11. Juni 2008 von Klartext

2/2008 · „Redaktionen im Fussballfieber“

Mit grossem Interesse habe ich die neue Ausgabe des „Klartext“ gelesen. 14 Seiten Euro 08 ist eine ganz beachtliche Leistung. Doch etwas hat mich schon enttäuscht. Die Agenturen kommen wieder einmal gar nicht vor.

Es ist ja spannend zu erfahren, wie sich die Regionaljournale auf das Vorhaben vorbereiten. Auch die „Basellandschaftliche“ und „Le Courrier“ kommen zu Wort, neben den „Grossen“ Edipresse, Tamedia, NZZ etc. Doch was ein solcher Anlass für eine der grössten Sportredaktionen, die Sportinformation Si AG in Zürich und Genf, bedeutet, wird nicht thematisiert. Auch die SDA, die in allen diesen Städten Regionalredaktionen unterhält und deren Redaktion im Vorfeld bereits sehr viel hintergründiges und aktuelles Material zur Euro geliefert hat, wird einmal mehr nicht erwähnt. Denn gerade die Agenturen, die überall vertreten sind, müssen sehr genau planen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Natürlich gibt es denn auch in unserer Inlandredaktion einen Ferienstopp während der Euro und wir haben präzise Dispositive erarbeitet. Der Einsatz eines Mister Euro ist für uns selbstverständlich. Dass wir ausserdem eine intensive Zusammenarbeit mit der APA, der österreichischen Nachrichtenagentur, pflegen, sei nur am Rande erwähnt. Und das alles, ohne dass wir mit Werbung den Mehraufwand finanzieren können oder ein bevorzugter Partner der UEFA sind.
O.K., dass die Allgemeinheit sich nicht darum kümmert, woher die meisten Meldungen auch zu einem Thema wie der Euro letztlich kommen, ist ja verständlich. Dass sich aber „Das Schweizer Medienmagazin“ nicht einmal die Mühe nimmt, bei einem solchen Thema die Agenturen zu befragen, zeugt für mich von einer etwas gar komischen Wahrnehmung der Medienrealität in diesem Land. Ihr solltet wissen, dass am Anfang sehr vieler Artikel und Radiobeiträge eine Agenturmeldung steht.
Bernard Maissen,
Chefredaktor/Direktor SDA AG

2/2008 · Interview mit Benedikt Weibel
„Der Profi-Verkäufer: Wie Benedikt Weibel den Medien die Euro schmackhaft macht“ – „den Medien“: Leuten wie du und ich. Den Bergführer und Hobby-Logistiker (SBB Cargo – Ein Fall für Zwei) der „Klartext“-Leserschaft als Profi-Verkäufer zu präsentieren, war ein zu hastiger Griff in den Setzkasten. Statt einem dreifach stirnrunzelnden Spitzenbeamten den Job eines billigen Jakob anzuhängen und ihn auf den Jahrmarkt der Meinungsfabrikanten zu schicken, um dort Gratisfutter an Schreibmüde zu verteilen, die im Euphorieauslösen schlappmachen, hätte man sich an den umwerfenden Charme unserer Aussenministerin erinnern können, die lächelnd eine rezessionsgefährdete Grossmacht zur Weissglut brachte wegen eines Gashandels.
„Die Euro schmackhaft machen“: was für ein lustiges Handwerk! Und das mit der Ernsthaftigkeit eines pensionierten Magiers der Schiene, den keine Schuld trifft, nicht treffen kann, weil in diesem Lande Scheitern tabu ist. Sündhaft fast. Die UEFA EURO 2008 müsste wie Paninibildchen über den Ladentisch gehen, wo sich keiner schämt, in die Konsumfalle zu gehen. Vorfreude anzustacheln ist ein heikel Ding. Der Kunstdünger für landesweite Aufregung ist beschränkt produzierbar. Der Boden widerborstig. Auch Gutmenschen sind oft unberechenbar. Die UEFA EURO 2008 ist eine Katze im Sack. Sie zu verkaufen braucht nebst Sinn für Humor noch eine grosse Portion Selbstverachtung.
Erwin A. Sautter-Hewitt, Zumikon

11. Juni 2008 von Helen Brügger

Erster Angriff abgewehrt

Der Hedge-Fonds Laxey ist mit seinen Forderungen bei Publigroupe vorerst abgeblitzt. Doch wie geht es weiter? Insider trauen Laxey „so ziemlich alles“ zu.

Die Aktionärsversammlung von Publigroupe war mit Spannung erwartet worden. Der Hedge-Fonds Laxey Partners, mit 4,79 Prozent der Aktien einer der zehn grössten Aktionäre der Lausanner Werbevermarkterin, hatte eine Aufhebung der statutarischen Eintragungs- und Stimmrechtsbeschränkungen verlangt. Wer bei Publigroupe als Aktionär einsteigen will, braucht Geduld. Er muss sich die ersten drei Jahre mit weniger als fünf Prozent der Stimmrechte begnügen, nach sechs Jahren kann er seine Beteiligung auf zehn Prozent aufstocken. Für einen Hedge-Fonds wie Laxey sind drei Jahre eine zu lange Zeit.
Analysten befürchteten das Schlimmste, falls es Laxey gelingen würde, seinen Einfluss auf die führende Schweizer Werbevermittlerin auszuweiten: Man rechnete mit einem Verkauf der Publigroupe-Beteiligungen an Schweizer Medienunternehmen oder gar mit dem Verkauf des Unternehmens, etwa an den deutschen Riesen Bertelsmann. All dies hätte unabsehbare Folgen für die schweizerische Medienlandschaft. Doch die Forderung nach Aufhebung der Beschränkung blieb ohne Erfolg: Eine deutliche Mehrheit der Aktionäre schickte das Laxey-Vorhaben bachab und stimmte den Anträgen des Verwaltungsrats zu.
Für dieses Ergebnis mitverantwortlich war die Stiftung Ethos für nachhaltige Entwicklung in der Wirtschaft. Ethos gab eine Empfehlung an die Publigroupe-Aktionäre ab, in der sie sich gegen die Laxey-Anträge aussprach. „Im Prinzip sind wir gegen Eintragungs- und Stimmrechtsbeschränkungen“, sagt Ethos-Direktor Dominique Biedermann. „Aber wenn die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens gefährdet sein könnte, sprechen wir uns gegen die Aufhebung solcher Barrieren aus.“ Laxey sei ein kurzfristig orientierter Aktionär, dem es um möglichst grosse Rendite in möglichst kurzer Zeit gehe. „Wenn Laxey die Macht übernehmen könnte, würde das Unternehmen destabilisiert.“ Und da Publigroupe für mehr als nur die Interessen ihrer Aktionäre verantwortlich sei, sei es richtig, wenn sie versuche, die Interessen aller Stakeholder, das heisst aller von ihr abhängigen Partner, zu wahren.

Langfristige Aktionäre sind willkommen
Bei Publigroupe herrscht Erleichterung über den Ausgang der Versammlung. Man komme seit Wochen endlich wieder dazu, sich um die Unternehmensentwicklung zu kümmern, weiss ein gut informierter Insider. Verwaltungsratspräsident Philippe Pidoux kommentiert: „Es gibt Aktionäre mit kurzfristigen und solche mit langfristigen Strategien. Langfristig orientierte Aktionäre sind bei uns willkommen.“ Die Stimmrechtsbeschränkung garantiere die Unabhängigkeit des Unternehmens, und diese sei entscheidend für die zuverlässige Umsetzung der Unternehmensstrategie und damit das Vertrauen der Kunden. Auf die Frage, welche Strategieänderungen Laxey fordere, will Pidoux nicht eintreten. Immerhin weist er darauf hin, dass Differenzen mit dem unbequemen Aktionär bestehen: „Wer eine kurzfristige Strategie verfolgt, der tritt in ein Unternehmen ein, fordert Entlassungen und den Verkauf von Unternehmensteilen.“

„Schutzdispositiv funktioniert“
Doch wie geht es weiter? Wann muss Publigroupe mit dem nächsten Laxey-Angriff rechnen? Der Jurist Pidoux beantwortet die Fragen gekonnt vieldeutig: „Bis jetzt hat unser Schutzdispositiv funktioniert.“ Und zur Frage, ob sich Publigroupe nach den jüngsten Erfahrungen auch schon, wie Uhrenpionier Nicolas Hayek mit seiner Swatch Group, den Rückzug von der Börse überlegt habe, um vor unheimlichen Aktionären wie Laxey sicher zu sein, sagt Pidoux: „Die Börse ist da, damit ein Unternehmen das Kapital erhält, das ihm eine langfristige Entwicklung erlaubt. Wenn jemand die Börse dazu benützt, um ein Unternehmen kaputt zu machen, bedeutet das einen Missbrauch der Börse.“
Damit ist die Frage, was Laxey bei Publigroupe will, noch immer nicht beantwortet. Der Investment-Chef des britischen Hedge-Fonds, der Schweizer Roger Bühler, wolle gegenüber KLARTEXT nicht Stellung nehmen, liessen seine Kommunikationsberater von Contract Media ausrichten. Das Unternehmen von Sacha Wigdorovits platzierte Bühlers Aussagen bei der „NZZ am Sonntag“, zu der Contract Media traditionell einen guten Draht hat. Dort gab sich Bühler äusserst mild: „Wir sind keine Händler, die auf schnelle Gewinne aus sind, sondern haben immer einen mehrjährigen Investitionshorizont. Der Dialog mit dem Verwaltungsrat der Publigroupe verläuft positiv, und man hat uns eingeladen, unsere Überlegungen vorzutragen.“

Finanzinvestoren im Mediengeschäft: Doch nicht so böse?

nil./ Im Mediengeschäft haben sich in den vergangenen Jahren Veränderungen bei den Eigentümerstrukturen der Unternehmen bemerkbar gemacht. Wie zuvor schon in anderen Branchen zeigen auch hier vermehrt Finanzinvestoren ihr Interesse an Beteiligungen. Nun gibt es Finanzinvestoren und Finanzinvestoren: einmal jene mit kurzfristigen Perspektiven, meist sogenannte Hedge-Fonds. Sie werden nicht zu Unrecht als Heuschrecken bezeichnet. Wie die gefrässigen Insekten fallen sie über ein Unternehmen her, einzig mit der Absicht, ihre Anteile möglichst schnell gewinnbringend wieder zu veräussern. Andere Finanzinvestoren, obwohl auch branchenfremd, planen längerfristig und denken strategisch. Wo bestehen Risiken für Medienunternehmen, wenn sie von Finanzinvestoren übernommen werden? Diese Frage liessen sich die deutschen Landesmedienanstalten von der Forschung beantworten. Am Gutachten mitgearbeitet hat auch das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Die Ergebnisse der Studie sind doch einigermassen überraschend. In den drei untersuchten Unternehmen in Deutschland (die TV-Konzerne ProSiebenSat.1 und Premiere sowie der Kabelnetzbetreiber KDG) hätten die Finanzinvestoren „in keinem Fall einseitig auf rein kurzfristig orientierte Kostensenkungsmassnahmen gesetzt“. Beispiele aus weiteren Ländern überraschen auch anderweitig: Auf die redaktionelle Arbeit der Medien haben Finanzinvestoren selten bis nie Einfluss genommen. Für problematisch halten die AutorInnen des Gutachtens hingegen die finanzielle Beteiligung der Redaktionskader am Unternehmen. Damit könnten redaktionelle Entscheidungen durch nicht-publizistische Interessen beeinflusst werden.

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