5. Mai 2010 von Daniel Goldstein

Gesagt ist (nicht) gesagt

Wie hat einst die SVP Samuel Schmid verhöhnt? Das weiss doch jedes Kind: als «halben Bundesrat». Und wie lautete Bill Clintons Wahlkampfslogan? Das weiss doch jeder Polit-Junkie: «It’s the economy, stupid!» Und jede Geschichtskennerin kann hersagen, wie Gorbatschow vor dem Mauerfall die DDR-Führung warnte: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Das Problem mit diesen drei Zitaten: Keines davon ist echt. Das letzte ist am weitesten vom Wortlaut entfernt, doch braucht man hier noch die geringsten Skrupel zu haben. Denn Gorbatschow hat die Warnung tatsächlich ausgesprochen, nur weniger griffig: «Schwierigkeiten erwarten jene, die nicht auf das Leben reagieren.» Sein Sprecher münzte das zum Satz vom Bestrafen um, der seither zum geflügelten Wort geworden ist.
«Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!» – das stammt zwar tatsächlich aus Clintons Wahlkampagne von 1992. Aber man war nicht so dumm, die Wahlberechtigten als Dummköpfe zu beschimpfen. Vielmehr prangte der Spruch auf einem Plakat im Hauptquartier und mahnte die HelferInnenschar, ja nicht aus den Augen zu verlieren, welche Botschaft der Kandidat unters Volk bringen wollte. Nämlich die: Werde Clinton Präsident, so gehe es allen wirtschaftlich besser.
Den «halben Bundesrat» indes, den wollen wir uns wirklich nicht nehmen lassen. Müssen wir aber, denn also sprach Christoph Blocher anno 2002: «Die andern haben sechseinhalb Bundesräte und wir einen halben. Aber einen guten.» Es ging also keineswegs darum, ob Samuel Schmid ein ganzer Mann war, sondern nur darum, wen er vertrat. Und da fand der SVP-Vorkämpfer, der Parteistandpunkt sei mit diesem Bundesrat nur halb vertreten. Das Kompliment, der zweigeteilte Ratsherr Schmid sei «ein guter», ist zwar kaum zum Nennwert zu nehmen – aber einen «halben Bundesrat» hat Blocher ihn nicht genannt. Vielleicht hat er vorausgesehen, dass diese Etikette dennoch haften bleiben würde. Aber so viel Schlitzohrigkeit ist nicht einmal bei Blocher garantiert.

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