8. März 2010 von Bettina Büsser

Expansion über den Berg

Nach dem Vorbild der «Jungfrau Zeitung» im Berner Oberland entsteht im angrenzenden Ob- und Nidwalden ein neue «Mikrozeitung». Sie will sich als Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» positionieren.

Zeitungsverleger Urs Gossweiler aus Brienz im Berner Oberland ist begeistert. Was er seit Jahren angestrebt hat, soll im nahen Nid- und Obwalden Realität werden: die erste «Mikrozeitung» neben Gossweilers eigener «Jungfrau Zeitung». «Dort, wo die Leute vor 700 Jahren begriffen haben, dass man aus der Adelsknechtschaft heraus ein neues Staatskonstrukt entwickeln muss, haben die Leute heute auch begriffen, dass man ein neues Medienkonstrukt entwickeln muss», schwärmt der Berner Oberländer Verleger; es sei für ihn «eine Riesenehre».

Online gratis, Papier kostet
Wie die «Jungfrau Zeitung» soll sich die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» (ONZ) auf lokale und regionale Themen konzentrieren: «Sie erscheint online, mit einem Format für Handy und iPhone, und zweimal wöchentlich kommt sie als Printausgabe. Wir gehen davon aus, dass die Printausgabe trotz des Gratis-Online-Angebots abonniert wird. Denn die Zeitung wird so lokal sein, dass die Leute gewisse Artikel aufbewahren oder auf Papier lesen wollen», sagt Marlène Wirthner-Durrer, Vizepräsidentin der Obwalden und Nidwalden Zeitung AG und Präsidentin der Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt. Diese setzt sich für die Lokal- und Regionalmedien in Nidwalden ein, zuletzt für das «Nidwaldner Wochenblatt», das letzten Sommer eingestellt wurde. «Nun nehmen wir wieder einen Anlauf», sagt Wirthner-Durrer.
Bei dem neuen Anlauf dachte man diesmal über Nidwalden hinaus – bis nach Obwalden. Dort präsentiert sich die Mediensituation zwar ähnlich, aber ein gemeinsames Vorgehen ist nicht selbstverständlich: Die beiden Halbkantone verstehen sich aus sehr langer Tradition, die mindestens bis in die Zeit der Helvetischen Republik Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht, nicht besonders gut. So scheiterte denn auch Ende des 20. Jahrhunderts der Versuch, ein gemeinsames Spital für Ob- und Nidwalden einzurichten. «Natürlich gibt es eine Rivalität zwischen den beiden Kantonen», sagt Wirthner-Durrer. «Die Zusammenarbeit zwischen ihnen hat nicht immer gut funktioniert. Doch bisher haben wir positive Rückmeldungen, von beiden Seiten.»
Nach dem ersten Anstoss ging es ziemlich schnell: Die Gesellschaft Nidwaldner Volksblatt und Unternehmer aus Obwalden trafen sich im November mit Urs Gossweiler, innert vierzehn Tagen war eine erste Nullnummer bereit, mitsamt Website und Mobile-Channel. «Alles war da», kommentiert Gossweiler. «Wir wussten, dass wir gut sind, aber das hat uns selbst etwas überrascht.» Noch im letzten Jahr wurde eine Aktiengesellschaft gegründet; im Verwaltungsrat sind neben Wirthner-Durrer der Obwaldner Unternehmer Thomas Gasser, der Nidwaldner Rechtsanwalt Armin Durrer und Urs Gossweiler. Zwischen der ONZ AG und der Gossweiler Media AG wurde eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet.

Keine Mehrheitsaktionäre
Momentan arbeitet der frühere Redaktionsleiter des NLZ-Kopfblatts «Neue Nidwaldner Zeitung», Werner Flury,­ an einer zweiten Nullnummer, die Mitte Februar in alle Haushalte Ob- und Nidwaldens verteilt wird. «Damit machen wir die Leute auf das Projekt aufmerksam und suchen weitere Aktionäre», sagt Wirthner-Durrer. Denn das bisherige Kapital von 105’000 Franken­ soll auf drei Millionen Franken anwachsen. «Es wird für Investitionen, aber auch für die Anlaufphase­ gebraucht werden, damit die ONZ sich mit der nötigen Ruhe auf dem Markt einführen kann», erklärt Gossweiler, der auch von der geplanten Struktur schwärmt: «Man will keinen Aktionär,­ der mehr als 250’000 Franken Kapital zeichnet, also keine Mehrheitsaktionäre. Und der einzige publizistische Einfluss, den die Verleger nehmen können, ist die Auswechslung des Chefredaktors.» Nach einem Chefredaktor wird im Moment gesucht. Die ONZ AG ist laut Wirthner-Durrer «im Auswahlverfahren», doch definitiv entscheiden könne man eigentlich erst, wenn feststehe, dass das Aktienkapital zusammenkomme. Dafür hat man sich bis Ende März Zeit gegeben.
Die Redaktion wird mit acht Vollzeitstellen dotiert, dazu kommen Freie; Standort der Redaktion ist Alpnach. Ein Verkaufsteam muss ebenfalls aufgebaut werden, denn die ONZ soll in Eigenregie vermarktet werden. «Das komplette Team wird am ersten April zusammen sein, am Abend des 22. April werden Online- und Mobile-Channel bereitstehen und am 23. April erscheint die erste gedruckte Zeitung», sagt Urs Gossweiler – und denkt gleich weiter: «Die Zielsetzung ist natürlich, dass die Geschichte über Ob- und Nidwalden hinaus weitergeht. Daran hat auch die ONZ Interesse. Denn je mehr multimediale lokale Plattformen eine Lizenz haben, je mehr Lizenzgebühren in die Entwicklungsabteilung nach Brienz fliessen, desto schneller und besser wird das System weiterentwickelt.»
Doch zuerst müssen die Ob- und NidwaldnerInnen zeigen, ob ihnen eine Alternative zu den Lokalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» wirklich drei Millionen Franken wert ist. «Ich bin nicht sicher», sagt eine Nidwaldner Medienbeobachterin. «Aber es hat zumindest Leute mit Geld hier – schliesslich sind wir steuergünstig.»

  1. Clemens Ditrisbach sagt:

    Ja, ja, der liebe Herr Gossweiler. Gibt sich gerne als innovativer Unternehmer, dabei ist sein Geschäftssystem alt: Löhne drücken und Anzeige und redaktionelle Beiträge bunt mischen, beziehungsweise seine “Journalisten” noch Publireportagen schreiben lassen. Liebe Leute vom Klartext: Habt Ihr überhaupt schon mal eine Jungfrau Zeitung in der Hand gehabt? Wenn dass die Zukunft des Journalismus sein soll, dann gute Nacht. Aber eben, es ist zweierlei, recherchierenden Journalismus zu predigen (siehe oben) und gleichzeitig Hofberichterstattung zu machen…

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