5. Januar 2009 von Nick Lüthi

Abgeschrieben?

Gestern berichtete Silke Mertins in der NZZ am Sonntag über den Fernsehsender Al Jazira und seine Berichterstattung aus Gaza. Heute tut dies auch Karl Wendl auf bild.de (nicht mehr online verfügbar, Screenshot hier). Und siehe da: Wer die beiden Texte liest, stellt unschwer fest, dass der zweite dem ersten erstaunlich stark gleicht.

NZZaS: Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über die Gaza-Krise, keiner ist so populär und einflussreich in der arabischen Welt.

bild.de: Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über den Gaza-Krieg, keiner ist so populär und einflussreich.

Aus «Krise» mach «Krieg» und schon steht der eigentständige Gedanke. Nun eine etwas ausführlichere Passage zum Umgang der israelischen Regierung mit dem arabischen TV-Sender:

NZZaS: Doch die israelische Regierung tut derzeit genau das Gegenteil. Sie sucht die Nähe zum 1996 gegründeten Sender aus dem Emirat Katar. Aussenministerin Tzipi Livni versorgte den Sender vergangene Woche mit einem Exklusivinterview. Der Oppositionsführer Benjamin Netanyahu gab sich ebenfalls die Ehre, Sprecher der israelischen Regierung und der Armee tauchen im Stundentakt zu Live-Interviews und Talkrunden auf al-Jazira auf.

bild.de: Die Regierung in Jerusalem macht deshalb das genaue Gegenteil. Sie sucht sogar die Nähe des mächtigen TV-Kanals. Außenministerin Tzipi Livni gab dem Sender ein Exklusivinterview. Oppositionsführer Benjamin Netanyahu trat ebenfalls auf. Die Sprecher der israelischen Regierung und der Armee informieren seit Beginn der Bodenoffensive fast im Stundentakt in Live-Interviews und Talkrunden über die jeweiligen Entwicklungen.

Und weiter schreibt Wendl im Gleichtakt mit Mertins:

bild.de: Inzwischen hat Al-Jazeera sogar mehrere Reporter-Teams in Süd-Israel stationiert. Erstaunlich objektiv und ausführlich wird über Familien in Bunkern berichtet, über die Sorgen und Ängste der Bevölkerung.

NZZaS: Aber al-Jazira hat auch mehrere Korrespondenten nach Südisrael geschickt und berichtet erstaunlich ausführlich über die Bunker und Sicherheitsvorkehrungen, die Ängste und Sorgen der dortigen Bevölkerung.

Zufälle gibt es. Auch im Journalismus. Wenn sich aber zwei Texte zum genau gleichen Thema, die zudem im Tagesabstand veröffentlicht wurden, dermassen stark gleichen, dann wirft dies ein trübes Licht auf den Autor des späteren Artikels, in dem Fall auf Karl Wendl von bild.de. Vielleicht erhalten wir ja eine Erklärung vom Kolumnisten, der uns mit fremden einfachen Worten die Welt erklären will.

Update: Inzwischen hat bild.de reagiert und den Artikel von Karl Wendl von der Webseite genommen.

Update II: Karl Wendls Erklärung für den «Irrtum» lautet wie folgt. Er habe der Redaktion versehentlich eine «Skizze», statt des fertigen Artikels gemailt und das unfertige Stück sei dann veröffentlicht worden. Als er nach unserem Hinweis den «Irrtum» bemerkte, habe er die Redaktion umgehend angewiesen, den Text von der Webseite zu entfernen.

  1. Kati sagt:

    @Deets: Aktuell steht im NZZ-Artikel aber auch “erstaunlich ausführlich”.

  2. […] Änderungen aus einem Artikel der Schweizer Sonntagszeitung NZZ. Aufgefallen ist das Ganze dem Medienblog des Schweizer Medienmagazins Klartext. Hier sind auch die zum Teil wörtlichen Passagen […]

  3. Sevi sagt:

    Aber auch der stv. Chefredaktor der NZZaS lässt sich gerne “inspirieren”: Eine Woche nachdem Maxim Biller in der F.A.S. vom 22.3.09 zur “Ossifizierung des Westens” polemisiert, macht Martin Senn unter dem Titel “Verpatzte Freiheit” etwas verdächtig ähnliches. Hinweise zu Biller finden sich selbstverständlich keine.

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