4. Oktober 2010 von Lukas Bertschi

SVP Schwyz: Inserate nur gegen Gehorsam

Die SVP des Kantons Schwyz hat die Zeitung “Bote der Urschweiz” gebeten, ihre Medienmitteilung ungekürzt und unverändert zu publizieren. Dieser Wunsch ist nicht weiter ungewöhnlich. Der SVP Kantonalsekretär Olivier Kessler setzte aber noch eins drauf: “Wir werden als Partei dieses Mal darauf achten, ob diese Kriterien eingehalten wurden und unsere Inserate dementsprechend jenen Medien in Auftrag geben, die unsere Medienmitteilung so veröffentlichen, wie sie eingesandt wurde.”

Es ist verständlich, dass eine Partei in möglichst gesinnungsnahen Medien inseriert. Es grenzt aber an dreiste Gängelung, wenn eine Partei offiziell und schriftlich die redaktionelle Arbeit mit der Aufgabe von Inseraten zu beeinflussen versucht. Es erstaunt aber doch einigermassen, dass die Medien, mit einer Ausnahme, nicht auf die dreiste Drohung der SVP-Schwyz reagiert haben. Einzig im Sonntagsblick stand zu lesen, wie die SVP Schwyz “versucht, ihre Rolle als Grosskundin auszuspielen”.

Von eben solchen “Grosskunden” dürfen sich Medien nicht beeinflussen lassen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollen; die redaktionelle Unabhängigkeit muss vor der wirtschaftlichen Abhängigkeit stehen. Josias Calvadetscher, Chefredaktor beim “Bote der Urschweiz”, hielt dem Druck der SVP stand: Parteien hätten keinen Anspruch darauf, dass  seine Zeitung Einsendungen unverändert veröffentlichen würde.

  1. Jennifer Zimmermann sagt:

    Gerade eine relativ kleine Tageszeitung wie der «Bote der Urschweiz» ist stark von Inseraten abhängig und ihre Weigerung auf die Drohung einzugehen deshalb umso vorbildlicher.

    Journalisten sollten in erster Linie die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit tragen, wie schon in der Präambel der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» des Presserates festgehalten wird:
    «Die Verantwortlichkeit der Journalistinnen und Journalisten gegenüber der Öffentlichkeit hat den Vorrang vor jeder anderen, insbesondere vor ihrer Verantwortlichkeit gegenüber ihren Arbeitgebern und gegenüber staatlichen Organen.»

    Der angedrohte Inserateboykott der SVP Schwyz wurde auch vom Schweizer Radio DRS1 thematisiert: http://www.drs.ch/www/de/drs/nachrichten/regional/zentralschweiz/215262.rote-koepfe-wegen-forderungen-der-schwyzer-svp.html

  2. Eine perverse Situation. Die SVP hat gelernt, dass jegwelche Publizität ihr und ihren Anliegen hilft. Am Besten ist natürlich polarisierende Publizität, damit sich ihre laut schreiende Anhängerschaft mit abgekürztem Kurzzeitgedächtnis einfache Frontlinien ziehen kann. Hoffentlich wiederholt sich dieses Spiel hier nicht noch einmal und die SVP erleidet den Imageschaden nicht nur unter Medienschaffenden.

    Wieviel Doppelzüngigkeit kann man sich eigentlich leisten?

  3. Jennifer Zimmermann sagt:

    Ich glaube kaum, dass Publizität dieser Art der SVP helfen wird. Und sollte es wieder zu einem solchen Vorfall kommen, bleibt vor allem zu hoffen, dass die Medien vermehrt darüber berichten. Wenn sie nämlich eine genügend breite Öffentlichkeit herzustellen vermögen, schadet sich der Boykotteur selbst am meisten.

  4. Philippe Wenger sagt:

    Mittlerweile haben auch andere Medien darauf reagiert. Wie WOZ, Tagi und SRDRS.

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