15. Februar 2009 von Nick Lüthi

„Früher habe ich die Artikel meiner Mutter oft nicht verstanden“

Sie blickt auf über vierzig Jahre Kulturjournalismus zurück, er ist seit zwanzig Jahren eine feste Grösse im Magazinjournalismus: Isabell und Peer Teuwsen, Mutter und Sohn, über Journalismus „en famille“, gegenseitige Textkritik und InterviewpartnerInnen, die mehr bieten als nur ein Gespräch.

Klartext: Isabell Teuwsen, Sie sind im vergangenen Sommer nach mehr als vierzig Jahren als Journalistin pensioniert worden. Was hat Sie so lange im Journalismus gehalten?
Isabell Teuwsen: Mir kam dieser Beruf sehr gelegen, weil ich eine Familie hatte. Meine Ambitionen waren nicht so hoch gesteckt, dass ich gemeint hätte, ich müsse gross Karriere machen. Es hat mir einfach Spass gemacht.
Klartext: Peer Teuwsen, Sie arbeiten nun auch schon zwanzig Jahre als Journalist. Werden Sie dereinst auch als Redaktor in Rente gehen?
Peer Teuwsen: Das ist eine Frage, die ich oft mit anderen Journalisten diskutiere. In keinem dieser Gespräche bin ich auf eine Lösung gekommen, was es denn anderes gäbe als den Journalismus. Ich glaube den Beruf gefunden zu haben, der zu mir passt.
Klartext: Isabell Teuwsen, haben Sie sich gewünscht, dass eines Ihrer Kinder Journalist wird?
Isabell Teuwsen: Nein, das war kein Traum von mir. Ich wollte einfach, dass irgendetwas wird aus ihnen.
Peer Teuwsen: Meine Mutter hat mich indirekt gefördert. Sie hat mich zum Beispiel immer mitgenommen zu Theaterpremieren, und so bin ich in diese Welt reingewachsen. Aber ich wollte Schriftsteller werden, wie alle anständigen Journalisten. Zum Glück habe ich schnell eingesehen, dass daraus nichts wird.
Klartext: Ihre Eltern, Isabell Teuwsen, waren nicht Journalisten. Wie sind Sie in den Beruf eingestiegen?
Isabell Teuwsen: Es war die Freude an der Sprache. Als Jugendliche habe ich sehr viel gelesen, das Theater hat mich interessiert. Um meiner Mutter eine Freude zu machen, begann ich ein Architekturstudium. Eine Katastrophe! Ich habe zu Theaterwissenschaften und Germanistik gewechselt, habe aber nicht abgeschlossen und bin per Zufall in den Journalismus reingerutscht. Angefangen habe ich bei der „Kölnischen Rundschau“ im Feuilleton.
Klartext: Wie war das damals?
Isabell Teuwsen: Beim Feuilleton kamen die Kollegen noch mit Krawatte oder Fliege, man hat sich gesiezt. Ich war die einzige Frau und die Jüngste im Ressort. Innerhalb der Redaktion war das Feuilleton eine abgehobene Gesellschaft. Dann kam Peer auf die Welt, und 1972 sind wir in die Schweiz gezogen. 1974 habe ich dann beim „Tages-Anzeiger“ angefangen, eine Teilzeitstelle mit Schwerpunkt Theater.
Klartext: Was war damals Ihr Berufsziel?
Isabell Teuwsen: Ich hatte keine Karriere vor Augen, habe immer Teilzeit oder frei gearbeitet. Mit 58 Jahren stieg ich nochmals voll ein, bei der „Schweizer Illustrierten“. Für mich war das eine Riesenchance bei der SI, auch wenn manche sagen: „Die lese ich nur beim Zahnarzt.“ Ich konnte die Dinge machen, die ich wollte, und hatte Begegnungen, die mir sehr viel gegeben haben.

Klartext: Mutter Journalistin, Sohn Journalist: Sprechen Sie da oft miteinander über Ihre Texte?
Peer Teuwsen: Als ich jung war, habe ich die Artikel meiner Mutter zwar immer gelesen, aber oft nicht verstanden. Und als ich dann das Gefühl hatte, jetzt sollte ich sie eigentlich verstehen – verstand ich sie immer noch nicht. Mir war oft unklar, ob sie ein Theaterstück gut oder schlecht findet, ich kam als junger Mensch aber mit solchen Ambivalenzen schlecht zurecht. Heute schreibt meine Mutter ganz anders.
Isabell Teuwsen: Das war tatsächlich eine Schwierigkeit als Theaterkritikerin: Bei ganz schlechten oder tollen Vorstellungen konnte man sich klar äussern. Aber beim Mittelmass, was meistens der Fall war, bin ich wahrscheinlich sprachlich in eine Scheinwelt geflohen. Dafür hat man mich auch kritisiert, obschon ich auch meine Fans hatte.
Klartext: Haben Sie die Texte Ihres Sohnes kritisiert?
Isabell Teuwsen: Da ist vor allem mütterliches Wohlwollen. Und dieses Wohlwollen lässt schon von vornherein keine Kritik zu.

Klartext: Ihr Sohn ist seit Dezember bei der „Zeit“ für die neuen Schweizer Seiten verantwortlich. Leistet er da gute Arbeit?
Isabell Teuwsen: Was soll ich sagen? Dass es toll ist, was er macht? Natürlich ist es das.
Klartext: Peer Teuwsen, Ihre eigene Bilanz nach den ersten Wochen?
Peer Teuwsen: Die ersten paar Ausgaben waren noch zu kleinteilig, zu wenig gross gedacht. Mein Anspruch ist ja, dass wir die grundlegenden Probleme der Schweiz diskutieren mit neuen Gedanken, überraschenden Autoren- und Themen-Konstellationen. Die paar letzten Ausgaben mit den Texten von Thomas Hürlimann, Lukas Bärfuss, Konrad Hummler, Margrit Sprecher und den Zeichnungen von Peter Gut finde ich von sehr guter Qualität.
Klartext: Sie selbst haben noch nicht viel geschrieben.
Peer Teuwsen: Finden Sie? Hin und wieder habe ich schon was beigetragen. Aber in der ersten Zeit muss ich vor allem eine Familie von Autorinnen und Autoren aufbauen, die gute Ideen haben und auf die ich mich verlassen kann. In nächster Zeit werde ich sicher noch mehr schreiben.
Klartext: Diese AutorInnen-Familie wächst mit jeder Ausgabe. Schliessen Sie den Kreis mal?
Peer Teuwsen: Bei den Kolumnen haben wir ja schon einen festen Kreis. Das soll auch bei den grossen Texten geschehen. Aber ich will auch ab und an jemand Neuen ausprobieren, junge Journalistinnen und Journalisten. Ich hatte immer den Eindruck, in der Schweiz will gar niemand mehr so richtig dafür kämpfen, dass seine Texte in eine Zeitung kommen. Nun erlebe ich es anders.

Klartext: Wie lange wären Sie bei der „Weltwoche“ geblieben, wenn das Angebot der „Zeit“ nicht gekommen wäre?
Peer Teuwsen: (lacht) Eine hypothetische Frage. Ich hatte dort einen guten Job.
Klartext: Als Sie bei der „Weltwoche“ waren, haben Sie deren publizistischen Kurs gegen den Vorwurf der SVP-Nähe verteidigt. Als „Zeit“-Redaktor sagen Sie nun, der Rechtskurs der „Weltwoche“ lasse Spielraum offen, den Sie füllen wollen. Passen Sie Ihre politische Haltung dem jeweiligen Arbeitgeber an?
Peer Teuwsen: Natürlich nicht. Bei der „Weltwoche“ war ich Kulturchef, da macht man ja nicht Politik. Ich habe damals einen sehr Blocher-kritischen Artikel geschrieben, der zu einigen Reaktionen geführt hat. Die „Weltwoche“ hat mit dem Marketinggedanken, immer anders sein zu wollen als alle anderen, die Tendenz, ihre politische Haltung der Oppositionspartei SVP anzupassen. Aber die Gegner der „Weltwoche“ machen es sich ein bisschen einfach: Es hat interessante Gedanken drin, vielleicht nicht immer im politischen Teil, aber es gibt hervorragende Texte.
Klartext: Isabell Teuwsen, wie wir gehört haben, waren Sie nicht sehr glücklich, als Ihr Sohn bei der „Weltwoche“ war.
Isabell Teuwsen: Ich war manchmal nicht seiner Meinung, in der Tat.
Peer Teuwsen: Du bist sicher linker als ich.
Isabell Teuwsen: Ja, das stimmt.
Peer Teuwsen: Das interessiert mich eben gar nicht, habe ich gemerkt, dieses Links-Rechts-Schema.
Klartext: Wo stehen Sie denn politisch?
Peer Teuwsen: Ich bin sicher ein liberaler Mensch, ich glaube an die Freiheit des Einzelnen, die man verteidigen muss, an Eigenverantwortung, an einen Leistungswillen. Der Mensch muss wollen, er darf nichts von anderen wollen, sei es vom Staat oder vom lieben Gott. Aber das sind Hohlformeln, die es mit Leben zu füllen gilt. Ideologische Fragen haben mich nie interessiert. Mich interessiert, ob jemand glaubwürdig ist, mich überzeugt, und zwar mit seinem ganzen Wesen. Deshalb mache ich auch so gerne Interviews. Da kann ich jemanden auf solche Fragen hin testen.

Klartext: Sie haben mehr als 15 Jahre für das „Magazin“ des „Tages-Anzeigers“ geschrieben. In den letzten Jahren hat sich dort der sogenannte Bekenntnis- oder Ich-Journalismus deutlich ausgebreitet. Wie sehen Sie das?
Peer Teuwsen: Auch ich stelle diese Tendenz fest. Der Chefredaktor muss am Schluss entscheiden, ob er eine gesunde Mischung hingebracht hat aus solchen Ich-Texten und journalistischen Artikeln, die von der Neugierde des Autors und der Fragestellung geleitet sind und nicht von seinem Hang zur Selbstdarstellung. Da ist ganz generell im Magazinjournalismus das Gleichgewicht nicht gefunden. Von mir gibt es übrigens auch solche Ich-Texte, aber nur ganz wenige.
Klartext: Isabell Teuwsen, Sie haben als Freie auch für das „Magazin“ geschrieben. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie das damalige mit dem heutigen Heft vergleichen?
Isabell Teuwsen: Es gibt Ausgaben, die sind völlig banal. In andern finden sich hoch spannende Artikel. Es gibt einfach keine Zuverlässigkeit. Ich habe mal einen grossen, mehrseitigen „Magazin“-Artikel über die Tuberkulose in Davos geschrieben. Nicht die „Zauberberg“-Geschichte, sondern von unten betrachtet, wie sich dieser Ort dadurch verändert hat.
Klartext: Herr Teuwsen, Ihr Abgang als stellvertretender Chefredaktor beim „Magazin“ vor zwei Jahren erfolgte nicht ganz freiwillig, sondern nach einem Streit mit Co-Stellvertreter Finn Canonica.
Peer Teuwsen: Es gibt im Leben Momente, in denen man sich entscheiden muss. Ich habe mich entschieden, nicht mit Finn Canonica das „Magazin“ zu leiten, wie es Res Strehle angeboten hat.

Klartext: Der „Tages-Anzeiger“, für den Sie beide gearbeitet haben, steht wieder einmal vor grösseren Veränderungen. Sind Sie froh, nicht mehr an der Zürcher Werdstrasse zu arbeiten?
Peer Teuwsen: Überhaupt nicht. Ich habe da gute Jahre verbracht. Tamedia war immer ein sehr soziales Haus. Manchmal sogar mit ein bisschen zu viel Rücksichtnahme auf den Einzelnen. Es schafft eine schlechte Stimmung auf der Redaktion, wenn es klare Leistungsunterschiede zwischen den Redaktoren gibt. Da hätte man sicher früher eingreifen müssen. Ich finde aber generell, dass Tamedia einen guten Job macht.
Klartext: Was denken Sie, Isabell Teuwsen, wenn Sie heute den „Tages-Anzeiger“ anschauen?
Isabell Teuwsen: Er ist immer noch mein Leibblatt, man kommt nicht ohne ihn aus. Aber es gibt sehr vieles, was man nicht gelesen haben muss. Im Kulturteil herrscht eine Beliebigkeit, man weiss eigentlich nicht, was sie damit wollen.

Klartext: Zuletzt waren Sie Ressortleiterin Kultur bei der „Schweizer Illustrierten“: Welchen Stellenwert hat Kultur dort?
Isabell Teuwsen: Sie kämpft natürlich auch ums Überleben. Beim Kulturbereich legt man vielerorts am wenigsten Wert darauf, dass er erhalten bleibt.
Klartext: Mussten Sie dafür kämpfen?
Isabell Teuwsen: Nein, ich noch nicht. Es ist aber möglich, dass der Kulturteil irgendwann weniger oder überhaupt nicht mehr stattfindet. Jetzt versucht man, ein bisschen weniger elitär zu sein (lacht), obwohl ich mich auch nicht als sehr elitär sehe. Als Marc Walder Chefredaktor war, hat er gewünscht, dass die Kultur mehr people-mässig rüberkommt, mit Porträts. Das hat mir Spass gemacht.
Klartext: Hatten Sie ein bestimmtes Publikum vor Augen, als Sie für die SI-Kultur schrieben?
Isabell Teuwsen: Nein. Ich musste darauf schauen, dass SI-Leser meine Texte verstehen, aber ich habe nicht für irgendjemanden geschrieben.
Klartext: Haben Sie, Peer Teuwsen, ein Zielpublikum vor Augen?
Peer Teuwsen: Nein. Es sind Bauchentscheidungen. Vor dem Start haben wir Schweizer „Zeit“-Abonnenten befragt, was sie von uns erwarten. Es gab so viele verschiedene Antworten – es war interessant, hat mich aber auch sehr verwirrt. Man käme in Teufels Küche, wenn man Journalismus so betreiben würde. Man muss sich auf sich selber abstützen.
Klartext: Interviews sind Ihre Paradedisziplin. Sie haben bisher mit vielen und mit vielen berühmten Menschen gesprochen. Wer hat Sie dabei am nachhaltigsten beeindruckt?
Peer Teuwsen: Es sind viele. Wirklich beeindruckt hat mich Brida von Castelberg, die Chefin der Maternité in Zürich. Denn sie spricht ganz offen über alles, über die Probleme des Gesundheitswesens, ihre Probleme, auch privater Natur – sie sagt einfach, was sie denkt. Man hat auch gemerkt, welche Stellung sie sich in diesem Krankenhaus erarbeitet hat, kraft ihres Naturells und ihrer Kompetenz.
Klartext: Und wurde gedruckt, was sie gesagt hat? Manchmal geht noch eine ganze Kommunikationsabteilung über die Texte.
Peer Teuwsen: Meines Wissens hat nur sie das Interview gegengelesen.
Klartext: Und sonst: Merken Sie, dass Ihre Interviews vermehrt durch die Hände von PR-Abteilungen gehen?
Peer Teuwsen: Ja, das ist sicher heftiger geworden. Die Autorisierungspraxis bei uns ist schrecklich. Ich habe einmal ein Interview zurückbekommen – ich will nicht sagen, mit wem es war –, da haben sie aus Versehen den Korrektur-Modus dringelassen. Man konnte sehen, dass fünf Leute es redigiert hatten! Dann ist natürlich alles entstellt. Am besten ist es mit Amerikanern und Engländern: Dort ist es nicht üblich, ein Interview gegenzulesen. Sie gehen davon aus, dass du als Journalist einen Namen zu verlieren hast. Wenn du irgendwas ins Interview reinschreibst, was sie nicht gesagt haben, geben sie dir erstens nie mehr ein Interview und zweitens erzählen sie das herum. Weil es meistens Leute sind, die einen gewissen Einfluss haben, fällt das irgendwann auf dich zurück.
Klartext: Wie halten Sie das, Isabell Teuwsen? Sie schreiben ja viele Porträts.
Isabell Teuwsen: Es hat unheimlich zugenommen, das ist unangenehm. In meinem Sektor weniger, aber jede Miss und Vize-Miss und drittplatzierte Miss nimmt sich das Recht heraus, Bilder auszusuchen und Texte x-mal zu überarbeiten. So kommt nichts Spontanes mehr raus. Aber um noch mal darauf zurückzukommen, Peer, wer dich bei einem Interview beeindruckt hat: Charlotte Roche. Das hast du damals gesagt.
Peer Teuwsen: Bei ihr hat mich erstaunt – aber da bin ich oft erstaunt –, dass du so einen Eindruck hast von Menschen, und dann begegnest du ihnen, und sie sind total anders. Elton John hat mich auch beeindruckt.
Klartext: Weshalb?
Peer Teuwsen: Weil er ziemlich derb ist – in der Wortwahl. Er hat in diesem Interview etwa vierzigmal „Fuck“ gesagt, das kann man dann nicht jedes Mal drucken. Er hat über alles geredet, ohne Zensur, wie ein Maschinengewehr, und er war von einer unglaublichen Aggressivität, durch dieses „Fuck!“, „Fuck!“, „Fuck!“. Ich glaube, so sind ehemalige Drogensüchtige.
Klartext: Wie war das, Isabell Teuwsen, bei den Porträts, die Sie geschrieben haben: Gab es Leute, die Sie besonders beeindruckt haben?
Isabell Teuwsen: Ja. Elisabeth Mann, die Tochter von Thomas Mann, zum Beispiel hat mich tief beeindruckt. Ich habe sie kurz vor ihrem Tod in Halifax besucht. Gerade als ich bei ihr war, im Januar 2002, kam ein Mail von dir, Peer. Du hast um ein Interview gebeten.
Peer Teuwsen: Ja. Leider ist sie dann gestorben.
Isabell Teuwsen: Sie hat mich tief beeindruckt. Weil sie überhaupt nicht mehr von dem Mannschen Glanz umgeben war. Sie lebte in einem kalten Hüttchen, und acht Hunde liefen herum. Im feuchten Keller vergammelte der Flügel, den Thomas Mann ihr geschenkt hatte. Es war alles ein bisschen armselig, aber sie hatte eine sehr tiefe, menschliche Ausstrahlung. Sie brauchte diesen Vater nicht mehr, sie lebte in einer anderen Welt.
Klartext: Gab es eigentlich oft Situationen, in denen Sie beide dieselbe Person interviewen wollten, sich quasi als direkte Konkurrenz begegnet sind?
Isabell Teuwsen: Das gab es schon.
Peer Teuwsen: Immer mal wieder, ja. Meine Mutter hat mir auch immer sehr viel von ihren Begegnungen erzählt. Und ich habe natürlich sehr aufmerksam zugehört. Denn im kulturellen Bereich kennt sie sich viel besser aus als ich; davon konnte ich sicherlich immer wieder profitieren.

Klartext: Es gab Interviews von Ihnen, die öffentlich Wellen geworfen haben. Entweder mit einer Auszeichnung wie bei Orhan Pamuk oder wie bei Eva Herman. Sie haben …
Peer Teuwsen: (lacht los)
Klartext: … die ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin gegen die „öffentliche Hinrichtung“ verteidigt, nachdem sie mit wirren und missverständlichen Aussagen zur Familienpolitik unter Hitler für Empörung gesorgt hatte. Daraufhin hat die neurechte Zeitung „Junge Freiheit“ Sie als Kronzeugen für die Meinungsäusserungsfreiheit befragt.
Peer Teuwsen: Ich spreche grundsätzlich mit allen, die sich in einem verfassungsrechtlichen Rahmen bewegen. Wie schon gesagt: Ich interessiere mich nicht dafür, ob es ideologisch in Ordnung ist, was jemand sagt. Mich interessiert, warum jemand etwas sagt. Das hat mich bei Eva Herman interessiert. Nach dem zweiten Buch gab es ja dann diese Geschichte mit der Pressekonferenz, an der sie Hitlers Familienpolitik gelobt haben soll. RTL war die einzige Fernsehstation, welche die Szene gefilmt hat, und man hat immer nur diesen kleinen Ausschnitt gesendet. Ich habe es dann geschafft, eine Abschrift der Szene zu erhalten. Und da muss ich einfach sagen: Es ist verwirrt, was diese Frau sagt. Aber es ist kein Lob der Hitlerschen Familienpolitik. Ich finde es nicht richtig, dass man jemanden, der so was sagt, sofort ausgrenzt, rausschmeisst und in die Nazi-Ecke stellt. Das ist eine Tendenz, die in Deutschland viel heftiger ist als in der Schweiz. Was ja auch verständlich ist, angesichts der deutschen Geschichte. Nur nimmt es zum Teil groteske Züge an. Und deswegen muss man gegen so was auch anschreiben. Aber ich muss betonen: Ich habe nie die Thesen von Eva Herman unterstützt.

Klartext: Sie sprachen vorhin über Deutschland und die Schweiz. Sie sind Schweizer und Deutscher – sehen Sie sich als Brückenbauer?
Peer Teuwsen: Ja, ich kenne beides. Ich habe jedoch schon so viel über das Verhältnis Schweizer/Deutsche geschrieben, dass ich nicht mehr so sehr an dieses Thema glaube. Ich habe das Gefühl, dass sich das geben wird, wie damals mit den Italienern oder den Tamilen; die sind heute kein Thema mehr. Aber wir sind uns halt so nah und doch so fern, die Deutschen und die Deutschschweizer.
Klartext: Sie, Isabell Teuwsen, leben als Deutsche nun fast vierzig Jahre in der Schweiz: Hat Sie das Hochstilisieren dieses Gegensatzes zwischen Schweizern und Deutschen überrascht?
Isabell Teuwsen: Nein, das kam ja immer wieder. Ich hab das auch persönlich erlebt. Aber irgendwie habe ich heute keine Antenne mehr dafür. Ich merke jedoch bei vielen Deutschen, dass sie erst mal enttäuscht sind: Sie mögen die Schweizer und alles an der Schweiz – aber sie werden nicht gemocht. Und dann kommt dieser Konflikt zustande.

Klartext: Das Thema ist ja auch bei der „Zeit“ aufgegriffen worden. In der ersten Ausgabe mit den Schweizer Seiten gab es ja …
Peer Teuwsen: … „Was die Deutschen von den Schweizern lernen können“, ja.
Klartext: War das die Marketingstrategie dieser ersten Ausgabe oder zieht sich dieses Verhältnis Schweizer/Deutsche als roter Faden durch Ihr redaktionelles Konzept?
Peer Teuwsen: Wir machen wenig Marketing. Nein, „Was die Deutschen von den Schweizern lernen können“ ist doch ein gutes Thema. Mir ist bei der Lektüre von deutschen Medien aufgefallen, dass die Schweiz immer wieder in der Berichterstattung auftaucht. Quasi als Nebenthema: Ah, da machen es die Schweizer doch gut, dort sagt ein Schweizer gescheite Sachen. Ich wollte das mal wirklich gross thematisieren. In Hamburg ist das zum Teil verstanden worden, zum Teil nicht. Ich glaube, Deutschland ist als Nation auch ein bisschen verunsichert, und dann kommen da noch so freche Schweizer und sagen, wo die Deutschen etwas lernen könnten. Das war sicher ein Moment der Irritation.

Klartext: Zum Schluss, Isabell Teuwsen: Wenn Sie heute entscheiden müssten, würden Sie wieder Kulturjournalistin und überhaupt Journalistin werden?
Isabell Teuwsen: Beides. Das war für mich ein wunderbarer Beruf, und ich habe das auch – nicht immer, aber sehr oft – mit Leidenschaft betrieben.
Klartext: Wenn Sie, Peer Teuwsen, bei der aktuellen Befindlichkeit des Journalismus vor der Berufswahl stünden, wäre das ein verlockendes Berufsfeld?
Peer Teuwsen: (schweigt lange) Ja. Ich habe überlegt – ich müsste wahrscheinlich jetzt in einem Online-Medium anfangen (lacht). Ich weiss nur, was ich anders machen würde, wenn ich jetzt noch mal anfangen würde: Ich würde zuerst zu einer Nachrichtenagentur gehen, um dieses Handwerk zu lernen. Das musste ich mir mühsam aneignen. ≠

Das Gespräch führten Bettina Büsser und Nick Lüthi am 22. Januar in Baden.

Peer Teuwsen

nil./ Seit Dezember 2008 leitet Peer Teuwsen (41) die neu geschaffenen Schweizer Seiten der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Seine journalistische Karriere startete der deutsch-schweizerische Doppelbürger als Absolvent der Ringier Journalistenschule. Die ersten Texte veröffentlichte Teuwsen Ende der 1980er-Jahre in der „Schweizer Illustrierten“ und den „Luzerner Neusten Nachrichten“. Nach einigen Jahren als freier Journalist und dem Studium der Germanistik und Philosophie wechselte Teuwsen 1995 ins Ressort Gesellschaft des „Tages-Anzeigers“. Daneben schrieb er regelmässig für das „Magazin\”, bei dem er 1998 als Redaktor angestellt wurde und bis 2006 blieb, die letzten fünf Jahre als stellvertretender Chefredaktor. Nach einen Abstecher zur „Weltwoche“ ging der mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnete Journalist zur „Zeit“. Teuwsen ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er arbeitet in Baden und lebt in Ennetbaden.

Isabell Teuwsen

bbü./ Isabell Teuwsen (65) blickt auf 42 Jahre im Kulturjournalismus zurück. In Deutschland geboren, arbeitete sie nach einem Studium ohne Abschluss (Architektur, Theaterwissenschaft und Germanistik) im Feuilleton der „Kölnischen Rundschau“. 1972 kam sie mit ihren drei Kindern aus erster Ehe in die Schweiz. Ab 1974 arbeitete sie teilzeitlich als „Tages-Anzeiger“-Theaterkritikerin, aber auch als Freie, u.a. für das „Magazin“. In zweiter Ehe mit dem Journalisten Hans Jakob Pfister verheiratet, hatte Teuwsen zwei weitere Kinder. Ab 1997 schrieb sie als Freie u.a. für „SonntagsBlick“, NZZ und „Weltwoche“. 2001 wurde sie Kulturredaktorin bei der „Schweizer Illustrierten“, 2004 Ressortleiterin Kultur. Seit Sommer 2008 pensioniert, arbeitet Teuwsen heute noch als Freie, etwa für das Magazin des „SonntagsBlick“.

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