14. August 2008 von Helen Brügger

Probleme ungelöst

Die Krise bei RSR ist nicht ausgestanden. Der Informatiker, der kinderpornografische Bilder bei einem RSR-Kader entdeckt hatte, will gegen seinen Arbeitgeber klagen. Ein Untersuchungsbericht geht mit der Führung hart ins Gericht und erwartet Besserung.

Das Westschweizer Radio hat schwierige Zeiten hinter – und wohl auch noch vor – sich. Die Entdeckung von kinderpornografischen Bildern auf dem Computer eines Kaderangestellten und die Entlassung des Informatikers, der die Fotos entdeckt hatte, sind nur die Spitze des Eisbergs. Darunter geht es um Managementfehler, Einwegkommunikation und zerrüttete Arbeitsbeziehungen.
Das Schweizer Syndikat Medienschaffender SSM hat es von Anfang an gesagt: Die Krise habe sich nur vor dem Hintergrund anderer Missstände derart auswachsen können. Für SSM-Sekretärin Valérie Perrin liegt der Grund beim „System Tschopp“, dieser „explosiven Mischung von paternalistischen Führungsmethoden und privatwirtschaftlichem Management“ des Radiodirektors (vgl. Klartext 2/08).
Dass die Krise um die Pornofotos nur der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, scheint nun auch die Ansicht der Verantwortlichen von Radio Télévision Suisse Romande (RTSR) und SRG zu sein. In einer Stellungnahme vom 8. Juli sprechen sie Radiodirektor Tschopp wegen der Qualität seiner Programme das Vertrauen aus, verpflichten ihn aber, bis Ende Oktober Reformvorschläge auf den Tisch zu legen.

Direktor muss über die Bücher
Bis es aber so weit war, brauchte es die Streikdrohung der Gewerkschaft SSM Ende Mai. Es brauchte 2000 Unterschriften, die die Wiedereinstellung des entlassenen Informatikers Jorge Resende fordern. Es brauchte die Einsetzung eines externen Vermittlers in der Person des ehemaligen Waadtländer Richters Jacques Reymond, der Anfang Juli einen detaillierten Bericht über die Krise vorlegte. Es brauchte vor allem auch einen über 30-tägigen Hungerstreik von Jorge Resende vor den Toren des Radiogebäudes und das Eingreifen von RTSR-Verwaltungsratspräsident Jean-François Roth und SRG-Generaldirektor Armin Walpen.
Der Bericht von Jacques Reymond geht nicht zimperlich mit Gérard Tschopp um. Der Radiodirektor habe die Affäre „wie ein Familiengeheimnis“ behandeln wollen, er habe selbstherrlich Entscheide getroffen, die Direktionsmitglieder zu wenig einbezogen, die emotionale Bedeutung des Themas Pädophilie unterschätzt und gravierende Kommunikationsfehler gemacht. Gestützt wird allerdings die Entlassung Resendes. Sie sei richtig gewesen, nicht weil Resende seine Vorgesetzten über die Fotos auf dem Computer eines Kaderangestellten informiert, sondern weil er seine berufliche Schweigepflicht gegenüber der Öffentlichkeit verletzt habe. Der Bericht empfiehlt, im Interesse der Gleichbehandlung und zur Wiederherstellung eines ruhigen Betriebsklimas auch das Kadermitglied zu entlassen.
Die SRG-Spitzen sind den Empfehlungen Reymonds in allen Punkten gefolgt und haben Gérard Tschopp auf rasche und messbare Verbesserungen verpflichtet. Der RSR-Direktor müsse die Führungsprozesse und die Zusammensetzung der Direktionskonferenz überprüfen. Die auf dem Höhepunkt der Krise eingesetzte „Wiederaufbaukommission“ müsse Vorschläge machen, wie eine „verantwortungs- und respektvolle Sozialpartnerschaft“ sowie das „Vertrauensklima in den Arbeitsverhältnissen“ wiederhergestellt werden könnten.
Das SSM ist nicht sehr glücklich über den Bericht. Zwar beleuchte er das schlechte Management bei RSR, auf das die Gewerkschaft schon lange aufmerksam mache. Aber er bringe keine Lösung für den Konflikt zwischen Jorge Resende und RSR. Ausserdem müsse nun eine zweite Person, das entlassene Kadermitglied, für die Managementfehler der Direktion den Kopf hinhalten. Skeptisch äussert sich die Gewerkschaft auch zu den Empfehlungen des Verwaltungsrats, mit denen Kommunikationsfehler der Radiodirektion behoben werden sollen: „Was wir brauchen, ist nicht mehr Kommunikation, sondern mehr Dialog“, sagt ein Vorstandsmitglied der Gewerkschaft. Etwas optimistischer äussert sich das SSM zur paritätisch zusammengesetzten „Wiederaufbaukommission“. Sie sei auf Druck der Gewerkschaft zustande gekommen und müsse es schaffen, „die Kritik von unten nach oben weiterzuleiten“, falls ihre Einsetzung nicht zur Alibiübung verkommen solle.

Vorwurf: missbräuchliche Kündigung
Jorge Resende selbst brach nach Vorliegen des Berichts ein 50-tägiges Sit-in vor dem Radiogebäude und einen über 30 Tage dauernden Hungerstreik ab. Gleichzeitig wies er aber auch ein Angebot von RSR zurück, die Entlassung in eine Trennung im gegenseitigen Einvernehmen umzuwandeln. Resende will im Gegenteil eine Klage wegen missbräuchlicher Kündigung und eine zweite wegen den seiner Ansicht nach im Bericht enthaltenen Ehrverletzungen einreichen. Der tief verletzte Resende, dem infolge einer Klage von RSR gar ein Rayonverbot in der Umgebung des Radiogebäudes auferlegt worden ist, will weiterkämpfen, wenn nötig bis vor dem Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg. ≠

14. August 2008 von Helen Brügger

„Ich habe sicher Fehler gemacht“

RSR-Direktor Gérard Tschopp steht unter Druck. Eine Untersuchung zur „Kinderporno-Affäre“ hat gravierende Führungsmängel beim Westschweizer Radio diagnostiziert. Nun muss Tschopp Reformvorschläge präsentieren.

Klartext: Sind Sie erleichtert, dass der Informatiker Jorge Resende den Hungerstreik aufgegeben hat?
GéRARD TSCHOPP: Ich habe den grössten Respekt für Jorge Resende. Ich bin froh für ihn, dass er auf das extreme Mittel verzichtet. Er will nun gegen RSR klagen und begibt sich damit auf Wege, die eher unserem Verständnis von Konfliktlösung entsprechen.
Klartext: Sie hätten es in der Hand gehabt, die Entlassung von Resende rückgängig zu machen, die Affäre um die kinderpornografischen Fotos zu entschärfen, den Hungerstreik zu vermeiden und dem Personal einen konkreten Hinweis darauf zu geben, dass Sie die Kritik an den Führungsmethoden bei RSR ernst nehmen.
TSCHOPP: Im Nachhinein kann man leicht sagen, etwas sei falsch gewesen. Diese Geschichte geriet ins Trudeln wie ein ausser Kontrolle geratenes Flugzeug. Wir sind alle in diesen Mahlstrom hineingezogen worden. Ich habe immer gesagt, dass die Wiedereinstellung von Resende nur vom unabhängigen Vermittler verlangt werden kann. Ich muss gestehen, dass ich nicht sehr glücklich gewesen bin, als ich den Bericht zur Kenntnis nehmen musste. Er geht sehr hart ins Gericht mit Resende. Er geht allerdings auch hart mit mir ins Gericht. In diesem Sinn kann man sagen, es sei ein unabhängiger Bericht.
Klartext: Der Verwaltungsrat von Radio Télévision Suisse Romande verlangt von Ihnen, dass Sie bis im Oktober Management- und Kommunikationsfehler korrigieren und ein besseres Sozialklima schaffen.
TSCHOPP: Wir haben uns bereits an die Arbeit gemacht. Es ist wahr, dass der Dialog von oben nach unten und von unten nach oben ungenügend ist. Die Radiomitarbeiter sind unsere einzige Ressource, es geht nicht nur darum, mit ihnen in den Dialog zu treten, sondern auch, sie am Gespräch und an den Entscheiden zu beteiligen. Ich habe als Person sicher Fehler gemacht, aber es geht um mehr, es geht um eine ganze Unternehmenskultur, die wir neu diskutieren müssen.
Klartext: Sie wirken im Gespräch nicht wie ein autoritärer Chef. Weshalb wirft man Ihnen mangelnden Dialog vor?
TSCHOPP: Ich bin ein Mann mit Überzeugungen und in einer grossen Familie aufgewachsen, da lernt man, sich mit Argumenten zu behaupten. Das kann je nach Situation für andere hemmend wirken. Aber ich denke, dass das Problem allgemeiner ist: Wir haben die Auswirkungen des gesellschaftlichen Klimas auf unser Unternehmen unterschätzt.
Klartext: Was meinen Sie damit?
TSCHOPP: Die SRG hat gesagt: Ihr müsst zum Unternehmen werden, ihr müsst effizient sein, ihr müsst euer Unternehmen führen wie private Manager. Das sind zunächst nur Worte, doch mit der Zeit schleichen sie sich in das Verhalten ein … Die SRG-Medien sind historisch immer etwas anderes gewesen als ein privates Unternehmen, und sie werden nicht über Nacht dazu. Man setzt uns unter Druck, was die Kosten betrifft, man überwacht uns, was die Resultate betrifft, man macht uns aus dem Subjekt unserer Geschichte zum Objekt. Das erzeugt Spannungen, grosse Spannungen. Ich bin nicht gegen die Forderung nach effizienter Verwaltung, aber wir sind nun mal keine Aktiengesellschaft.
Klartext: Sogar in einer AG kann der soziale Dialog funktionieren, doch bei RSR funktioniert er offenbar schlecht.
TSCHOPP: So erstaunlich es klingen mag: Ich bin überzeugt, dass unsere Beziehungen zur Gewerkschaft, ganz allgemein zum Personal, in den letzten Wochen besser geworden sind. Die Krise hat das Bedürfnis geweckt, die Probleme auf den Tisch zu legen. Sie hat das Bedürfnis nach Dialog unter Respektierung der verschiedenen Meinungen geweckt. Sie hat die freie Debatte ermöglicht. Ich bin relativ optimistisch, was die Zukunft betrifft. Aber ich weiss auch, dass die Erwartungen riesig sind. Radio Suisse Romande wird in den nächsten Wochen zu einer Grossbaustelle in Sachen Dialog werden. Alle sind zur Mitarbeit aufgefordert. Was heisst Service public heute? Was sind unsere Werte? Solchen Fragen wollen und können wir nicht mehr ausweichen.
Klartext: Und was ist mit Jorge Resende? Bleibt ihm nur die Rolle des Opfers?
TSCHOPP: Jorge Resende kommt nicht mehr zu RSR zurück, das ist sicher. Aber wir haben ihm ein grosszügiges Angebot gemacht. Wir waren bereit, die Kündigung aufzuheben und in eine Trennung im gegenseitigen Einvernehmen umzuwandeln. Das hätte den Weg für Gespräche über rückwirkende Lohnzahlungen, Weiterbildungsmassnahmen und Jobsuche geöffnet. Aber für einen Dialog braucht es zwei. ≠

Das Interview wurde am 18. Juli telefonisch geführt von Helen Brügger.

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