11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Üben für die multi-mediale Zukunft

Immer mehr Printmedien setzen im Internet auf bewegte Bilder. Ob sich mit den Videos im Web Geld verdienen lässt, weiss aber noch niemand.

Es herrscht wieder einmal Aufbruchstimmung. Im Wochentakt peppt derzeit irgendwo auf der Welt ein Verlag die Webseite seiner Zeitung oder Zeitschrift mit bewegten Bildern auf. Das soll die InternetnutzerInnen dazu bringen, länger auf der Seite zu verweilen. Je länger die Augenpaare auf die Webseite starren, desto attraktiver wird die Pixelfläche für die Platzierung von Werbung. So lautet zumindest die Theorie.
Ob und in welchem Mass sich mit Videos im Web tatsächlich Geld verdienen lässt, weiss heute niemand; nicht einmal die ganz Grossen. Selbst beim Internetgiganten Google, der sich vor einem halben Jahr mit YouTube die Mutter aller Netzvideoplattformen einverleibt hat, reagiert man auf diese Frage mit einer Mischung aus Skepsis und Ratlosigkeit. Es sei einfach noch zu früh, um sagen zu können, woher die Einnahmen kommen, liess sich Google-Chef Eric Schmidt Mitte März in verschiedenen Medien zitieren. Für einen Werbeclip als Vorspann zu den Filmchen sei die Qualität der Beiträge zu dürftig. Die ungewissen Aussichten in finanzieller Hinsicht scheinen aber derzeit niemanden zu hindern, es nicht doch auch mit bewegten Bildern im Netz zu versuchen.

Was die Vorhut tut
Inzwischen ist der Trend auch in der Schweiz angekommen. „20 Minuten“, „Cash daily“, „Jungfrau Zeitung“, „Schweizer Illustrierte“ und „Weltwoche“ haben in den letzten Wochen und Monaten ihre Webseiten zu Multimedia-Plattformen ausgebaut. Weitere werden sicher folgen. Ein Blick auf das existierende Bewegtbildangebot von Schweizer Printmedien zeigt, wie unterschiedlich das Medium Video im Web eingesetzt werden kann. Eine Gemeinsamkeit fällt aber auf: Die „First Movers“ setzen alle auf redaktionelle Inhalte und nicht auf Selbstgedrehtes vom Publikum. Dafür gibt es die grossen und äusserst populären international ausgerichteten Plattformen, wie YouTube, gegen die anzutreten für einen lokalen Anbieter wenig Erfolg verspricht.
• Auf der Webseite von „20 Minuten“ (Tamedia) gibt es mehrheitlich eingekaufte Beiträge der Agentur Reuters zu sehen. Die „20 Minuten“-„Video-News“ können damit keinerlei lokale Stoffe präsentieren. Doch die News sind nicht die einzigen bewegten Bilder auf www.20min.ch. Berichtet die Gratiszeitung über etwas, wozu irgendwo im Internet ein Video verfügbar ist – etwa in Form von Filmvorschauen oder Musikvideos – dann wird nicht nur ein Link auf die betreffende Fundstelle gesetzt, sondern die Filmsequenz gleich in die eigene Webseite eingebaut. Damit verweilen die NutzerInnen auf der Webseite von „20 Minuten“.
• „Cash daily“, die Gratiszeitung aus dem Hause Ringier, gilt für den Zürcher Konzern als Versuchslabor für die multimediale Zukunft. TV versteht man bei „Cash daily“ wörtlich. Täglich produziert die Redaktion des Wirtschaftsblättchens eine sechs- bis achtminütige Sendung, die sich formal stark an herkömmlichen TV-Nachrichtensendungen orientiert: Eine Moderatorin führt durch die Sendung und präsentiert Beiträge. Deren Qualität übertrifft jene der Schweizer Privatsender locker.
• Die „Schweizer Illustrierte“ (Ringier) hat die Neugestaltung ihrer Webseite zum Anlass genommen, ebenfalls auf den rollenden Zug aufzuspringen. Seit Mitte März präsentiert die Zeitschrift kurze Videobeiträge als Ergänzung zu Themen, die auch im Blatt vorkommen.
• Bei Roger Köppels „Weltwoche“ sind erst Ansätze einer Web-TV-Strategie zu erkennen. Zum einen tritt das Blatt als „Textsponsor“ von „digestiv.tv“ auf, einer wöchentlichen Satiresendung im Internet, die sich an Vorbildern wie „Ehrensenf“ (Anagramm von „Fernsehen“) und „Rocketboom“ orientiert, deren Qualität, Witz und Biss aber um Längen verfehlt. Zum anderen hat die „Weltwoche“ ein Interview, das Roger Schawinski mit Christoph Blocher geführt hat, integral als Video auf der Webseite bereitgestellt. Bis Redaktionsschluss ist es allerdings bei dieser einmaligen Aktion geblieben.
• Unter der Bezeichnung Mikro-TV versucht sich auch der Kleinverleger Urs Gossweiler aus Brienz im Berner Oberland am neuen Multimediamix. Gossweilers „Jungfrau Zeitung“ schickt ihre JournalistInnen nicht länger nur mit Notizblock und Stift, sondern auch mit Kamera ausgerüstet auf Reportage. Man sieht es den meisten Beiträgen denn auch an, dass sie als Nebenprodukt entstanden sind. Doch das stört nicht weiter, weil Mikro-TV als multimediale Ergänzung zu den Texten und nicht als eigenständiges Format eingesetzt wird.

Weitgehend werbefrei
Die erwähnten Web-TV-Angebote sind weitgehend werbefrei. Klassische Werbespots gibt es keine zu sehen. Die einzige direkt an die Videosequenzen gekoppelte Einnahmequelle ist Sponsoring. Mit Ausnahme von „Weltwoche“ und „20 Minuten“ lassen alle Verlage auf diese Weise ihr Web-TV mitfinanzieren. Im Vor- oder Abspann der Beiträge findet der Sponsor jeweils kurz Erwähnung. Ein Transfer von Werbegeldern vom TV ins Netz findet also (noch?) nicht statt. Das klassische Fernsehen bleibt unter den elektronischen Medien, gemessen an den generierten Einnahmen, weiterhin der Platzhirsch. Online fristet im Vergleich dazu ein Mauerblümchendasein. Ob Kurzvideos der entscheidende Hebel sind, um an diesen Verhältnissen etwas zu ändern, weiss heute niemand; die Verlage hoffen es jedoch. Doch sie sind nicht alleine. TV-Veranstalter und Internetunternehmen drängen ebenso mit bewegten Bildern ins Netz. Ihr Vorteil: Sie bürgen mit bekannten Marken für Kompetenz auf diesem Feld, während sich Printhäuser erst einen Namen schaffen und beweisen müssen, dass sie mit dem neuen Medium umzugehen wissen.

11. Juli 2007 von GastautorIn

Billiglohn-Zonen

Die Deutschschweizer Privatsender zahlen sehr tiefe Löhne, PraktikantInnen müssen gar mit einem Hungerlohn auskommen. Das Bakom verlangt nun Mindeststandards, sonst droht den Sendern das Einfrieren der Gelder aus dem Gebührensplitting oder gar der Entzug ihrer Konzession. Von Cyrill Pinto.*

Das Prekariat ist in den Schweizer Redaktionsstuben angekommen. Zumindest in den Studios der privaten TV- und Radiostationen der Deutschschweiz. Eine Studie des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) hält unmissverständlich fest: „Ein grosser Teil der Journalistinnen und Journalisten im privaten Rundfunk beziehen für ihre journalistische Tätigkeit nur einen minimalen oder in 11 Prozent der Fälle überhaupt keinen Lohn.“ Lediglich 15 Prozent aller Befragten beziehen ein Bruttomonatseinkommen von über 6000 Franken. Besonders dramatisch: Im Radiobereich der Deutschschweiz liegt das Durchschnittseinkommen bei 3300 Franken.
Was die Studie nicht untersuchte, waren die Einkommen der Stagiaires auf den Radioredaktionen. Diese bewegen sich zwischen null und knapp 2000 Franken. Besonders krass: Radio Energy mit Jürg Bachmann an der Spitze, der zugleich dem Verband Schweizer Privatradios VSP vorsteht, bezahlt seinen PraktikantInnen einen Hungerlohn von 500 Franken pro Monat – gemäss Stellenausschreibung auf der Energy-Homepage. Auch Radiostationen in der Peripherie sind von branchenüblichen Löhnen weit entfernt: Radio Rottu Oberwallis RRO, mit dem Programmleiter Matthias Bärenfaller ebenfalls im Vorstand des VSP vertreten, bezahlt während des zweijährigen Praktikums im ersten Semester einen Bruttomonatslohn von 1000 Franken und lässt ihn dann im Halbjahrestakt um je 500 Franken auf 2500 Franken ansteigen – das ist immerhin mehr, als die RadiokollegInnen in Zürich verdienen. Fazit: Sowohl bei den Löhnen für fest angestellte JournalistInnen als auch bei den Praktikumslöhnen unterschreiten die Privatsender die von der Mediengewerkschaft Comedia empfohlenen Mindestlöhne bei weitem.

„Diese Löhne sind ein Skandal“
Claude Défago, Direktor von Radio Chablais und zugleich Präsident der Union der Westschweizer Regionalradios RRR, ist einer der letzten Journalisten auf dem Chefsessel eines Privatradios. Er sagt klipp und klar: „Diese Löhne sind ein Skandal.“ Bei den privaten Radio- und Fernsehstationen der Westschweiz hingegen hält man sich an den dort gültigen Gesamtarbeitsvertrag GAV. Für die Stagiaires bei Radio Chablais heisst dies: 3600 Franken in den ersten drei Monaten des Praktikumsvertrages, danach 3950 Franken, und im zweiten Jahr der Ausbildung wird den Auszubildenden 4500 Franken bezahlt. Für einen Skandal hält Défago vor allem, dass Radio Chablais – im Gegensatz zu Radio Rottu – branchenübliche Löhne bezahlt, obwohl Radio Rottu sehr viel mehr Gelder aus dem Gebührensplitting erhält, im Jahr 2007 fast doppelt so viel wie Radio Chablais.
Darüber hinaus halten sich die Westschweizer Radios beim Verhältnis zu den fest angestellten JournalistInnen mit Berufsregistereintrag an eine für die Qualität verkraftbare Zahl an Stagiaires: Eigentlich sollte auf fünf fest angestellte JournalistInnen bloss ein Praktikumsplatz vergeben werden. Bei Radio Chablais ist das Verhältnis eins zu vier. Anders sieht es in der Deutschschweiz aus: Vereinzelt, so ein Ergebnis der Bakom-Studie, gibt es dort Redaktionen, in der über die Hälfte der Programm-Vollzeitstellen mit „billigen“ PraktikantInnen besetzt sind.
Für die Westschweizer Radiobosse, die sich grösstenteils an den geltenden GAV halten, sind die Vorgaben, die das Bakom jetzt verlangt, nichts Neues. „Wir haben nichts zu befürchten“, meint Défago mit Blick auf die bevorstehende Neukonzessionierung im Sommer. Die Teppichetage der Deutschschweiz muss im Gegensatz dazu bis im Sommer über die Bücher.

Schlechte Qualität
Neben den prekären Arbeitsbedingungen bei den privaten Radio- und TV-Stationen brachte eine zweite Bakom-Studie zum Qualitätsmanagement weitere Unzulänglichkeiten ans Tageslicht. Was aufmerksame RadiohörerInnen schon lange vermuteten, bestätigt das Bakom in seiner Studie nun schwarz auf weiss: Es bestehen erhebliche qualitative Mängel im Programm der privaten Sender. Als die Bakom-Verantwortlichen die Studie den Programmleitern Ende März präsentierten, erwarteten sie grossen Widerspruch. Aber weit gefehlt: Die Kritik hat die Dudelfunk-Chefetagen ganz einfach kaltgelassen. Ein Bakom-Insider: „Offenbar gehts denen nur ums Geld.“ Die nicht vorhandene Sensibilität gegenüber dem Vorwurf der minderen Qualität der Sender erklärt man sich beim Bakom mit dem Werdegang der tonangebenden Radioprogrammgestalter. Die meisten Programmleiter der privaten Sender in der Deutschschweiz haben keine journalistische Ausbildung.

Opposition gegen Mindestlöhne
Gestützt auf die Resultate der beiden Studien will das Bakom nun das neue Radio- und Fernsehgesetz umsetzen. Die neuen Konzessionen werden voraussichtlich im Sommer ausgeschrieben. Darin sollen dann zum Beispiel Mindeststandards im Bereich des Servic public régional, der Qualität, der journalistischen Weiterbildung sowie bezüglich der Löhne festgelegt werden. „In Bezug auf die Forderung nach Mindestlöhnen opponiert vor allem der Deutschschweizer Verband der Privaten“, sagt Bakom-Sprecherin Bettina Nyffeler. Bis zur Ausschreibung werden im Bakom Varianten geprüft, wie die Arbeitsbedingungen konkret geregelt werden könnten. Ob dies aufgrund der Mindestlöhne der Mediengewerkschaft oder aufgrund einer Branchenlösung geschehen wird, ist noch offen. Bei dereinst konzessionierten Sendern hat das Bakom die Möglichkeit einer Sanktionierung über die Zahlungen aus dem Gebührensplitting. Im äussersten Fall kann das Bakom die Konzessionierung verweigern oder diese wieder zurückziehen, so steht es im Gesetz.
Noch sträuben sich die Deutschschweizer Radiobosse, allen voran Verbandspräsident Jürg Bachmann, gegen die Bakom-Vorgaben: „Mindestlöhne kommen für uns nicht infrage.“ Ein Praktikum sei mit einer Berufslehre vergleichbar. „Wenn jemand eine handwerkliche Ausbildung macht, erhält er ja auch nicht mehr“, meint der Verbandspräsident zu den Tiefstlöhnen der PraktikantInnen. Mit seiner Weigerung, Bedingungen im Zusammenhang mit der Konzessionierung zu akzeptieren, steht der VSP übrigens allein da. Die Westschweizer Radios sind dafür, und auch der Verband der privaten TV-Stationen Telesuisse akzeptiert dem Vernehmen nach das Konzept der künftigen Leistungsaufträge.
Die beiden vom Bakom in Auftrag gegebenen Studien will Jürg Bachmann generell nicht akzeptieren: „Wir haben grosse Vorbehalte.“ Die Löhne, die bei den Privatradios bezahlt würden, seien seines Erachtens „vertretbar“. Man werde dies auch so gegenüber dem Bakom kommunizieren. Wenn jemand die Ausbildung bei Energy durchlaufen hat, erhält er laut Bachmann „zwischen 4000 und 5000 Franken“ als fest angestellter Journalist. Auch dieser Lohn bewegt sich damit weit unter dem branchenüblichen Lohn von 5700 Franken für ausgebildete Medienschaffende.

In der Deutschschweiz fehlt der GAV
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Mediengewerkschaft Comedia veröffentlichten bereits im Januar eine Umfrage zu den Löhnen in der Medienbranche. Dieser zufolge liegt der Medianlohn in der Medienbranche schweizweit bei 7200 Franken und damit weit über dem Medianlohn beim privaten Rundfunk in der Schweiz (5200 Franken).
Stephanie Vonarburg, bei Comedia zuständig für den Sektor Presse und elektronische Medien, kann die Unterschiede des Qualitätsbewusstseins zwischen Romandie und Deutschschweiz erklären: „Die Westschweizer Radiolandschaft ist von grossen Verlagshäusern geprägt. Da diese in der Romandie an einen gültigen GAV gebunden sind, sind dort auch die Löhne höher.“ Und die Argumentation von VSP-Präsident Bachmann lässt sie so nicht stehen. „An junge Leute, die in den Journalismus einsteigen, stellt man ja wohl höhere Ansprüche als an einen Lehrling mit obligatorischer Schulbildung in der Tasche.“

* Cyrill Pinto arbeitet als Redaktor für die neue linke Wochenzeitung „Antidot“.

Zwei Bakom-Studien

cp./ Das Bakom gab Ende 2006 zwei medienwissenschaftliche Studien in Auftrag. Ziel dieser Studien: Das Bakom will im Hinblick auf die Neukonzessionierungen der privaten Radio- und TV-Stationen im Sommer 2007 die Leistungsaufträge formulieren und Mindeststandards im Bereich des Servic public régional, der Qualität, der journalistischen Weiterbildung sowie bezüglich der Löhne festlegen. Untersucht wurden einerseits die Arbeitsbedingungen und die Grundlagen wie Alter, Bildung und Anzahl der angestellten JournalistInnen. Anderseits wurde aber auch die Qualität der Sender unter die Lupe genommen. Resultat: Wollen die Privatradios in der Deutschschweiz ihre Konzession weiterhin behalten, müssen sie grosse Korrekturen bei den Inhalten und den Anstellungsverhältnissen vornehmen. Am 22. März stellte das Bakom die zwei Studien online. Die Arbeitsbedingungen-Studie verfasste das Institut für Publizistik und Medienforschung der Uni Zürich unter der Leitung von Heinz Bonfadelli, der Forschungsbericht zur Qualitätssicherung entstand an der Zürcher Hochschule Winterthur unter der Leitung von Vinzenz Wyss.

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