11. Juli 2007 von Helen Brügger

Lässt die Katze das Mausen?

Der Schweizer Presserat warnt nach einer Beschwerde der Gruppe „Info en danger“ vor der Vermischung von redaktionellen Inhalten und Werbung. Christian Campiche von „Info en danger“ ist skeptisch, dass sich die Lage wesentlich verbessern wird.

„Der Presserat gibt uns auf der ganzen Linie recht“, freut sich Christian Campiche von „Info en danger“. Gestützt auf Beispiele aus den Titeln „Le Matin bleu“, „20 minutes“, „Le Temps“ und „Le Matin“ hatte sich die kritische Journalistengruppe aus der Romandie über die zunehmende Vermischung von Werbung und redaktionellen Inhalten beklagt.
Der Presserat hat sich die Antwort nicht einfach gemacht: Er führte Hearings mit Persönlichkeiten aus Redaktionen, Verlagsleitungen und Marketingabteilungen durch. Sein Schluss: Aufgrund der Werbekrise einerseits, aber auch wegen der steigenden Bedeutung von Marken und Konsumartikeln bei einem jungen Publikum andererseits hätten sich die Beziehungen zwischen den Redaktionen und den Inserenten stark verändert. Inserate müssten immer „origineller“ platziert werden, und der Druck der Wirtschaft, ein Inserat nur dann zu schalten, wenn auch ein entsprechender Artikel veröffentlicht werde, nehme stetig zu. Gewisse Firmen böten direkt an, redaktionelle Artikel zu bezahlen – dem Presserat sind dazu zwei Beispiele aus der Pharmaindustrie bekannt. Eine Fluggesellschaft wollte gar nur unter der Bedingung Inserate schalten, dass die Redaktion Reiseberichte über ihre Destinationen publiziere.
Der Presserat hält daran fest, dass eine klare optische und begriffliche Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung für die Glaubwürdigkeit der Medien unerlässlich sei. Jegliche Bedingungen von Seiten der Inserenten, die sich auf den redaktionellen Teil beziehen, würden gegen die berufsethischen Grundregeln verstossen. Bei gesponserten Medienberichten sei die freie Themenauswahl und -bearbeitung durch die Redaktion zu gewährleisten und der Name des Sponsors transparent zu machen. Bei der Präsentation von Produkten und Marken sei darauf zu achten, dass klar werde, ob es sich um verifizierte Informationen oder um Beteuerungen des Produzenten handle, in welchem Fall die Quelle genannt werden müsse. Der Presserat begrüsst den „Code of Conduct“ – Empfehlungen zum Umgang mit bezahlter Werbung – zwischen der Konferenz der ChefredaktorInnen, den Verlegerverbänden und dem Bund der Schweizer Werbeagenturen (siehe auch Interview mit Dominique von Burg, Seite 38, und KLARTEXT 1/07).

Presserat fragt nicht nach den Ursachen
Christian Campiche sieht in der Presserat-Stellungnahme eine wichtige Unterstützung für JournalistInnen, die in ihrer Arbeit die „Erklärung der Pflichten und Rechte“ beachten wollten. Er bedauert aber, dass die Verantwortung der Verleger für die saubere Trennung zwischen Werbung und Inhalten vom Presserat nicht angesprochen werde. Von da her sei die Stellungnahme reines Konstatieren eines Sachverhalts. Campiche hätte gerne auch etwas über die Ursachen der Verstösse gelesen, so unter anderem über die wachsende Einmischung der Verleger in das Leben der Redaktionen und über den Wechsel im Status der ChefredaktorInnen, die nicht mehr die Redaktion gegenüber dem Verleger vertreten würden, sondern den Verlegerstandpunkt gegenüber der Redaktion durchzusetzen hätten. Was den „Code of Conduct“ betrifft, gibt Campiche zu bedenken, dass die meisten ChefredaktorInnen, die er auf die Vereinbarung angesprochen habe, noch nicht mal von deren Existenz wüssten. Die Gruppe „Info en danger“ werde demnächst darüber beraten, wie man die Empfehlungen des Presserats und den „Code of Conduct“ durchsetzen könne.

Praktiken, die der Presserat beanstandete oder problematisch fand:

• die Platzierung von Inseraten im redaktionellen Text
• Werbung oder Publireportagen in der redaktionellen Typografie
• die optische Verknüpfung eines Inserats mit dem redaktionellen Bericht
• die Schaltung eines Inserats unter der Bedingung, dass ein redaktioneller Bericht erscheint
• die Bezahlung eines journalistischen Berichts durch eine Firma
• die Nennung von Marken, Produkten oder Veranstaltungen als wichtige Bestandteile des redaktionellen Inhalts
• die Präsentierung von Produkten ohne journalistische Verifizierung der Qualitäten oder ohne Angabe, dass es sich um Zitate aus einem PR-Text handelt.

11. Juli 2007 von Helen Brügger

„Sanktionen bringen nichts“

Dominique von Burg, 61, ist zum neuen Präsidenten des Schweizer Presserats ernannt
worden. Er wird sein Amt anfangs 2008 antreten.

Klartext: Welche Rolle wollen Sie als Präsident des Schweizer Presserats spielen?
Dominique von Burg: Keine grundsätzlich andere als meine Vorgänger Peter Studer und Roger Blum. Unsere Hauptaktivität wird die Behandlung von Klagen bleiben. Mir schwebt jedoch vor, dem Rat auch eine Beobachterfunktion zu geben. Er könnte die Entwicklungen der Medien, der Medienlandschaft und der Arbeitsbedingungen für das Recherchieren mit kritischen Analysen begleiten und manchmal die Alarmglocke ziehen.
Klartext: Wann würden Sie Sturm läuten?
von Burg: Es gibt eine Tendenz, die Informationsfreiheit durch juristische Massnahmen einzuschränken. Diese Entwicklung finde ich bedenklich. Sie führt dazu, dass das Meinungsspektrum in den Medien immer enger wird. Die Berichterstattung und die öffentliche Debatte werden unbedeutend und fade, weil die Chefredaktionen sich Ärger ersparen wollen.
Klartext: Der Presserat veröffentlicht seine Stellungnahmen immer erst Monate nach einem Vorfall. Sollte er nicht direkt eingreifen, wo etwas falsch läuft?
von Burg: In den meisten Fällen, bei denen eine schnelle Intervention nötig wäre, ist die Sachlage klar. Nehmen wir als Beispiel die Propaganda der SVP, die Muslime hätten in absehbarer Frist die Mehrheit in der Schweiz. Da braucht es keinen Presserat, um festzustellen, dass es nicht den Regeln der Suche nach der Wahrheit entspricht, wenn so etwas veröffentlicht wird. Hier liegt die Verantwortung bei den Chefredaktionen und bei den Verlegern; es ist an ihnen einzugreifen. Ich glaube nicht, dass der Presserat die Chefredaktionen von ihrer Verantwortung befreien soll. Unsere Aufgabe ist, grundsätzliche Überlegungen anzustellen.
Klartext: Der Presserat hat sich bisher nicht mit starken Stellungnahmen profiliert, wenn es um die Kommerzialisierung der Information und um die Vermischung zwischen Information und Werbung ging.
von Burg: Wir haben uns in den letzten Wochen grundsätzlich damit auseinandergesetzt. Anlass war die Klage der Gruppe „Info en danger“, die eine kollektive Klage gegen die zunehmende Kommerzialisierung eingereicht hat. Wir stellen fest, dass auch hier die bereits bestehenden berufsethischen Regeln genügen. Wenn man immer öfter Artikel liest, die nach Werbung oder PR riechen, dann liegt das daran, dass die beruflichen Grundregeln des Journalismus nicht beachtet werden.
Klartext: Was heisst das konkret?
Von Burg: Beispielsweise, dass die Aussage einer Firma nicht als solche dargestellt, sondern als eigener Text ausgegeben wird. Wir erinnern daran, dass das journalistische Handwerk darin besteht, nichts zu schreiben, was man nicht selbst überprüft hat, oder dann klar zu machen, von wem die Aussage stammt. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass sich die Konferenz der ChefredaktorInnen mit dem Verlegerverband und der Werbewirtschaft soeben auf Richtlinien geeinigt haben, die die Trennung zwischen Werbung und Information betreffen.* Das ist ein echter Fortschritt.
Klartext: Viele ChefredaktorInnen lachen nur, wenn sie vom Presserat verurteilt werden. Sollte er nicht Sanktionen ergreifen können?
von Burg: Ich glaube an die erzieherische Funktion einer Stellungnahme. Und dann setze ich auf die Journalistinnen und Journalisten selbst. Sie dürfen und sollen Widerstand leisten, wenn ihr Medium die berufsethischen Regeln verletzt. Mir liegt viel daran, meine Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen, dass der Presserat ihr Verbündeter ist.
Klartext: Sind Sie gegen Sanktionen?
von Burg: Sanktionen bringen nichts. Interessant wäre die Verpflichtung zu einer Publikation der Stellungnahme im betreffenden Medium. Doch es sollte in einer kürzeren und leserlicheren Version geschehen.
Klartext: Bringen Sie als Romand etwas Besonderes ins Präsidium ein?
von Burg: Die Deutschschweizer und vor allem die Zürcher Medienszene ist äussert egozentrisch, sie ignoriert den Rest des Landes. Wenn ein Romand dieses Präsidium übernimmt, schafft das vielleicht ein kleines Gegengewicht.
Klartext: Gibt es eine spezifische Westschweizer „sensibilité“ für berufsethische Probleme?
von Burg: Ich bin nicht sicher. Vielleicht wird bei unseren kleineren Regionalzeitungen der Druck der Gratis- und Boulevardpresse stärker als Gefahr wahrgenommen. Und dementsprechend reagieren wahrscheinlich die Romands stärker, wenn diese Presse gegen berufsethische Regeln verstösst.
Klartext: Sie sind Redaktor bei der „Tribune“, Lohnabhängiger von Edipresse. Gibt das kein Problem in Ihrer neuen Funktion?
von Burg: So, wie der Presserat arbeitet, sehe ich keines. Wenn es einen Fall gibt, der meine Zeitung betrifft, trete ich in den Ausstand. Es gab verschiedentlich Versuche, die Verpflichtung zum Ausstand auszudehnen, so dass etwa ein Angestellter von Edipresse bei jedem Fall, der einen Titel des Verlags betrifft, in den Ausstand treten müsste. Das ist nicht praktizierbar, weil dann nur noch Journalisten aus kleinen Regionalzeitungen Einsitz nehmen könnten. Ausserdem bin ich überzeugt, dass die Verleger an der Existenz des Presserats interessiert sind.
Klartext: Das heisst, Sie sind für die Aufnahme der Verleger?
von Burg: Absolut. Sehen Sie: Wer ein Messer verkauft, hat ein Interesse daran, dass es schneidet. Wer eine Zeitung verkauft, hat ein Interesse daran, dass sie glaubwürdig ist. Wenn eines Tages unsere Information nicht mehr zuverlässiger ist als alles, was aus den PR-Abteilungen kommt oder auf Internet zu haben ist, ist die Zeitung nicht mal mehr das Papier wert, auf dem sie steht. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Verleger grundsätzlich das gleiche Interesse an der Berufsethik haben wie die Journalisten.
Klartext: Dennoch mobilisierten die Westschweizer Verleger gegen die Präambel der „Erklärung der Pflichten und Rechte“, konkret gegen jenen Absatz, der die Verantwortung der JournalistInnen gegenüber der Öffentlichkeit höher stellt als jene gegenüber ihrem Verleger.
von Burg: Ich verteidige diese Präambel. Der Journalist hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Aber das darf uns nicht daran hindern, darüber zu diskutieren, wo die Probleme der Verleger mit der Formulierung liegen.
Klartext: Die Deutschschweizer Verleger ihrerseits stellen das Recht der JournalistInnen auf einen kollektiven Arbeitsvertrag infrage, der in der „Erklärung“ festgehalten ist.
von Burg: Ich bin für kollektive Arbeitsverträge. Sie sind wichtig, damit die Journalisten ihre Arbeit gut machen können. Aber der Zusammenhang zwischen der Qualität der Arbeit und einem Gesamtarbeitsvertrag ist nicht so direkt, als dass man nicht darüber diskutieren könnte.
Klartext: Wenn Sie Ihr Amt anfangs 2008 antreten, müssen Sie vielleicht als erstes den Einsitz der Verleger in den Stiftungsrat managen. Wie stellen Sie sich das vor?
von Burg: Ich muss gestehen, dass ich mir die Frage konkret noch nicht gestellt habe. Es ist auch primär Sache des Stiftungsrats.
Klartext: Wäre es sinnvoll, wenn es als Ergänzung zur „Erklärung der Pflichten und Rechte“ der JournalistInnen auch eine Charta der Pflichten und Rechte der Verleger gäbe?
von Burg: Die „Erklärung“ ist ein staatsbürgerliches Instrument. Wenn die Verleger im Presserat mitmachen, dann stellen sie sich dahinter, sagen, wir sind einverstanden, dass unsere Journalisten nach diesen Regeln arbeiten. Braucht es zusätzlich eine Charta, in der die Verleger ausdrücklich festhalten: Wir verpflichten uns dazu, dass die Journalisten die „Erklärung“ respektieren können? Ich bin nicht Jurist, a priori scheint mir das nicht notwendig zu sein.

* Im „Code of Conduct“ vom Januar 2007 heisst es etwa: „Alle Akteure betonen in ihren Verhaltens- oder Standesregeln uneingeschränkt das Prinzip der vollen Transparenz gegenüber dem Publikum. Für den Medienkonsumenten muss demnach immer klar erkennbar sein, welche Inhalte redaktionell verantwortet und welche kommerziell beeinflusst, also von Dritten bezahlt sind. Werden die Formen in der Absicht vermischt, die Medien-Konsumenten zu täuschen, leidet die Glaubwürdigkeit sowohl der Redaktion, der Verleger als auch der Anzeigenkunden der Gattung Zeitungen und Zeitschriften.“

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Ausgabe: 5 | 2018

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