen: Ein „professional Master“ in Journalismus sei unmöglich auf zwei Universitäten aufzuteilen: „Die Ausbildung hat einen stark interdisziplinären Charakter, eine Aufteilung würde Organisation und Entscheidungsvorgänge komplizieren.“
Also zwei verschiedene Master? Wer einen „professional Master“ anbieten wolle, müsse über von der Branche garantierte Volontariatsstellen in den Medien verfügen, sagt Eliane Ballif: „Zweimal die notwendige Anzahl Stellen zu garantieren, ist für die Westschweizer Medien unmöglich.“ Ein Argument, das Windisch mit dem Hinweis vom Tisch wischt, er verfüge bereits heute über Volontariatsplätze für seine StudentInnen.
Von einer Lösung des Konflikts ist man also meilenweit entfernt – es sei denn, die Schweizerische Universitätskonferenz winke mit dem Zaunpfahl, sprich Geldbeutel, und fordere so eine Zusammenarbeit. Doch was sind die eigentlichen Hintergründe dieser universitären Wirren? Geht es um Konkurrenz, Ehrgeiz, Macht und Einfluss? Ein Hinweis kommt von einem Genfer Insider: Das Genfer Projekt sei stark auf der Person von Uli Windisch aufgebaut, diesem „Anti-Ziegler“ der Genfer Soziologie, der als ideologisch rechts stehend gelte und dessen Konzeptionen nicht von allen geteilt würden. Aus der Sicht von Windisch sei verständlich, weshalb er am Projekt festhalte: „Bisher bildet Windisch Fachleute in Kommunikation aus, Leute, die Meinungen multiplizieren. Dass er nun auch Journalisten ausbilden will, Leute, die Meinungen bilden, ist verständlich. Es wäre für ihn der Zugriff zum Zentrum der ‚vierten Macht‘.“

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