2. November 2009 von Bettina Büsser

Yvonne Staat: «Nicht alles schlucken»

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Yvonne Staat (34) hat sich vor einem Jahr entschieden, als freie Journalistin zu arbeiten. Existenzängste will sie gar nicht erst aufkommen lassen.

«Weil ich gerne schreibe und es wahnsinnig spannend finde, die verschiedensten Menschen kennenzulernen», antwortet Yvonne Staat auf die Frage, weshalb sie Journalistin geworden ist. «Man hat die Möglichkeit, sich intensiv mit Menschen, Problemen und Schicksalen auseinanderzusetzen und Erfahrungen zu machen, ohne dass man sie wirklich eins zu eins erleben muss.»
Staat ist in der Nähe von Disentis aufgewachsen und hat in Basel Geschichte studiert. Bereits in der Mittelschule war Journalismus ein Beruf, der sie sehr interessierte. Deshalb stieg sie, nach dem Studium arbeitslos, in das Beschäftigungsprogramm ein, das die Zeitschrift «Der Arbeitsmarkt» herausgibt, und machte dort ihre ersten journalistischen Erfahrungen. Danach folgten Praktikumsstellen bei «Zeitlupe», «Aargauer Zeitung», im Basler Pressebüro Kohlenberg und schliesslich beim «Beobachter» als Volontärin.

«Es läuft ja bei solchen Praktika und überhaupt im Journalismus alles über Leute, die man kennt», sagt Staat. Für Freie sei ein gutes Netzwerk besonders wichtig: «In den ersten Monaten ging es nur darum, ein Beziehungsnetz zu potenziellen Auftraggebern aufzubauen. Man muss auch damit leben können, die Leute teilweise zu nerven. Es wartet ja niemand auf einen.» Auch wenn ihre Erfahrungen mit Ressortleitern «sehr gemischt» sind – solche, die nicht auf Themenvorschläge reagieren, auf abgelieferte Artikel kein Feedback geben oder sie gar verschlampen, findet Staat «ziemlich unprofessionell» – hat ihr die Arbeit als Freie von Anfang an gefallen.
Ursprünglich hatte sie nicht geplant, als Freie zu arbeiten. Nach dem zweijährigen Volontariat mit MAZ-Besuch wollte sie aber nicht beim «Beobachter» bleiben: «Obwohl es eine Superredaktion ist, wollte ich etwas anderes kennenlernen, mich wieder mal im Wettbewerb messen.» Zuerst suchte sie eine Möglichkeit, als Journalistin in Rumänien tätig zu sein, einem Land, das sie fasziniert; seit sechs Jahren lernt sie Rumänisch. Doch das klappte nicht. Immerhin war sie kürzlich wieder eine Woche dort – auf Hochzeitsreise, nachdem sie im August ihren langjährigen Partner geheiratet hat.

Nun schreibt Staat seit Ende 2008 als Freie über gesellschaftliche und soziale Themen. «Die ersten Monate waren schwierig, seither läuft es mir jedoch sehr gut, das Netz spielt», erzählt sie. Sie arbeitet für «Basler Zeitung», «NZZ am Sonntag», «Annabelle», «Reformiert» und bis Ende September auch noch für die «Bellevue»-Seite des «Tages-Anzeigers». Ein Standbein ging ihr dort verloren: «Schade, denn wir waren eine Gruppe von Freien mit guter Stimmung.» Sorgen über weitere wegfallende Aufträge macht sie sich aber nicht: «Ich versuche, keine existenziellen Ängste aufkommen zu lassen. Es ist mir wichtig, gerade als Freie eine unabhängige Haltung zu bewahren. Nicht alles zu schlucken, nur weil ich Angst habe.» Sie sei allerdings in einer «luxuriösen Situation», fügt sie hinzu, sie müsse ja keine Familie finanzieren. Und sie hat beim «Beobachter» ein Fixum von acht Tagen monatlich, «das verschafft mir mehr Freiheit».

Diese Freiheit will Staat nützen, um weniger kurzfristig, weniger oberflächlich zu arbeiten: «Ich will mehr in die Tiefe gehen, längere Artikel schrei­ben, für die ich mir mehr Zeit nehmen kann», sagt sie – und dass sie nicht ganz sicher sei, ob sie in fünf, zehn Jahren noch Journalistin sein werde: «Es ist ein Beruf, in dem es sehr schwierig ist, sich weiterzuentwickeln. Jetzt bin ich noch neugierig, hungrig, doch es kann sein, dass ich mich irgendwann nicht mehr immer wieder neu auf Menschen einlassen mag.»

  1. Gabriela D sagt:

    Ihr Artikel in der “Zeit” über die rumänische Prostituierte und ihre schwierige Rückkehr in ein normales Leben hat mich sehr beeindruckt. Ganz entgegen dem Zeitgeist, der jede Prostituierte als “Handtäschli-Nutte” abstempelt und das Problem als erledigt anschaut.

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