5. November 2010 von Philippe Wenger

Vulkanleichen zeigen: Darf man das?

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Diesen Satz hat jeder Journalist schon viel zu oft und jede Journalistin die einen Fotografen kennt noch viel mehr gehört. Doch manchmal portieren diese „Worte“ menschliches Leid in einem Masse, das schwer zu ertragen ist.

Legendär dazu die Seite 31 des NZZFolio „Bomben“ (Januar 2005), in dem ein Foto den abgerissenen Kopf einer Selbstmordattentäterin zeigt. Nichts für schwache Mägen und doch veranschaulicht dieses Bild das menschliche Leiden hinter den Anschlägen besser als jeder Text.

Der Fall kam – verständlicherweise – vor den Presserat. Dieser stellte sich letztlich hinter die Beschwerdeführer und sah Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten verletzt.

Leichenschau auf blick.ch

Menschen sterben aber gewaltsam nicht nur durch Menschenhand, sondern auch durch die Kräfte der Natur. Wie aktuell auf Java in Indonesien. In der Nacht auf letzten Freitag brach der Vulkan Merapi aus und eine „sengende Gaswolke trieb bis zum 15 Kilometer vom Krater entfernten Dorf Bronggang und verbrannte mindestens 54 Einwohner“, schreibt NZZOnline heute. Dazu präsentieren NZZ Online und Blick.ch eigene Bildstrecken. Der Blick mit Leichen von Menschen und Tieren, die NZZ zeigt nur tote Tiere.

Zur Darstellung von toten Menschen hält der Presserat unter Punkt 8.3 in der Erklärung der Pflichten und rechte der Journalisten folgendes fest: „Untersagt sind sensationelle Darstellungen, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren: Als sensationell gilt insbesondere die Darstellung von Sterbenden, Leidenden und Leichen.“

Kämen diese – ästhetischen durchaus ansprechenden – Bilder vor den Presserat, er wäre wohl „not amused“ und Blick.ch scheint sich hier nicht um berufsethische Standards zu scheren. Ein Informationsbedürfnis wird durch die Bilder jedenfalls nicht gedeckt.

  1. Imelda sagt:

    Ich find’s unsäglich und verstehe nicht, warum solche Bilder im Internet veröffentlicht werden müssen. Die Schlagzeile ist so schon grausam genug! Es muss doch einfach Grenzen geben beim Hecheln nach Aufmerksamkeit und Besucherklicks…Aus Respekt vor dem Menschen und auch für die Bewahrung der eigenen Würde.

  2. haemmerli sagt:

    Was das Tabu, Tote zu zeigen, mit Würde zu tun haben soll ist mir schleierhaft. Kommt dazu, dass es relativ neu ist. Während des Vietnamkriegs war klar, dass die USA im Krieg waren. Heute sind die USA in zwei Kriegen mitsamt halb Europas und das ganze bleibt recht abstrakt, weil Schlagzeilen eben nicht reichen.

    Ausserdem führt das Tabu Tote zu zeigen (und hallo! Sterben müssen alle, der Tod ist banal, normal, natürlich), zu einer irrwitzigen Verschiebung. In der Fiktion wird der Tod immer realer, durch Serien wie CSI sind weite Teile der Bevölkerung über die letzten Finessen forensischer Leichenzerlegung instruiert. Und zwar per Bild.

    Und was das völlig durchgedrehte Presseratsurteil zu Folio anbelangt, darf ich auf meinen damaligen Spott verweisen:
    http://thomashaemmerli.ch/2010/11/sensibelchen-society/

  3. Philippe Wenger sagt:

    Es gilt bei der Frage nach einer Würde zu unterscheiden, ob es sich um Opfer (nehmen wir den Begriff für sämtliche, die Opfer des Todes geworden sind) gewaltsamer menschlicher Auseinandersetzungen oder – wie das Blick-Beispiel – von Naturkatastrophen oder Unfällen handelt.

    Ich gehe mit Thomas Hämmerli einig, dass der Presserat im Falle der Folio-Ausgabe falsch entschieden hat. Und zwar frappant. Man erinnere sich, dass gerade die bildhafte Vietnam-Berichterstattung zu einem Wechsel der öffentlichen Meinung in den USA und der westlichen Welt über den Krieg in Indochina führte. Den Krieg vielleicht sogar im Alleingang beendete? Denn die Leute, die so vehement dafür waren, Charlie wegzubomben, verstanden plötzlich, was die propagandistischen Pro-Krieg-Floskeln eigentlich bedeuten.

    Im Folio-Fall hat der Presserat falsch entschieden: Die Welt muss die Grauen des Krieges kennen. Und das ist schwierig in langfädigen Texten zu vermitteln: Wer liest das schon in einer Gesellschaft, die schnelle Häppchen bevorzugt. Mit diesem Bild wurde das Leid sofort, unvermittelt und unverfälscht verständlich – irgendwie greifbar.

    Und jetzt zur Blick-Bilderstrecke (vom Presserat noch nicht behandelt). Hier besteht KEIN Informationsbedürfnis der Bevölkerung, das im Rahmen einer aktualitätsbezogenen Berichterstattung mit Bildern der Opfer abgedeckt wird.
    Es spricht also nichts dafür.
    Spricht was dagegen?
    Würden Sie denn gerne ihre verkohlte Mutter im Strassengraben liegend der Öffentlichkeit preisgegeben sehen?

  4. haemmerli sagt:

    Einverstanden. Einverstanden. Einverstanden. Zur letzten Frage: Ich schreibe in Unkenntnis der Blick-Bilderstrecke, weil ich z.Z. in Mexico lebe.
    Aber: 1) Die Frage ist richtig gestellt, weil sie nicht ein Rechtssubjekt “tote Mutter” postuliert, sondern das einzige Rechtssubjekt bennent, dass in Mitleidenschaft gezogen werden kann: Die Angehörigen. Rechtshistorisch gesehen haben übrigens alle Pönalisierungen wie Leichenschändung und üble Nachrede gegen Tote immer nur darauf abgezielt, Hinterbliebene zu schützen bzw. Zwist in der Gemeinschaft zu verhindern.
    2) Es hängt stark von der Kultur und der Weltanschaung ab, wie die Frage zu beantworten ist. In Mexico, wo man täglich Tote in den Zeitungen sieht, wird das von Angehörigen praktisch nie beanstandet. Und wenn Sie mich fragen würden, ich hätte als rational geprägter Charakter eher nichts einzuwenden.
    3) Man kann sehr wohl argumentieren, dass man sich als Gesellschaft vernünftiger mit ich selber ins Bilde setzt, wenn man den Tod nicht verdrängt, sondern sich immer bewussst ist, dass wir erstens alle sterben müssen & dass es zweitens ständig Naturkatatstrophen und Unglücke geben kann, bei denen Menschen sterben. Von daher ist ein Informationsbedürfnis – gerade als Bild – nicht rundwegs auszuschliessen. Und wenn man sich beispielsweise die Arbeiten eines Metinides ansieht, die heute in den Galerien und Museen hängen, aber als Zeitungsbilder entstanden sind, dann leisten sie genau das: Uns das Bewusstsein um unsere Sterblichkeit und die Gefährdungen auch hochtechnisierter Gesellschaften präsent zu halten, und uns vom falschen Glauben abzubringen, der Tod sei ein der skandadlöse Ausnahmefall.
    4) Kann man sich pragmatisch fragen, ob eine kleine Boulevardzeitung eines kleinen Landes auf einem anderen Kontinent ein Beeinträchtigung indonesicher Angehöriger darstellen kann.

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