26. Oktober 2009 von Helen Brügger

Amateure übernehmen

Not macht erfinderisch: Wie in Neuenburg eine zusammengesparte Lokalredaktion auf die Unterstützung durch «FeierabendjournalistInnen» setzt. KLARTEXT hat mit einem Hobbyschreiber gesprochen.

Pierre Germain* ist Sozialarbeiter, in den Vierzigern, verheiratet, zwei Kinder. Er wohnt in einem Dorf am Neuenburgersee, arbeitet mit Jugendlichen. Der Job ist hart: unregelmässige Arbeitszeiten, zunehmende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen, zu wenig Platz für Problemfälle in den Institutionen. Pierre Germain leidet darunter. Eine Krankheit zwingt ihm eine Pause auf. Und so taucht dieser Berufswunsch aus der Jugend wieder auf: Journalist.
Da kam ein Inserat im letzten Frühling wie gerufen: «Lokalkorrespondenten gesucht.» Die Chefredaktion der Neuenburger Zeitungen «L’Impartial» und «L’Express» suchte Leute, die in ihrer Gemeinde verankert sind und Offenheit, Neugier und Interesse mitbringen für das öffentliche Leben. «Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt», erinnert er sich: «An der ersten Einführung waren wir etwa zwanzig Interessierte.» Nicht alle zwanzig haben bis heute weitergemacht, Pierre Germain schon. Unter einem Pseudonym – «aus Rücksicht auf meinen Arbeitgeber» – berichtet er über alles, was in seiner Gemeinde geschieht. Für einen Artikel mit Foto erhält er fünfzig Franken. «Es ist ein Job für Freiwillige», meint er, «aber für mich bedeutet es die Erfüllung eines Traums, Kontakte mit neuen Bekannten, einen weiteren Horizont.»

Ersatz für Regionalbüros
Jean-Michel Pauchard ist seit beinahe dreissig Jahren Redaktor bei «L’Express» in Neuenburg, seit einigen Wochen bereitet er mit Pierre Germain dessen Einsätze vor und betreut anschliessend die Artikel. Noch gut erinnert er sich an die Zeiten, als die Lokalkorrespondenten der Zeitung bekannte Persönlichkeiten waren, oft Lehrer oder Gemeindepolitiker. Ihr altersbedingter Rückzug aus dem Korrespondentenleben fiel mit dem Wunsch der Zeitung nach mehr Professionalität in der Lokalberichterstattung zusammen: So eröffnete das Blatt in den Achtziger- und Neunzigerjahren eine Reihe von Regionalbüros im ganzen Einzugsgebiet.
Doch das war ohne die Krise gerechnet: Im Laufe der letzten zwölf Monate entliessen «L’Express» und «L’Impartial» fast einen Viertel der Redaktion. Und gleich darauf machte sich die Chefredaktion daran, ein Netz mit AmateurkorrespondentInnen aufzubauen. «Wir stehen ganz am Anfang», sagt Pauchard, es sei zu früh, um zu sagen, ob die Arbeit der KorrespondentInnen – erst einige wenige seien zuverlässig einsetzbar – die Redaktion entlaste oder im Gegenteil redaktionelle Mehrarbeit mit sich bringe. Die «FeierabendjournalistInnen» würden jedoch auf keinen Fall für heikle Recherchen eingesetzt, versichert Pauchard. «Wenn beispielsweise ein Gemeindebeamter mit den Fingern in der Kasse ertappt wird, schicken wir einen Profi los.»

Quelle für aussergewöhnliche Lokalinformation
Pauchard sieht zwei Vorteile für die Redaktion: «Die Lokalkorrespondenten ermöglichen uns eine Präsenz an Veranstaltungen, über die zu berichten wir keine Zeit und ehrlich gesagt oft auch keine Lust haben.» Und sie seien eine Quelle für aussergewöhnliche Informationen aus dem Lokalbereich, an die nur herankomme, wer vor Ort wohne. Wie steht Pauchard aber grundsätzlich zum Experiment der Neuenburger Zeitungen? «Wir waren schon vor den Entlassungen kräftemässig am Limit», sagt er. Und: Er verstehe, dass Chefredaktor Nicolas Willemin nach Lösungen gesucht habe: «Man muss sich halt nach der Decke strecken.»
Pierre Germain hätte seine Korrespondententätigkeit lieber unter anderen Bedingungen aufgenommen: «Es tut mir leid zu wissen, dass Profis entlassen und gleich anschliessend wir engagiert wurden.» Aber er verstehe seine Arbeit nicht als Konkurrenz: «Wir sind eigentlich als Zeugen aktiv.» Von daher sei seine Arbeit eine Ergänzung zur Arbeit der ProfikollegInnen. Trotz der heiklen Situation sei er in der Redaktion auf keine Gehässigkeit gestossen. Für die Freundlichkeit und die gute Stimmung, mit der er bei «L’Express» empfangen werde, sei er sehr dankbar.
* Name von der Redaktion geändert.

Jekami beim «Blick am Abend»
hb./ Auch «Blick am Abend» lässt Amateure im redaktionellen Raum ihre Texte veröffentlichen. In einer täglichen Kolumne können Herr und Frau Jedermann ein bisschen Journalismus spielen. So darf etwa eine Séverine Bonini aus dem Kanton Aargau darüber philosophieren, wie sie mit ihrem Dekolleté «jedes platte Brett im Ausgang ausstechen» könne, weshalb ihr Mann, sobald er «einen Fuss in die Ikea» setze, «in den Standby-Modus» verfalle oder wie sie den Alltag nach ihrem Gusto gestalten würde: «Morgens Maniküre, mittags Coiffeur und abends Kino.» Per SMS (70 Rappen das Stück) entscheiden die LeserInnen, ob Séverine Bonini weiterschreiben darf oder am nächsten Tag wieder in den journalistischen Standby-Modus versetzt wird.
«Blick am Abend»-Textchef Peter Exinger erklärt die Spielregeln des journalistischen Jekami: Publizieren könne jedermann, der drei Geschichten einsende. Das Thema sei frei, verboten sei nur, was gegen Gesetze oder gute Sitten verstosse. Man habe nach einem Aufruf 125 bis 130 Personen mit Kolumnen in der Pipeline, davon hätten etwa 70 bereits publiziert. Wer per SMS abgewählt worden ist, erfährt die Redaktion am folgenden Tag. Wie viele Personen abstimmen, wollte Exinger nicht sagen: «Wir veröffentlichen nur Prozentzahlen.» Zwei Frauen hätten es einen Monat lang geschafft weiterzumachen, die habe der Chefredaktor kontaktiert und als regelmässige Kolumnistinnen übernommen: Katja Walder und Sara Stutz. Was würde passieren, wenn die Kolumne für Stimmungsmache oder politische Kampagnen instrumentalisiert würde? «So etwas käme nicht an mir vorbei.» Und welche Geschichten kommen an? «Geschichten aus dem Alltag laufen gut, Belehrungen schlecht.»

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